Freitag, 15. Februar 2008

Frohe Ostern im Visier

Die Hinspiele im Sechzehntelfinale des UEFA-Cups sind gelaufen. Und wenn es so weiter geht, heißt es für die Bundesliga im internationalen Vergleich nach „Frohe Weihnachten“ auch „Frohe Ostern“.

Allem Anschein nach darf sich die Bundesliga in dieser Saison mit dem besten Abschneiden auf europäischer Ebene seit Jahren rühmen. Dabei befindet sich der UEFA-Cup gerade erst in der Runde der letzten 32 und das Achtelfinale in der Champions League steht noch in den Startlöchern. Dennoch haben Bayer, Bayern, Bremen, Hamburg und der „Club“ die Punktzahl des Vorjahres aus der UEFA-Fünfjahreswertung bereits eliminiert. Schon nach den Rückspielen nächste Woche könnte das beste Ergebnis seit 2002 erreicht werden.

Obwohl vier der fünf Vertreter im „Cup der Verlierer“ zuerst auswärts in den Kampf um ein Ticket fürs Achtelfinale eingestiegen sind, gab es am Mittwoch und Donnerstag zwei Siege, zwei Remis zu bejubeln und nur eine Niederlage zu vermelden. Werder und der HSV können sich eigentlich nur noch selbst aus dem Wettbewerb kegeln. Leverkusen und den Bayern genügt im eigenen Stadion ein Sieg – die Höhe spielt keine Rolle. Und selbst die Ausgangslage des 1.FC Nürnberg könnte sich nach dem 0:1 bei Benfica Lissabon schlimmer gestalten. Doch im Frankenland hat man momentan eigentlich ganz andere Sorgen.

Sieben Vertreter hat die Bundesliga zu Saisonbeginn ins Rennen geschickt. Allein der VfB Stuttgart musste bis dato die Segel streichen. Nur England und Schottland dürfen ebenfalls von sich behaupten, auf dem steinigen Weg ins Jahr 2008 nicht mehr als ein Team „verloren“ zu haben. Und überhaupt manifestiert sich der deutsche Fußball in dieser Saison als Nummer drei im europäischen Vergleich hinter der Primera División und der Premier League. Obwohl die reinen Zahlen in der Fünfjahreswertung lange nicht die gefühlte Klasse der Bundesliga repräsentieren, steht es um die höchste deutsche Spielklasse nicht halb so schlimm, wie viele behaupten.

Vor sechs Jahren kämpften mit Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund letztmals deutsche Mannschaften im Finale um einen Titel auf europäischem Parkett. Der letzte Erfolg datiert aus dem Jahr 2001, als die Bayern im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia die Oberhand behielten und die Königsklasse für sich entschieden. Angenommen die Bundesliga verzeichnet pro Runde nur einen Verlust im UEFA-Cup, dann stünde ein Team zumindest im Finale.

Die größten Ambitionen findet man zweifelsohne in München vor, wo der FC Bayern aus dem „Cup der Verlierer“ wenigstens als Gewinner hervorgehen möchte. Die Bilanz aus bisher sieben Partien ist dabei nicht überragend. Gegen die alles andere als namhaften Gegner Belenenses, Belgrad, Braga, Bolton, Saloniki und Aberdeen gab es vier Siege und drei Unentschieden. Besser liest sich dagegen die Bilanz des HSV, der in derselben Anzahl an Spielen nur einmal Punkte liegen ließ. Und wenn die Hanseaten so weiterspielen, ist ihnen der erste große Wurf seit 1987, als man den DFB-Pokal in den hohen Norden holte, durchaus zuzutrauen. In der nächsten Runde könnte es zum deutsch-deutschen Duell mit Bayer Leverkusen kommen.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich langsam wiederhole und mir mein verwurzelter Optimismus irgendwann ein böses Erwachen bereitet: Bundesliga und Europacup – das impliziert keineswegs Verderben und Schwarzmalerei.

Donnerstag, 14. Februar 2008

Für jeden was dabei - aus den Fanshops dieser Welt (2)


Aus dem Fanshop von Dynamo Dresden:
Was nicht alles über die Ladentheke geht - Räucherkerzen aus dem Erzgebirge mit Weihrauchgeruch, die mit dem Slogan "Wenig Rauch - Feiner Duft" im Fanshop angepriesen werden. In Dresden erfreuen sich die bengalischen Varianten der "Räucherkerzen" von Natur aus größerer Beliebtheit. Doch dann heißt es in der Kurve wohl eher: "Viel Rauch - Tränende Augen".

Auf gut Deutsch (1)

Sergio Agüero: spanisch; auf dt. Omen, das; de buen agüero - glückverheißend; pájaro de mal agüero - Unglücksrabe

Mittwoch, 13. Februar 2008

Die personifizierte Selbstüberschätzung wird 60

Heute vor 60 Jahren, am 13.Februar 1948, fusionierten der Kölner BC 01 und die SpVgg Sülz 07 zum 1.FC Köln und legten den Grundstein für eine traurige Zeit voller Größenwahnsinn, Selbstüberschätzung und fußballerischen Querelen.

Aus diesem Anlass möchte ich recht herzlich nicht meine Glückwünsche in die Domstadt senden. Ich denke, es ist angebracht, in Gedenken an diesen verheerenden Tag eine Minute lang in Schweigen zu verharren.

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„Absteiger!“
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„Und der Geißbock stinkt wie Sau, halleluuuja…“
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„Sieben Tage brennt der…“
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„Colooogne, Colooogne, die…“
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Ok, es macht ja doch keinen Sinn. Ich entschuldige mich aufrichtig für die andauernden Zwischenrufe und diese unbelehrbaren Menschen unter uns, die selbst einen Moment der andächtigen Stille für ihre diffamierenden Sprechchöre missbrauchen.

Wie wir sehen, hat der 1.FC Köln am 13.Tag des Monats Februar das Licht der Welt erblickt bzw. die Dunkelheit. Und jetzt mal froh drauf los raten, um welchen Wochentag es sich dabei handelte. Na, welcher Tag war’s wohl? Genau! Ein Freitag…

Montag, 11. Februar 2008

Doller Poltergeist

Thomas Doll ist eigentlich als besonnener Typ im rauen Trainergeschäft bekannt. Neuerdings bewegt er sich mit seiner Einschätzung von Schiedsrichter- entscheidungen gegen sein Team aber im Spektrum von Fieberträumen.

Dortmunder Westfalenstadion, pardon, Signal-Iduna Park, kurz nach halb sieben. Im Revierderby zwischen Schwarz-Gelb und Königsblau wird es noch bunter, als es ohnehin schon ist. Dede, Brasilianer mit deutschem Pass, zerlegt den schweizerischen Kroaten Ivan Rakitic mit einem „rohen Foul“ in seine Einzelteile und sieht dafür die rote Karte. Eigentlich eine dankbare Aufgabe für jeden Schiedsrichter und alles andere als Anlass für Diskussionen. Fand wohl jeder, selbst die in schwarz-geld (eigentlich ein Rechtschreibfehler, aber der bleibt, weil er so schön passt). Außer Thomas Doll. Der Coach des BVB empfiehlt Schiedsrichter Gagelmann nach dem Spiel: „Er sollte sich Gedanken machen, was er hier abgeliefert hat. Das kann man nicht akzeptieren.“

Ok, Herr Gagelmann macht nicht den Eindruck eines Kumpeltypen, wenn er mit aufgerissenen Augen einen Spieler - erneut pardon - „zusammenscheißt“. Er scheint nicht gerade einer für gemütliche Picknicke am See oder idyllische Fahrten mit dem Ruderboot zu sein, aber gestern in der 76.Minute hat er so richtig entschieden, wie es eigentlich nur geht. Hat jeder gesehen – nur Thomas Doll nicht. Der zeterte stattdessen durch die Nachberichterstattung bei Premiere, als habe Dede einen seiner Mitspieler an der Mittellinie zerlegt und keineswegs den Gegner. Mirko Slomka kokettierte schon mit einem Schmunzeln über seinen Trainerkollegen, als der immer noch wie ein geschlagener Boxer, der zu Unrecht nach Punkten verloren hat, seine Fingernägel ins Rednerpult kratzte.

Schon vor zwei Wochen, als Dortmund im Pokal gegen Bremen zwei durchaus diskussionswürdige Elfmeter hinnehmen musste, das Spiel aber dennoch gewann, ließ Doll Fünfe so ungerade sein, wie es nur geht und polterte im ARD-Studio umher. Damals ließ sich Thomas Schaaf zu einem kopfschüttelnden Schmunzeln hinreißen.

Amedick, Kovac und Co. können sich glücklich schätzen, dass ihr Trainer sein Pulver neuerdings vorzugsweise im Fernsehen verschießt, anstatt sich die rauen Worte für die Kabine aufzubewahren. Apropos „rau“: Dede hat ab heute vier Partien Bundesliga-Urlaub. Zur Überraschung aller nahm die Borussia das Urteil bereits an. Wohl ohne Einverständnis des Trainers, der vermutlich mit Panzertape an einen Schreibtischstuhl gebunden war, als Michael Zorc mit der DFL telefonierte.

Sonntag, 10. Februar 2008

Fohlengeflüster (14): Waschtag

Trotz der weiterhin bestehenden Tabellenführung fällt das Gezeter über die Niederlage in Hoffenheim nicht allzu schwer. Zu lethargisch, lächerlich, leider wahr – eine sagenhafte Serie ist beendet. Dabei sah es lange Zeit ganz anders aus.

Fußballer können Menschen sein, die unser Leben mit einem einzigen Schuss auf den emotionalen Olymp befördern, die uns die schönsten Stunden unseren Lebens bereiten und für 90 Minuten den Eindruck erwecken, es gebe kein Leid auf dieser Erde. Aber gleichzeitig sind Fußballer auch in der Lage, uns durch ihr pomadiges, überhebliches und einfach nur dummes Gespiele so auf die Palme zu bringen, dass man sich emotional an den Rand des Zumutbaren begibt und mehr denn je davon träumt, einmal persönlich die Kabinenpredigt halten zu dürfen. Die Borussia hat uns in dieser Saison, dem hoffentlich nur einjährigen Abenteuer Unterhaus, mehrheitlich mit dem ersten Verhaltensschema beglückt. Doch die Partie in Hoffenheim hat mehr als ansatzweise angedeutet, dass der VfL durchaus in der Lage ist, all das an den verbleibenden 15 Spieltagen noch zunichte zu machen.

Im Dietmar-Hopp-Stadion zu Hoffenheim sind 45 Minuten absolviert und die Borussia führt mit 2:0, ohne den genauen Grund dafür zu kennen. Diese innere Zufriedenheit gepaart mit leichter Konfusion zur Pause kenne ich eigentlich zu Genüge – aus St.Pauli, aus Koblenz, aus Fürth, aus Freiburg. Und auch heute will ich nicht so recht daran glauben, dass sich an dieser Zufriedenheit bis zum Ende des Spiels noch etwas ändern soll. Dabei zaubert die Borussia im ersten Durchgang eine Leistung auf den Platz, der aufgrund der umgebenden Miniaturtribünen wie ein Kleinfeld wirkt, die man bis auf zwei Szenen besser aus dem Gedächtnis löschen sollte. Hoffenheim tritt von der ersten Minute an mit mehr Biss auf, steht hinten gut und erarbeitet sich auf der anderen Seite Torchancen.

Nach gut zwanzig Minuten versucht es Polanski, für den gesperrten Leitwolf Rösler in der Startelf, aus der Distanz. Von der Strafraumgrenze will Rob Friend den abgeblockten Ball ins Tor schlenzen, doch sein sehenswerter Versuch wird von Özcan zur Ecke abgewehrt. Und die stellt das Spielgeschehen mal eben auf den Kopf. Paauwe schießt Kleine an, der den Ball nach einer brasilianisch anmutenden Pirouette im Hoffenheimer Gehäuse versenkt. Die Borussia ist in Front und muss sich zu diesem Zeitpunkt ernsthaft fragen, wie das nur passieren konnte.

Fünf Minuten vor dem Seitenwechsel lupft Marin den Ball von links gefühlvoll in den Sechzehner. Es ist Gladbachs zweite nennenswerte Offensivaktion. Der freistehende Coulibaly wird von „Rambo“ Özcan einfach umgerannt. Allem Anschein nach wollte Hoffenheims Keeper seinen Spitznamen einmal pantomimisch darstellen. Diese Einlage belohnt Schiedsrichter Wingenbach mit einem Strafstoß für Gladbach. Oliver Neuville – am fünften Spieltag hatte er den bisher einzigen Elfer der Saison verschossen – nimmt Maß und schiebt lässig ein zum 2:0. Und so schlendern elf Borussen zur Halbzeit mit der beschriebenen inneren Zufriedenheit in die Kabine.

Nur zu gerne würde ich wissen, was Jos Luhukay seinen Jungs in der folgenden Viertelstunde mit auf den Weg gegeben hat. Entweder hat er nachgefragt, wie viele Familienmitglieder jeder Spieler gerne zum Aufstiegsbankett mitbringen möchte, oder er hat seiner Truppe von einem verheerenden Erdbeben in Pakistan erzählt, das er sich ausgedacht hat, um die Spieler aus der Fassung zu bringen. Anders kann es unmöglich gewesen sein, so selbstsicher und verängstigt gibt der Tabellenführer das Spiel in der zweiten Hälfte aus der Hand. Der eingewechselte Copado bringt für seine Hoffenheimer viel Wind ins Spiel und die Gladbacher Defensive schnell das ein oder andere Mal in die Bredouille. Als ein abgefälschter Freistoß von Selim Teber im Winkel einschlägt, glaube ich noch an einen Ausrutscher. Als Copado aus ähnlicher Position ins besagte Dreieck trifft, glaube ich daran, dass die Borussia sich auf bestem Weg befindet, hier gewaltig auszurutschen.

Nur drei Minuten nach dem Ausgleich sind alle Träume von einem beruhigenden Abstand auf Platz vier endgültig verflogen und der Angst vor der ersten Punktspielniederlage seit 170 Tagen gewichen. Copado setzt eine Flanke von Teber erst mit dem Kopf an den Pfosten, dann nutzt er die Schläfrigkeit der Borussen beim Abpraller und verwertet denselbigen zur Führung für den Aufsteiger. Sekunden zuvor hatte Jos Luhukay mit Sebastian Schachten einen frischen Mann gebracht, dessen erste Amtshandlung darin bestand, das 3:2 nicht verhindern zu können. Gladbachs einziger Spieler, der wenigstens einen Hauch von Entschlossenheit und Aggressivität versprühte, hatte das Feld geräumt – Eugen Polanski.

In den folgenden Minuten wird genau dieses Problem sichtbar. Der Tabellenführer ist nicht annähernd in der Lage, das Ruder herumzureißen. Die eigene Lethargie wird zum unüberwindbaren Hindernis. Sieben Minuten vor Schluss erzielt der eingewechselte Rafael zwar irgendwie den Ausgleich, doch ihm bleibt die Anerkennung versagt. Bei der Hereingabe von Voigt stehen erst drei Mann im Abseits, dann verlängert ein Gegner den Ball, was den Linienrichter fälschlicherweise dazu bewegt, seine Fahne zu heben. Und somit ist die Entscheidung zwar in diesem Fall nicht korrekt, dafür hätte der Pfiff bereits vorher erfolgen müssen. Irgendwie also nicht so unkorrekt.

Zwei Minuten vor dem Ende macht Obasi den Sack zu. Gladbach kassiert zum zweiten Mal in dieser Saison vier Tore und damit ebenfalls die zweite Niederlage. Es scheint ein statistischer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gegentore und dem Spielausgang zu bestehen.
Gladbacher Fans zerlegen vor Wut ein Fangnetz in seine Einzelteile. So Leid es mir tut und so sehr ich Ausschreitungen verabscheue: Es war wahrhaftig eine Leistung zum randalieren. Mehr als 3272 Fans mit der Raute im Herzen waren in das kleine Dorf gepilgert, das eben jene 3272 Einwohner zählt. Viele davon nahmen stundenlange Strapazen in Bus, Bahn und Auto auf sich und mal wieder stellt sich die Frage, ob die Elf auf dem Platz das überhaupt (zu schätzen) weiß.

Der Kampf um den Aufstieg würde kein Selbstläufer werden, daran hatte niemand gezweifelt. Jede Chance, dass es entgegen aller Erwartungen doch zum Selbstläufer kommen könnte, merzt die Borussia mit derartigen Auftritten vollends aus. Nicht aus realitätsverkennendem Optimismus, sondern aufgrund einer eindeutigen Sachlage bleibt dennoch etwas Positives festzuhalten: Rein tabellarisch hat sich die Lage nicht unbedingt verschlechtert, da Mainz, Freiburg und Co. anscheinend selbst nicht zu sehr am Aufstieg interessiert sind. Der Schuss vor den Bug hat letzten Freitag wohl seine Wirkung verfehlt. Vielleicht muss das Schiff erst mit dem berüchtigten Eisberg kollidieren, um das Team aufzuwecken, welches eigentlich nur 365 Übernachtungen im Gasthaus „Zweite Liga“ gebucht hat.

PS: Morgen ist Waschtag. Trikot „grün“ und Trikot „weiß“ zeigen sich nach beinahe halbjähriger Waschmaschinen-Abstinenz hocherfreut und werden trotz der enttäuschenden Niederlage heute am nächsten Montag beim Heimspiel gegen Mainz wieder mit Stolz getragen.

Samstag, 9. Februar 2008

Hochgejubelt, tief gefallen

Es besteht ein scheinbar kleiner, aber entscheidender Unterschied zwischen "das Zeug zum Superstar haben" und "es zum Superstar bringen". Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent ist auf dem Sprung in den Profibereich auf der Strecke geblieben. Alexandre Patos Weg ist so gut wie geebnet, doch zur Sicherheit sollte er nochmal Nachfragen bei den Zepeks, Deislers und Helbigs dieser Welt.

Geradezu artistisch degradiert Alexandre Pato zwei Verteidiger zu Statisten. Mit der Erfahrung aus 12 Jahren Serie A schiebt er den Ball lässig vorbei an Reals Iker Casillas. Es ist die 1:0-Führung für Milan im Champions-League-Finale 2020. Die Menge tobt und drei Minuten vor dem Ende ist es erneut Pato, der einen Freistoß aus 18 Metern wunderbar an der Mauer vorbei ins Tor schlenzt. Der Sack ist zu. Es ist Milans dritter Titel in der Königsklasse in den letzten fünf Jahren. Ihr brasilianischer Superstar trifft dabei so konstant, dass es einem schon Angst bereitet. Das Denkmal vor San Siro hat er spätestens jetzt in der Tasche – mit 30 Jahren. Erleichtert, strahlend vor Freude reckt der Brasilianer den Pokal in die Luft. Es ist sein großer Moment, den er in vollen Zügen genießt.

Was eigentlich noch Vision und Illusion zugleich ist, lässt das Computerspiel FIFA 08 bereits jetzt simulierte Realität werden. Im Jahr 2020 ist Alexandre Pato vom AC Milan dort ein Weltstar, der seinesgleichen sucht. Einer, dem nur ein Sergio Agüero und die Altmeister Lionel Messi und Cristiano Ronaldo das Wasser reichen können. Sein virtueller Markwert dringt in Sphären eines Zinedine Zidane in besten Zeiten vor. Mit seinem Klub räumt er jeden Titel ab. Doch kann es einem 18-jährigen überhaupt gut tun, wenn er weiß, dass er am PC schon jetzt eine Legende ist, der größte Fußballer auf der Höhe seines Schaffens? Abheben heißt hier oft das Stichwort. Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent hat nach dem Hochjubeln den tiefen Fall erlebt. Die Liste derer, die schon als neue Maradonas, Beckenbauers und Pelés gefeiert wurden, ist lang und unbekannt. Denn schließlich kann sich keiner mehr an sie erinnern.

Freddy Adu dagegen haftet noch sehr lebhaft in unserem Gedächtnis. Kein Wunder, denn schließlich ist der Amerikaner mit ghanaischen Vorfahren gerade erst 18. Inzwischen sind fast fünf Jahre vergangen, seitdem er im Alter von 14(!) Jahren an der U-20-WM 2003 teilnahm. Damals galt er als kommender Ausnahmespieler, mittlerweile sind andere Jahrgangskollegen an ihm vorbeigezogen. Bojan Krkic, Marko Marin oder eben Alexandro Pato heißen Vertreter des 89er Jahrgangs, die es inzwischen weiter gebracht haben, als der kleine Stürmer mit dem Oberkörper eines 100m-Läufers. Adu steht seit letztem Jahr bei Benfica Lissabon unter Vertrag, immerhin mit zwei Toren in neun Partien auf dem Konto.

Besonders der deutsche Fußball kann Lieder singen von kommenden Beckenbauers, denen eine große Zukunft prophezeit worden war. In der Gegenwart bereichern sie samstags um 14 Uhr die Amateurstadien in Elversberg oder Sandhausen. Die Sportbild zeigte sich im Jahr 2001 – es herrschte die graue Zeit zwischen „Bratwurst-EM“ und „Vize-Rudi“ – so begeistert, dass sie den deutschen Talenten glatt eine Titelstory im damaligen Sonderheft widmete. „Neue Männer hat das Land“ hieß es damals vollmundig. Beachtliche 11 Spieler zählte die scheinbar aufstrebende Generation – einer davon ist heute ein Weltstar, einer hat seine Karriere bereits beendet, andere tragen immerhin den Adler auf der Brust, einige sind in den niederen Gefilden des Profifußballs verschwunden. Miroslav Klose, Christoph Metzelder und Sebastian Kehl sind aktuelle Nationalspieler. Doch was fällt einem zu Bernd Korzynietz, Sebastian Helbig und Sebastian Deisler ein? Bielefeld, Dynamo Dresden (das musste ich zugegeben schnell mal nachschlagen) und Rente.

„Großartige Zukunft, wenn er sich nicht heute schon für einen ganz Großen hält“, schwärmte die Sportbild seinerzeit über Bernd Korzynietz. Für einen ganz Großen hat der Rechtsverteidiger (damals noch Außenstürmer) sich sicherlich nie gehalten, trotzdem blieb die Weltkarriere bis jetzt aus. Sebastian Deislers Flanken verdienten damals, im Alter von 21 Jahren, zweifellos das Prädikat „weltklasse“. Doch tragischerweise zählt Deisler bis heute zu den prominentesten Opfern gnadenloser Vorschusslorbeeren und erstickenden Erfolgsdrucks, die ihn 2007 zum Frührentner beförderten.

Die Frage nach dem fußballerischen Hintergrund des Deutsch-Türken Erdal Kilicaslan verdient glatt die Einordnung in die Kategorie „den kennt doch nur einer, der Weihnachten aus dem Kicker vorliest anstatt ein Gedicht aufzusagen“. Er könnte der Dönerbudenbesitzer unseres Vertrauens sein, er könnte jeder sein, nur kennen wird ihn kaum einer. Dabei ist Erdal Kilicaslan der Gerd Müller der DFB-Junioren. In 64 Spielen vom der U15 bis zur U20 hat er beachtliche 41-mal eingenetzt. Der Profivertrag bei den Bayern blieb dem 23-jährigen dennoch versagt. Jetzt versucht er sein Glück bei Gaziantepspor in seiner türkischen Heimat, um von dort den Sprung in die dortige Nationalmannschaft zu packen. Nur leider hat er die FIFA-Statuten dafür nicht ausreichend studiert: Kilicaslan ist 23 und hat schon für Deutschland gespielt. Damit ist der Zug in Sachen Türkei für ihn abgefahren. Aber wenigstens den Rekord kann ihm keiner nehmen.

Ähnlich abrupt hat der Aufstieg von Michael Zepek seinerzeit ein Ende gefunden. Der 27-jährige ist Rekordspieler bei den DFB-Junioren, sozusagen das Pendant zu Kilicaslan in Sachen Einsätzen. Den letzten von einst vielen Schritten nach vorne machte der Ex-Karlsruher mit 20, als er von den Badenern zu Leverkusen wechselte. Nicht ein einziges Mal stand er dort in der Bundesliga auf dem Platz. Der Weg führte ihn wieder zurück nach Karlsruhe, von dort nach Ahlen und über die TSG Hoffenheim im letzten Sommer schließlich zum SV Elversberg in die Regionalliga Süd. Zepek hat häufiger den Adler auf der Brust getragen als das Trikot eines Profiklubs – kurios und irgendwie traurig. Auch seine Geschichte zeigt, dass der Weg nach oben nicht planbar ist, dass es nicht jahrelang Schritt für Schritt funktionieren kann, sondern in den meisten Fällen von jetzt auf gleich der große Durchbruch gelingt bzw. gelingen muss.

2001 fuhren 18 hoffnungsvolle deutsche Talente zur U20-WM nach Argentinien und erreichten das Achtelfinale – abgesehen von 2005 immerhin das beste Abschneiden in vielen Jahren. Nur ein Drittel spielt heute in der Bundesliga, zwei davon als Stammspieler. Drei hausen im Ausland, Andreas Hinkel von Celtic Glasgow ist der einzige namhafte. Sieben Mitglieder der Jahrgänge 1981 und 1982 kicken nicht einmal im Profifußball, besagter Michael Zepek gehört dazu.

Als verrückt kann man die Geschichte von Jan Schlösser, dem damaligen Ersatzkeeper bezeichnen. Mit 16 Jahren nahm er in der Champions-League Platz auf der Bank des FC Bayern, nach einem Jahr in der Kreisliga und Vereinslosigkeit steht er nun beim FC Ismaning in der Bayernliga unter Vertrag. Hanno Balitsch, Andreas Hinkel und seit Mittwoch auch Jermaine Jones sind die einzigen Vertreter von damals, die das DFB-Trikot wenigstens einmal für die Senioren übergestreift haben. Sicher, nicht jeder Jahrgang kann einen Ballack, Klose oder Podolski hervorbringen. Aber dieses Beispiel zeigt, dass sich selbst ein U20-Nationalspieler keiner großen Zukunft sicher sein kann.
Die Geschichte von Marcel Witeczek ist bekannt. 1987 Torschützenkönig bei der U20-WM, kann in einem Zug mit Javier Saviola, Lionel Messi und Sergio Agüero genannt werden. Für die A-Nationalmannschaft langte es nie. Seine Karriere beendete der Ex-Bayer als Abräumer vor der Abwehr.

Ein Talent vom Format eines Alexandre Pato wird wahrscheinlich vor dem tiefen Fall gewappnet sein. Wahrscheinlich. Schließlich weiß man nie, was kommt. Fragen Sie mal nach bei Michael Zepek, Sebastian Deisler oder Erdal Kilicaslan.

Dienstag, 5. Februar 2008

Fohlengeflüster (13):
Weckruf met et Trömmelche

Es gibt grausame Spiele, für die man im Nachhinein noch von ganzem Herzen dankbar sein wird. Mehr ist auch nicht mitzunehmen aus einer Partie, die doch so heiter begonnen hatte.

Karneval und Fußball, das ist geballte Ironie. Zumindest wenn der Ball im Gladbacher Borussia-Park rollt. Und so bietet sich am 01. Februar 2008, es ist das erste Spiel nach 47-tätiger Abstinenz dank Winterpause, ein seltsames Bild, das Soziologen einen Anlass für eine ganze Diplomarbeit liefern könnte. Der Prinz ist gekommen, nicht Poldi, sondern der mit dem halben Vogelpark auf dem Kopf – der Karnevalsprinz. Und da Karneval zwangsläufig mit einer ganz bestimmten Stadt verbunden wird, ist dieses Bild so kurios. Denn an 360 Tagen im Jahr kann der eingefleischte Borusse jedes Lied, jedes Wort, jeden Atemzug, der in Verbindung mit dem 1.FC Köln steht, auf den Tod nicht leiden. Doch wenn Kamelle fliegt, Kölsch in den fragwürdigen Status eines Bieres erhoben wird und „Alaaf“ bzw. „Helau“ an die Stellen von „Hallo“ treten, ist alles anders. Auch im anti-colognialen Borussia-Park.

Noch 25 Minuten bis zum Anpfiff. Nach einer halbstündigen Irrfahrt durch den Gladbacher Berufsverkehr leuchtet der Himmel grün. Das Stadion erstrahlt in seinem eigentlich nicht vorhandenen Glanze, aber es ist nun einmal unser Stadion. Die lästige Zeit im Bus, stehend, erstickend vor Wärme und mit einem Hauch von Landfürst-Alt in den Schuhen, ist vergessen. Es geht wieder los und allein das zählt. Wer ihn nicht kennt diesen Moment, wenn man die Treppen zum Block hoch schreitet und das Licht am anderen Ende erblickt, der wird auch nicht nachvollziehen können, dass es schlichtweg etwas Erhebendes an sich hat.

Wir sind spät dran. Unten auf dem Platz ist das Vorprogramm in vollem Gange, noch eine Viertelstunde bis zum Anpfiff. Das Gladbacher Kinderprinzenpaar kreischt artig seine perfekt sitzenden Zeilen ins Mikrofon. Die Mehrheit der 37000 scheint das nicht sonderlich zu interessieren, bis aus den Lautsprechern unverkennbare Karnevalsmusik ertönt. Die Räuber singen: „Denn wenn et Trömmelche jeiht, dann stonn mer all parat, un mer trekken durch de Stadt, un jeder hätt jesaht…“, nein, kein „Kölle Alaaf“. Das wäre auch zuviel des Guten. Sondern selbstverständlich schallt es aus allen Ecken: „Kölle steigt ab, steigt ab. Kööölle steigt ab“. Karnevalistische Huldigung und gewohnte Unmutsbekundungen in einem Satz – das gibt es nur, wenn Fastelovend und Fußball aufeinander treffen. Für ein paar Sekunden ruht die Abneigung, um dann für ein paar Momente wieder leidenschaftlich aufzuflackern.

Bis auf die erste Spielminute sind es die einzigen Momente der Freude, was den gesamten Abend angeht. Die „Elf vom Niederrhein“ wird von einem Feuerwerkskörper aus dem Lauterer Block abrupt unterbrochen. Der Mann, der sich nur zu Wort melden darf, wenn mal wieder ein paar Idioten am Werk sind, säuselt nimmermüde seine Parolen à la „wir müssen Euch jetzt leider anzeigen, hört bitte auf mit dem Blödsinn“ ins weite Rund. Ich bezweifle, dass ihm jemand zuhört. Eigentlich ist es aber auch kein Wunder, dass es nahezu jedes Spiel „knallt“. Vielleicht sollte ich mich auch geehrt fühlen, dass ich anscheinend so vertrauenswürdig aussehe. Aber unter meiner Montur hätte sich durchaus etwas anderes als ein Fleece- und ein Rollkragenpullover befinden können. Kommt also die Frage auf, warum offenbar jeder zweite Zuschauer ohne Abtasten durchgewinkt wird?

Die schönste der neunzig Spielminuten ist im ersten Spiel nach der Winterpause die direkt nach dem Anpfiff. Coulibaly wird irgendwo im Niemandsland zu Fall gebracht. Zeitgleich verlangt mein Mund nach einem Kaugummi. „Oder warte bis nach dem Tor“, füge ich beschwörend hinzu, als meine Mutter längst in ihren Taschen kramt. Beschwörungen dieser Art verlaufen normalerweise immer im Nichts, nur heute nicht. Ndjeng bringt den Freistoß in die Mitte, die Lauterer Hintermannschaft im Tiefschlaf, Rösler hält den Kopf hin und der Ball schlägt im Tor ein. Wer auch immer da in der gegnerischen Abwehr noch nie etwas von Herausrücken gehört hat, er hätte es ruhig ein weiteres Mal verschlafen dürfen. Und so herrscht nach 45 Sekunden uneingeschränkte Karnevalslaune im weiten Rund. Im DSF spricht der Kommentator später am Abend vom „schnellsten Gladbacher Zweitligator aller Zeiten…in der gesamten Historie“. Gott sei Dank ist der Begriff „Historie“ relativ dehnbar. Wir sind zwar nicht neu im Unterhaus, aber alt ebenso wenig. Doch wenn die nächsten 16 Spiele dieser hoffentlich einzigartigen Zweiligasaison ähnlich verlaufen wie die 89 Minuten nach dem Führungstreffer, könnte sich die Gladbacher „Historie“ unfreiweillig noch etwas ausdehnen.

Von den Qualitäten der Torfabrik der Hinrunde ist nichts zu sehen. Nando Rafael degradiert sich selbstständig zum Joker. Rob Friend fehlt an allen Ecken und Enden. Marcel Ndjeng zeigt allenfalls Zirkusqualitäten. Allein die Abwehr steht sicher. All das ist vergleichsweise nüchtern zu ertragen, schließlich führt die Borussia mit 1:0. Dass dieses Polster keineswegs Grund gibt, sich auszuruhen, kann der Gegner vom Betzenberg nicht wirklich unter Beweis stellen. Und so geht es mit denselben Resultat in die 46.Minute, mit dem man schon die zweite Spielminute bestritten hatte.

Nach der Pause hat erst Oliver Neuville die große Gelegenheit, den Sack zuzumachen, ehe Nando Rafael gleich zwei Hochkaräter hintereinander vergibt. Eine Hereingabe von Patrick Paauwe hatte ihren Weg in Richtung Elfmeterpunkt gefunden, wo gleich zwei Gladbacher einschussbereit warten. Rafael behält im Disput um den Ball mit seinem Sturmpartner Neuville die Oberhand und bekommt den Ball mit dem schwächeren Linken nicht an Lauterns Beda vorbei.

Wenige Minuten später geht der Schuss fast nach hinten los. Aber Bellinghausen kann einen Konter nicht zum zu diesem Zeitpunkt überraschenden Ausgleich verwerten. Nach einer guten Stunde muss Mathieu Beda, gerade noch Retter auf der Linie, das Feld räumen. Schiedsrichter Deniz Aytekin zückt nach einer Grätsche von hinten gegen Oliver Neuville ohne zu zögern die rote Karte. Das „Opfer“ musste daraufhin verletzt das Länderspiel gegen Österreich absagen. Über die Berechtigung des Platzverweises braucht man also nicht zu diskutieren. Nur sechs Minuten später wird es erneut bunt. Josh Simpson hatte in einer von draußen harmlos anmutenden Aktion Filip Daems umgesenst. Die Bilder beweisen, dass der Belgier in diesem Fall eine Menge Glück hatte, so glimpflich davon zu kommen. Auch der zweite Platzverweis also absolut vertretbar.

Nun ist es müßig von roten Karten und einer doppelten Überzahl für die Borussia zu erzählen, wenn diese Überzahl letztendlich alles andere als beflügeln kann. Jos Luhukay hatte nach der ersten Hinausstellung Svärd für Rafael und Marin für Coulibaly gebracht. Sein Gegenüber Kjetil Rekdal verstärkt daraufhin den Eindruck der verkehrten Welt, als er erst Stürmer für Stürmer auswechselt und dann sogar noch einen drauf setzt und einen weiteren Angreifer für Innenverteidiger Schönheim ins Spiel bringt.

Die Borussia taumelt im Anschluss dem Abpfiff geradezu entgegen. Wie gelähmt und beinahe mit einem Anflug von Überheblichkeit will der Tabellenführer die knappe Führung über die Runden retten. Die Stimmung ist mittlerweile gekippt und nicht nur einmal ertönt ein gleichgültiges „soll’n se doch noch einen rein kriegen“. In der letzten Minute kommt es dann, wie es kommen musste. Bellinghausen bringt einen Freistoß, ähnlich wie Ndjeng 88 Minuten zuvor, scharf herein. Ouattara trifft noch die Latte, aber der eingewechselte Runström macht das Unheil im Nachschuss perfekt. Es steht 1:1.

Als wolle er sagen „jetzt habt ihr auch keine Nachspielzeit verdient“ pfeift der Schiedsrichter ein paar Sekunden nach Wiederanpfiff die Partie ab und zum ersten Mal in dieser Saison ertönen ehrlich gemeinte und unüberhörbare Pfiffe im Borussia-Park. Und diesmal gelten sie nicht dem gegnerischen Torwart, sondern der eigenen Mannschaft. Nach dem SC Paderborn entführt ein weiteres Kellerkind einen Punkt aus dem Stadion des Ligaprimus, der an diesem Abend einen gewaltigen Schuss vor den Bug erlitten hat. Hoffentlich war es ein Weckruf zur richtigen Zeit.