Montag, 30. Juni 2008

EM-Tagebuch (42) -
Abschlussprüfung

Es gab nicht viel zu holen für die Nationalelf im Endspiel gegen Spanien. Dementsprechend fallen die Koptnoten aus - nur einer ragt heraus. Jens Lehmann hielt uns lange im Spiel, am Ende waren seine Paraden umsonst.

Lehmann: Sein vielleicht letzter Auftritt im DFB-Dress war richtig gut. Vereitelte viele spanische Chancen – unter anderem ein Eigentor von Metzelder und einen Kopfball von Ramos – und verhinderte, dass das Finale bereits früh für Deutschland gelaufen war. Über seine Rolle beim Gegentreffer lässt streiten – er muss nicht unbedingt raus, wenn, dann nach der Devise „den Ball haben oder drin bleiben“. Ansonsten starker Rückhalt – zum Abschluss eine 2.

Lahm: Erneut Hauptbeteiligter bei einem Gegentor. Nach ordentlichem Beginn mal wieder mit ungewohnten Patzern in der Defensive. Erhielt diesmal keine Chance auf Wiedergutmachung, zur Pause verletzt raus. Sehr schwacher Auftritt – 5.

Mertesacker: Die Zweikampfwerte sprechen mal wieder eine andere Sprache als die Realität. Leistung fügte sich nahtlos ein in eine schwache EM des eigentlich sonst immer souveränen Bremers. Defizite im Sprint und im Aufbauspiel offenbarten sich erneut. Verlor wichtige Zweikämpfe wie z.B. das Kopfballduell gegen Torres, als der den Pfosten traf. Unsicherheitsfaktor – mangelhaft, in Zahlen 5.

Metzelder: Seine Vorstöße sorgten für viel Gefahr – in der eigenen Hälfte, weil er nach den Ballverlusten vorne in der Abwehr fehlte. Nur 44% gewonnene Zweikämpfe. Sinnbildlich eine Szene in Hälfte eins, als Torres ihm auf 30 Metern gefühlte zehn abnahm. Absoluter Wackelkandidat nach der EM, obwohl er immer noch besser spielte, als lange erwartet. Gestern unterirdisch – 5,5.

Friedrich: Gewann kaum einen Zweikampf (nur 2 von 7), unbrauchbar im Spiel nach vorne. Begann stark gegen Österreich und Portugal, danach sehr schwach, gestern nicht besser als 5.

Frings: Mit Kampf wie immer, doch allein das reicht nicht. Zwar mit den meisten Ballkontakten im deutschen Team (68), jedoch ziemlich uneffektiv und blass im Spiel nach vorne. Nicht seine EM. Wie auch, nach dieser Bundesligasaison? 4,5.

Hitzlsperger: Spielte mehrere Fehlpässe, die für viel Gefahr im und am deutschen Strafraum sorgten. Wirkte nervös und der Aufgabe nicht ganz gewachsen. Hatte eine gute Chance auf dem Fuß in Hälfte eins, Ball erreichte gerade das Tor. Stach jedoch nicht heraus aus einer – bis auf Lehmann – sehr schlechten deutschen Mannschaft. Unterm Strich auch für ihn eine 5.

Ballack: Die Wade hielt, Ballack aber nicht das, was er versprach. Wird langsam zum ewigen Zweiten – zwei Champions League-Finals, ein WM-Endspiel, ein DFB-Pokalendspiel, nun auch ein EM-Finale, alle verloren. Gab zwar 2 der nur 4 Torschüsse ab, aber selbst seine Versuche, die Mitspieler mit Aggressivität aufzuwecken, scheiterten kläglich. Sehr wechselhafte EM für ihn, mit keinem guten Ende – 4,5.

Podolski: Schwächste EM-Leistung des kölschen Jungs, ausgerechnet im Finale. Tauchte in der ersten Hälfte wenigstens ab und zu auf, danach wie vom Erdboden verschluckt – 5.

Schweinsteiger: In Hälfte eins noch etwas aktiver als der Rest, fand jedoch über 90 Minuten nicht zu seinem Spiel. Nachdem die letzten Spiele Besserung verhießen, diesmal wieder grausam bei den Standards. Mit so vielen Totalausfällen im Angriff lässt sich kein Titel gewinnen. Auch für Schweinsteiger nicht mehr als eine 4,5.

Klose: Verstolperte die beste Gelegenheit der ersten Hälfte fahrlässig. Mit nur 13 Ballkontakten und ohne Durchsetzungsvermögen im Zweikampf – zu wenig für einen alleinigen Stürmer im 4-2-3-1. Sein Warten auf Fehler der Spanier wurde nicht belohnt, nichts zu holen diesmal für Klose – 5.

Jansen ab 46.: Brachte nach der Pause frischen Wind. Eroberte zwei Bälle mit viel Einsatz. Blieb leider wirkungslos im Spiel nach vorne, auch wenn er es immer wieder versuchte. Später auch hinten nicht mehr ganz so sicher, am Ende noch eine 4.

Kuranyi ab 58.:
Mit unfassbaren 4 Ballkontakten in 35 Minuten Spielzeit. Bekam gar nichts auf die Reihe. Im Gegenteil – noch mit einem üblen Foul gegen Marcos Senna. Darf Gott sei Dank noch bewertet werden – glatte 6.

Gomez ab 79.: Anders als Kuranyi ohne Note. Genauso ohne Ballkontakt! 14 Minuten auf dem Platz und nicht einmal den Fuß ans Leder bekommen. Sinnbildlich für sein verkorkstes Turnier. Braucht noch viel, viel Zeit auf internationaler Ebene.


Aufstellung:
Lehmann – Lahm (46. Jansen), Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Frings, Hitzlsperger (58. Kuranyi) – Podolski, Ballack, Schweinsteiger – Klose (79. Gomez)

Tore:
0:1 Fernando Torres (33.)

Gelbe Karten: Ballack, Kuranyi – Fernando Torres, Casillas

EM-Tagebuch (41) -
6:7

Am Ende viel Moll, ein wenig Dur – die EM ist vorbei. Was für die deutsche Mannschaft gut begann, zwischenzeitlich erschreckend schlechte Züge annahm, um dann wieder in voller Blüte zu stehen, endete gestern mit einer Niederlage. Es war die siebte im 13. großen Endspiel der Geschichte. Deutschland wartet seit 12 Jahren auf einen großen Titel. Die längste Durststrecke, seitdem Beckenbauer, Netzer und Co. 1972, 18 Jahre nach dem Wunder von Bern, den ersten EM-Titel holten.

Es war alles angerichtet gewesen. Besonders der Pott strahlte in seinem neuen Glanz, mit rot-gelben Bändern am einen und schwarz-rot-goldenen am anderen Henkel wunderbar in Szene gesetzt. Die UEFA hatte dahingehend leichtes Spiel – bei einem deutschen Sieg einfach noch ein, zwei schwarze Bänder dranpappen und bei einem spanischen… Als ich heute Morgen um kurz nach fünf für ein paar Minuten wach lag, schwirrte mir Michèl Platini durch den Kopf. Mit zufriedenem, leicht diabolischem Lächeln riss er die schwarzen Bänder um 22:38 Uhr vom Pokal. Der Traum war geplatzt, die dritte Pleite im sechsten EM-Endspiel perfekt. Die Veranstalter hätten symbolisch nur noch die Requisiten der Abschlussfeier herankarren und auch die schwarz-rot-goldenen Ballons in den Wiener Abendhimmel steigen lassen müssen.

Die Griechen müssen derweil ein glückliches Volk sein. Ein einziges großes Finale erreicht und prompt gewonnen. Ich bezweifle, dass Griechenland in den nächsten fünfzig Jahren noch einmal Ähnliches vollbringen wird. Das heißt im Umkehrschluss, dass sie zusammen mit Dänemark und – ausgerechnet – England zu den drei glücklichen Nationen in Europa zählen, die alle großen Endspiele ihrer Länderspielgeschichte für sich entschieden haben. Kein Vize-Gerede, kein Rumgeschnulze von wegen „Welt-/Europameister der Herzen“. Finalniederlagen sind so bitter, dass sie die Freude über fast ebenso viele Titel beinahe eliminieren. Die deutsche Mannschaft hat nicht unverdient verloren. Doch wie kann man so forsch und überlegen die ersten zehn, fünfzehn Minuten bestreiten, und dann so den Faden verlieren? Die Spanier spielten bereits lange Pässe ohne Ende, wirkten nervös, spielten Fehlpässe. In den letzten 75 Minuten war man Derartiges allein von der deutschen Mannschaft gewohnt.

Spanien ist zweifelsohne der Sieger, den dieses Turnier verdient hat, doch inwiefern soll das trösten? Wer ins Finale kommt, will verdammt noch mal auch gewinnen, Rumpelfußball, Glück, technische Unterlegenheit hin oder her. Wer im Halbfinale scheitert, ist ganz konform ausgeschieden. Der Unterlegene im Endspiel ist und bleibt der Verlierer, der so leicht der große Gewinner hätte sein können.

Die Spanier brauchten nicht einmal eine überragende Leistung, um uns zu schlagen. Kaum großartige Geistesblitze waren vonnöten, um den Pott erstmals seit 44 Jahren auf die iberische Halbinsel zu holen. Fabregas, Ramos, Silva – allesamt vergleichsweise blass, keiner mit positiver Zweikampfbilanz, alle drei mit für ihre Verhältnisse wenigen Ballkontakten. Letzterer leistete sich sogar noch eine Tätlichkeit, einen Kopfstoß gegen Podolski, der von Schiedsrichter Rosetti ungeahndet blieb. Doch unsere Fehler waren einfach zu eklatant, um hinten sicherer zu stehen und vorne mehr zu reißen. Mit einem Metzelder und einem Mertesacker in dieser Verfassung lassen sich wohl keine Turniere gewinnen. Ich dachte bis vor einiger Zeit, wir hätten da ein Duo parat, dass die Hand an der Klinke der Tür zur Weltklasse postiert hat. Jemand muss da übelste Augenwischerei betrieben haben. Dann ein Lahm, der sich Böcke leistet, die man Mr. Zuverlässig nie zugetraut hätte und ein Arne Friedrich, der mit seinen Fertigkeiten allenfalls in die Geisterbahn gehört oder in den Wald zum Holzhacken.

Wenn dann das vermeintliche Prunkstück des deutschen Turniers, unsere Offensive, auch noch einen kollektiven Betriebsausflug nach Nirgendwo unternimmt, sinkt selbst die Hoffnung darauf, mit einem Tor aus heiterem Himmel die Verlängerung zu erzwingen, auf den Nullpunkt. Wir müssen jetzt nicht zum Rundumschlag ausholen, von irgendwelchen Neuanfängen sprechen. Den Erfolg, das Finale erreicht zu haben, nimmt uns keiner. Wenn wir behaupten, die zweitbeste Mannschaft des Kontinents zu sein, haben wir wenigstens ein schlagkräftiges Argument im Ärmel und können stolz die Eintrittskarte vom Endspiel vorzeigen, auf der neben der Flagge des Siegers auch unsere eigene abgebildet ist. Wir brauchen keine Verjüngungskur. Die „Alten“ sind entweder so alt, dass sie hoffentlich von alleine gehen werden (Lehmann), oder noch die Frische für mindestens zwei weitere Jahre Führungsarbeit besitzen (Ballack, Frings, Klose). Mit wem sollten wir auch aufs Neue etwas säen, nachdem wir den Wald gerodet haben?

Lahm, Mertesacker, Schweinsteiger und Podolski sind allesamt noch nicht einmal 25 Jahre alt, werden sich demnach erst nach der EM 2012 langsam ihrem Zenit annähern. Wir müssen einfach das „Material“ hegen und pflegen, das uns zur Verfügung steht: Einem lernfähigen Thomas Hitzlsperger noch einiges beibringen, Mario Gomez die Zeit geben, die er augenscheinlich noch braucht, einen erfrischenden Techniker wie Marko Marin ganz behutsam und geduldig ans große Geschäft heranführen und eine Abwehrhoffnung wie Heiko Westermann irgendwie von außen in die Schalker Innenverteidigung lotsen.

Doch der Länderspielzirkus bietet Gott sei Dank ohnehin keine Gelegenheit, langfristig in irgendwelche Löcher zu fallen. Am 6. September beginnt das Rennen um die Plätze für Südafrika 2010, ganz sachte mit einem Spiel in Liechtenstein. Die Pflichterfolge gegen Finnland, Wales, Aserbaidschan und Liechtenstein wird es schon brauchen, um gegen Russland nicht unter riesigem Zugzwang zu stehen. Denn nur der erste qualifiziert sich direkt. Die Quali wird also kein Zuckerschlecken.

Die Niederlage von gestern hat mich nicht fürs Leben gezeichnet. Die Konstellation, dass Spanien einfach besser war, wir trotzdem nur 0:1 verloren haben, ist dennoch nicht wirklich wohltuender gewesen als eine bittere Niederlage mit 2:3 in der Nachspielzeit. Auf die gute Miene zum bösen Spiel vor dem Brandenburger Tor freue ich mich nicht wirklich. So schön das Leben eines Menschen auch gewesen sein mag, auf seiner Beerdigung wird nie jemand in Jubelstürme ausbrechen, keiner wird jemals freudetrunken Fahnen schwenken. Es wird standesgemäß getrauert. So wie es sich gehört. Die deutsche Mannschaft hat gestern zwar nur ein EM-Endspiel verloren, es ist niemand gestorben. Doch „Danke“ sagen kann man auch mithilfe eines Statements im Fernsehen, dafür braucht es kein Eventfan-Event mit geschminkten Wangen und Oliver Pocher. Und wenn ich an Jens Lehmanns offensichtliche Enttäuschung denke, die er im Interview nach dem Spiel nicht annähernd verbergen wollte und konnte, kann ich mir vorstellen, dass nicht nur einer der 23 heute Mittag gerne etwas anderes tun würde, als mit gestelltem Lächeln in Berlin über den Catwalk zu laufen. Verständlich.

Doch diese Abhandlung soll nicht ganz in Moll enden, fürs Erste genug Trübsal geblasen. Wir haben gestern unser 13. großes Finale gespielt (wobei das noch ein schlechtes Omen gewesen ist). In Europa kann das niemand auch nur annähernd von sich behaupten. Nach uns folgt Italien – mit acht Endspielteilnahmen. Wir haben Platz eins in der ewigen EM-Tabelle behauptet. Man klammert sich ja krampfhaft an alles Aufmunternde. Auch wenn’s schwer fällt.


Die Kopfnoten gibt’s später. Denn obwohl ich es nicht befürworte, werde ich mir die gut gemeinte Leichenschau in Berlin anschauen.

Sonntag, 29. Juni 2008

EM-Tagebuch (40) -
Nervenspiel

Finale in T minus 78 Minuten und ich halt's nicht mehr aus.

Ich bin eigentlich zu alt dafür. Sonntagmittags raus gehen, auf den Fußballplatz, alle deutschen EM-Tore nachspielen bis zum Umfallen und vorsichtshalber schon mal die Treffer aus dem Endspiel einstudieren. Aber genau für diese Anlässe hält die deutsche Sprache schließlich das Wörtchen „eigentlich“ bereit. Die zwei türkischen Jungs um die 12,13 Jahre haben komisch geguckt. Etwas befremdet, als ich das Elfmeterschießen simulierte, meinen Bruder im Ballack-Trikot zum entscheidenden Elfer antreten ließ und das ganze kommentiert habe, als säße nicht Tom Bartels heute Abend in Wien auf der Pressetribüne, sondern ich selbst.

Mein Bruder hat das Down-Syndrom, ist geistig behindert. Ich weiß nicht, ob das etwas mit der Geduld und Muße zutun hat, die ihn durchs Leben trägt. Jedenfalls bewundere ich diese Geduld fast täglich. Besonders an Tagen wie diesen, die mich um Jahre altern lassen, allein schon, weil es so anstrengend ist, 15:23 von 20:45 abzuziehen, das Ergebnis in Minuten umzuwandeln und den Countdown zu aktualisieren, der seit heute Morgen in meinem Kopf gen Null läuft.

Auch beim zehnten Versuch, einen authentischen Ballack-Elfer in die Tormitte zu produzieren, lief er ohne Murren an, nur um mich, den hypernervösen kleinen Bruder zufrieden zu stellen. Man könnte jetzt denken, in diesem Gemütszustand – ruhig und geduldig – ginge der Tag irgendwann nach 22:30 Uhr für meinen Bruder zu Ende. Doch spätestens wenn der Ball dann rollt – ich finde, er könnte jetzt langsam mal damit anfangen, der Ball –, wirft er all diese Muße über den Haufen, ist Feuer und Flamme und zeigt, dass er das Temperament von seiner Mutter geerbt hat. Nicht von seinem Vater, dessen Gene haben sich da bei mir eher durchgesetzt. Spätestens ab der 78. Minute, es sei denn wir führen mit drei Toren oder liegen klar zurück, werde ich das erste Couchkissen verspeisen. Die Fingernägel sind radikal gekürzt, unabbeißbar. Dabei wachsen sie ja nach. Anders als Couchkissen.

Es ist bereits das fünfte Endspiel meines Lebens, circa alle 3,79 Jahre eins – aber nicht wirklich, denn 1990 war ich elf Monate alt, 1992 nicht einmal drei. Ich kann also behaupten, meine Endspiel-Bilanz ist ausgeglichen – ein Sieg 96, eine Pleite 2002, die mich nicht allzu sehr getroffen zu haben scheint. Denn außer Kahns Patzer und Neuvilles Pfostenschuss haben sich alle Details des Spiels innerhalb der letzten sechs Jahre aus meinem Gedächtnis verabschiedet. Vielleicht war es ein Verdrängungsreflex.

Das heißt, dieser Finaltag heute ist der erste seiner Art, den ich mit der ihm gebührenden Intensität wahrnehme – mit Sekundenzählen und sinnlosen Gedanken, vor lauter Nervosität einen Schnaps zur Beruhigung zu vertilgen. Wembley vor zwölf Jahren war schön. Ich saß auf dem Boden vor dem Fernseher, weiß noch, dass mein Vater die 95 Spielminuten fast ausschließlich damit verbrachte, meine neugeborene Cousine halbwegs ruhig zu stellen. Oliver Bierhoffs Torjubel ist seitdem allgegenwärtig, Béla Réthys Stimme ebenso. Ich finde, es ist an der Zeit, dass diese Szenen in den Hintergrund rücken, dass sich neue Jubelarien in den Vordergrund drängen, dass ich unseren Loréal-Managers endlich einmal vergessen kann. Obwohl er heute Abend auch wieder irgendwo rumschwirren wird.

Ich konnte in den letzten Jahren nicht wirklich auf die Vereinsmannschaft meines Herzens zählen. Das letzte Finale der Borussia liegt sogar schon 13 Jahre zurück, da war Wembley ’96 noch nicht einmal gezeugt. Die Nationalmannschaft hat demnach ein Monopol auf die Gefühle, die mich momentan auf Trab halten und um den Verstand bringen. Sie soll sich geehrt fühlen. Schließlich steht sie jährlich nur an 12-16 Tagen im Mittelpunkt, abhängig davon, ob die Jahreszahl durch zwei Teilbar ist oder nicht.

Der Klub des Vertrauens spielt dagegen mindestens 35-mal im Jahr die erste Geige. Wenn er Gladbach heißt, selten häufiger als das. Wir heißen ja nicht Manchester. Jedenfalls gibt es da mitunter Spiele, die vorbeigehen, ohne dass sie bleibende Eindrücke hinterlassen haben. Bei großen Turnieren der Nationalelf bleiben derartige Spiele Seltenheit. Es sei denn, einer der Gruppengegner hieße Österreich UND man wäre vor dem Aufeinandertreffen bereits fürs Viertelfinale qualifiziert.

Momentan sehe ich schlechte Omen überall: Das Ballack-Trikot meines Bruder löst sich auf, tut es der Wadenmuskulatur des Captains gleich. Aus „Ballack“ auf dem Rücken ist „alla h“ geworden. Dessen christliches Pendant wird uns heute beistehen müssen, wenn das etwas werden soll gegen schier übermächtige Spanier. Übrigens kann Ballack vermutlich spielen, derweil hat die Firma Edding das B, das C und den Bogen des K auch wieder zum Leben erweckt. Die Hoffnung lebt. Dann hat meine Großmutter Pudding gekocht – schwarz-rot-gold bzw. Schokolade-Rote Grütze-Vanille. Im Prinzip sehr nett, nur leider hat sie das bei dieser EM bislang genau einmal getan: Am 16. Juni vor dem Kroatienspiel.

Auf dass es diesmal gut gehe!

Zum Schluss will ich der Nachwelt einfach nicht das Produkt meines Sonntagnachmittages vorenthalten. Dank an meinen Bruder für den strammen Schuss in die Mitte, für den, der am Tor vorbeiging und für alle anderen Versuche, die es leider nicht in dieses Video geschafft haben. Das Tor ist übrigens ein Modell der Größe 2x5 - ich bin also nicht 2,38m groß, wie es den Anschein hat. Drehort ist der Kunstrasenplatz der Anrather Donkkampfbahn. Schade, dass das Vogelzwitschern im Hintergrund nicht mehr zu hören ist. Es hatte genau den beruhigenden Effekt, den ich jetzt dringend bräuchte.

Samstag, 28. Juni 2008

EM-Tagebuch (39) -
Flashback

Friedrichs Schläfrigkeit, Lahms Siegtor, Terims Fast-Gesichtsfraktur, Rüstüs Pannenshow und Lehmanns Kunststück, den Ball "durch die Unterhose" ins Tor zu lassen - nochmal zum Genießen und Haareraufen.

Bislang ging ich davon aus, dass nur die Tore anderer Teams mit „Samba de Janeiro“ beschallt werden. Tatsächlich gibt’s auch bei unseren Treffern was auf die Ohren. Wusste ich noch nicht, hatte bei unseren zehn EM-Treffern schließlich meist was anderes zu tun.

Alle preisen den Doppelpass von Hitzlsperger und Lahm. Das Video zeigt, dass es sogar ein doppelter Doppelpass war. War mir total entgangen. Hitze auf Lahm, Lahm auf Hitze, Hitze in die Gasse, Lahm ins Tor. Bis vor ein paar Minuten glaubte ich auch, die deutschen Spieler hätten sich – wie das bei späten, entscheidenden Toren so üblich ist – freudetrunken auf Philipp Lahm geschmissen und den Gotthard auf dem Rasen nachgebildet. Dabei zeigte Lahm nur kurz seine Bauchmuskeln, danach reckte die Kanzlerin die Arme in Wangenhöhe – nicht höher, das wäre ja ein Wunder – und die deutsche Bank scharte sich um den Siegtorschützen. Alles im Stehen.

Also, hier ist es, weil’s so schön war und irgendwie auch wieder nicht – das Wichtigste aus dem Halbfinale gegen die Türken zum Aufwärmen fürs Finale und für eindringliche Fehleranalysen:

EM-Tagebuch (38) -
Mit dem Zweiten feiert's sich besser

Wie die ZDF-Delegation an spielfreien Tagen so richtig die Sau rauslässt.

Lafer und Lichter kochen mit Béla Réthy auf der Seebühne. Immerhin etwas Fußball am spielfreien Tag vor dem Finale. Das Kribbeln hält sich derweil noch in Grenzen, kein nervöses Rumwippen mit dem Fuß, Löw’scher Ruhepuls, prä-finale Gelassenheit. Patrick Lindner ist beim Kochen auch dabei, aber der singt bekanntlich Schlager, spielt deshalb keine Rolle hier. Oder doch – später vielleicht.

Frau Müller-Hohenstein und Herr Steinbrecher moderieren von dort aus, aus Bregenz, heute Abend auch das Sportstudio – das ZDF scheint die Anlage in Bregenz bis Monatsende gebucht zu haben und muss sie zum Ende noch einmal richtig ausschlachten. Trotzdem verwunderlich, dass sich das Zweite heute überhaupt EM-technisch zu Wort meldet. Fußballfreie Tage scheinen im Lager der EM-Reporter nämlich sonst eher unkonventionell zu verlaufen, wie „Frau KMH“ im EM-Blog des ZDF berichtet: Fußballmatch, Bootstour und eine deftige Schlagersause mit Drafi Deutscher, Michael Holm und – wenn’s ganz dicke kommt – vielleicht auch Patrick Lindner.

Am Tag danach war ja Gott sei Dank wieder kein Spiel. Leider hat sich das ZDF den falschen Experten für solche Anlässe ausgesucht. Christoph Daum wäre ein besserer Griff gewesen – der hätte sicher ’ne Alka Seltzer in der Kulturtasche gehabt.

Freitag, 27. Juni 2008

EM-Tagebuch (37) -
Metzes EM-Demenz

Christoph Metzelder kann sich nicht mehr genau daran erinnern, wo und wie er das EM-Endspiels 1996 verfolgt hat.

Bleibt nur zu hoffen, dass er in 12 Jahren noch weiß, wie das Finale von 2008 verlaufen ist. In Anbetracht der Abwehrleistung in den letzten beiden Spielen hege ich da aber ernsthafte Zweifel. Unsere Innenverteidigung erweckte da nämlich zeitweise den Eindruck, den Platz nur physisch betreten zu haben.

Ist ein großes Endspiel nicht so etwas wie ein 11. September: Jahre später weiß jeder noch haargenau, was er gemacht bzw. wie er das Spiel erlebt hat, denn die Beschäftigung an jenem Abend wird bei 80% der Bevölkerung nahezu identisch ausgesehen haben.

Jogi Löw sagte heute, der Druck sei weg. Da hat er einerseits recht: Bei einer Niederlage mit Anstand wird ihm keiner den Kopf abreißen. Doch den Druck, zumindest eben jene Anstandsniederlage auf die Beine zu stellen, sollten alle schon noch intensiv wahrnehmen. Und mal ganz ehrlich, auch wenn nicht jeder 100%-ig davon überzeugt ist: Den Pott wollen wir doch alle.

Donnerstag, 26. Juni 2008

EM-Tagebuch (36) -
Mut zum Unmut

Kurz vor Mitternacht - Spanien steht im Endspiel. Wir auch und deshalb geht's jetzt schon los mit dem mutigen Gerede. Auch wenn es gar nicht so klingen mag.

Nachdem wir uns tagelang den Kopf darüber zerbrochen haben, ob wir die Türkei nun 2:0, 3:0 oder gar 4:0 wegputzen, begeben wir uns aus gegebenem Anlass ab jetzt schön brav zurück in die Rolle des Außenseiters. Spanien ist die beste Mannschaft der Welt - mindestens. Die Russen zweimal vernichten geschlagen - die Spanier sind damit so gut wie unbesiegbar. Zumal das Gesetz der Serie gleich mehrfach gegen uns spricht:

EM-Finale 1972: Sieg
EM-Finale 1976: Niederlage
EM-Finale 1980: Sieg
EM-Finale 1992: Niederlage
EM-Finale 1996: Sieg
EM-Finale 2008: Na?

Zudem verliefen unsere siegreichen Halbfinals bei einer EM eher weniger torreich, wenn wir anschließend den Titel holten. 1976 gab's ein 4:2 gegen Jugoslawien, 1992 ein 3:2 gegen Schweden - wie's weiterging, siehe oben.

Im Halbfinale bei diesem Turnier haben sich außerdem beide Mannschaften durchgesetzt, die im selben Stadion auflaufen durften wie im Viertelfinale. Na, und wer muss zum Endspiel umziehen? Und wer darf auch sein drittes K.o.-Rundenspiel in Wien bestreiten?

Wir können also nur verlieren. Das ist gut, denn wenn wir nur verlieren können, tun wir's meistens nicht.

PS: Spanien ist Favorit. Ich glaub' aber, das hab' ich schon gesagt.

EM-Tagebuch (35) -
Mit Monita ins Endspiel

Schüler, die gestern mit einem Schnitt von 3,9 nach Hause gekommen sind, dürften keinen schönen Tag verlebt haben. Für die deutsche Nationalmannschaft heißt es dennoch "bestanden" - und ab ins Endspiel.

Lehmann: Strahlte nicht annähernd die Sicherheit des Portugalspiels aus. Orientierungslos bei beiden Gegentoren. Wollte den Ball beim 2:2 schon aufnehmen, sah Semih nicht heranrauschen. Hat den guten Trend nicht bestätigt – 4,5.

Lahm: Bis zur 90. Minute eindeutiger 5er-Kandidat. Dann mit beherztem Vorstoß und dem goldenen Tor. Spielte haarsträubende Fehlpässe, an beiden Gegentoren mitschuld. Ließ sich von Sabri geradezu überlaufen. Genie und Wahnsinn treffen sich bei einer 3,5.

Mertesacker: Machte erneut einen ganz schlechten Eindruck. Neben den bekannten, eklatanten Mängeln in der Spieleröffnung auch erneut unsicher in der Defensive. Verlor entscheidende Zweikämpfe vor beiden Gegentoren. Ein Wunder, dass trotzdem am Ende der Finaleinzug stand. Glatte 5.

Metzelder: Wie gegen Portugal insgesamt einen Tick besser bzw. weniger schlecht als Mertesacker. 80% gewonnene Zweikämpfe sind überragend, täuschen jedoch über den Gesamteindruck hinweg. Wirkte insgesamt etwas abgeklärter als sein Nebenmann, deshalb noch eine 4.

Friedrich: Nicht annähernd mit der Souveränität des Viertelfinals, zu wenig Entschlossenheit, fand vorne überhaupt nicht statt. Leistete sich anders als der Rest der Abwehr jedoch keine haarsträubenden Fehler, deshalb wie Metzelder noch eine 4. Edit: Mir ist sein komatöses Verhalten vor dem 0:1 entgangen, als er sich wie in einer anderen Zeitzone bewegte und Ugur widerstandslos einschieben ließ. Deswegen keine 4, sondern eine 4,5.

Hitzlsperger: Schoss dreimal aufs Tor, wirkte vorne präsenter als hinten. Ab und zu haperte es an der Genauigkeit. Schickte Podolski klasse auf die Reise zum 1:1. Nach seinem guten Zuspiel hätte Podolski kurz danach selbst treffen können. Hitzlsperger spielte mit Lahm den Doppelpass, der zum Siegtor führte. Vorne gut, hinten mit Defiziten, aber noch in Ordnung – 3,5.

Rolfes: Unglücksrabe des Spiels – jedoch bezeichnend, dass ausgerechnet er mit einer Platzwunde zur Pause raus musste. Fand nicht so sehr ins Spiel wie gegen Portugal, sehr nervös und fehlerhaft im Aufbauspiel. Keine Empfehlung fürs Finale – 5.

Podolski: Wie gegen Portugal als Vorlagengeber erfolgreich. Hätte wenig später bei einem Konter die Führung besorgen können, wenn nicht müssen. Blasser als in den letzten Partien, jedoch wie immer mit Kampf und Einsatz. Erst bei der Humba richtig auffällig – 3,5.

Ballack: Nur 40 Ballkontakte sind viel zu wenig, auch wenn ihm Mehmet 90 Minuten lang auf den Füßen stand. Ging sicherlich wieder viele Wege, jedoch wirkungslos im Angriffsspiel. Wurde eher hinten rein getrieben. Stark abgebaut gegenüber den letzten Spielen – 4,5.

Schweinsteiger: Bester Deutscher – traf nach einer Beinahe-Kopie aus dem Portugal-Spiel zum 1:1. Ackerte unermüdlich, fand als einziger schnell ins Spiel. Ging in die meisten Zweikämpfe und schlug sich sehr wacker – 2,5.

Klose: Stand im richtigen Moment am richtigen Ort und schlug eiskalt zu. Das 2:1 war sein einziger Torschuss und einer von nur 14 Ballkontakten. Sein 41. Länderspieltreffer mildert einiges, auch für ihn eine gnädige 4.

Frings ab 46.: Kam für den verletzten Rolfes. Ohne Fehlversuch bei 20 gespielten Pässen, tadellose Zweikampfbilanz. Machte die Mitte wenigstens weitgehend zu, blieb aber absolut unauffällig im Spiel nach vorne. Aus diesem Grund „nur“ eine 3.

Jansen ab 90.+2.: In der Nachspielzeit ins Spiel gebracht. Ohne Ballkontakt. Ohne Wertung.


Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Rolfes (46. Frings), Hitzlsperger – Podolski, Ballack, Schweinsteiger – Klose (90.+2 Jansen)

Tore:
0:1 Ugur (22.), 1:1 Schweinsteiger (26.), 2:1 Klose (79.), 2:2 Semih (86.), 3:2 Lahm (90.)

Gelbe Karten: Semih

Danke an den ZDF-Videotext!

EM-Tagebuch (34) -
Den Papst in der Tasche

Gary Lineker wird seine Finger gestern Abend verbittert in die Sessellehne gebohrt und das halbleere Guinness wütend vom Tisch geschmettert haben. Ein bedeutender Satz schwirrte ihm mit Sicherheit durch den Kopf. Seine eigene Erklärung dafür, warum am Ende alleine weinen, nur einer nicht: Die Deutschen. Denn die gewinnen ja immer.

Die Holländer werden gleichzeitig bittere Tränen geweint haben, als Thomas Hitzlsperger den tödlichen Doppelpass auf Philipp Lahm spielte und der seinen eklatanten Fehler vier Minuten zuvor beim 2:2 durch Semih nahezu vergessen machte. Sie hatten die beste Vorrunde aller Teams gespielt, die Holländer, doch dann war wieder einmal Endstation, bevor das Rennen um den Titel überhaupt so richtig begonnen hatte.

In der Nachbargruppe B mühte sich Deutschland währenddessen nach einer bitteren Niederlage gegen Kroatien mit einem eigentlich ebenso bitteren 1:0 über Österreich ins Viertelfinale. Dort spielte die deutsche Mannschaft zwar brillant. Eine Zitterpartie bis zum Ende war es trotzdem. Nach gestern Abend ist es wieder einmal an der Zeit eine der durchgekautesten, aber immer noch treffendsten Fußballweisheiten hervorzukramen: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Sowohl für Holländer und Engländer als auch wohl für uns selbst bleibt diese These der einzige vernünftige Erklärungsansatz für das, was sich gestern in Basel ereignet hat. Für uns ist sie eine Durchhalteparole, die uns aufklärt, warum wir das 12. Endspiel in gut vierzig Jahren erreicht haben, ohne dabei durchgängig zu überzeugen. Ohne jemals zu überzeugen werden einige bissig hinzufügen. Für den Rest der Welt ist es, wie gesagt, nur ein Grund zum Verzweifeln und Heulen. Aber damit können zumindest wir in Deutschland ganz gut leben.

Es redet heutzutage nicht wirklich mehr jemand vom 1:0 gegen Südkorea im Halbfinale der WM 2002. Ein Tor, nicht einmal ein spektakuläres, kaum Geschichten, die uns heute noch irgendwie jucken. Höchstens Michael Ballacks gelbe Karte, die ihm das Mitwirken im Finale versagte, bietet sechs Jahre danach noch einen Hauch von Gesprächsstoff. Dem Spiel Deutschland – Türkei wird es mit Sicherheit nicht so ergehen. Vielmehr findet es sich ein unter den zukünftigen Verkaufsschlagern einer jeden DVD-Kollektion des DFB – im Kreise der Wasserschlacht von 1974, dem Sieg im Elfmeterschießen über England bei der EURO 96, oder dem Krimi gegen Frankreich bei der WM in Spanien vor 26 Jahren. Die Reihe ist scheinbar endlos, schließlich haben wir gestern nicht zum ersten Mal ein Spiel gewonnen, ohne einen triftigen Grund für unseren Erfolg zu kennen.

Die Bild- und Tonqualität des Spiels ließ jedoch zu Wünschen übrig. Allein das könnte dem DVD-Vertrieb einen Abbruch tun. Doch genau dies ist eben auch eine dieser Geschichten, die ein scheinbar simples Halbfinale von der Masse der gut 800 Länderspiele in der Nationalmannschaftsgeschichte abhebt. Im heutigen Zeitalter der Datenverarbeitung können wir den Blutzuckerspiegel von Per Mertesacker durch reines Betrachten einer Zeitlupe messen. Wir wissen, dass Jens Lehmann bei jedem Abwurf am meisten Druck auf seinen Ringfinger ausübt und Michael Ballack alle vier Spiele einen Marathon komplettiert. Unglaublich, dass ein scheinbar steinzeitlicher Bildausfall da noch im Rahmen des Möglichen liegt.

„Béla, wo ist Béla?“, wird sich so mancher in der zweiten Halbzeit gedacht haben. Anders als Fast-Namensvetter Behle tauchte der ZDF-Reporter Gott sei Dank bald wieder auf – süffisant lächelnd, mit Kopfhörern auf. Leider ist das bei Fußballkommentatoren kein gutes Zeichen. Denn außer bei einer Bildstörung bekommt man sie während eines Spiels eher selten zu Gesicht. Der spontane Medienwechsel zum Radio glückte nicht wirklich. Ein paar Minuten lang war ich mir nicht einmal sicher, ob Réthy überhaupt wusste, dass er in seinen Ausführungen von nun an etwas detaillierter werden müsste. Es freute mich sehr, Christoph Metzelders Namen zu hören. Ich hätte nur zusätzlich gerne gewusst, ob er gerade in höchster Not auf der Linie geklärt hat oder mutterseelenallein aufs gegnerische Tor zuläuft. Réthys Worten war das nämlich nicht wirklich zu entnehmen.

An dieser Stelle dürfte der Moment gekommen sein, die ewige Schweizer Skepsis und Aufmüpfigkeit zu loben, die nicht umsonst immer wieder an ein „kleines gallisches Dorf im Jahre 50 v. Chr.“ erinnert. Gestern hat uns die eidgenössische Mentalität einerseits den Abend, andererseits das Leben gerettet. Im Prinzip perfekt – wenn sich Ton und Bild dann auch noch in derselben Zeitzone bewegt hätten. Erst bekamen wir also das Spielgeschehen vom zu bemitleidenden Béla vorenthalten. Als das Bild sich zurückmeldete, entwickelte der 51-jährige dann doch glatt hellseherische Fähigkeiten und verkündete Kloses 2:1, bevor Philipp Lahm scheinbar überhaupt daran gedacht hatte, den Ball per Michael-Tarnat-Gedächtnisflanke in den Strafraum zu bringen.

Fünf Tore, ein gedrehter Rückstand, ein Treffer in der Nachspielzeit, drei Tore in den letzten zwölf Minuten, fünf insgesamt. Zwei Lattentreffer für den Verlierer, ein Torwartfehler mit Folgen auf jeder Seite. Mehrere Bild- und Tonausfälle, Béla Réthy mit seiner Kristallkugel, ein Quotenflitzer, der für Tibets Freiheit demonstrierte und das böseste Foul in einem ansonsten fairen Spiel einstecken musste. Ein Abwehrdepp aus der Linksverteidigung, der vier Minuten später zum Siegtorschützen wurde und unterm Strich ein gutes Ende für eine schlecht spielende deutsche Mannschaft – Pessimisten, Optimisten, Sadisten, chinesische Olympiafunktionäre, Deutschland-Fans, österreichische Kabeltechniker und Beschwörer eines gewissen Spruches von Gary Lineker sind gestern also allesamt voll auf ihre Kosten gekommen. Was will man da mehr? Ok, wie wär’s mit einer souverän auftretenden deutschen Mannschaft, einem sicheren Jens Lehmann und Manni Breuckmann im petto, falls sich das Bild noch mal verabschiedet?

Die Türken haben 20-mal aufs Tor geschossen. Wir selbst haben nur acht Schüsse abgegeben, die sich ziemlich leicht an 1,67 Händen abzählen lassen: Drei Tore, drei Versuche von Hitzlsperger am Tor vorbei, ein Freistoß von Ballack in die Mauer und Podolskis Abschluss über den türkischen Kasten nach Hitzlspergers grandiosem Pass – mehr war da nicht. 2,67 Schüsse für ein Tor, 10 auf türkischer Seite – hätten die Türken mit deutscher Effizienz getroffen, wären wir mit 3:7 untergegangen. Aber man hat gesehen, dass die Türken eben keine Deutschen sind (bis auf 2,4 Millionen), ums mit Franz Beckenbauer zu sagen. Die deutsche Mannschaft hat ihren Gegner mit seinen eigenen Waffen geschlagen, ihm gezeigt, dass er „kein alleiniges Patent auf Last Minute Heldentaten“ hat, wie der „Guardian“ heute schrieb.

Dieser Tage gewinnt man sowieso den Eindruck, Jogis Elf befinde sich im Besitz des Patentamtes für Fußballangelegenheiten. Und der Vorsitzende dort hat auch einen Namen: Er nennt sich Fußballgott. Ihm untergeben ist der Papst. Genau den hatten wir gestern in der Tasche. Und wie.


Die Kopfnoten folgen.

Mittwoch, 25. Juni 2008

EM-Tagebuch (33) -
Krampfhafte Zeichen und ein Hühnerei

Deutschland gegen die Türkei - das gibt es nicht zum ersten Mal bei einem großen Turnier. Doch im Zuge der WM '54 wird es weitaus weniger Leute gejuckt haben als heute, 54 Jahre später. Jeder setzt krampfhaft ein Zeichen für ein friedliches Miteinander. Dabei ist das eigentlich gar nicht vonnöten. Alle wollen doch nur spielen und ganz einfach ins Endspiel. Oder etwa nicht?

Als im Achtelfinale der WM 2002 die USA und Mexiko aufeinander trafen, dürfte es in den Vereinigten Staaten selbst mehr Fans gegeben haben, die den Mexikaner die Daumen drückten. 30 bis 40 Millionen Latinos leben in den USA, die Mehrheit stammt aus Mexiko. Es dürfte nicht einmal so viele Amerikaner gegeben haben, die sich offiziell zum Fußball bekennen. Trotzdem behielt der „große Bruder“ die Oberhand über den „kleinen“. Die USA siegten mit 2:0.

Duelle zweier Länder, die miteinander verbunden sind, weil das eine für Millionen Bürger des anderen eine neue Heimat geworden ist, besitzen also keineswegs Seltenheitscharakter. Vor zwei Jahren bei der WM in Deutschland spielten Australien und Kroatien im direkten Duell um den Einzig ins Achtelfinale. „Down Under“ ist besonders nach dem Jugoslawien-Krieg zum Ziel zahlreicher Flüchtlinge aus Kroatien geworden. Immerhin jeder zwanzigste Einwohner ist heute Kroate. In der kroatischen Mannschaft spielt mit Josip Simunic einer, der in Australien geboren wurde. In der australischen Auswahl tummeln sich wiederum einige Spieler kroatischer Abstammung. Auch 2006 übrigens hatte das „Aufnahmeland“ das glücklichere Ende für sich. Kein schlechtes Omen für heute Abend.

Der Rheinischen Post zufolge leben in Deutschland 2.400.000 Bürger mit türkischem Migrationshintergrund. Das Statistische Bundesamt zählte Ende 2006 mehr als 7 Millionen Ausländer. Ungefähr jeder Dritte kommt damit aus dem Land unseres Halbfinalgegners heute Abend. Nach einer wahren Telefonodyssee und hektischen Nachfragen, wofür ich das denn wissen will, verriet mir Frau H. vom Ausländeramt, dass derzeit circa 3250 Bürger türkischer Abstammung in den Gemeinden des Kreises Viersen leben – die Stadt Viersen ausgenommen. Das heißt, dort sind ungefähr 14 von 1000 gedrückten Daumen heute Abend türkisch. In Duisburg beispielsweise dürften es um die 80 sein, in Berlin 53 und in Gelsenkirchen 75. Macht unterm Strich 4,8 Millionen hupende Hände gegenüber 150 Millionen. Der Lärmpegel wird dennoch ähnlich ohrenbetäubend ausfallen. Wobei die einzigen Mitbürger türkischer Abstammung, die ich vorhin auf der Fahrt ins „Dorf“ von Anrath gesehen habe, auf gepackten Koffern saßen – die Sommerferien haben begonnen und vermutlich geht es für die nächsten Wochen in die türkische Heimat zum Urlaubmachen. Autokorso adé.

So weit die Zahlen, doch ein scheinbar gewöhnliches Halbfinalspiel zwischen Deutschland und der Türkei birgt noch ganz andere Dinge. Denn das erste Aufeinandertreffen der deutschen und türkischen Nationalelf bei einer EM wird besonders von der Politik zum Fingerzeig für den Stand der Integration in Deutschland hochstilisiert. Der Fußball soll einmal mehr verbinden, was kulturelle und sprachliche Differenzen immer wieder voneinander entfernen. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung schiebt sich vor dem Reichstag mit einem türkischen Vertreter den Ball zu – im Hintergrund hängen die deutsche und die türkische Flagge eng umschlungen. Ein lokaler JU-Vorsitzender tauscht derweil das Trikot mit seinem Pendant der Deutsch-Türkischen Union.

Alle möchten krampfhaft ein Zeichen setzen. Ein wenig wirkt es, als wollten sie den Stand der Integration ausländischer Bürger gleichzeitig in eine freundliche Fassade hüllen, die von der anscheinend nicht ganz so erfreulichen Wahrheit ablenken soll. Wieso bedürfte es derartiger symbolischer Akte und zahlreicher Aufrufe, den Abend friedlich zu verbringen, wenn wir integrationstechnisch auf einem guten Weg sind? Irgendwie hat all das etwas Scheinheiliges.

Warum können wir das Spiel nicht einfach so wahrnehmen, wie es ist: Zwei Mannschaften, die zufällig eine Verbindung aufweisen, spielen um den Finaleinzug. Einer wird gewinnen und jubelnd durch die Straßen ziehen. Der andere eher bedröppelt daneben sitzen, oder – wenn er Lust hat – trotzdem mitfeiern. Muss sich stattdessen wirklich jeder symbolisch neben einen Mitbürger türkischer Abstammung setzen, nur um zu demonstrieren: ‚Wir sind freundlich und tolerant gegenüber Fremden’? Sind wir so unglaubwürdig in unseren Beteuerungen? Die Welle derartiger Aktionen soll das friedliche Miteinander von Menschen verschiedener Nationalitäten als selbstverständlich darstellen (so, wie es auch sein sollte). Im Prinzip bewirkt sie exakt das Gegenteil.

Wenigstens eines jedoch bringt dieser behutsame Schutz eines zerbrechlichen Hühnereis: Provokationen wie vor dem Polenspiel bleiben auf beiden Seiten aus. Momentan liegen sich alle in den Armen. Mal sehen, wie lange es so bleibt. Man muss heutzutage ja schon krampfhaft betonen, Mitbürgern jeglicher Nation offen und tolerant gegenüber zu stehen, ohne gleich irgendwelche Nachrufe aufkommen zu lassen. Ich schließe mich dem an, sage aber zum Schluss dennoch, dass mich das Spiel in Basel aus integrativer Sicht überhaupt nicht juckt. Ich will einfach ins Finale. Ob der Gegner dabei Frankreich, Italien oder Türkei heißt, ist mir relativ schnuppe. Ist doch auch tolerant, oder nicht?

Dienstag, 24. Juni 2008

EM-Tagebuch (32) -
Geschmierte Großzügigkeit

Was eher aussieht wie ein fieser Eiterpickel, ist eine der bahnbrechenden Innovationen dieser EM: eine so genannte "Heatmap".

Dieses nette Exemplar soll Michael Ballacks Bewegungsradius aus dem Auftaktspiel gegen Polen visualisieren. Echt nett und ungemein großzügig diese Leute vom Statistik-Blog zur EM. Stellen der Bloggerwelt Daten vom ersten Vorrundenspieltag zur Verfügung.

An manchen Stellen kommt die Seite, die ich bis grade gar nicht kannte, so schmierig daher wie die Produkte ihres Sponsors. Ich bin nun wirklich kein Anti-Kapitalist, aber man hätte auch einfach ein riesiges Bild online stellen können, auf dem 4728-mal der Name des Sponsors zu sehen ist. Nur derartige Maßnahmen hätten die jetzt schon vorhandene Motorenöl-Flut auf der Seite überbieten können.

Beim Querlesen hatte ich häufiger das Gefühl, mitten in der holprigen Übersetzung der Anleitung für einen Küchenschrank made in China gelandet zu sein.

Ich will wieder Fußball, Langeweile macht sich breit. Und mein Zimmer ist leider noch nicht dreckig genug, um schon wieder geputzt zu werden.

Montag, 23. Juni 2008

EM-Tagebuch (31) -
Komisch

Irgendetwas ist anders heute Abend. Und ich komm' einfach nicht drauf.

EM-Tagebuch (30) -
Spanisch für Anfänger

Ach, war das langweilig.

Salirse de sus (iker) casillas heißt soviel wie "aus dem Häuschen geraten". Das Spiel gestern war nicht ganz so zum Aus-dem-Häuschen-geraten. Ok, draußen hätte es wenigstens keinen Fernseher gegeben. Aber die gemütliche Couch hätte gefehlt. Und leider schläft es sich so schlecht im Garten.
Kompliment an Béla Réthy, der die ganze Zeit wach blieb oder zumindest lautlos schlief. Wo ich schonmal im Wörterbuch wälze: "Natale" heißt auf Italienisch Weihnachten oder einfach nur Geburt. Dabei war's gestern eher zum Sterben. Antonio di Natale ist also irgendetwas "von Geburt". Ich tippe auf "unbegabt" und "nervenschwach".
Antonio di Natale Incapace - klingt gut. Mit oder ohne Artischocken?

EM-Tagebuch (29) -
Der Lümmel von der linken Seite

Lukas Podolski ist wieder ganz der „Alte“ in diesen Tagen. Scherze am laufenden Band, permanent gute Laune und schon drei EM-Treffer. Der 23-jährige macht einfach Spaß – auf und neben dem Platz.

Der 22. November 2003 war eigentlich kein guter Tag aus Kölner Fußballsicht. Der FC verlor am 13. Spieltag zum zehnten Mal in jener Spielzeit, weilte mit nur sieben Zählern am Tabellenende. Niemand müsste sich mehr an diesen Tag erinnern – vermutlich tut es auch kaum jemand –, wenn da nicht ein 18-jähriger Amateur sein Debüt auf der großen Bundesliga-Bühne gegeben hätte. Dass Lukas Podolski drei Wochen später sein erstes Tor ausgerechnet mit dem Kopf erzielte, verwundert heute doch schwer – vier Jahre und knapp sieben Monate nach dem Premieren-Treffer in Rostock. Denn Kopfballtore tummeln sich nur wenige auf Podolskis fußballerischer Karteikarte, die mittlerweile 99 Treffer aufweist.

Trotz seines zweijährigen Bankdrückerdaseins bei den Bayern hat er seine gute Quote bewahrt. Am Mittwoch soll im 210. Pflichtspiel als Profi (in der Bundesliga, 2. Bundesliga, im UEFA-Cup, der Champions League, dem DFB-Pokal und der Nationalelf) das Jubiläumstor Nummer Einhundert folgen. Doch es sind – nicht nur – seine Verdienste auf dem Fußballplatz, die den Jungen aus Bergheim zur Kultfigur haben werden lassen. Erreichte er vor ein paar Jahren noch Schwindel erregende Werte auf der Äh-und-Ömm-Skala, schwappt es heute flüssig und ungewohnt inhaltsreich aus seiner Kölschen Schnauze. Man kommt gar nicht drum herum, den Fußballer und vor allen Dingen den Menschen Lukas Podolski in sein Herz zu schließen. Was er sagt, hat noch nicht ausnahmslos Hand und Fuß, aber mittlerweile zumindest sieben Finger und acht Zehen. Das ist schon eine ganze Menge in der Welt der rhetorischen Kleinrentner des Fußballzirkus.

Während ihm das Lachen auf der Bayern-Bank in der letzten Saison zunehmend vergangen ist, präsentiert er sich in diesem Tagen am Lago Maggiore ganz als der „Alte“. Da vergisst er in der Pressekonferenz glatt – egal ob gewollt oder ungewollt – den Gegner aus dem ersten Vorbereitungsspiel vor der EM (Weißrussland – Pressesprecher Harald Stenger hatte aufgepasst). Und auf die Frage, wer denn für seine permanent gute Laune bei der Nationalelf verantwortlich sei, antwortet er mit dem gewohnten Lausbubenlachen im Gesicht: Mit Harald Stenger verstehe er sich sehr gut. Die beiden gingen von Zeit zu Zeit auch gemeinsam in die Sauna. Wobei ihm dieser Teil der ungleichen Freundschaft in Anspielung auf Stengers Gewichtsprobleme eher weniger Freude bereite.

Diese sympathische Schlagkräftigkeit, mit einem gehörigen Schuss Bodenständigkeit, ohne Anflüge von Arroganz, ist es, die ihn von der Masse abhebt. Die ihn vom Riesentalent zum Medienstar und Kultobjekt werden ließ. Wenn man Lukas Podolski so bei der Pressekonferenz sitzen sieht, rechnet man stets damit, dass er gleich aufsteht und seinem Nebenmann Schlagsahne ins Gesicht sprüht. Podolski ist einer, der früher den Lehrern Furzkissen auf den Stuhl gelegt haben dürfte, ohne dafür gescholten zu werden. Denn dem jungen Vater mit 52 Länderspielen auf dem Buckel kann man partout nicht böse sein. Egal, was er tut.

Sonntag, 22. Juni 2008

EM-Tagebuch (28) -
Wer zuerst kommt, fliegt zuerst

Favoritensterben im Viertelfinale: Erst Portugal, dann Kroatien, gestern Holland. Noch nie seitdem 16 Teams an einer EM teilnehmen sind drei Gruppensieger in der ersten K.o.-Runde rausgeflogen. Heute Abend könnten es vier werden.

In nur drei von sieben Fällen hatte der spätere Europameister seine Vorrundengruppe gewonnen. Zweimal war es die deutsche Mannschaft, die hielt, was sie versprach. Bislang schaffte es jedoch (fast) immer ein Gruppenerster ins Endspiel. Die Serie könnte heute reißen. Portugal ist derweil Rekordgruppensieger mit vier "Erfolgen". Nicht einmal stand am Ende der Titel, nur ein einziges Mal wenigstens das Finale.
Statistisch gesehen, streichen 43% aller Gruppensieger in der ersten K.o.-Runde die Segel. Gar nicht mal so vielversprechend, in der eigenen Gruppe Platz eins zu belegen.

2008:

Portugal: Viertelfinale
Kroatien: Viertelfinale
Holland: Viertelfinale
Spanien: Mind. Halbfinale (nachgetragen)

2004:

Portugal: Finale
Frankreich: Viertelfinale
Schweden: Viertelfinale
Tschechien: Halbfinale

2000:

Portugal: Halbfinale
Italien: Finale
Spanien: Viertelfinale
Holland: Halbfinale

1996:

England: Halbfinale
Frankreich: Halbfinale
Deutschland: Europameister
Portugal: Viertelfinale

1992:*

Schweden: Halbfinale
Holland: Halbfinale

1988:*

Deutschland: Halbfinale
Sowjetunion: Finale

1984:*

Frankreich: Europameister
Spanien: Finale

1980:*

Deutschland: Europameister
Belgien: Finale

* 8 Teilnehmer in der Endrunde

Samstag, 21. Juni 2008

EM-Tagebuch (27) -
Glückwünsche aus Death Valley

Erst zwei Tage später wird mir klar, welch große Taten die deutsche Mannschaft gegen Portugal vollbracht haben muss.

Glückwünsche schwappen sogar aus dem Death Valley des Weltfußballs, den USA, ins Haus. Es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass ich von meinem Austauschjahr aus Texas zurückgekehrt bin, aber die Leute dort scheinen nicht vergessen zu haben, dass damals im Juni 2006 zwischen 8:00 Uhr und 15:00 Uhr vergleichsweise wenig von mir zu sehen war.

So erreichte mich am Donnerstag um 22:46 Uhr, nur zehn Minuten nach Abpfiff, folgende Nachricht bei Facebook:
"JANNIK!!! so germany is a semifinalist..and i thought of youuu!! how are you doing these days??!!". Maria stammt aus dem Iran und liebt Giggs, doch ihre Nachricht war keineswegs ein Einzelfall:
"haha, i was going to make a comment like maria's but she beat me! haha! but, yes we can't help but think of you when germany is mentioned at all...and especially when it regards soccer", schreibt Brooke.

Man darf sich ja schon glücklich schätzen, wenn man als Deutscher in den USA mit Fußball in Verbindung gebracht wird und Hitler, die NSDAP und der Zweite Weltkrieg außen vor bleiben. Bezeichnend, dass die Glückwünsche aus den USA ausgerechnet von zwei Frauen kamen.

Am Ende ein kleiner Schweif zum Spiel Holland gegen Russland: Sindeigentlich schon einmal drei Gruppensieger im Viertelfinale gescheitert?

Freitag, 20. Juni 2008

EM-Tagebuch (26) -
22 Spieler, 90 Minuten, ein Ball und das ewig selbe Ende

Irgendwie ist ganz Europa ist bisschen Lineker.

Italien spielt den Catenaccio so effektiv und konsequent wie keine andere Mannschaft, oder sagen wir besser: wie kein anderes Land. Auch wenn sie gerade 0:2 zurückliegen, Catenaccio ist immer dabei.

Holland spielt grundsätzlich mit drei Stürmern. Selbst wenn nur einer auf dem Platz steht, sind es drei. War schließlich immer so.

Spanien scheidet stets in der ersten K.o.-Runde aus, spätestens in der zweiten. Das gilt selbst, wenn sie gerade das Endspiel erreicht haben.

Die Türken spielen immer mit gewetztem Messer im Mund. Dass der brave Linksverteidiger gerade vor lauter Angst vom Tempodribbler des Gegners überlaufen wurde, spielt keine Rolle.

Die Schweden sehen einfach zu gut aus, um erfolgreich zu sein - sagt man. Da kann der ästhetisch weniger gesegnete Mittelstürmer noch so viele Tore schießen.

England verliert jedes Elfmeterschießen. Ok, das stimmt wirklich.

Und die Deutschen? "Mit denen ist es doch immer dasselbe" (L'Equipe), denn am Ende gewinnen sie schließlich immer. Sagt auch MARCA: "Siempre ganan los alemanos". Ok, stimmt ja, es sei denn Kroatien gewinnt mal. Das spanische Sportblatt versuchte zudem, die Wortneuschöpfung der Bild-Zeitung, "Schweinigeil", anschaulich zu erläutern, denn eigentlich sei das Wort "unübersetzbar". Das Wort "geil" werde ursprünglich mit der "sexuellen Potenz assoziiert", könne aber auf "alles ausgedehnt werden, das große Emotionen weckt". So ist das also.

Die "Sun" greift derweil bildzeitungstief in die Wortspielkiste und titelt in Anlehnung an unseren Torschützen von gestern: "Simply the Bast". Etwas mehr verwunderlich ein Satz weiter unten, als der Autor die deutschen Versäumnisse der Vorrunde aufzählt. "Deutschland ging in das Spiel nach einer schwachen Vorrunde, mit mangelndem Selbstbewusstsein und - unglaublich für eine Nation begabter Techniker - vielen Anfängerfehlern. Das nenn' ich doch mal "dark British humour". Oder sind wir in Augen der Engländer etwa tatsächlich "gifted technicians"?

EM-Tagebuch (25) -
Kehrtwende ins Glück

Was schwer nach Telenovela klingt, beschreibt das Glücksgefühl nach dem Triumph von Basel vortrefflich. Drei Tore, ein Sieg und schlagartig wendet sich alles zum Guten. Die Fußballwelt ist schnellebig, das wissen wir nicht erst seit gestern. Doch selten war der Weg von der Katastrophe über die Offenbarung bis hin zum Triumphzug so kurz.

In der Verzweiflung und Hilflosigkeit endet der Fluchtweg allzu oft in Floskeln, Durchhalteparolen und anderen Überlebensmaßnahmen. So kam es, dass ich einen Sieg gegen Portugal zwar für möglich hielt, den Glauben noch nicht ganz verloren hatte. Aber die Gedanken an das Ende, ans „Danach“, waren allgegenwärtig und irgendwie stärker. Genau wie die Frage, in welcher Art und Weise sich die deutsche Mannschaft – im Falle des Falles – aus dem Turnier verabschieden würde. Erklärungsversuche wurden zurecht gemalt und heute – am Tag nach dem Triumph – ist es ein genugtuendes Gefühl, einmal all die Horrorszenarien getrost über den Haufen werfen zu können. Sonst sind es nämlich meist optimistisch zusammen gebastelte Triumphzüge, die nach einem kräftigen Schlag ins Gesicht nur noch Schall und Rauch sind.

Ich kann mich nicht daran erinnern, von einem Spiel in letzter Zeit derart (positiv) überrumpelt worden zu sein. Ok, da gab es ein 7:1 in Offenbach mit der Borussia, allein das hält dem Vergleich vielleicht noch stand. Aber es sagt genug aus, dass eine frühe Führung (26 Minuten von 90 sind nicht wirklich viel) gegen Portugal bereits in eine Schublade mit einem atemberaubenden Kantersieg gesteckt werden kann.

All das, was sie vor drei Tagen noch dilettantisch falsch gemacht hat, hat die deutsche Mannschaft gestern richtig gemacht – Pressing gespielt, den Ball schnell gemacht, zur richtigen Zeit das Tempo rausgenommen und die Chancen eiskalt genutzt. Auch im Rausch des Triumphes – am Gegenpol der Gefühle nach dem Kroatien- oder Österreichspiel – bleiben die Floskeln nicht aus. Denn: So kann man auch Europameister werden.

Der einzige Vorwurf lautet, dass wir es uns schwerer gemacht haben als nötig: Kurz vor der Pause ein unnötiges Tor gefangen, am Ende nicht mehr aus der eigenen Hälfte rausgekommen, dazwischen ab und an etwas unaufmerksam. Doch wer Portugal 3 : (1+1) schlägt, kann nicht allzu viel falsch gemacht haben. Es musste außerdem nervenaufreibend und fingernägelfeindlich werden – in 20 Jahren will der Groß- und Einzelhandel schließlich auch noch DVDs von großen EM-Auftritten verkaufen. Ein souveränes 3:0 gegen Portugal hätte da wie Blei in den Regalen gelegen.

Im Nachhinein ergeben die Ereignisse der letzten 8 Tage jetzt auch langsam einen Sinn: Beim Gruppensieg hätten wir erst heute gespielt, auf den Sieg gegen Portugal müssten wir noch sechs Tage warten. So gehen wir nun mit der Gewissheit ins Halbfinale, dass es eigentlich nicht schwerer werden kann. Und überhaupt: Wir sind schon im Halbfinale. Ok, die Portugiesen haben 2004 auch nicht aus ihrer Pleite gegen Griechenland gelernt und im Finale ein zweites Mal verloren. Nehmen wir uns also ein Beispiel an den Niederländern. Die haben vor zwanzig Jahren erst gegen die Sowjetunion verloren, um sie dann im Finale zu schlagen. Irgendetwas läuft verkehrt: Holland = Beispiel? Komisch, diese EM.

Ach ja, die Türken spielen heute Abend übrigens auch noch. Vermutlich werden wir annektiert, wenn die ausgerechnet gegen uns im Halbfinale gewinnen. Deshalb übernehmen wir das besser mit dem Sieg. Ist ja sowieso nett für die Türken in Deutschland. Bei einem Sieg heute Abend stehen die bereits sicher im Endspiel – einmal mit dem Herzen, einmal mit dem Personalausweis.

Ich denke, ich dürfte gestern zum ersten Mal gegen Deutschland getippt haben. Mit den zwei Treffern für Portugal ein ganz gutes Händchen gehabt, leider nur zwei Tore zu wenig auf der anderen Seite einkalkuliert. Den „Nuller“ nehme ich da gerne in Kauf. Was den rein sportlichen Erfolg angeht, ist das Sommermärchen jetzt bereits eingestellt. Schließlich war damals auch im Halbfinale Endstation. Doch wird alles anders werden.

Wenn es wie am Schnürchen läuft, macht es sogar Spaß Waldemar Hartmann zuzuhören. Steffen Simon ist plötzlich ein überragender Kommentator. Delling und Netzer machen den Eindruck, sie hätten ihre Frische der ersten Ehejahre zurückerlangt. Deutsche Fans im Stadion wirken schier übermächtig – unterm Strich ist die Fußballwelt mit sich im Reinen. Auf dass es noch zehn Tage so bleibt.

Die erfreulichen Kopfnoten:

Lehmann: Hielt nahezu jeden Ball fest, parierte jeden Fernschuss mühelos. Gewohnt aufmerksam im Herauslaufen. Weltklasse-Parade vor dem 2:1, die leider nicht belohnt wurde. Hat sich ins Turnier reingebissen. Fehlerlos und noch ein bisschen mehr - 1,5.

Lahm: Mit Aussetzern in der Anfangsphase, die anderen eher verziehen werden, bei Lahm einfach Seltenheitswert besitzen. Steigerte sich im Duell mit Simao, litt zudem unter Podolskis schwacher Arbeit nach hinten, bügelte aus, was auszubügeln war. Bestätigte den Trend des Turniers, am häufigsten am Ball. Ist einer der konstantesten im deutschen Team - 3.

Mertesacker: Erneut beteiligt an den Gegentoren. Grober Stellungsfehler beim ersten, stieg beim zweiten nicht entschlossen genug hoch. Führte auffallend wenige Zweikämpfe - zu weit weg vom Mann oder stets vorher bereinigt? Wirkte sicherer, wenn er direkt den Ball klären konnte. Mal wieder mit Mängeln in der Spieleröffnung - deshalb und aufgrund der Fehler vor den Toren nur eine 4.

Metzelder: Glich aus im Privatduell mit Mertesacker, zum zweiten Mal in diesem Turnier der bessere Innenverteidiger. Holte mit einem beherzten Vorstoß den Freistoß raus, der zum 2:0 führte. In nur 6 Zweikämpfe involviert, die er jedoch allesamt gewann. Konnte den Ball zwar nicht immer schnell genug klären, ansonsten akzeptabel - 3.

Friedrich: Nahm Cristiano Ronaldo weitestgehend aus dem Spiel - falls das überhaupt möglich ist. Mit guter Zweikampfbilanz, ließ keinen Schuss von Ronaldo aus der zweiten Reihe zu. Allein beim 2:1 nirgends aufzufinden und hinderte Nani nicht an der Flanke vor dem 3:2 (wobei es nicht nur F. alleine war). Natürlich in der Defensive festgenagelt, bei seinen raren Vorstößen erfolglos. Hinten jedoch soweit tadellos und ein Gewinn - 2,5.

Hitzlsperger: Wirklich gut, solange er sich aus dem Angriffsspiel raushielt. Stabilisierte die deutsche Abwehr vor allen Dingen in der ersten halben Stunde, dann nicht mehr ganz so konsequent. Mit drei Schüssen, die allesamt das Tor verfehlten. Meist zu eigensinnig, hätte in der zweiten Hälfte auf Schweinsteiger ablegen müssen, der rechts neben ihm mutterseelenallein stand. Ließ stark nach, Auswechslung die Konsequenz, möglicherweise mit konditionellen Defiziten. Ordentlich, aber ausbaufähig - 3,5.

Rolfes: Im 11. Länderspiel erstmals von Beginn an. Spielte über 90 Minuten einen Tick besser als sein Nebenmann Hitzlsperger. Strahlte Ruhe aus, blieb konzentriert. Ab und zu zeigte sich der Mangel an internationaler Erfahrung. Akzeptable Zweikampfwerte, empfahl sich für einen Einsatz im Halbfinale - und für höhere Aufgaben nach der Ära Frings? Mit Abstichen im Aufbauspiel, aber absolut zufriedenstellend - 3.

Podolski: Bereitete das erste Tor mit zwei Doppelpässen und maßgenauer Hereingabe mustergültig vor. Baute nach der Pause etwas ab, ließ mit einem Weltklasse-Schuss aufhorchen, der aus 30 Metern den Außenpfosten streifte. Defizite im Spiel nach hinten, nach vorne tadellos. Bäumte sich nach seiner schwachen Phase in der Schlussphase auf, hielt den Ball und hatte am Ende noch die Chance zum 4:2. Gut wie in allen Spielen bisher, von der Wade nichts zu spüren - 2.

Ballack: Mit der besten EM-Leistung. Pferdelunge wie immer, sehr gut im Spiel nach vorne, weil die Doppel-6 ihn entlastete. Stellte seine Kopfballqualitäten unter Beweis und kam erstaunlicherweise - trotz der Anzahl von 5 Fouls - um die gefürchtete Gelbe herum. Müsste aber auch einstecken, ließ jedoch nie nach im Einsatz. Der absolute Chef auf dem Platz, der den Portugiesen (charakterlich) fehlte. Überragend - 1,5.

Schweinsteiger: Mit dem ersten Gala-Auftritt im DFB-Dress seit... dem Portugal-Spiel 2006. Spintete vorbildlich zum 1:0, bereitete zwei Treffer mit scharf getretenen Freistößen vor. Beschäftigte die Portugiesen permanent, enormes Laufpensum. Nach 83 Minuten am verdienten Ende seiner Kräfte. Super Leistung - glatte 1.

Klose: Endlich mit dem ersten EM-Tor und dem 40. für den DFB. Ackerte wie immer, fleißigster Zweikämpfer. Fiel mehr auf, weil alleine im Sturm. Fast so gut wie gegen Polen, aber diesmal wenigstens erfolgreich. So kann's weitergehen - 2,5.

Borowski ab 73.: Etwas zu gut bewertet von Löw und Flick. Fand nie richtig ins Spiel, ging etwas unter und gewann nur eines von 6 Duellen. Mit Torchance in der Schlussphase, ansonsten eher blass. Keiner für die Startelf. Ohne Wertung.

Fritz ab 83.: Zu zögerlich vor dem 3:2, bekleidete in seinen elf Minuten Einsatzzeit ausschließlich Abwehraufgaben. Kommt derzeit wohl weder an Friedrich noch an Schweinsteiger vorbei. Bleibt als Kämpfernatur und Dauerläufer aber als Alternative im Hinterkopf. Ohne Wertung.

Jansen ab 89.: Nur fünf Minuten auf den Platz, dennoch laufend gefordert. Das, was er noch tun musste, war in Ordnung, gewann jeden seiner drei Zweikämpfe in dieser Zeit. Bleibt in der Hinterhand, falls jemand ausfällt. Ohne Wertung.


Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Rolfes, Hitzlsperger (73. Borowski) - Podolski, Ballack, Schweinsteiger (83. Fritz) – Klose (89. Jansen)

Tore:
1:0 Schweinsteiger (22.), 2:0 Klose (26.), 2:1 Nuno Gomes (40.), 3:1 Ballack (61.), 3:2 Helder Postiga (87.)

Gelbe Karten: A. Friedrich, Lahm - Petit, Pepe, Helder Postiga

Donnerstag, 19. Juni 2008

EM-Tagebuch (24) -
Auf den Punkt gebracht

JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!

EM-Tagebuch (23) -
23 Minuten Spanien

Eine Einladung zum Gartenkick und die Erkenntnis, dass Kehl in diesem Jahr Rolfes heißt.

Erst einmal möchte ich eine dringliche Einladung ans deutsche und portugiesische Team loswerden: Ihr könnt auch gerne bei uns im Garten spielen. Mit 105x68 Metern kann ich leider nicht dienen. Dafür mit einem satten, frisch vertikutierten Grün. Bis ihr da seid, bin ich auch nochmal kurz mit dem Mäher drüber gegangen. Denn das, was da im St.-Jakob-Park rumliegt - Lebendigkeit versprüht es auf keinen Fall - weckt nur begrenzt Assoziationen botanischer Natur.

Na gut, wenn es überhaupt jemandem zu Gute kommen sollte, dann wohl eher unserer Mannschaft. Unsere Spielart passt zum holprigen, unförmigen Geläuf in Basel schließlich wie die Faust aufs Auge.

Nach 67 Minuten im Spiel Russland gegen Schweden fiel es mir gestern wie Schuppen von den Augen: Mir waren mal wieder die Spanier durchgegangen. Flott auf EinsFestival geschaltet und nach 247 EM-Minuten endlich den großen Favoriten (gemeinsam mit den Holländern und Portugiesen) spielen sehen. Der lag zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 gegen den übermächtigen Noch-Europameister zurück und rein stichprobenartig müsste ich eigentlich die Favoritenrolle der Spanier zu den Akten legen. Die belehrten mich dann doch eines Besseren, klauten mir zwei Minuten vor dem Ende drei Punkte im Tippspiel und den Griechen einen Punkt fürs gebeutelte Gemüt. Aber ich glaub' jetzt einfach mal all denen, die Spanien dieses Jahr ganz weit vorne sehen. Mal gucken.

Seit ein paar Minuten ist's raus: Der Kehl von 2006 heißt in diesem Jahr Rolfes. Sprich, Frings' Rippe spielt nicht mit, Frings selbst deshalb auch nicht. Dafür mit WM-Sturm, Schweinsteiger und Hitzlsperger. Bleibt nur zu hoffen, dass letzterer die Portugiesen rein namenstechnisch schon verwirrt.

Mittwoch, 18. Juni 2008

EM-Tagebuch (22) -
Neongelbe Wichtigtuer

Der Schiedsrichter - ein Chamäleon.

Früher trugen sie ausschließlich schwarz, dazu einen Schnäuz und ein paar Breitengrade weiter südlicher eine ansehnliche Plauze. Ihre Trikotfarbe ist mittlerweile den Weg des Fernsehens entlang marschiert – aus schwarz wurde neongelb, blau, rot. Immerhin ist das schmucke lila der 90er wieder von den Fußballplätzen dieser Welt verschwunden. Allein im modebewussten Italien trägt Herr Schiedsrichter bisweilen schweinchenrosa.

Die Persönlichkeiten von früher sind durch eitle, braun gebrannte Maschinen ersetzt worden, die in ihren grellen Trikots häufig aussehen, als habe sie der letzte Zug von der Love Parade nicht nach Hause, sondern zufällig auf den Fußballplatz gebracht. Sie sind gestählt, zumindest fitnessmäßig voll auf der Höhe. Mitte 40 ist Schluss, dann kommt der radikale Schnitt, egal was die viel zitierte demagogische Entwicklung sagt.

Ein echter Eifel-Junge wie Herbert Fandel – Musikschulleiter in Bitburg, in Steckbriefen immer als Pianist ausgewiesen – sticht da schon leicht aus der Masse heraus: Lebenslange Sonnenbankabstinenz, klunkerfreier Brustkorb, 08/15-Frisur, ein ganz normaler Typ eben. Fandel ist kein Collina, kein Frisk, kein Wack. Wenn er über Fritz Walter reden darf, stehen ihm beinahe die Tränen in den Augen, wie einem kleinen Jungen, der Michael Ballack aufs Feld eskortieren durfte. „Ich bin Fritz Walter sehr verbunden. Nicht nur durch die räumliche Nähe“, sagte er letztens etwas missverständlich im ZDF. Auch wenn die Höhe des Himmels nicht einwandfrei belegt ist, wird er die 100 Kilometer gemeint haben, die seine Heimat in der Eifel von Kaiserslautern trennen.

Wenn solch eine EM vonstatten geht, bleibt es nicht aus, dass die Schiedsrichter – wenn auch meist unfreiwillig – von Zeit zu Zeit ins Rampenlicht rücken. Peter Fröjdfeldt bestach beim Spiel Holland-Italien durch erstklassige Regelkunde (ok, es ist auch sein Job), als er das 1:0 der Holländer richtigerweise anerkannte, weil auch Spieler hinter der Torlinie für die Auslegung der Abseitsregel relevant sind. Morgen darf er unser Viertelfinalspiel gegen Portugal pfeifen. Die deutschen Erinnerungen an den Schweden sind eher schlecht, was weniger an ihm lag als an einem dürftigen 1:1 auf Zypern im November 2006.

Howard Webb ist nicht nur der einzige Engländer bei diesem Turnier und jüngstes Mitglied der 12 Schiri-Apostel bei dieser EM, sondern weilt derzeit ganz oben im Ranking der haarsträubendsten Fehlentscheidungen bei diesem Turnier. Polens Abseitstor gegen Österreich – eigentlich eine dankbare Aufgabe in jedem Sehtest. Wobei der Arme mit seinem Namen für seine unaufmerksamen Assistenten geradestehen muss. Das Schiedsrichterleben ist eben nicht immer gerecht.

Damir Skomina dagegen ist keineswegs Eisdielenbesitzer in Split, sondern seit Montag so etwas wie der bekannteste vierte Offizielle Europas. Nicht viele haben es geschafft, gleich zwei Trainer in der ersten Halbzeit auf die Tribüne zu befördern. Sein Vorgesetzter an diesem Abend in Wien, der Spanier Manuel Mejuto Gonzalez, ist jedoch auch so ein Fall. 2007: Hahnebüchene Fehler beim Spiel Schottland-Italien. 2006: Beide Assistenten fallen vor der WM durch den Fitnesstest. 1996: Mejuto Gonzalez hat seine Augen gerade irgendwo anders, als im Strafraum etwas passiert. Über die Außenmikrofone sind folgende Bruchstücke aus dem Gespräch mit dem Linienrichter zu vernehmen: „Elfer und Rot? Für wen? Verdammte Scheiße, verarsch mich nicht?“. Große Klasse, dieser Mann.

Doch was geht in einem Schiedsrichter vor, wenn er sich wie Herr Skomina vor zwei eigentlich harmlosen und höflichen Trainern aufplustert wie ein Huhn mit Stromkabel im Hintern? Bei schlecht gelaunten und vor harten Sanktionen nicht zurück schreckenden Lehrern vermuten Schüler häufig Eheprobleme in Tateinheit mit Potenzproblemen. Sind Schiedsrichter nicht so etwas wie die Oberlehrer auf dem Fußballplatz, die den Schülern zwar nichts beibringen, dennoch kräftig austeilen?

In Deutschland kommt man als Schiedsrichter mit Profilneurose nicht allzu weit. Viel zu oft immerhin noch in die Bundesliga, aber selten zu großen Turnieren. Dorthin schaffen es nur die integren, bodenständigen Merks, Fandels und Heynemanns. Dabei widersprechen Arroganz und Auffälligkeit ohnehin dem Erfolgsrezept eines Schiedsrichters. Denn ein guter ist der, der nicht auffällt, weil er a) die richtigen Entscheidungen fällt und sich b) nur einmischt, wenn es wirklich nötig ist, so dass der Fan nach 90 Minuten am besten gar nicht mehr weiß, wer da eigentlich gepfiffen hat. (Falls das heutzutage in den feierfreudigen Rudelguckoasen überhaupt noch jemand weiß. Die Namen der beiden Mannschaften fallen dort ja schon in die Kategorie „fortgeschritten“.)

Während auf dem Platz schon nicht immer ganz klare Köpfe die Pfeife im Mund haben, halten in den höheren Etagen der Untersuchungsausschüsse und Fußballgerichte noch viel schwärzere Schafe die Zügel in der Hand. Fingerspitzengefühl ist dort ein Fremdwort, Größenwahnsinn Grundnahrungsmittel. Auch deshalb – obwohl, eigentlich nur deshalb – sitzt Jogi Löw morgen nicht auf der Bank. Er wird dem vierten Offiziellen kein „Arschloch, Wichser, Hurensohn“ an den Kopf geworfen, ihm keine badischen Volkslieder vorgesungen haben, sondern besonnen wie immer die Sache angegangen sein – mit einem humanen Puls und ohne Polemik. Ein Bilic und ein Terim dürfen am Spielfeldrand sozusagen Feuerwerkskörper zünden. Der liebe Löw und der heitere Hickersberger dürfen nicht einmal ihr großzügig ausgelegtes Gehege im Happel-Stadion beackern.

Deutschland wird morgen nicht ausscheiden, weil der Trainer auf der Bank fehlt. Aber wie schon 2006 ist am DFB ein Exempel statuiert worden, das Fragen über den Intelligenzgehalt der Fußball-Funktionäre aufwirft. Damals wurde Torsten Frings nach einem Wangenstreichler fürs Halbfinale gegen Italien gesperrt. Wie das ausging, wissen wir.

EM-Tagebuch (21) -
Einmal Wien-Waterloo-Wien, bitte

Kroatien war im Nachhinein mit Sicherheit kein glückliches Los. Aber da waren ja noch die Österreicher. Also doch wieder: das gute, alte Losglück. Warum selbst Kurt Beck die Kanzlerin kalt lässt, wenn Jogi in Not ist und warum Portugal am Donnerstag sein schwarz-rot-goldenes Wunder erlebt.

Am 2. Dezember 2007 ging ein Aufschrei durch Deutschland und nicht nur dort. Ganz Europa bemühte die alte Leier vom „deutschen Losglück“. Uns war das herzlich egal, schließlich ließ die Kombination Kroatien-Polen-Österreich vor unserem geistigen Auge bereits einen viel versprechenden Film ablaufen: Mit den Siegerehrungen der Europameisterschaften 72, 80 und 96, mit einem gewissen Oliver Bierhoff, der sich in London das Trikot vom Leibe reißt (wobei keineswegs die Handlung selbst, sondern der Grund für diese Entblößung bei der männlichen Fraktion Heiterkeit erweckte). Nicht mit von der Partie waren natürlich diverse Lichtgestalten (vielmehr 5 Watt Birnen) wie Erich Ribbeck, Carsten Jancker oder Fabian Ernst. Denn die entstammen einer Zeit, die im Sommer 2008 nicht nur vier bzw. acht Jahre, sondern gefühlte 3700 Jahre in die Vergangenheit befördert werden sollte.

163 Tage nach jenem verregneten Dezembertag erlitt die Sage vom Losglück einen herben Dämpfer. „Pah, von wegen Glück“, hallte es durchs Land. Die deutsche Nationalmannschaft hatte ihr kroatisches Vorrunden-Waterloo erlebt. Jogi Löw wünschte sich bereits, dass es Nacht werde oder Klinsmann herbeigeeilt komme. Doch genauso schnell wie das jahrzehntelang währende Glück der deutschen Mannschaft - das immer aufflacktert, sobald mehrere Plastikkugeln und Papierschnipsel sich um Umkreis von 100 Metern befinden - sein vermeintliches Ende gefunden hatte, erlebte es seine Wiedergeburt. Und ob wir Glück hatten!

Denn gegen geschätzte 20 andere Mannschaften dieses Kontinents wären wir am Dienstag eingegangen. Aber nein: Das Losglück bescherte uns einen Gegner, den man sogar auf den Färöer-Inseln nur einlädt, wenn der letzte Erfolg der Nationalmannschaft sich bereits zum zehnten Mal gejährt hat. Österreich hätte in der Quali doppelt Punkte kassieren können und es trotzdem nie und nimmer zur EM geschafft. Die UEFA ist ein soziales Gebilde, man mag es zwar kaum glauben. Aber wer es schafft, das Österreich an einem großen Turnier teilnimmt, ohne sich dabei auf illegale Pfade zu begeben, muss ein herzensguter Mensch sein.

Österreich hat sich nicht blamiert, sondern gezeigt, dass die ganz dunklen Tage vorbei sind. Allzu hell ist es dort, fußballerisch betrachtet, aber immer noch nicht. Meine Mutter hat den Wunsch geäußert, dass Spiele in bestimmten – besonders gravierenden – Fällen auf die Tageslänge von 24 Stunden gestreckt werden, um herauszufinden, wie viel Zeit vergehen würde, bis eine schier dem Untergang geweihte Mannschaft ein Tor erzielt. Ich hatte das Gefühl, ich säße noch heute vor dem Fernseher. Wahrscheinlich wäre das „Achtelfinale“ in Wien nie angepfiffen worden, schließlich hätten die Österreich ihr Auftaktspiel gegen Kroatien aufgrund chronischen Tormangels noch nicht zu Ende gespielt.

Nun sollte aber auch Schluss sein mit dem Spott, vielleicht ist es auch nur ein Abwehrreflex, um irgendwie um eine Bewertung des Spiels aus deutscher Sicht herumzukommen. Das Scheitern eines gewissen EU-Reformvertrages schien die Kanzlerin spätestens ab der 40. Minute nicht mehr sonderlich zu interessieren. Ihr wichtigster Minister war der Coaching-Zone verwiesen worden. Wen kümmern da die Iren. Jogi Löw auf der Tribüne – Kurt Beck könnte in der Halbzeitpause zum Bundeskanzler ernannt werden, selbst Frau Merkel hat Wichtigeres zutun, wenn ein slowenischer Profilneurotiker auf der Nase unseres Bundestrainers volkstypische Tänze vollführt. Vermutlich hat sie ihrem Vize Fritz-Walter, äh pardon, Frank-Walter Steinmeier vor dem 1:0 auch nur schnell gesimst, dass er den vierten Offiziellen glimpflich davon kommen lassen soll. Schließlich hat Slowenien bis zum 30. Juni die Ratspräsidentschaft inne. Wer weiß, wozu ein gutes Standing bis dahin noch zu gebrauchen ist.

Wenigstens Kommentator Bartels hatte eine Eingebung. “Vielleicht steht da gleich drauf ‚1:0 Ballack’“, mutmaßte er vor dem Siegtor über den Inhalt der Kanzlerinnen-Kurzmitteilung. Er sollte öfter von seinen Kassandra-Qualitäten Gebrauch machen. Aber ich weiß, wie das ist: Man will es ja nicht überstrapazieren. Deswegen sage ich auch nicht allzu oft, dass wir immer noch Europameister werden.

Wie schon gegen Kroatien war das Spiel über weite Strecken eine Qual, allein die Gegentore fehlten diesmal. In der Halbzeit lächelte mich die DVD des Wembley-Sieges von 1972 an. Rasantes Kurzpassspiel, Athletik und Dynamik hätte ich da sehen können (im Vergleich zu unserer Spielweise bei dieser EM allemal), stattdessen durfte ich mir Standfußball aus dem Jahr 2008 ansehen. Grausam.

Mario Gomez hat nicht nur einen gravierenden Fehler begangen, als er Kloses Querpass beinahe über das Tor semmelte und dann so konsterniert war, dass er nicht einmal mehr in der Lage war, die Stirn zum Einnicken anzuheben. Nein, er versuchte sich zudem bei der Nationalhymne erstmals als Wiener Sängerknabe (ich glaube aber, er hat etwas anderes gesungen, das sah höchstens nach post-epileptischer Lippengymnastik aus). Entweder richtig simulieren oder gar nicht, Mario.

Vor lauter Sarkasmus, in den mich meine Frustration treibt, bleibt mir am Ende nur eine Erklärung für unseren geradezu englisch anmutenden Niedergang seit dem 12. Juni: Jogis Jungs bluffen, was das Zeug hält. Und am Donnerstag ist Pokerstar Torsten Frings vermutlich verletzt. Das heißt: Karten auf den Tisch, "all in" und die Portugiesen schlagen. So wird es kommen.

Dienstag, 17. Juni 2008

EM-Tagebuch (20) -
Der Spielbericht ohne Bericht

Stückwerk bei entscheidend-is-aufm-platz. Nehmen wir es als Metapher für's deutsche Spiel von gestern.

Vor dem Spiel gibt's erst einmal die Spieler.
14 Mann, die meisten ohne Duftnote, alle (bis auf die zwei Spätberufenen) mit Kopfnote:

Lehmann: Strahlte im Gegensatz zu den ersten beiden Partien viel Sicherheit aus. Fing ab, was abzufangen war. Wurde nicht zu nennenswerten Paraden gezwungen, stürmte in Hälfte eins aber zweimal sehr aufmerksam aus dem Tor – fehlerlos, selten gefordert, 3.

Lahm: Einer der besten Leute auf dem Platz. Beackerte die linke Seite, verhinderte reihenweise Flanken, allein deshalb schon besser als Jansen. Erfolgreicher als auf rechts mit seinen Vorstößen in der Offensive, weil er nach innen ziehen konnte. Holte mit einem beherzten Solo den Freistoß raus, der zum 1:0 führte. Mit den zweitmeisten Ballkontakten und der besten Zweikampfbilanz im deutschen Team. Mein persönlicher "Man of the Match". Gute Leistung – 2,5.

Mertesacker: Allgegenwärtig und konsequent, spielte dabei wie so oft kein einziges mal Foul. 71% gewonnene Zweikämpfe sind sehr zeigenswert. Nach dem schwachen Kroatien-Spiel wieder voll auf der Höhe und absolut zuverlässig. Allein das Rumgeschiebe vor der Abwehr mit Metzelder erinnerte an ganz triste Länderspieltage. Eigentlich Kandidat für eine bessere Note, doch aufgrund der Defizite am Ball „nur“ eine 3.

Metzelder: Spielte seinen Part ebenfalls sehr ordentlich, nicht ganz mit der Entschlossenheit seines Nebenmanns. Jedoch kaum von ihm zu unterscheiden, was die Qualitäten in der Offensive angeht: Personifizierte Ungefährlichkeit bei Standards. Hinten jedoch sehr solide, wird’s gegen Deco und Ronaldo dennoch schwer haben. Gegen Österreich hat’s (Gott sei Dank) noch dicke gelangt – 3,5.

Friedrich: Bester Zweikämpfer nach Lahm, sah aber schon gegen einen Korkmaz ab und zu überfordert aus. Dennoch im Grunde eine gute Leistung hinten rechts, dürfte Donnerstag wieder mit von der Partie sein, falls Fritz nicht nach hinten rückt. Wie die Innenverteidigung jedoch ein Armutszeugnis im Angriff – wegen der guten Zweikampfwerte und einem befriedigenden Gesamteindruck noch eine 3,5.

Frings: Leicht verbessert, jedoch noch immer nicht gut. Für ihn gilt Ähnliches wie für Lahm: Zeigt immer Einsatz und spielt einigermaßen zufriedenstellend. Doch auf diesem Niveau muss es eben auch mal mehr sein (was Lahm beispielsweise gestern brachte). Man hat das Gefühl neben Ballack ist er eingeengt, brach sich zudem die Rippe in einem vermeintlich harmlosen Zweikampf, Donnerstag vielleicht nicht mit dabei. Nicht so schlecht wie gegen Kroatien, aber nicht annähernd in der Form von 2006 – 4.

Ballack: Allein der Freistoß verdient Bestnoten – exzellente Schusstechnik, unbändige Wucht, ein Traumtor. Umging die gefürchtete Gelbe trotz dreier Fouls. Wirkte offensiver als in den Spielen zuvor, sollte jedoch weg von der 6 und vor Frings spielen, ist mit seiner Torgefährlichkeit im defensiven Mittelfeld verschenkt. Immer noch nicht zu vergleichen mit seinen letzten Auftritten bei Chelsea, häufig zu behäbig, nicht wach genug – für mich nicht „Man of the Match“ (bei der UEFA zählen ja eh nur Tore), aber immer noch zufrieden stellend und mit dem Tor des Tages, 3.

Podolski: Setzte zu Beginn mit seinem klasse Schuss ein erstes Zeichen. Bekam danach in der Offensive nicht mehr allzu viel auf die Reihe. Passte glänzend mit dem Absatz auf Lahm, der nicht im Abseits stand. Gehört einfach mit seinem kraftvollen und technisch hochwertigen Spiel in die Mannschaft. Inzwischen im Mittelfeld vielleicht etwas verschenkt. Sollte besser über 90 Minuten mit Klose stürmen. Freilich nicht sein bestes Länderspiel, aber immer noch ein ordentliches – 3.

Fritz: Weiterhin auf dem absteigenden Ast. Vorne wirkungslos. Nur mit 39 Ballkontakten in 90 Minuten – viel zu unauffällig. Leistete sich zwar keine gravierenden Fehler, offenbarte jedoch technische Mängel. Hat anders als gegen Polen diese nicht mit einem hohen Laufpensum wettgemacht. Gehört wohl doch eher nach hinten rechts, kein Schneider-Ersatz – diesmal eine 4.

Gomez: Längst nicht mehr tragbar im Sturm, vergab nach wenigen Minuten die dritte (!) Hundertprozentige des Turniers. Vollkommen verunsichert, ging danach mehr als nur unter – hatte 16 Ballkontakte, gewann ganze 2 seiner 12 Zweikämpfe, brachte von 6 Pässen nur die Hälfte zu Mann. Ist beileibe ein talentierter Mann, spielt jedoch eine grottenschlechte EM. Gehört in dieser Verfassung auf keinen Fall in die Startelf – die 6 bleibt großzügig stecken, ich bin wieder viel zu nett, 5,5.

Klose: Mit seiner besten Aktion, als er drei Österreicher auf sich zog und Gomez so in Szene setzte, dass dieser (eigentlich) hätte treffen müssen. Als Vollstrecker eher mit begrenzter Effektivität, schoss aber immerhin viermal aufs Tor. 30 geführte Duelle sprechen für viel Einsatz, nur 12 erfolgreiche dagegen für mangelndes Durchsetzungsvermögen. Mit 34 Ballkontakten zu versteckt für einen tendenziell „spielenden“ Stürmer. Eines sicheren Tores beraubt, als Lahm fälschlicherweise zurückgepfiffen wurde. Seine Leistungen fügen sich nahtlos ins Bild der Bundesliga-Rückrunde ein – ab und zu blitzt es auf, mehr leider nicht, 4.

Hitzlsperger ab 60.: Konnte sich nach der Hereinnahme für Gomez weder vorne noch hinten nennenswert einbringen. Der einzige Schussversuch landete im Wiener Abendhimmel. Machte wenig falsch, jedoch genauso wenig richtig. Eher erfolgloses Bewerbungsgespräch für einen Einsatz in der Startelf – 4,5.

Neuville ab 83.: In ungefähr neun Minuten effektiver und (im positiven Sinne) auffälliger als Gomez. Wirkte sehr ballsicher und agil, vergab jedoch eine Hundertprozentige mit dem Schlusspfiff. Hätte sich so nachhaltig in Erinnerung bringen können – vielleicht hätten wir ihn gegen Kroatien eher gebraucht als die Schalker Schmalztolle Kuranyi. Neuville natürlich ohne Wertung.

Borowski ab 90. + 3.: Kein Kommentar. Oh doch: Ohne Ballkontakt. Bereits der 18. eingesetzte Spieler.


Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Frings, Ballack – Fritz (90.+3 Borowski), Podolski (83. Neuville) – Gomez (60. Hitzlsperger), Klose

Tore:
1:0 Ballack (49.)

Gelbe Karten: Stranzl, Hoffer, Ivanschitz




Danke an den ZDF-Videotext

EM-Tagebuch (19) -
Links, rechts, vor und zurück...

Langsam macht er mir Angst, der kleine Philipp.


Der Mann ist so vielseitig, dass er sogar selbstlos für seine eigene Person einspringt, wenn es mal irgendwo zwickt. Vorbildlich!
Was gestern ebenso vorbildlich war und was eher weniger, dazu später mehr.

Quelle: Rheinische Post

Montag, 16. Juni 2008

EM-Tagebuch (18) -
Bildungsreform

Ein Revolutionsversuch und die Frage: Wie attraktiv ist die EM tatsächlich? (Bei gewissen Medien würde es jetzt um Sylvie Van der Vaart und Co. gehen, die haben hier übrigens Hausverbot. Schade eigentlich.)

Qualitätsmerkmale für ein Fußballspiel lassen sich selten abarbeiten wie ein Einkaufszettel. Es gibt keinen einheitlichen Erwartungshorizont wie beim Zentralabitur, wo jeder Fan einfach seine Punkte in verschiedene Kategorien einträgt und am Ende ein schlüssiges Ergebnis zustande kommt. Erst- und Zweitkorrektor würden allzu oft blutige Hahnenkämpfe über die Notenvergabe verwickelt, die eine objektive Drittkorrektur wohl kaum schlichten kann. Der Kicker versucht es dennoch – seltener mit übermäßigem Erfolg, aber meist ausreichend. Das soll sich ändern - zumindest, was die Existenz eines Erwartungshorizontes angeht, der Kicker macht ja eh sein eigenes Ding.

Ob es eine bestimmte Marschroute für die Spielnoten bei diesem Turnier gibt, ist mir nicht bekannt. Ob Zensur samt Einzelnoten erst nach zweistündiger Redaktionssitzung inklusive 16 Liter Kaffee, siebzehn Mullbinden und drei Packungen Hansaplast zustande kommen, weiß ich ebenso wenig (in Anbetracht einiger Noten, die da manchmal montags und donnerstags ins Haus flattern, könnte ich mir auch einige Flaschen Hochprozentigem im Sortiment vorstellen).

Relativ einhellig wird derzeit verkündet, dass diese Europameisterschaft mit ihrem Offensivfußball kaum zu überbieten sei. Lob für angriffslustige Spielausrichtungen wird ausgeschüttet wie sonst nur „alles außer Tiernahrung“ bei Praktiker, so dass einem angst und bange wird. Doch hält die EM wirklich, was momentan über sie gesagt wird?

Der Kicker jedenfalls setzt Duftmarken am laufenden Band. Die bisherigen 18 Spiele kommen auf einen Notenschnitt von 2,86, so dass sich folgender Notenspiegel ergibt (auf Schulstandards angepasst):

Note: 1/2/3/4/5/6 Schnitt: 2,86
Häuf.: 3/5/6/2/2/0

Zum Vergleich: In der Bundesligasaison 2006/2007 – bekanntlich eine attraktive und vor allem spannende Ausgabe – hagelte es im Schnitt nur eine 3,39. Das heißt bei dieser EM: Eine 3+ anstelle von einer 3-. Na gut, Wolfsburg und Bielefeld spielen da auch nicht mit, dafür aber Griechenland und Rumänien, die den Schnitt sozusagen von Dachgeschoss in die zweite Etage getrieben haben. Das jeweilige Auftaktspiel der beiden wurde mit einer glatten 5 bewertet. Die Rumänen betrieben in ihrer zweiten Partie gegen Italien wenigstens Wiedergutmachung. Für das Auf und Ab beim 1:1 samt verschossenem Elfer gab es eine 1,5 – sieht schwer nach Abweichprüfung aus für die Rumänen. Auch Frankreich (Gegner Rumäniens beim bisherigen Grottenkick des Turniers) glättete die Wogen, jedoch etwas unfreiwillig. Wohl eher die Holländer erhielten für ihre Galavorstellung gegen den Vize-Weltmeister eine 1,5. Die Franzosen litten in ihrer Statistenrolle.

Überhaupt sitzt das „sehr gut“ bei dieser EM etwas lockerer. Drei Einsen in 18 Spielen, nur sieben Stück in einer ganzen Bundesligaspielzeit. Neben den Noten kann sich auch die Torausbeute nach leichten Anfangsschwierigkeiten sehen lassen. 46 Treffer in 18 Partien bedeuten einen Schnitt 2,56 – derzeit Platz sechs unter dreizehn EM-Endrunden, Platz drei unter den bisher acht Ausgaben mit Gruppenrunde. Und da die Klasse eines Spiel ständig an der Anzahl seiner Tore gemessen wird, ist dies ein weiteres Indiz für das hohe Niveau des kontinentalen Wettstreits anno 2008.

Wobei der Verlauf der meisten Spiele eigentlich nicht für hohen Fingernagelverschleiß spricht. In 13 von 18 Fällen gewann das Team, das in Führung ging, 11-mal davon fiel nicht einmal der zwischenzeitliche Ausgleich, achtmal gab es einen Zu-Null-Sieg. Drei Spiele endeten mit einem Unentschieden, eins davon torlos. In den restlichen beiden Partien drehte die Türkei sowohl einen 0:1- als auch einen 0:2-Rückstand. Doch wenn ein Team schon dominierte, dann in solch einer Art und Weise, dass der geneigte Beobachter vor lauter Zungeschnalzen ein gerade noch erträgliches Schmerzgefühl im Mund verspürte.

Zum Schluss, wie oben angekündigt, der gewagte Versuch, einen Bewertungsbogen für ein Fußballspiel zu erstellen. Der wissenschaftlich völlig unausgereifte "Kicker-Konkurrenzbogen" zum Ausdrucken und Selbsteintragen:
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Am besten speichern und in Word einfügen, sonst haut's mit den Rändern nicht hin.