Donnerstag, 13. November 2008

Sweet home Ausbildungsverein

In Gladbach geben sie Nationalspieler zu Schleuderpreisen ab. Beim VfB produzieren sie selbige am laufenden Band. Und die Leverkusener sind die wahren Bayern.

Gladbach gegen Bayern: Das ist nicht allein das Aufeinandertreffen der beiden Hauptprotagonisten der 70er Jahre. Es treffen nicht nur fünf Bundesliga-Meisterschaften auf zwanzig, sondern in den Medien am Niederrhein wird die Partie zum „Spiel des Jahres“ hochsterilisiert ("Wie bringe ich einen bekannten Fußballer-Versprecher in einem harmlosen Satz unter", Band II). Bei der Borussia hat man deshalb ein Zeichen gesetzt, dass die Ansicht zweifellos untermauert. „Topzuschlag“ heißt hier das Stichwort. Zehn Euro gibt es oben drauf auf den regulären Eintrittspreis. Zieht man die verkauften Dauerkarten vom Fassungsvermögen des Borussia-Parks ab, kommt man bei circa 30.000 Tickets aus, die im freien Verkauf an den Mann gebracht wurden. Macht unterm Strich Zusatzeinnahmen in Höhe von 300.000 Euro für den Verein.

Was bislang getrost als horrende Summe bezeichnet werden konnte, hat heute durch Jogi Löws Nominierungen fürs England-Spiel eine Berechtigung erhalten. Klingt erst einmal komisch, ist aber so. Denn mit dabei sein wird unter anderem ein gewisser Marvin Compper. Anfang des Jahres war der damals etatmäßige Linksverteidiger in Gladbach aussortiert und anschließend für mickrige 100.000 Euro nach Hoffenheim transferiert worden. Elf Monate später ist er Stammspieler, belegt mit seinem Verein Platz zwei in der Bundesliga und steht – wohlgemerkt als Innenverteidiger – im Aufgebot der Nationalmannschaft. Von 10 auf 100 in nicht einmal einem Jahr. Ein 2,5-facher Auerbach mit 1,5-facher Schraube gehechtet.

Compper ist damit der vierte Nationalspieler der Ära Löw, der bei Borussia Mönchengladbach erstmals in seinem Leben auf der Bank eines Profiklubs saß. Die anderen drei: Marcell Jansen, Marko Marin und Jan Schlaudraff. Letzter wurde genau wie Compper geradezu verschenkt.

In seiner gut zweijährigen Amtszeit hat Jogi Löw bislang 42 Spieler eingesetzt. Weis, Compper und Schäfer könnten also die Nummern 43 bis 45 werden. Aus diesem Anlass habe ich mir die Riege einmal vorgeknöpft und zusammengestellt, für welchen Verein sie ihren ersten Einsatz als Profi hatten.

Ganz so einfach ist das manchmal nicht – Beispiel Philipp Lahm: Seine Jugendzeit bei den Bayern verbracht, das Bundesligadebüt beim VfB Stuttgart. Wer darf also die Meriten einheimsen? In diesem Fall die Bayern, weil er dort vor seiner Zeit im Schwabenland wenigsten schon einmal zum Profikader gehört hatte.

Nächstes Beispiel: Roberto Hilbert. In der Jugend schon in Fürth aktiv, den Durchbrach schaffte er jedoch in der Regionalliga beim 1. SC Feucht. Erst danach holte ihn die SpVgg zurück, für die er schließlich sein erstes Profispiel absolvierte. Trotz allem am Ende ein Punkt für Fürth.

Weiteres Beispiel: Patrick Helmes. Beim 1. FC Köln wurde er ausgebildet, mit 16 jedoch ausgemustert und nach Siegen verfrachtet. Dort gab es die Leistungsexplosion. Helmes schoss in der Regionalliga 21 Tore und wurde Torschützenkönig. Danach ging er zurück nach Köln, wo er erstmals im Profifußball in Erscheinung trat. Auch wenn ich den Sportfreunden Siegen vielleicht Unrecht tue: Punkt für Köln.

Am Ende kommt demnach folgende Rangliste zustande:

6 Nationalspieler: VfB Stuttgart (Hinkel, Gomez, Kuranyi, Weis, Tasci, Hildebrand)

4 Nationalspieler: Borussia Mönchengladbach (Jansen, Marin, Schlaudraff, Compper)

3 Nationalspieler: Bayern München (Schweinsteiger, Lahm, Trochowski); Schalke 04 (Pander, Hanke, Lehmann)

2 Nationalspieler: 1. FC Köln (Helmes, Podolski); Borussia Dortmund (Metzelder, Odonkor); Hertha BSC Berlin (Madlung, Fathi); Hannover 96 (Mertesacker, Asamoah); Carl Zeiss Jena (Enke, Schneider); Greuther Fürth (Westermann, Hilbert); Werder Bremen (Rolfes, Borowski); Bayer Leverkusen (Adler, Castro)

1 Nationalspieler: 1. FC Kaiserslautern (Klose); 1. FC Nürnberg (Kießling); 1860 München (Schäfer); Alemannia Aachen (Frings); Aston Villa (Hitzlsperger); Arminia Bielefeld (A. Friedrich); Chemnitzer FC (Ballack); Karlsruher SC (Nowotny); Servette Genf (Neuville); Mainz 05 (M. Friedrich); Eintracht Frankfurt (Jermaine Jones); VfL Bochum (Freier); Rot-Weiß Erfurt (Fritz)


Dem VfB könnte man genauso gut noch Philipp Lahm zuschreiben. Zudem spielte Marvin Compper einst in der Jugend dort.

Drei Ostklubs sind vertreten, dafür Topvereine wie der Hamburger SV gar nicht.

Thomas Hitzlsperger und Oliver Neuville schafften den Durchbruch als einzige im Ausland. Insgesamt kommen die 45 Spieler von 25 verschiedenen Vereinen. Elf davon spielen nicht in der Bundesliga, drei nicht einmal im Profigeschäft.

Der HSV, Wolfsburg, Cottbus und Hoffenheim sind als einzige Vereine aus dem aktuellen 18er-Feld nicht dabei.

Obwohl in Bayer Leverkusens Kader acht Spieler stehen, die mindestens einmal für Deutschland gespielt haben, wurden mit Castro und Adler nur zwei davon im eigenen Verein groß.

In Stuttgart herrschen dagegen verkehrte Leverkusener Verhältnisse: Zwei von sechs sind inzwischen nicht mehr im Verein.

Kommentare:

  1. Du zählst Nowotny noch zu den Nationalspielern?

    AntwortenLöschen
  2. "In seiner gut zweijährigen Amtszeit hat Jogi Löw bislang 42 Spieler eingesetzt."

    Man glaubt es kaum, aber Nowotny war einer davon. Zu den "aktiven" bzw. "aktuellen" zähle ich ihn natürlich nicht mehr. Da gehören Neuville, Freier und Odonkor jedoch genauso wenig zu.

    AntwortenLöschen
  3. Ich hielt es tatsächlich nicht für möglich. Wann war das denn?

    AntwortenLöschen
  4. Direkt nach der WM, gegen Schweden. Damals hat er sozusagen das "Abschiedsspiel" bekommen, das Jens Lehmann jetzt verwehrt blieb. Danach war aber auch Sense.

    Neuerdings macht er ja woanders Karriere.

    AntwortenLöschen