Nach einem vergleichsweise nichtssagenden 0:0 gibt es keinen Grund extrem in irgendeine Richtung zu tendieren und in Miesmacherei oder Schönrederei zu verfallen. Der Weg durch die Mitte, er könnte auch auf anderen Schauplätzen dieser Tage der richtige sein.
Wenn in Italien ein Fußballfan (egal ob nun tragisch, willkürlich oder begründet) von einem Polizisten erschossen wird, wütende Fans wiederum in Bürgerkriegsszenarien römische Polizeistationen stürmen, dann mutet ein Montagabendspiel der Zweiten Bundesliga schon beinahe eklatant bedeutungslos an. Aber geben die Ereignisse in Italien wirklich Anlass dazu, zum wiederholten Male den Sinn und die Bedeutung eines einfachen Ballsports zu diskutieren? Aus der Sache kommen wir doch sowieso nicht mehr raus. Nur ist das genau der Grund, warum wir trotzdem darüber debattieren.
Nachrichten dieser Art, über Ausschreitungen im Land des Weltmeisters, haben heutzutage in den Nachrichten den Stellenwert eines Rücktritts von Franz Müntefering. Was wirklich wichtiger ist, sei jedem selbst überlassen.
Auf jeden Fall dient der Fußball als Spiegel unserer Gesellschaft. Randalierende Rechtsextreme in ostdeutschen Oberligastadien – das ist alles andere als Zufall, so traurig es ist. Da Rassismus und Randale in Deutschland genauso ein Problem sind wie in der Serie A, verbietet sich der Fingerzeig von oben herab auf den scheinbar untätigen italienischen Verband ohnehin. Der DFB ist alles andere als untätig. Im Griff hat er das Problem trotzdem nicht.
Eine heimische Fußball-WM wird zum Rettungsanker des verloren geglaubten Patriotismus. Die Vergabe der Fernsehrechte wird ähnlich kontrovers diskutiert wie die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Ein Teil der deutschen Bevölkerung bekommt dabei Wahnzustände am Rande des Zumutbaren, weil ihr dafür jegliches Verständnis abhanden gekommen ist. Der Rest steht in vorderster Front und sorgt persönlich dafür, dass eben dieser Status des Sports und insbesondere des Fußballs bloß keinen Zentimeter an Boden verliert – weil er für viele eben genauso wichtig ist wie Politik und Aktienkurse. Man ist geneigt zu behaupten, er sei „lebenswichtig“.
Und so wäre es auch für mich unvorstellbar gewesen, aufgrund der erschreckenden Ereignisse des Sonntags und schon gar nicht wegen einer bevorstehenden vierstündigen Matheklausur das eigentlich – wie oben schon erwähnt – bedeutungslos anmutende Spiel der Borussia in München vorm Fernseher sausen zu lassen. Aber irgendwie ist etwas anders an diesem Abend. Das Bauchgefühl verheißt wenig Positives. Die 12-Grad-bewölkt-grauen Sitze in der Allianz-Arena sind nicht nur immer noch da, sondern auch zu fast 50 Prozent während des ganzen Spiels unbesetzt. Und selbst die angereiste Gladbacher Fangemeinde ist in ihrer Größe fast ungewohnt klein. Es sei ihnen, uns und mir verziehen – wer kann es sich denn ernsthaft erlauben, zwei Tage frei zu nehmen, um für 90 Minuten mehr als 600 Kilometer in den Süden zu fahren? Aber ich glaube, dass ich mich in dieser Hinsicht langsam wiederhole.
Das Grummeln im Magen spiegelt in der ersten Hälfte relativ realistisch wider, was sich auf dem Platz abspielt. 60 taucht häufiger an der Grundlinie auf und die von dort aus geschlagenen Flanken bereiten der Gladbacher Innenverteidigung und einem unsicher wirkenden Keeper Heimeroth das ein oder andere Mal Probleme. Hinten rechts wird Levels schon früh vom agilen Bierofka in einen albtraumähnlichen Zustand versetzt, dem er bis zu seiner Auswechslung in der Schlussviertelstunde kaum entkommen kann. Vorne spielt Touma erstmals von Beginn an für den kranken Van den Bergh, der eigentlich für den müden Marin auflaufen sollte. Der Schwede mit libanesischen Vorfahren, immerhin zweifacher Nationalspieler, macht über weite Strecken den Eindruck, er leide sowohl an Fieber als auch an Müdigkeit. Wie ein Fremdkörper wirkt der Neuzugang in einer eigentlich gut funktionierenden Gladbacher Elf. Und ausgerechnet Touma ist es, der nach einer guten Einzelleistung den linken Pfosten trifft und in dieser Situation einfach nur Pech hat.
Technisch und spielerisch hat es schon schlechtere Halbzeiten in der Fußballhistorie gegeben. Arm an Szenen, die den Blutdruck merklich erhöhen, ist der erste Durchgang trotzdem. Wolff erzielt kurz vor dem Pausenpfiff das 1:0 für die Löwen, war jedoch den berühmten Tick zu früh gestartet. Die Fahne des Linienrichters ist sofort oben.
Ghvinianidze lässt die Gladbacher Fans aufschrecken, als er Sascha Rösler mit gestrecktem Bein am Oberschenkel regelrecht rasiert. Der Ex-Löwe Rösler kann jedoch weiter machen. In den USA buchstabieren alljährlich Schulkinder bei der „Spelling Bee“ um die Wette, der Name des Georgiers wäre selbst für die amerikanischen Buchstabierkönige eine echte Herausforderung.
Hälfte zwei bietet ein ähnliches Bild wie die ersten 45 Minuten. 1860 München hat unterm Strich mehr und bessere Möglichkeiten. Das 0:0 ist jedoch weiterhin ein gerechtes Ergebnis. 12:9 – um die 75.Minute wird die Torschussstatistik eingeblendet, die genau diesen Eindruck unterstreicht. Geschätzte sechs Schüsse gehen dabei auf das Konto von Berkant Göktan, der Gott sei Dank mit wenig Zielgenauigkeit an die Sache heran geht.
Friend kann kurz vor Schluss aus einem torlosen Remis, das man gerne mitnimmt, einen knappen Sieg machen, mit dem man sich noch lieber auf die Heimreise begeben würde. Doch der Kanadier vergibt die sehr gute Kopfballmöglichkeit und bleibt wie zuletzt gegen Köln, Bayern und Jena weit unter seinen Möglichkeiten.
Am Ende bleibt es beim 0:0. Im Gegensatz zum Euphorie entschärfenden Unentschieden gegen Köln und dem wichtigen Erfolg gegen Jena trotz schwacher Leistung fällt es schwer dieses Ergebnis irgendwie einzuordnen. „Letztes Jahr hätten wir so ein Spiel mit Sicherheit verloren“, geht einem spontan durch den Kopf. Aber insgesamt ließ die Borussia auch ein wenig die Leichtigkeit vergangener Spiele und den berüchtigten Zug zum Tor vermissen. Nach dem Spiel gegen Fürth und zu dem Zeitpunkt 24 Punkten auf dem Konto hieß die Rechnung bis zur Winterpause: Zuhause gegen Jena, Offenbach, Paderborn gewinnen, auswärts insgesamt noch drei Punkte mitnehmen und mit 36 Punkten gebührend Weihnachten feiern. Das ist alles weiterhin möglich.
Und wie gesagt – irgendwie sträube ich mich dagegen, aus solch einer Partie Schlüsse zu ziehen, die entweder zur Weltuntergangsstimmung tendieren oder im Gegenteil alles schön reden. Ich denke in dem Fall gilt: Einfach mal behutsam durch die Mitte spielen…
Dienstag, 13. November 2007
Fohlengeflüster (8): Durch die Mitte
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Jannik
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Labels: Gladbach, Zweite Bundesliga
Montag, 12. November 2007
Mannschaft der Stunde (5)
Manchester United: Nein, auch nach dem vierten Sieg im fünften Spiel und einem herausragenden Erfolg gegen den seit April unbesiegten FC Bayern München hat sich der VfB noch keinen Eintrag in dieser Rubrik verdient.
Mit 13 Siegen aus den letzten 15 Pflichtspielen ist Manchester United derzeit nämlich die weitaus verdientere "Mannschaft der Stunde". Wie sagt man so schön? "Da wächst wieder was heran". In der Champions League ist das Team von Sir Alex Ferguson noch ohne Punktverlust und die Wiederholung des Titels von 1999 scheint möglich. Einziger Makel in einer fast perfekten Saison bisher: Die Ligapokal-Pleite bei Zweitligist Coventry City.
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Sonntag, 11. November 2007
Sportliche Verbalerotik
Eine Frage, viele Antworten. Wie haben sie's denn jetzt gemacht, Herr Gomez?
ZDF-Videotext Seite 200. "Gomez-Tor mit dem Mittelteil", darüber soll Seite 205 berichten. Ein einfaches Tor erhält fast genauso viel Aufmerksamkeit, wie die erste Saisonniederlage des FC Bayern. Eigentlich kein Wunder. Wenn die Verantwortlichen des "krisengeschüttelten" Rekordmeisters so einheitlich schweigen, muss man schließlich nehmen, was man kriegt.
"Gomez nudelt sich zum Doppelpack" hatte ich persönlich als notgeile Überschrift in der BILD erwartet. Meine Befürchtungen, dieses Tor könne den Verbalerotikern unter den Wortspielkönigen ein gefundenes Fressen sein, bestätigen sich vollends beim Blick auf die BILD-Homepage.
"Gomez eiert Bayern in die Krise" heißt es da. Und es geht munter weiter: "Sein irres 1:0 – ein ganz krummes Ding." Aber das ist noch nicht alles: "Einfach geil, dieser Gomez!", hüpft der Verfasser immer noch auf der Spielwiese der Verbalerotik herum.
Das nächste Zitat ist wohl ein Fall für den BILDblog und zeigt, wie sehr der Stil des Arbeitsgebers einen Journalisten beeinflussen kann.
"Es war irgendwas dazwischen. Und es tat weh", beteuert Gomez "verschämt grinsend" im ZDF-Videotext. Der werte BILD-Mitarbeiter will dazwischen noch ein plötzlich nicht mehr verschämt grinsendes "es war groß" gehört haben. Lassen wir ihm die Freude, ihm bleibt ja nichts anderes übrig.
Der „Kicker“ diagnostiziert derweil ein Hüft-Tor, andere wollen den Ballkontakt etwas weiter unten am Oberschenkel gesehen haben und der Patient sagt selbst, es sei das "Mittelteil" gewesen.
Als ginge es um den Award für die „Skandalöseste Enthüllung in einem Interview 2007“ wird nachgefragt, bis Mario Gomez endlich die exakten Koordinaten des Körperteils bekannt gibt, das stellvertretend für die traditionellen Torschussutensilien Kopf und Fuß seinen Führungstreffer gegen den FC Bayern München erzielt hat. Doch mit schleierhaften Aussagen lässt Gomez die löchernden Reporter im Regen stehen. Gut so.
Denn eigentlich unterstreicht sein Treffer, der gestern allerorten anatomische Verwirrung auslöste, nur erneut seine Klasse. Der Mann trifft seit zwei Wochen aus allen Lagen, in allen Spielen und mit jedem seiner 189 cm Körpergröße. Ob Hüfte, Oberschenkel, Bauch oder was auch immer – auch Körperteile sind Schall und Rauch.
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Jannik
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Donnerstag, 8. November 2007
Die Macht der Zahlen (und des Geldes)
Die finanzielle Unterlegenheit der Bundesliga beweinen und gleichzeitig vor Wut schäumen, weil John Terry im Monat so viel verdient wie die meisten in einem Jahr - passt das zusammen? Diese Diskussion nimmt absurde Züge an und vor allem nimmt sie kein Ende.
Nürnberger Frankenstadion - das passend zum Thema in Wirklichkeit EasyCredit-Stadion heißt. Es ist 22:49 Uhr. Der FC Everton geht per Strafstoß in Führung und macht diese Europacup-Woche noch schwärzer, als sie ohnehin schon war. Zwei Unentschieden, vier Niederlagen sind eine traurige Bilanz für die Bundesliga im internationalen Vergleich und somit nehmen die Diskussionen über die Konkurrenzfähigkeit der höchsten deutschen Spielklasse weiterhin kein Ende.
Der eine will das Wettmonopol stürzen, der andere fordert mehr Fernseheinnahmen – unterm Strich dreht sich alles ums Geld. Die Bundesliga sei von außen sehr gut verpackt, nur was sich unter der Verpackung verberge (die Finanzen) sei nicht ausreichend, findet Oliver Kahn. Wie wäre es denn, wenn wir den Spieß einfach umdrehen und der Bundesliga zwar eine schlampige Verpackung (die Finanzen), aber herausragenden Inhalt (Zuschauer, Tradition, Fairness, hervorragende Struktur) nachsagen?
Gleichzeitig werden allerorten die horrenden Gehälter beim FC Chelsea kritisiert. John Terry ist dort jeden Monat Gehaltsmillionär. Die meisten Bundesliga-Spieler sind schon froh, wenn innerhalb eines ganzen Jahres eine siebenstellige Summe auf ihr Konto überwiesen wird.
Irgendwie passt das alles nicht zusammen. Echauffiert sich alle Welt über das blamable Abschneiden in der Champions-League, und mit Abstrichen auch im UEFA-Cup, weil die Leistungen dem deutschen Prestige nicht gerecht werden oder weil den Vereinen weitere Millionen durch die Lappen gehen – und die europäische Finanzelite somit in weite Ferne rückt?
Und eines darf man nicht vergessen: Obwohl in der Champions-League bisher nur zwei Spiele gewonnen wurden, haben die sieben deutschen Vertreter auf internationalem Parkett 4,928 Punkte für die Fünfjahreswertung eingefahren, immerhin mehr als in der gesamten Saison 2003/2004. Es ist der sechst beste Wert aller UEFA-Mitglieder – hinter Russland, Schottland, der Türkei, Spanien und England. Und damit steht die Bundesliga nämlich derzeit besser da als die direkte Konkurrenz aus Frankreich, Rumänien, Portugal und den Niederlanden.
Und wer schon einmal in die Zukunft sieht und auf das nächste Jahr blickt, stellt fest: Frankreich bekommt dann 13 Punkte gestrichen, während für Deutschland nur vier Zähler wegfallen. Das würde bedeuten, dass die Bundesliga, selbst mit solch schwachen Leistungen in der Champions League, ab der nächsten Spielzeit die französische Ligue 1 angreifen könnte.
Doch genau wie der allgegenwärtige Unmut, beruht auch diese Hoffnung auf spröder Mathematik. Das Prestige einer ganzen Fußballnation, die Finanzlage einer ganzen Liga, hängt ab von einem komplizierten Berechnungssystem, das am Ende eines Jahres Zahlen wie 7,982 und 11,397 ausspuckt. Merkwürdig. Und wenn für die Bundesliga am Ende ein Wert wie 12,790 dabei herausspringt, lösen sich dann alle „Probleme“ in Luft auf? Mehr Geld fließt dadurch immer noch nicht. Aber muss es das denn überhaupt? Ist es nicht in Wirklichkeit absurd im Zahlenraum von einer halben Milliarde über einzelne Millionen zu diskutieren? Darüber sollte mal nachgedacht werden.
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Jannik
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Mittwoch, 7. November 2007
Fohlengeflüster (7):
Glühende Glückseligkeit
Für den Klimawandel mickrige sechs Grad auf dem Thermometer, die sich auch noch anfühlen wie vier. Novemberabende können ungemütlich sein, besonders wenn der Gegner so ungemütlich ist wie Carl Zeiss Jena. Wenn der Glühwein es schon nicht schafft zu erwärmen, dann bleibt eben alles an der Mannschaft auf dem Platz hängen. Doch die tat sich diesmal schwer.
Verdutzt betrachte ich zuhause ein weiteres Mal meine rechte Hand. Sie glüht noch immer wie eine rote Laterne und die Handfläche fühlt sich an, als wolle sie in der Mitte auseinander reißen. Aber ich sehe es optimistisch: Würde meine Hand nicht so schmerzen, hätte ich auch keinen Grund gehabt mich zu freuen. Klingt komisch, ist aber so. Später mehr dazu.
Montagabende im November können durchaus kalt sein, so dass das Verständnis für die wohlwollende Existenz einer Winterpause von Woche zu Woche, in der wir uns Weihnachten nähern, größer wird. Der geneigte Fußball-Fan muss in den Wintermonaten so einiges durchmachen. Denn Fußballfans sind in gewisser Weise auch eitel. Niemand zeigt sich in der Kurve gerne in Daunenjacke. Die sind außerdem äußerst trikot-unfreundlich. Schon einmal probiert ein XXL-Jersey über eine dicke Jacke zu bekommen, ohne dem Michelin-Männchen ernsthafte Konkurrenz zu machen?
Auch der DFB wird sich ausnahmsweise einmal etwas dabei gedacht haben, als er die Zeit von Weihnachten bis Ende Januar zur fußballfreien Zone erklärt hat. Eigentlich wollte er lästigen, wettbewerbsverzerrenden Spielabsagen vorbeugen, aber im Zeitalter der Rasenheizung wird mithilfe der Winterpause eher die Zahl der Erfrierungstoten gering gehalten. Wer jüngst die Abschaffung der Winterpause gefordert hat, ist entweder verrückt, hat einen Logenplatz oder beides. Aber sind wir mal ehrlich: Im Zuge des Klimawandels ist der Januar sowieso in den März gerückt, während der Sommer seinen Platz mit dem April getauscht hat. Also sparen wir uns das Philosophieren einfach.
Obwohl: Die Entscheidung der DFL, die Partie Gladbach gegen Jena auf einen Montagabend zu legen, kann eigentlich nur philosophische Beweggründe gehabt haben. Der erfolgsverwöhnte Borussenfan wird vielleicht behaupten, dass die Chancen auf ein zuschauerfreundliches Torfestival ganz gut stehen und dass das DSF sich darüber freut, aber letztendlich wird die Fußball-Liga den unter der Woche weit gereisten Gladbachern einfach einen zusätzlichen Ruhetag gegönnt haben.
Vor dem Spiel gehen die Meinungen weit auseinander: Vom öden 0:0 über den knappen 1:0-Sieg bis hin zum 5:1-Kantersieg sind eigentlich alle Tipps vertreten.
28000 treue Seelen haben den Weg ins Stadion gefunden. Der Minusrekord vom Spiel gegen Augsburg hat zwar weiterhin bestand, ist aber nur knapp verfehlt worden. Es wird die Angst vor solch einem Zuschauervakuum gewesen sein, die die Offiziellen der Borussia vor wenigen Wochen veranlasst hat, Protest einzulegen, als nur ein Spiel der Borussia bis Weihnachten von der DFL auf den zuschauerfreundlichen Sonntag gelegt wurde. Zum Vergleich: Selbst gegen die TSG 1899 SAP Dietmar-Hopp Hoffenheim kamen knapp 40000 an solch einem Tag.
Angenommen an einem Sonntag wären gegen Jena 36000 in den Borussia-Park gekommen. Der Verein hätte bei einem durchschnittlichen Kartenpreis von etwa zwanzig Euro 160000 mehr verdient. Das ist in Zeiten „obszöner“ Spielergehälter fast exakt die Summe, die John Terry in fünf Tagen verdient – eine ganze Menge also. Aber auch hier gilt: „Grau is alle Theorie, entscheidend is auf’m Platz.“
Denselbigen betreten die 22 Spieler um 20:14 Uhr, zur besten Prime Time sozusagen. Die Geräuschkulisse im halb vollen Borussia-Park (Kölner Fans werden ihn in ihrer derzeitigen Gefühlslage eher als halb leer bezeichnen) erinnert an ein frisch tapeziertes Wohnzimmer ohne Möbel, in dem die fleißigen Heimwerker nach getaner Arbeit mit einer Flasche Bier anstoßen: Es hallt aus allen Ecken, aber die Stimmung ist ziemlich gut.
Aus „ziemlich gut“ wird nach nur zehn Minuten „äußerst gut“, als Oliver Neuville mit seinem sechsten Saisontor die Borussia wieder an die Tabellenspitze schießt. Marin hatte den Ball gefühlvoll in den Strafrau gelupft, Neuville ihn, den Ball, technisch hochwertig angenommen und ebenso hochwertig per Volley im Tor versenkt. Die Vertreter der Zittersieg-Fraktion sehen sich zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Scheideweg und der ein oder andere schließt sich der Kantersieg-Partei an. Auch ich kann mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, wie der Vorletzte aus Jena uns hier ernsthaft in Bedrängnis bringen soll.
Aber alle Optimisten müssen wenig später erkennen, dass sie sich etwas zu früh mit einem sicheren Dreier angefreundet hatten. Carl Zeiss stürmt mit alten Bekannten – dem Ex-Hannoveraner Simak und dem Deutschland-Schreck Torghelle – und hat innerhalb weniger Minuten mehr Torschüsse, als für die gesamte Spielzeit eingeplant waren. Nach einer guten halben Stunde ist es eben jener Ungar, der 2004 die deutsche Nationalmannschaft im Alleingang besiegt hat, der eine Flanke von links mit seiner Halbglatze ins Tor befördert. So richtig will man es gar nicht glauben, aber im Prinzip hatte es sich sogar abgezeichnet.
Ein abgeblockter Schuss von Rösler und ein tolles Solo des 18-jährigen Marin sind noch am sehenswertesten aus Borussen-Sicht.
Doch erfolgsverwöhnte Fans können verzeihen und erfolgsverwöhnte Fans wissen, dass der VfL bis zu diesem Spiel neun seiner zehn Heimtore „auf die Nordkurve“ erzielt hat.
Jena nährt die Hoffnungen, weil es anfängt zu mauern, anstatt munter weiter zu spielen. Die Borussia kommt besser aus der Pause, findet jedoch kein bewährtes Mittel gegen den Jenaer Beton. Und so sind ein paar merkwürdige Freistoßentscheidungen noch Szenen, die die 28000 am meisten in Wallung bringen.
Die mitgereisten Anhänger von Carl Zeiss Jena dagegen tun zwischenzeitlich alles, um das Bild der ostdeutschen Fußballfans aus den letzten Wochen zu bestätigen. Zahlreiche abgeschossene Knallkörper verbreiten Silvesterstimmung und ein riesiges bengalisches Feuer weckt die Freude auf Sankt Martin. Andererseits frage ich mich aber auch, wie diese Bekloppten das ganze Arsenal ins Stadion bekommen haben. Wenn die Ordner bei den Gästen jeden so schlampig kontrollieren wie mich, überrascht das aber auch nicht mehr allzu sehr.
Apropos glühende Feuerwerkskörper: Anstatt eines Bieres gönne ich mir gleich zwei Glühweine, um das Innere und die Hände zu wärmen, da die Borussia auf dem Platz nicht viel zur Erwärmung beiträgt. Allein Neuville reißt alle von den Sitzen, sogar die Leute auf den Stehplätzen, als er eine glasklare Torchance über das Gehäuse setzt.
Innerlich mache ich mich schon auf ein Unentschieden gefasst und überlege mir, was ich davon zu halten habe, als in der Nordkurve endlich ein natürliches Feuerwerk entfacht wird: Marcel Ndjeng, Vorlagenkönig der Zweiten Liga, bringt von rechts einen Freistoß gewohnt scharf in den Strafraum, Rösler segelt in der Mitte vorbei, aber am langen Pfosten steht Neuville frei wie Frank Mill und bringt den Ball einmal mehr sehenswert im Tor unter.
Das Stadion bebt vor Freude, alle hüpfen durcheinander und im Trubel tauscht man ungewollt den Platz mit dem Nachbarn, weil Freude eben ihren Platz braucht. Der unbekannte Mann vor mir bringt seine Freude zum Ausdruck, indem er jeden in 1,50 m Reichweite weit ausholend abklatscht. Als ich an der Reihe bin, wird meine trotz Glühweinkonsums tiefgefrorene Handfläche fast in der Mitte durchgerissen und fängt sofort an zu glühen wie der Geißbock, der in eine Lichterkette beißt.
Aber im Freudenrausch kennt man erst Recht keine Schmerzen und so erhält Olli auch von mir seine verdienten stehenden Ovationen, als er kurz darauf ausgewechselt wird.
Am Ende sind sich alle einig: Solche Siege sind mindestens genauso wichtig wie ein Derbysieg gegen Köln. Denn am Ende einer Saison machen genau sie den Unterschied. Auf dem Papier sind es zwar nur drei Punkte. Aber im Kopf und im Herzen bringt dieser Sieg gefühlte sieben Zähler auf das Gladbacher Punktekonto.
Nicht gut bis schlecht spielen und trotzdem gewinnen – das kennt man doch eigentlich von einer anderen Mannschaft. Die wird auf diese Weise meistens Meister. Kann ja nur ein gutes Omen sein…
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Jannik
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Sonntag, 4. November 2007
Nach der Flut kommt die Ebbe kommt die Flut
Erst 32, dann 12, dann 13 und urplözlich acht Treffer in einem Sonntagsspiel, dem man solch einen Torreigen niemals zugetraut hätte. Warum hat mir das vorher niemand gesagt?
Der Drohbrief an die Bundesligavereine war bereits fertig formuliert, der Sonntagnachmittag trotzig der morgigen Spanisch-Klausur gewidmet, da schießen die VfLs aus Bochum und Wolfsburg doch tatsächlich acht Tore in einem Spiel. Wer konnte das denn ahnen?
Neun Spiele am letzten Wochenende, sieben bis heute um 17 Uhr – macht unterm Strich 25 Tore. Tag der offenen Tür sieht anders aus.
Weil dieselben erlauchten 18 Vereine vor zwei Wochen gleich 32-mal in nur halb so vielen Partien ins Eckige trafen, ließ ich mich euphorisch dazu hinreißen, die Schönheit der Bundesliga hochleben zu lassen. Verschämt musste ich heute erkennen, dass die Trefferflut mich glatt geblendet hatte.
Aber dann kam Bochum und dann kam Wolfsburg. Ausgerechnet zwei Vertreter der Graue-Maus-Fraktion retten die Liga aus der fast chronischen Tor-Ebbe und beleben die Anzeigetafeln dieser Liga.
Ich bedanke mich recht herzlich und bitte demnächst, um genaue Infos, wie viele Treffer die Klubs denn diesmal zu schießen gedenken.
Hätte ich das gewusst. Ich hätte mir die Konferenz gespart und gestern Spanisch gelernt…
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Jannik
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Samstag, 3. November 2007
Mannschaft der Stunde (4)
Hamburger SV: Zehn Siege aus den letzten elf Partien - die Bilanz des HSV liest sich hervorragend. Der Bundesliga-Dino tanzt noch auf drei Hochzeiten und zumeist halten Mathijsen, Reinhardt, Rost & Co. den Kasten dicht. In neun von 17 Pflichtspielen dieser Saison stand die Null, was vor allen Dingen Trainer Stevens optimistisch stimmen wird.
Die Seuchenhinrunde der letzten Saison ist längst vergessen. Der HSV macht sich indes die Saison 2005/06 zum Vorbild, als man erst am letzten Spieltag noch von Platz zwei gestoßen wurde. Mit jedem Erfolg der Hamburger steigt die Hoffnung auf eine Saison, die an der Spitze doch nicht so deutlich verläuft, wie zunächst befürchtet.
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Jannik
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Freitag, 2. November 2007
Fohlengeflüster (6): Pilgerfahrt
"Wie ich einmal vergaß Schalke zu hassen" ist ein großartiges Buch von Christoph Biermann. Seit dem sieglosen, aber trotzdem erfolgreichen Ausflug nach München, weiß ich genau wie er sich damals gefühlt haben muss. Nur muss "Schalke" in meinem Fall gegen einen anderen Verein ausgetauscht werden.
Irgendwo auf der A3. Irgendwo im Niemandsland der Bundesrepublik zwischen Hadamar und Welschehahn. So eine Fahrt nach München ist lang und vor allen Dingen geht es meist nur geradeaus. Langsam ziehen weitere illustre Orte wie Geiselwind und Kitzingen vorbei.
Und das alles für einen einzigen Fußballverein, der am Abend mit großer Wahrscheinlichkeit dem schier übermächtigen und noch immer ungeschlagenen Rekordmeister in der 2.Runde des DFB-Pokals unterliegen wird. Trotz der schlechten Karten und dem nicht gerade verheißungsvollen Blick in die Geschichtsbücher, die erst einen einzigen Sieg bei den Bayern in 4,6 Milliarden Jahren Erdgeschichte verzeichnen, zieht es am Mittwochmittag 6000 Gladbacher aus allen Teilen des Landes und besonders vom Niederrhein in die bayerische Landeshauptstadt. Auf der A3 wimmelt es von Autos und Bussen mit den Kennzeichen MG, NE, VIE und HS. Je tiefer die Raute im Herzen sitzt, desto weiter fährt man ihr hinterher, um ihr zu huldigen.
Wenn heutzutage der Jakobsweg von vielen nur noch zur forcierten Partnersuche heimgesucht wird, dann fällt diese Art der fußballerischen Verehrung mit mehr Berechtigung unter den Begriff Pilgerfahrt.
Um 17 Uhr ist Mekka - ’schuldigung – ist München erreicht. Meine Magen-Darm-Probleme, die mich am Morgen aus „heiterem Himmel“ überfallen hatten, haben sich mittlerweile gelegt. Diese Zweite Liga, diese Borussia - sie machen mich nicht nur zum Schwein, sondern auch noch zum Simulanten. Wo soll das hinführen?
Weil wir vier – meine Eltern, mein Bruder und ich – nach dem historischen Sieg gegen die Bayern, den es gegen Mitternacht zu bejubeln geben wird, und den anschließenden Siegesfeiern auf dem Marienplatz nicht nachts nach Hause fahren wollen, beziehen wir ein Hotel im schnuckeligen Aschheim im Nordosten der Stadt. Wobei zum Beziehen nicht viel Zeit bleibt. Schnell die Taschen und die Kühltruhe mit Schnitzeln, Frikadellen und Käsehäppchen aufs Zimmer gebracht, schon brechen wir auf in Richtung Allianz-Arena.
Vorher werde ich jedoch noch vom Blitz getroffen: Mein weißes Glückstrikot passt nicht über die Winterjacke, die bei null Grad aber vonnöten ist. Was ein großes Unglück für einen Fußballschamanen wie mich ist, der sich an jedem Spieltag die Fingernägel schneidet und zuerst die Unterseite eines Brötchens beschmiert, weil wir bei Beachtung dieses Ablaufs vier Spiele nicht verloren haben.
Also muss das kleine Weiße im Zwiebellook unter die Jacke. Das neue grüne Dress – Teil zwei der weiß-grünen und seit zwei Monaten ungeschlagenen Glückskombo – ist Gott sei Dank groß genug für „oben drüber“.
Der Weg zum Stadion über S- und U-Bahn zieht sich wie eine Physikstunde. Um viertel vor sieben ist das rote U-Boot erreicht. In der Bahn konnte man den Eindruck gewinnen, dass Gladbach heute ein Heimspiel hätte. Schwarz-weiß-grün so weit das Auge reicht. Das schöne Bild wird allein von ein paar roten Farbtupfern getrübt.
Die Bayern-Fans scheinen sich trotz hunderter Meisterschaften, DFB-Pokal-Siege und Erfolge im Europacup jedoch für ihren Verein zu schämen. Oder warum blitzt nur ab und zu ein Trikot unter einem Wintermantel hervor? Soll einer verstehen, diesen Verein.
Wobei ich für diese Art von Scham durchaus Verständnis habe.
Für ihr Stadion müssen die Bayern sich aber alles andere als schämen. Imposant, imposant. Allein die 12°-bewölkt-grauen Sitze werden dem Anmut der Allianz-Arena nicht gerecht. Und dann wäre da natürlich die Außenfarbe. Grün wäre freilich viel schöner.
Die anderen Fans aus MG, NE, VIE und HS haben mittlerweile ebenfalls ihre Reise beendet und machen schon vor dem Spiel mächtig Radau im Gästeblock. Beim Blick ins weite Rund fällt mir der merkwürdige Münchener Fanblock auf. Der 20 Meter breite Stehplatzabschnitt in der Südkurve erinnert an eine Kuhwiese mit der Zuschauerdichte eines Rockkonzertes. Soll einer verstehen, diesen Verein.
Komisch versucht auch der Stadionsprecher zu sein, meist gelingt es ihm nicht. 45 Minuten vor dem Anpfiff kann ich den Schmarrn nicht mehr hören und möchte ihm am liebsten das Mikro aus der Hand reißen und selber weitermachen. Geht aber schlecht, also stelle ich mich in den Katakomben mit einem Leberkäs-Brötchen zufrieden. Währenddessen fährt ein Wägelchen mit der Aufschrift „Tabakwaren“ an mir vorbei. Zigarren und Schnupftabak im Stadion? Soll einer verstehen, diesen Verein.
Um acht, bereits eine halbe Stunde vor Anpfiff, ertönt das Vereinslied mit dem Titel „Stern des Südens“ in der mittlerweile gut gefüllten Arena. Anders als bei der „Elf vom Niederrhein“ im Borussia-Park lässt dies die Bayern-Fans jedoch kalt wie ein Eiskaffee und so dient das (zugegebenermaßen) nette Lied mit dem blöden Text eher der Hintergrundbeschallung. Soll einer verstehen, diesen Verein.
Kurz vor dem Anpfiff wird die Tormusik schon einmal vorsorglich eingespielt. Als hätten sie Angst, dass es während des Spiels nicht dazu kommen könnte. Es ist der „Zillertaler Hochzeitsmarsch“, der Musikantenstadl- und Oktoberfeststimmung aufkommen lässt. Eigentlich dürften wir uns mit unserem tiefgängigen „Döp, döp, döp, dödö, döp, döp döp“ von Scooter nicht beschweren. Aber so kann eben auch Schmarrn Kultstatus erreichen. Soll einer verstehen, diesen Verein (hier sind immer noch die Bayern gemeint).
Fußball wird dann übrigens ab 20:30 Uhr ebenfalls gespielt, wobei die Betonung durchaus auf „gespielt“ gelegt werden darf. Die Borussia versteckt sich nicht, sondern beweist, dass sie auch gegen die großen der Bundesliga in der Lage ist, ihr neu gewonnenes Gesicht zu zeigen.
Bayern spielt zwar seine technische Klasse aus und kommt – der Gladbacher Offenheit sei Dank – früh zu Tormöglichkeiten. Aber Gladbach ist genauso gewillt, etwas zu der Partie beizutragen. Und so haben Paauwe und Marin gute Szenen, als sie es aus der Distanz versuchen. Auf der Gegenseite ist es erst Toni per Kopf, dann der für Miro Klose spielende Podolski, der alleine auf Heimeroth zuläuft und vergibt.
Das Aufeinandertreffen der beiden Klubs, die einst dafür sorgten, dass von 1969 bis 1977 kein anderer Vereinsname als Bayern oder Gladbach auf der Meisterschale eingraviert wurde, wird mit der Zeit immer hitziger. Munter geht es zur Sache, als Toni lauthals einen vermeintlichen Ellbogencheck von Friend reklamiert und im Eifer des Gefechts den Linienrichter wegschubst. Der Italiener sieht Gelb. Rot wäre nicht zwingend nötig gewesen, aber durchaus vertretbar.
Nachdem Neuville freistehend vor Rensing vergibt, geht es torlos in die Halbzeit. Die Haupttribüne gleicht in der Pause der russischen Taiga – weit und breit kein Mensch, nur triste graue Sitze. Die Scampi-Prosecco-Tribüne macht ihrem Namen alle Ehre.
Die werten Herren haben den letzten Schluck noch im Mund, als 6000 Gladbacher auf den Rängen und 11 auf dem Platz eiskalt erwischt werden. Podolski flankt von links, der Ball tippt auf, Heimeroth verlässt sich auf Voigt, der vertraut auf seinen Schlussmann und schon steht Toni mutterseelenallein am langen Pfosten und köpft ein.
60000 Verrückte in Rot und Weiß hüpfen auf einmal jubelnd um die Wette. Vom scheinbaren Winterschlaf, den die Münchener Anhänger in Halbzeit eins gehalten haben, keine Spur mehr.
Konsterniert und mit dem Kinn auf die Hand gestützt, lasse ich meinen Blick durchs weite Rund schweifen.
Wie in einem Film kommen alte Szenen wieder hoch, die mir einst beigebracht haben diesen Verein zu hassen: Manchester dreht vor meinen Augen das Endspiel in Barcelona ’99, Olli Kahn pariert den entscheidenden Elfmeter gegen Valencia und stürmt im selben Moment zur Eckfahne in der AOL-Arena und bejubelt die Last-Minute-Meisterschaft 2001. Vor Wut zerreiße ich das Mannschaftsfoto des FCB im damaligen Kicker-Sonderheft.
Mir wird klar, dass ich aufgrund unserer eigenen Bundesliga-Abstinenz und den starken Auftritten des FCB schlichtweg vergessen hatte, diesen Klub zu verachten. Und deshalb denke ich mir: Selbst wenn’s schief geht, hat dieser Ausflug wenigstens etwas Gutes.
Da kann ich ja noch nicht ahnen, dass Neuville im nächsten Angriff von Ndjeng geschickt und nur durch eine Glanzparade von Rensing auf dem Weg zum postwendenden Ausgleich gestoppt wird.
Die Jungs von Jos Luhukay geben nicht auf und probieren weiter Geschichte zu schreiben. Zehn Minuten später scheinen die Lichter für die Borussia jedoch zu erlischen. Toni nutzt eine schon fast vergebene Chance, um per Weitschuss das 2:0 zu erzielen. Der Ofen ist wohl aus.
Da kann ich ja noch nicht ahnen – man sieht, ich tappe von einer Ahnungslosigkeit in die nächste –, dass Marcel Ndjeng aus dem Nichts abzieht und in der 70.Minute aus gefühlten 37 Metern den Anschluss wieder herstellt.
Spätestens jetzt übertönt der Gästeblock den Rest der Allianz-Arena. Nachdem zuvor zum Zwecke der Solidaritätsbekundung schon Klassiker wie „You’ll never walk alone“ angestimmt wurden, glimmt die Hoffnung jetzt wieder ein wenig.
Doch der Borussia gelingt es nicht, den erhöhten Druck in Chancen und vor allen Dingen in Tore umzumünzen. Das 3:1 des eingewechselten Klose ist kurz vor Schluss die Entscheidung.
Ottmar Hitzfeld wird der Borussia nach dem Abpfiff bescheinigen, dass am Wiederaufstieg des fünfmaligen Deutschen Meisters Dank solcher Auftritte keine Zweifel bestehen. Und die Medien werden größtenteils feststellen, dass der VfL sich „teuer verkauft“ habe.
Ehrlichen Beifall hat eine Mannschaft nach einer Niederlage noch nie von mir erhalten, doch heute haben die Jungs es sich verdient. Auch wenn der Traum von einem historischen Abend ein Traum blieb.
Aber auf Pilgerfahrten gibt es schließlich selten etwas zu gewinnen. Pilgerfahrten sind dazu da, zu einer Erkenntnis zu kommen und etwas mitzunehmen. Und was ist meine Erkenntnis von diesem Ausflug gen Süden, was nehme ich mit?
Ich hatte tatsächlich vergessen, wie sehr ich den FC Bayern von ganzem Herzen verabscheue…
Eingestellt von
Jannik
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23:59
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