Dienstag, 6. Mai 2008

Fohlengeflüster (26):
Das letzte Abenteuer

Zwei Zahlen mit einem Doppelpunkt dazwischen sind eigentlich kaum der Rede Wert. Doch in diesem Fall stehen sie für ein Abenteuer, wie es in unserer Zeit nur noch der Fußball bereithält: 7:1 in Offenbach. Unfassbar, aber wahr.

Als ich am frühen Morgen um kurz nach halb fünf in den Spiegel blicke, will ich meine Augen am liebsten gleich wieder schließen und mich schnurstracks zurück ins Bett begeben. Die wenig schlafbringenden Nächte zuvor und besonders der vorhergegangene Abend stehen mir metertief ins Gesicht geschrieben. Am Samstag hatten wir mit unserer Handballmannschaft den Abstieg aus der Kreisliga C besiegelt und diesen gefeiert wie einen Aufstieg in die Regionalliga. Aber da es nicht irgendein Sonntagmorgen ist, ich nicht umsonst nur zwei Stunden gepennt habe, raffe ich mich auf in Dusche, die leider wenig zur Besserung des Zustandes meiner Kopfgegend beiträgt. Es ist ein besonderer Tag – denn kurz vor Toresschluss hat es doch noch geklappt mit dem ersten Auswärtsspiel in der Zweiten Liga.

Meine Freunde Christopher und Nils, zwei meiner sechs Reisekumpanen, räkeln sich noch auf Bett beziehungsweise Boden. Auch ihnen steht die Vorfreude auf eine abenteuerliche Fahrt nach Offenbach nicht gerade ins Gesicht geschrieben. In der Küche packen wir den Reiseproviant ein, den uns Nils’ Mutter fürsorglich bereitgestellt hat: Zwei Käsebrote, eins mit Salami, ein Snickers, ein Hanuta und ein Kaugummi um unsere Fahne wenigstens auf die Größe eines Fähnchens schrumpfen zu lassen.

Da Nils den Bierkonsum am Vorabend freiwillig vorzeitig eingestellt hatte, obliegt ihm bis zum Gladbacher Hauptbahnhof die Rolle des Fahrers. In Boisheim sammeln wir Monti alias Christoph Hubert auf. In Dülken steigt Sebastian zu, besser unter seinem Nachnamen Rötten bekannt. Wenigstens haben wir mittlerweile Mai und es ist um halb sechs bereits hell. Die ersten Sonnenstrahlen und die kühle Morgenluft lindern mein „Unwohlsein“ nur begrenzt, doch die Gedanken an das bevorstehende Spiel am Mittag treiben mich an. Am Hintereingang des Bahnhofs treffen wir auf den Rest unserer Auswärtsbaggage – Simon und Tobias, den ebenfalls jeder nur bei seinem Nachnamen Gotzen nennt.

Auf dem Gleis herrscht in Anbetracht der Uhrzeit bereits reges Treiben. Die Farbe grün dominiert, was vor allen Dingen daran liegt, dass die Bundespolizei ebenfalls einen Ausflug nach Hessen unternimmt und uns freundlicherweise begleitet (Christopher besteht auf die Bezeichnung „Bundespolizei“, ob SEK, GSG-9, Hundertschaft oder einfach schlicht „Polizei“ ist mir eigentlich relativ schnuppe). Das „freundlich“ ist hier übrigens keineswegs ironisch gemeint. Die winterlich eingepackten Damen und Herren in grün, gewappnet mit Schlagstock, Schildkrötenpanzern an den Schienbeinen und schweren Helmen in der Hand, zeigen sich von ihrer netten Seite und behandeln die über den Daumen gepeilten 300 Borussenfans wie normale Menschen, die gesittet ihren Spaß und drei Punkte haben wollen. Das soll von Zeit zu Zeit anders sein. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, da die Fahrt nach Offenbach erst mein drittes Auswärtsspiel mit Bus und Bahn ist, also im Kreise der Gesetzeshüter. Bisher habe ich stets den Eindruck gewonnen, dass sie lieb zu dir sind, solange du dich benimmst, wie Mama es dir beigebracht hat.

Und so setzt sich der Tross um 6:10 Uhr in Bewegung. In Neuss ist der erste Umsteigepunkt. Monti, Christopher, Rötten, Gotzen und Simon „genießen“ bereits ihr erstes Bier. Nils will noch nicht und auch ich kann mich um diese Uhrzeit nicht mit einem Konterbier anfreunden. Zumal das spottbillige „Baron Pils“, pfandfrei aus Holland für 8,88 € die Palette, eher wie warmes Kühlwasser aus einem Atomreaktor schmeckt, verfeinert mit einer Prise Metallgeschmack. Wenn „Stiftung Warentest“ irgendwann einmal radioaktive Stoffe in einem Bier entdecken sollte, setze ich jetzt schon einen Zehner darauf, dass „Baron Pils“ der Übeltäter sein wird. Die Reisenden sind derweil bunt gemischt wie die Biersorten, die sie in Kisten und Paletten von Bahnhof zu Bahnhof schleppen – alteingesessene Siebzigerjahre-Fans mit Rauten-Tattoo auf dem Oberarm, Ultras, die nicht mehr so heißen aber trotzdem noch so aussehen, kleine Jungs um die fünfzehn Jahre, die gerne dazu gehören würden, Studenten mit Mischbier in der Hand, ein paar Familienväter mit ihren Söhnen an der Hand und eben wir sieben Abiturienten, auf die keine dieser Beschreibungen zutrifft.

Ein Polizist kommt auf uns zu und will wissen, ob wir – also die Borussia – heute schon aufsteigen können. Leider können wir nur mit „nein“ antworten und uns darüber wundern, dass der Mann in grün seine Hausaufgaben nicht wirklich gemacht hat. Schließlich könnten sich seine Aufgaben ruckartig anders gestalten, wenn auf einmal 5000 Fans den Aufstieg feiern – und nicht nur, wie wir hoffen, einen einfachen Auswärtssieg.

Die nächste Station auf der Zugodyssee gen Offenbach heißt ausgerechnet Köln. Zum Glück treiben sich dort um kurz vor halb sieben noch keine FC-Fans rum. Zeitgleich wird Köln am Nachmittag die TSG Hoffenheim empfangen. Auch von deren Anhängern werden wir wohl kaum einen zu Gesicht bekommen. Eher läuft uns ein Esel in Boca-Juniors-Trikot über den Weg. Simon verlangt vor der Ankunft in Köln nach zwei Tüten für seine Füße, damit er keinen unheiligen Boden betreten muss. Aber der Hüne mit dem leichten Gemüt übersteht den zehnminütigen Aufenthalt in der verbotenen Stadt trotzdem unbeschadet. Rheinaufwärts nähern wir uns Koblenz, der dritten Zweitligastadt an diesem Morgen. Auch die Anhänger der TuS schlummern zu diesem Zeitpunkt noch in ihren Betten. Die Uhr zeigt nicht einmal neun Uhr an, als unsere Bahn nach Mainz abfährt.

Die nächsten anderthalb Stunden machen wir es uns im menschenleeren Fahrradabteil gemütlich. Christopher ringt mit der Müdigkeit und verabschiedet sich kurz ins Land der Träume. Nils liebäugelt um halb zehn in Deutschland mit dem ersten Bier, während Sebastian sich dem halben Dutzend bereits unaufhaltsam nähert. Es ist ruhiger, als man in einem Fußball-Zug vermuten mag, was daran liegt, dass sich ein Großteil der Gefolgschaft in eine kleine Regionalbahn gezwängt hat, die über Limburg nach Frankfurt fährt.

Landschaftlich hat die Fahrt durch die Weinberge entlang des Rheins ebenfalls etwas zu bieten – Fachwerkhäuser, Burgen, grüne Wiesen am Fluss. Manche Bahnhöfe besitzen nicht einmal einen gepflasterten Bahnsteig. In einigen Dörfern sagen sich Fuchs und Hase allem Anschein nach sogar tagsüber „Gute Nacht“. Spay, Boppard-Bad Salzig, Trechtlingshausen, Budenheim – allesamt Orte, deren Boden wir nie in unserem Leben betreten werden, durch die wir aber nun wenigstens einmal mit dem Zug gefahren sind.

In Bingen steigt ein Radfahrer mit südländischen Wurzeln zu, der die mutige Frage stellt, wie hoch Gladbach denn heute verlieren werde. Der Mann hat Glück an die Richtigen geraten zu sein. Andere hätten ihn ohne mit der Wimper zu zucken im Rhein versenkt. Aber nicht nur der Scherzkeks, sondern auch wir selbst haben ja noch keinen blassen Schimmer, was uns heute in fußballerischer Hinsicht erwarten wird. So eine Zugfahrt bietet häufig genügend Gelegenheiten zu ausgiebigen Charakterstudien. Irgendwo hinter Gau-Algesheim steigt ein kurioses Pärchen zu. Er sieht aus wie Jesus in Joggingschuhen. Sie hat dennoch einen dichteren Oberlippenbart als ihr Freund, Lebensabschnittsgefährte, Ehemann, was weiß ich. Ihre Blicke lassen vermuten, dass sie uns für irgendetwas zwischen verrückt und faszinierend halten.

Mein erstes Pils kurz vor der Ankunft in Mainz schmeckt nicht wirklich, lindert jedoch wider Erwarten meine Beschwerden und spätestens jetzt zähle ich sehnsüchtig die Minuten bis zum Anpfiff auf dem Bieberer Berg. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt schließen wir eine Palette für die Rückfahrt im Schließfach ein. Auf einmal hängt uns aus unerklärlichen Gründen ein Gladbach-Fan mit pfälzischem Dialekt an, der ungefähr unser Alter haben muss. Er sucht verzweifelt die „Ultras“, die sich ja eigentlich vor ein paar Wochen aufgelöst haben. Was sich unser kleiner Tom Hanks auf der Suche nach dem Heiligen Gral von denen erhofft, bleibt im Raume stehen. Erst in Offenbach werden wir den Mitreisenden los, als er zumindest mir mittlerweile auf den Geist geht. Bevor das Ziel in Offenbach endgültig ins Visier genommen wird, gönnen wir uns bei McDonalds ein Frühstück – drei Cheeseburger, ein Wrap und weiter geht’s.

Im Anschluss habe ich ein großartiges Aha-Erlebnis, als ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Wehen-Fans erblicke und dies mit den Worten „Ich fass’ es nicht. Schaut mal her! Es gibt sie wirklich!“ kundtue. Die beiden Wehener scheinen Ähnliches nicht erst einmal gehört zu haben und lächeln aufrichtig. Sie sind auf dem Weg nach Koblenz und werden nach der 0:2-Niederlage gegen 16 Uhr nicht mehr so fröhlich dreinblicken. Überhaupt herrscht allerorten ein faszinierender Fan-Exodus: Hoffenheimer nach Köln, Wehener nach Koblenz, Augsburger nach Aachen, Gladbacher nach Offenbach und irgendwo dazwischen sogar ein paar verträumte Bayern-Fans, die sich auf die Reise nach Wolfsburg machen. Auswärtsfahrten sind eben ein kleines Abenteuer. Kleine Jungs spielen im Wald Indiana Jones, bauen Höhlen aus Laub – Männer und Frauen ab 14 aufwärts fahren nach Offenbach zum Fußball.

Aus der S-Bahn dürfen wir die Frankfurter Commerzbank-Arena bestaunen. Warum die früher „Waldstadion“ hieß wird selbst Sebastian klar, der stolz sein „achtes oder neuntes Bier“ verkündet. Köln, Koblenz, Mainz, Frankfurt, Offenbach – man kann auf Reisen zu Auswärtsspielen theoretisch jede Stadt dieses Landes bereisen ohne auch nur ein einziges Gebäude außerhalb des örtlichen Hauptbahnhofs genauer zur Kenntnis genommen zu haben. Ich war zuvor noch nie in Mainz, jetzt schon, doch irgendwie auch wieder nicht.´

Genauso wenig bekommt man aus nächster Nähe einen Anhänger der Heimmannschaft zu Gesicht. Vor einer Eckkneipe am Bahnhof Offenbach-Ost stimmt sich ein gutes Dutzend Kickers-Fans auf das Spiel ein, das in weniger als zwei Stunden angepfiffen wird. Doch die Peripherie der Jungs in rot-weiß wird von den Hütern der Ordnung in grün (und blau, wir sind schließlich längst in Hessen) undurchdringbar bewacht. Dabei will den Offenbachern niemand etwas Böses – drei Punkte reichen schon zur Besänftigung.

Es scheint, als habe sich einmal mehr der gesamte Niederrhein aufgemacht und sei mit Bus, Bahn und Auto in den Osten von Frankfurt gereist. Nachbarn aus Anrath und ehemalige Mitschüler säumen den Fußweg zum Stadion. Aus der wartenden Menge vor den Toren des Bieberer Berg winkt mir Luca, mein Sitznachbar aus dem Borussia-Park, von den Schultern seines Vaters zu, der seinen Arm wie ein Ertrinkender in die Höhe reckt, um ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Die Szenerie des traditionsreichen Offenbacher Stadions lädt Fußball-Romantiker derweil zum Schwelgen in alten Bökelberg-Zeiten ein. Das Umfeld, der Wald mit seinen Wiesen, auf denen Familien picknicken und bärtige Relikte aus der Hippiezeit ihr Bier trinken, erinnert an ein ritterliches Mittelalterfest. Keine Spur von mächtigen Parkplätzen, ausgeklügelten Anfahrtswegen und erdrückenden Videoleinwänden.

Vor dem Eingang zum Gästeblock stehen keine kostspieligen Ticketautomaten. Freiwillige in chicen neon-orangen Westen reißen Ticket für Ticket ab, während die Kontrollen sorgfältiger sind als sie bei Heimspielen jemals auch nur annähernd waren. An diesem Punkt teilen wir uns – Simon, Christopher und Gotzen haben nämlich Sitzplatzkarten. Wie durch ein Wunder war ich über die Mitgliedskarte meines Bruders und meine eigene zwei Minuten nach Verkaufsbeginn an vier Stehtickets gekommen. Drei Minuten später waren alle bereits vergriffen.

Zu viert erklimmen wir die Stahlrohrtribüne, die ich so nur vom heimischen Schützenfest kenne. Doch diesmal ist sie nicht für Schützenkönige mit Fasanen auf dem Kopf und korpulente Frauen in grellen Kleidern errichtet worden, sondern für weit gereiste Gästefans. Ein Ordner gewährt uns mit dem Hinweis auf die notdürftig vorhandenen Dixie-Klos Einlass und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber bitte nicht umkippen.“ Er meinte selbstverständlich die Toilettenhäuschen.

Die Gästetribüne ist eine halbe Stunde vor Spielbeginn relativ leer. Viele scheinen der warmen Mai-Sonne noch ein wenig entgehen zu wollen oder hängen wahrscheinlich im Strom vor den Toren fest, weshalb wir das kleine Fanvakuum nutzen und uns nicht in Block S1 niederlassen, sondern das Zentrum der Stimmungsverbreitung in W2 aufsuchen. Was wie Schiffe versenken klingt, soll sich später als gute Entscheidung erweisen. Gerade bei Auswärtsspielen ist die Stimmung ein noch größeres Phänomen als daheim, da der Funke innerhalb der Menge nicht allein durch ihre Masse ein Feuer entfachen kann. Es bedarf immer wieder kleinen Schüben, um letztendlich mehr als nur den härtesten Kreis zu animieren. Obwohl sie gar nicht mehr existieren, ergreifen vor allem jene, die sich einst „Ultras“ nannten, zunächst die Initiative. Wir vier stehen irgendwo ein paar Reihen dahinter. Das Spielfeld sehen wir größtenteils nur durch die Fangzäune, andererseits ist das Tor, auf das die Borussia in der zweiten Hälfte spielen wird, fast greifbar nah.

Der Stadionsprecher dudelt vor sich hin. Nicht einmal seine Stammzuhörer aus Offenbach scheint es sonderlich zu interessieren. Dennoch nimmt der Gästeblock seinen waghalsigen Tipp – ein sensationelles 1:0 für die Kickers – lachend zur Kenntnis. Als das Spiel endlich beginnt, sind wir seit fast zehn Stunden auf den Beinen, zehn Stunden, denen auf der Rückfahrt noch einmal sechs folgen werden. Das Spiel plätschert lange vor sich hin. Aus der Ferne sieht das, was die Borussia aufs Feld zaubert, nicht gerade erstligareif aus und die leise gehegten Zweifel der letzten Tage machen sich langsam wieder im Hinterkopf breit. Jeder weiß: Mindestens fünf Punkte und wir sind durch. Doch solange nichts in trockenen Tüchern ist, greift stets die Angst um sich, kurz vor dem Ende alles zu verspielen. Vor unserer Nase passiert jedoch ebenfalls nicht viel, aber immer noch ein Tick mehr als auf der Gegenseite. Zweimal ist Heimeroth gegen den gefährlichen Bancé glänzend auf dem Posten und verhindert das erste Tor, das wenn überhaupt in den ersten zwanzig Minuten der OFC verdient hätte.

Für haargenaue Spielanalysen und Beurteilungen von Schiedsrichterentscheidungen ist der Gästeblock nur begrenzt geeignet. Nach einer knappen halben Stunde rennt Hysky im Strafraum Friend um. Vorsichtshalber sende ich eine SMS nach Hause. Nach ein paar Minuten kommt die Bestätigung. „War das ein Elfer?“, hatte ich gefragt. „Ganz klar“, lautet die Antwort. In der Zwischenzeit hatte Neuville den Strafstoß versenkt. Sicherer als vor einer Woche gegen 1860 München, aber Offenbachs Thier (kein Rechtschreibfehler, der heißt wirklich so) hatte die Ecke immerhin geahnt. Spätestens jetzt herrscht Freudenstimmung im Block, die diese leise Ungewissheit verdrängt, ob die Leistung in den Minuten zuvor die Führung überhaupt rechtfertigt.

Jetzt könnte man denken, das Führungstor würde eine bisher relativ lahme Fohlenelf antreiben und inspirieren. Doch kurz nach Neuvilles vierzehntem Saisontor ist Offenbach dem Ausgleich so nah, dass die Fans in rot-weiß alle schon aufgesprungen sind. Sousas Freistoß streift hauchdünn am Pfosten vorbei und trifft Gott sei Dank die richtige Seite des Netzes. Kurz bevor es in die Pause geht, wirft sich der OFC selbst um Lichtjahre zurück. Neuville lässt Bancé stehen. Der Mann aus Burkina Faso setzt an der Außenlinie zur Sense an – mit Erfolg. Neuville wälzt sich verständlicherweise am Boden. „Dunkelgelb“, schießt es mir durch den Kopf. Schiri Sippel wählt den dunkelsten aller Gelbtöne und zeigt Bancé die rote Karte. „Vertretbar“, wie man immer so schön urteilt.

„Vertretbar“ wird wenige Augenblicke nach Wiederanpfiff zum Wort der Stunde mutieren. Zunächst mache ich mich jedoch auf die Suche nach etwas Ess- beziehungsweise Trinkbarem. Als Sippel fünfzehn Minuten später in seine Pfeife bläst, stehe ich noch immer in der Schlange, mittlerweile immerhin weit vorne. Doch der Durst ist mir ganz schnell egal. Ich geb’s auf und gehe zurück in den Block. Fußball-Romantik muss nicht immer schön sein. Mich juckt es nicht weiter. Doch die Kickers hätten die 2,80€ für meine Cola gut gebrauchen können – für eine neue Anzeigetafel zum Beispiel. Das alte Exemplar aus dem Bremer Weserstadion hat seinen Geist aufgegeben und heißt jetzt „Anzeigentafel“. Wenigstens Humor hat man in Offenbach.

Die Entscheidung für den Durst erweist sich in der 48. Minute als goldrichtig: Ein Offenbacher klärt auf der Linie, der Ball kommt zu Brouwers, der Niederländer muss ihn nur noch per Kopf über die Linie drücken, wird aber von Sichone unfair daran gehindert. Die Überraschung ist groß. Ich muss ehrlich sein: Zur genauen Schilderung der Situation bin ich erst in der Lage, seitdem ich zuhause die Zusammenfassung gesehen habe. Als Sippel erneut die rote Karte aus der Gesäßtasche kramt, ist die Verwirrung perfekt. Hand auf der Linie, Schiedsrichterbeleidigung – jeder will etwas anderes gesehen oder gehört haben. Richtig liegt niemand. Spätestens nachdem Neuville seinen zweiten Elfer sicher verwandelt hat, spielt diese Ungewissheit eine absolut nebensächliche Rolle. Zumal sich ja herausstellt, dass auch diese Entscheidung „vertretbar“ gewesen ist. Es wird ausgelassen gefeiert. Und dann ist er wieder da, der angesagteste Gesang dieser Wochen: „Nie mehr Zweite Liga, nie mehr, nie mehr.“ Goethe, Schiller oder Heine hätten es nicht schöner sagen können.

Kurz darauf erzielt die Borussia das dritte Tor. Brouwers ist nach dem unfair vereitelten Treffer beim Platzverweis für Sichone scheinbar so heiß auf ein Tor, dass er Heimeroth überköpft und ein sehenswertes Eigentor produziert. Wer sich in der wohligen Lage befindet, beim derzeitigen Stand nur noch einen Sieg zum Aufstieg zu benötigen und zudem auf eine doppelte Überzahl bauen kann, nimmt es mit Humor.

Innerhalb weniger Minuten treibt der designierte Aufsteiger aus Mönchengladbach die Gastgeber in den Galgenhumor und ins sportliche Delirium. Zuerst bugsiert Marin den Ball nach einem Abpraller mit viel Übersicht von der Strafraumgrenze ins Tor. Acht Minuten später kommt Touma zu seinem Premierentreffer für die Borussia. Erneut ist er der Nutznießer eines Abprallers, der zu ihm gelangt, nachdem der eingewechselte Colautti noch an Thier gescheitert war. 4:1 aus Sicht der Borussia hatte ich getippt. Nach einer guten Stunde ist Vision Wirklichkeit geworden. Irgendwie ahne ich bereits, dass dies viel zu früh geschieht, um am Ende als Tippkönig dazustehen. Mittlerweile hat sich ein Großteil des Gästeblocks bei den sommerlich anmutenden Temperaturen seiner Oberteile entledigt. Noch bestehe ich auf meine doppeltes Glückstrikot, will schließlich nicht Schuld auf mich nehmen, wenn am Ende ein 4:4 zu Buche steht.

Um die 70. Minute herum (auch das musste ich nachgucken, man verliert im Rausch des Kantersieges jegliches Zeitgefühl) verlässt Colautti den Platz. Luhukay hatte neben dem Israeli bereits Coulibaly und Ndjeng ins Spiel gebracht, weshalb die Borussia zu zehnt weiter spielen muss. Man könnte meinen, sie hätte Mitleid mit den neun vollkommen hilflosen und desorientierten Offenbachern.

Doch die verminderte Überzahl tut dem Rausch, in den sich Gladbach längst gespielt hat, keinen Abbruch. Ndjeng trifft als Joker zum 5:1. Neuville hatte ihn sensationell auf dem Boden liegend angespielt. Als Coulibaly vier Minuten danach mit dem Kopf (!) nach Flanke von Levels (!) das halbe Dutzend voll macht, erkenne ich dies als Zeichen für vollkommene Unbesiegbarkeit an und lege mir meine beiden Trikots samt Schal über die Schultern – sonnenbrandtechnisch ohnehin keine schlechte Maßnahme. Die Fans des OFC feiern sich derweil selbst, wir feiern unsere Mannschaft – neun Offenbacher auf dem Feld sind zehn Minuten vor Schluss also die einzigen, die bei 25 Grad keinen Spaß haben.

Ndjengs 7:1 wird mit einem Anflug von Erschöpfung wahrgenommen. Wie bei einem 23:18 beim Handball werden schnell die Hände in die Luft gereckt. Mehr ist nicht mehr drin – die Ungläubigkeit lähmt uns geradezu. Nach dem sechsten Tor hatte jemand „nur noch vier“ angestimmt. Es wird nichts mehr mit der Zweistelligkeit. Dennoch steht am Ende der höchste Auswärtssieg seit 21 Jahren zu Buche. Offenbach kassiert die höchste Heimpleite aller Zeiten und mehr als 5000 Borussenfans haben das geilste Auswärtsspiel ihres Lebens hinter sich. Ich bin eigentlich kein Fan des Wortes „geil“, aber ab einem gewissen Punkt wirken „schön“ und „toll“ einfach unglaubwürdig und tiefstaplerisch.

Kopfschütteln gehört nach dem Spiel neben lauten Jubelfeiern zur meistgesehen Tätigkeit. Niemand kann so richtig glauben, was er gesehen hat. Die Frage nach den Torschützen in richtiger Reihenfolge erweist sich als schwerste Prüfung des Tages. „Am Mittwoch steigen wir auf, olé, olé“ mutiert zum Gassenhauer des Abends. Mit erschreckender Leichtigkeit hat die Borussia den Gastgeber in der zweiten Hälfte aus dem Stadion geschossen. Die Noten, die der Kicker jeden Montag vergibt, unterstreichen eindrucksvoll die Kuriosität des Spiels. Sieben Tore, ein Eigentor und trotzdem kommen die dreizehn benoteten Borussen im Schnitt nur auf eine 2,7. Zum Vergleich: Als Bremen letztes Jahr in der Bundesliga Mainz mit 6:1 degradierte, regnete es im Schnitt glatt die Note „gut“ für die elf Akteure. Fünf verschiedene Torschützen, fünf verschiedene Vorlagengeber, drei Jokertore – vielleicht unterstreicht das Zustandekommen des Kantersieges einfach nur die Homogenität der Gladbacher Mannschaft.

Die Kopfschmerzen der Hinfahrt sind auf dem Rückweg vergessen. Die leisen Zweifel müssen sich der Vorfreude auf eine Aufstiegsfeier am Mittwoch gegen Wehen beugen. Sogar das „Baron Pils“ schmeckt jetzt wie edelster Champagner. In Mainz holen wir die letzte Palette aus dem Schließfach. Bei McDonalds gibt es Abendessen: Drei Cheeseburger und einen Wrap – die Kombination könnte zum Ritual werden. Meine Figur wird es mir irgendwann danken. Während wir auf dem Bahnsteig auf den Zug nach Koblenz warten, gratuliert uns ein Mainzer leise zum Sieg und eilt sofort weiter. Fast jeder, der die Frage „Und, wie habt ihr gespielt?“ stellt, erhält die standesgemäße Antwort und erklärt uns durch die Bank für verrückt. Entschuldigung, aber es ist die Wahrheit. Auch ein KSC-Fan aus Koblenz glaubt uns erst nicht so recht, redet uns dann aber auf badisch solange ein Kotelett an die Backen, bis wir schon den Grill rausholen wollen. Vor allen Dingen versteht ihn kein Mensch, aber ihm scheint das schnuppe zu sein. Der Rest des Waggons bekommt derweil die Seiten 12-16 aus dem Gesangsbuch zum Besten gegeben und ist eigentlich zu bemitleiden. Dabei strengen wir uns extra an. In Freudentaumel fällt das auch nicht allzu schwer, obwohl der lange Tag mittlerweile an allen nagt.

Nachdem wir mit den ersten Sonnenstrahlen aufgebrochen waren, ist es längst dunkel, als ich um halb elf alleine auf Gleis 3 am Mönchengladbacher Bahnhof sitze. Die anderen sind bereits auf dem Nachhauseweg, ich habe noch ein paar Minuten, um dieses Abenteuer Revue passieren zu lassen. Mehr als 16 Stunden bin ich auf den Beinen. Das Spiel macht nicht einmal ein Zehntel davon aus. Noch im letzten Jahr hätte ich wohl resigniert dort gesessen, nach einen 0:1 auf Schalke oder einem 0:2 in Bochum. Doch dieses Jahr ist alles anders: Wir sind die Nummer eins und die anderen freuen sich, gegen uns spielen zu dürfen. Noch drei Teams obliegt bis zum Saisonende die Ehre. Doch kein Borusse wird vorhaben, vor lauter Wehmut Abschiedsgeschenke zu machen. Noch drei Punkte, dann ist das Ende des Abenteuers Unterhaus besiegelt. Mit 86 Jahren werden wir im Altenheim sitzen und über alte Zeiten philosophieren. Egal, was in den 67 Jahren bis dahin noch passiert: Das 7:1 in Offenbach wird in unseren Erzählungen einen Ehrenplatz erhalten. Zum Schluss muss ich es noch einmal sagen, weil es so schön ist: 7:1! Ok, noch einmal, dann ist Schluss: 7:1!


Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 1)


Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 2)

Kommentare:

  1. "rötten"6. Mai 2008 um 12:28

    Schöner Artikel der den Tag nochmal Revue passieren lässt!
    Das einzige was fehl, is die anmerkung des mutigen südländers von der Hinfahrt, der das Glück hatte in Mainz den gleichen Zug wie wir zu erwischen! Das Gesicht :D

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  2. Ordnungswidrigkeitenanzeige! ;D

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