Mittwoch, 21. Mai 2008

Fußball-Klaustrophobie

Der gestrige Blick in den Videotext hat mich geschockt. Grund waren die neuen Spielpläne der 1. und 2. Bundesliga: 15 Stunden Fußball am Wochenende, ist das meine Berufung? Nein, ich will nicht. Oder doch?

Man sollte den guten, alten Videotext definitiv nicht unterschätzen. Einmal am Tag, meist zur Mittagszeit, gönne ich mir die Seiten 200-230 auf ARD und ZDF. Man könnte jetzt eigentlich davon ausgehen, dass das Internet den Videotext genauso wie Rundfunk und TV längst abgehängt hat, was die Schnelligkeit angeht, mit der wichtige Nachrichten zum Otto-Normal-Fußballfan durchsickern. Doch das ist – wie ich gestern mal wieder feststellen musste – bei weitem nicht der Fall.

Während die Schlagzeilen online zwar unterm Strich schneller abrufbar sind, gehen sie jedoch in ihrer Fülle und aufgrund der Schwemme von relevanten Anbietern mittlerweile regelmäßig unter. Im Videotext sind die gleichen Nachrichten - häufig sogar textidentisch, weil vom sid verbreitet - fast zeitgleich abrufbar, jedoch fiel schneller zu finden. Und so war es gestern am frühen Abend eben einmal mehr der Videotext, der an meiner Tür klingelte und eine der ungeliebten Hiobsbotschaften überbrachte: die Spieltagszusammensetzung der 1. und 2. Bundesliga ab der Saison 2009/2010.

Ok, die BILD fiel schon morgens mit der Tür ins Haus. Aber in China könnte der berühmte Reissack umfallen, davon würde ich unter Umständen früher Wind bekommen, weil ich eher Annoncen auf Klopapierrollen in öffentlichen Toiletten lese als die Bild-Zeitung.

Am liebsten hätte ich auf der Stelle ein Beschwerdeschreiben an die DFL aufgesetzt, das parallel mit einer Klage adressiert ans Kriegsverbrechertribunal in Den Haag im Briefkasten gelandet wäre. Doch nachdem mir im ersten Augenblick keinerlei Argumente für die neue Regelung eingefallen waren, sondern nur niederschmetternde Tatsachen à la „wir armen Fans“, lichtete sich der Ärger nach ein paar Stunden, so dass ich inzwischen – steinigt mich, oder stimmt mir zu – den Plänen zumindest 50:50 gegenüber stehe.

Fassen wir erst einmal zusammen, was neu ist:

Bundesliga

alt:
1 Spiel am Freitag um 20:30, 6 Spiele am Samstag um 15:30, 2 Spiele am Sonntag um 17:00

neu:
1 Spiel am Freitag um 20:30 (achtmal pro Saison – jeweils nach Länderspielen – samstags um 20:30), 5 Spiele am Samstag um 15:30, 2 Spiele am Sonntag um 14:45, 1 Spiel am Sonntag um 17:00 (bis zu achtmal pro Saison sonntags um 20:30)

2. Bundesliga

alt:
3 Spiele am Freitag um 20:30, 5 Spiele am Sonntag um 14:00, 1 Spiel am Montag um 20:15

neu:
3 Spiele am Freitag um 18:00, 1 Spiel am Samstag um 13:00, 4 Spiele am Sonntag um 12:30, 1 Spiel am Montag um 20:15 (wenn kein Freitagsspiel in der 1. Liga, dann achtmal freitags um 20:30 – so wie ich es verstanden habe)

Wer schon immer davon geträumt hat, nicht nur 24/7 an Fußball denken zu dürfen, sondern sich ab Freitagabend um 18 Uhr bis sonntags um sieben gerne in sein Wohnzimmer sperren will, ohne dazwischen einen Fuß vor die Tür zu setzen, der wird gestern jubelnd von seinem durchgesessenen Sessel aufgesprungen sein. Ich gehöre übrigens nicht dazu, denke zwar – wenn ich nicht gerade an etwas anderes denken muss – gerne an Fußball. Aber eigentlich hatte ich vor, mein Wochenende bis auf den Samstag- und Sonntagnachmittag wenigstens halbwegs ohne Fußball zu verbringen.

Vorher gab es sechs Termine (Fr. 18:00, Fr. 20:30, Sa. 15:30, So. 14:00, So. 17:00, Mo. 20:15), die man sich merken musste. Ab 2009 werden es mindestens acht sein. Theoretisch wird es in Zukunft durch das glorreiche „Topspiel des Monats“ zehn verschiedene Kombinationen von Tagen und Uhrzeiten geben. Das bedeutet, dass man sich anstatt 6 x 90 = 540 Minuten (wenn man sich die Vor-, Halbzeit- und Nachberichte spart) nun bis zu 720 Minuten am Wochenende mit Live-Fußball aus Liga 1 und 2 vertreiben kann. Von Freitag um 18 Uhr bis Montag um 22 Uhr verbrächte man somit – abzüglich acht Stunden Schlaf pro Nacht und einen ebenso langen Arbeitstag am Montag – 16 von 60 Minuten vor dem Fernseher. Ich spare es mir jetzt die Sportschau, das Aktuelle Sportstudio und sämtliche Hattrick-Sendungen dazuzurechnen.

Vom 1. Februar bis zum 7. Mai dieses Jahres fanden an 83 von 97 Tagen entweder Bundesliga-, Zweitliga-, DFB-Pokal-, UEFA-Cup-, Champions-League- oder Länderspiele statt. Es ist also nicht so, dass der berüchtigte Rahmenterminkalendar derzeit irgendjemanden fußballerisch dehydrieren ließe. Es ist ebenfalls nicht der Fall, dass mich diese Fülle an Fußball erdrückt. Mich beschleicht schlichtweg die Angst, dass es irgendwann den Tag geben könnte, an dem ich den Fernseher samstags um halb vier genervt ausschalte und die Düsseldorfer Rheinauen aufsuche, um dort ein Picknick mit Freunden zu veranstalten (ohne Nutella, um bloß nicht in das Gesicht eines Fußballers blicken zu müssen).

Man kann also sagen, dass die Pläne der DFL mich beängstigen, weil sie mich irgendwann dazu bringen werden, einer Sucht ins Gesicht zu sehen, zu realisieren, dass ich nicht anders kann. Obwohl mir das irgendwie auch so längst klar ist.

Diese Sucht hat einen eigentlich wunderschönen Nebeneffekt namens Dauerkarte, der ab der nächsten Saison zudem noch den Zusatz „Auswärts-“ bekommen soll. Das bedeutet, ich werde mich im nächsten Jahr (Jahre beginnen stets im August und enden im Juni, den Juli gibt bekanntlich nicht) theoretisch an 32 Wochenenden – die im Schnitt zwei Englischen Wochen abgezogen – auf dem Weg in den Borussia-Park oder in eines von 17 anderen Bundesliga-Stadien befinden.

Darauf freue ich mich und bin froh, dass ich mir geschworen habe nur die Zivildienst-Saison vor dem Studium für dieses Sisyphos-Programm zu nutzen. Doch wie ich mich kenne, werde ich auch im Jahr danach alle Hebel in Gang setzen, um meiner Borussia hinterher zu reisen. Denn wenn einmal die nächste Stufe der Verrücktheit erklommen ist, gibt es selten ein zurück. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Früher konnte man als Arbeitnehmer davon ausgehen, dass man sich einfach den Freitagabend frei hält (Samstagsarbeiter müssen bei Heimspielen um zwei Uhr Feierabend machen) und schon eine Kollision von Job und Fußball ausgeschlossen ist. Vor allen Dingen gebeutelte Zweitliga-Fans werden nun vor eine harte Probe gestellt, da sie sich erstens nicht mehr auf den fußballfreien Samstag verlassen können und zweitens direkt nach dem Frühstück ins Stadion aufbrechen müssen/dürfen – es sei denn sie sind Platzwart desselbigen.

Vor lauter Frust über die Zwangsjacke Live-Übertragung bin ich jetzt immer noch nicht dazu gekommen, die wenigen – aber, so viel Ehrlichkeit sei angebracht, dennoch vorhandenen – Argumente für einen derartigen Spielplan zu erwähnen, wie ihn sich die DFL zusammengezimmert hat. Eigentlich beeinflussen sie mein Fandasein auch nur marginal. Denn was habe ich schließlich von ein paar Milliönchen mehr für meinen Verein, wenn sie jeder Klub abbekommt?

Die verlängerte Ruhezeit sei den im Europacup aktiven Spielern gegönnt. Ich wäre ohnehin dankbar, wenn ich mich in absehbarer Zeit einmal darüber echauffieren dürfte, dass die Borussia nach einem UEFA-Cup-Spiel in Zagreb nur 39 Stunden Regenerationszeit zur Verfügung hat, bis sie als Tabellenführer den FC Bayern München in der Bundesliga empfängt. Von daher ist das meiner Ansicht nach sowieso ein Luxusproblem. Das verschobene Samstagsspiel auf den Sonntag ist damit verziehen. Nicht so die kannibalische Zerstückelung des Sonntages.

12:30 Uhr, 14:45 Uhr, 17:00 Uhr – zwischen den Spielen der 2. und 1. Liga bleibt je eine halbe Stunde, die gerade einmal dazu reicht, den Backofen vorzuwärmen und eine Pizza zu backen. Zum Glück hat sich die Borussia aus der Zweiten Liga wegrationalisiert, so dass mich Spiele wie Sandhausen gegen Wehen nicht unbedingt interessieren müssen. Es sei denn, Gladbach plant den Wiederwiederabstieg und ich habe die Aufgabe, die Gegner für die nächste Zweitligasaison zu scouten.

Insgesamt 18 Live-Spiele pro Saison gönne ich der ganzen Welt genauso, wie den Spielern ihre Ruhepause. Aber ich gehe davon aus, dass jeder, dem so viel daran liegt, entweder eine Dauerkarten besitzt, samstags um 15:30 Uhr eine Kneipe aufsucht, oder ein Premiere-Abo besitzt. Somit werden größtenteils die sporadischen Gucker belohnt, die "Neutralen" und all jene, die "ihrem" Verein, wenn es hoch kommt, 30 Euro pro Jahr in die Taschen spülen.

Und während ich mir hier meinen Frust über die DFL, meine Sucht und den UEFA-Cup von der Seele geschrieben habe, fällt mir auf, dass das mit der 50:50-Einstellung vollkommener Blödsinn war. 90:10 – darüber können wir uns unterhalten. Vielleicht auch noch über 89:11 – aber dann ist Sense.

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