Wie ich Lukas Podolski beim Simsen im Bett erwischte, Oliver Neuville mich traurig ansah, Franz Beckenbauer den Weg erklärt haben wollte und nicht neben mir auf der Toilette stand…
Michael Ballack, Tim Borowski, Philipp Lahm – alle sitzen mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen in der Kabine des Dortmunder Westfalenstadions. „4.Juli 2006 – Halbfinale Deutschland-Italien, Dortmund“ wird eingeblendet. Und ich gehöre zu den ersten Menschen, die sich das angucken dürfen. Ok, die Nationalspieler haben den Film bereits gesehen, der lockige Mann vom „Kinowelt Filmverleih“, dessen Name mir partout nicht einfällt, wird ihn seiner Frau gezeigt haben, und deshalb bin ich nicht der allererste, der in den Sommer 2006 zurückversetzt wird.
Aber trotzdem macht sich in mir eine gewisse Pioniersstimmung breit. Genügsam versinke ich im großzügigen Kinosessel und freue mich darüber, dass niemand von hinten mit Popcorn wirft, weil man das erstens auf Filmpremieren bestimmt nicht tut, es zweitens kein Popcorn gibt und ich drittens bekanntlich in der letzten Reihe sitze.
Über den exakten Ablauf und Inhalt des Films werde ich an dieser Stelle nicht allzu viele Worte verlieren, da ihn die meisten sicherlich kennen und die ganze Nacherzählerei hier etwas zu zäh werden würde.
Die Stimmung im Saal ist indes super. Jedes rhetorische Eigentor von Lukas Podolski wird mit großem Gelächter gewürdigt, bei jedem Tor der deutschen Mannschaft bricht fanmeilenartiger Jubel aus und Szenen wie Jens Lehmanns Frage an die Kanzlerin, was für einen Anreiz es denn für ihn gebe, nach Deutschland zurückzukehren, erhalten viel Beifall.
Man lernt die Menschen unter dem Trikot mit dem Bundesadler kennen und kommt zu der Ansicht, dass sie eigentlich nichts von uns unterscheidet. Viele Kritiker haben dem Film daher Oberflächlichkeit vorgeworfen und einiges verliere dadurch seinen Zauber. So hat Jürgen Klinsmann in seinen Ansprachen vor und während des Spiels nicht wirklich Wunderdinge vollbracht, sondern lediglich auf altbewährte Mittel der Motivation zurückgegriffen.
Aber wenn Poldi mit Chipstüten und Handy wie ein kleiner Junge im Bett liegt, Torsten Frings wie ein Siebtklässler auf der Klassenfahrt zu spät zum Gespräch mit der Kanzlerin erscheint und Miroslav Klose sich in hölzernem Englisch durch seltsame Fragen seiner Friseuse mogelt, dann hat das etwas Faszinierendes und Komisches an sich.
Genau das fängt Sönke Wortmann so ein, wie es noch nie jemand getan hat und deswegen bin ich in meinem roten Kinosessel am 3.10.06 hin und weg. Wer hervorragende Schauspieler sehen will, ist bei „Deutschland. Ein Sommermärchen“ gewiss falsch und wer eine Dokumentation mit großem Anspruch erwartet, kann sich lieber dienstags was von Guido Knopp ansehen. Dies scheint einigen Filmkritiker nicht klar gewesen zu sein, weshalb sie selbst die Darstellung eines Ereignisses, das den neu gewonnenen Optimismus und die Freude am Sommermärchen zeigen soll, in Pessimisten-Manier auseinander nehmen mussten.
Doch nun zurück ins Funkhaus zu Manni Breuckmann…nee stop, der spielt im Film zwar auch eine Rolle, aber ich wollte eigentlich sagen: Zurück ins Theater am Potsdamer Platz.
Dort hat der Film nämlich sein Ende erreicht. Happy End, alle sind glücklich - so auch ich - und Sönke Wortmann wird mit minutenlangen stehenden Ovationen gewürdigt, die mit Sicherheit auch den Hauptdarstellern vor der Kamera gelten.
Derweil frage ich mich, wie das Publikum eigentlich auf einen grottenschlechten Film reagieren würde. Gehen dann alle vor dem Ende nach Hause und boykottieren die After-Show-Party?
Bevor die an diesem Abend beginnt, wird jedoch erst die gesamte Nationalmannschaft auf die Bühne beordert und muss sich den Fragen von Anne Will stellen. Selbst DFB-Pensionär Oliver Kahn ist mit dabei, eigentlich fehlt nur Jürgen Klinsmann, der sich – natürlich – am Huntington Beach aufhält. Die Diskussionen darüber sind alter Tobak und eigentlich wird kaum ein Wort über den Ex-Teamchef verloren.
Die Zuschauer strömen aus dem Saal, wahrscheinlich um am Büffet ganz vorne zu stehen und bloß keins der köstlichen Canapés zu verpassen. Canapés sind mir zu dem Zeitpunkt (noch) schnuppe und ich entschließe mich, die Gunst der Stunde zu nutzen und auf Autogrammjagd zu gehen. Glücklicherweise verziehen sich die Spieler zuerst in eine kleine Privatlounge, die gegenüber der Tür liegt, durch die ich den Theatersaal verlassen habe. Und so ziehen sie wie an einer Perlenschnur aufgereiht alle an mir vorbei: Lehmann, Mertesacker, Metzelder, Lahm, Jansen, Borowski, Hildebrand, Neuville…und der Rest des Haufens.
Timo Hildebrand nimmt sich nach ein paar „Timo, Timo“-Rufen vier Sekunden Zeit, um seinen Namen auf den Rücken meines dafür designierten Trikots zu kritzeln. Mit mir befindet sich noch eine andere Gewinnerin des ARD-Gewinnspiels auf der Jagd und gemeinsam versuchen wir nacheinander einen der Spieler zu erwischen. Doch wie redet man Fußballer eigentlich an?
Ehrfürchtig: „Herr Ballack, könnten Sie sich erbarmen mir ein Autogramm zu geben?“
Freundschaftlich: „Michael, hätten Sie kurz Zeit für ein Autogramm?“
Oder wie ein Schalke-Fan aus GE-Buer: „Eh, Du mit der 13, kannse mir mal wat auf dat Trikot schreiben tun?“
Ich entscheide mich für Variante zwei. Wie in der Fankurve muss man sich ja nicht gleich benehmen, aber bei einem Menschen, den man vor dem Fernseher nur mit „der Ballack“ anspricht, geht die Anrede per Vornamen etwas leichter über die Lippen und „Herr Ballack“ hört sich auch irgendwie komisch an.
Ich erwische außer dem Timo noch Marcell Jansen, Andi Köpke und Jogi Löw für ein Autogramm. Oliver Neuville und Michael Ballack posieren für ein Foto mit mir. Der kleine Olli sieht dabei wie immer so traurig aus und ich hoffe nur, dass ich nicht der Grund dafür bin. Michael Ballack ist gerade in ein Gespräch vertieft, als ich ihn mit meiner Leidensgenossin (obwohl Glücksgenossin eigentlich treffender ist) um einen kurzen Moment für ein Foto bitte. Marcell Jansen hatte sich am Wochenende zuvor im Spiel gegen Werder Bremen am Knie verletzt, also frage ich ihn höflich nach seinem Befinden, woraufhin er mir versichert, dass erst die Arthroskopie Gewissheit bringe.
Unten auf der Hauptfeier komme ich mir dann in meinem Trikot und mit meinem verschwitzten Gesicht fast Fehl am Platze vor, so sehr wimmelt es von Fußball, TV- und Politikprominenz. Auf dem Weg zur Getränkebar erblicke ich vor mir die unverkennbare Mähne von Günter Netzer, auf dem Weg zurück läuft mir Günther Jauch über den Weg. Ich nehme meinen Mut zusammen und bitte auch ihn, ein Foto mit mir machen zu lassen. Denn Günther Jauch ist definitiv eines meiner Idole und ich habe nicht viele davon.
"Ja, keen Problem", kommt der Berliner bei ihm raus. "Eenfach einmal knipsen". Kurz gelächelt und weiter geht’s. Wenn ich ihn in Zukunft als Kandidat bei „Wer wird Millionär?“ darauf anspreche, dass wir beide uns bereits kennen, wird er sich wohl kaum noch an mich erinnern können.
Teilweise komme ich mir vor wie im Traum und denke mir mehrfach: ‚Womit hast Du solch ein Glück überhaupt verdient?'
Um mich ein wenig abzukühlen, schlürfe ich eine Fanta nach der anderen. Den Champagner lasse ich sein, man muss ja nicht übertreiben. Vom Pinkeln kann ich leider nichts Aufregendes berichten. Ich stand am Pissoir weder neben Franz Beckenbauer, noch musste ich Philipp Lahm hochheben, weil der nicht ans Waschbecken kam. Aber das wäre jetzt auch zu viel des Guten gewesen.
Den „Kaiser“ traf ich dann aber etwas später auf der Treppe, als er gerade gehen wollte. Routinemäßig lächele ich auch mit ihm schnell in die Kamera. Dann fragt er mich, wo lang es denn nach draußen ginge. „Einfach da die Treppe hoch, dann rechts“, kläre ich ihn auf. Er scheint’s gefunden zu haben.
Erschöpft von der ewigen Suche nach potentiellen Autogrammspendern und Fotopartnern, und der ständigen Behutsamkeit, um bloß nicht aufzufallen, lasse ich mich um 1 Uhr nachts auf einem Barhocker nieder. Eine Frau geht mit einem Tablett herum und ich schnappe mir schnell noch ein „Schnittchen“. Schließlich hatte ich ja seit 16 Uhr oder so nichts mehr gegessen. Beim erneuten Blick auf die Uhr wird mir dann klar, dass in 45 Minuten meine letzte S-Bahn nach Köpenick fährt, wo ich während meines Berlin-Aufenthaltes untergekommen bin. Deshalb heißt es schnell Abschied nehmen.
Müde trotte ich hinaus auf den roten Teppich, dorthin „wo alles begann“. Eine nette Hostess drückt mir noch eine kleine Tüte als Andenken in die Hand, in der sich kleine Souvenirs wie z.B. eine original Rasenmischung des echten WM-Untergrundes oder ein kleines Deutschland-Fähnchen befinden. Der WM-Rasen ist übrigens im Garten direkt neben dem Originalstück des Rasens vom Bökelberg vom Aufstieg 2001 eingesät worden. Tatsächlich stehen um diese Uhrzeit immer noch ein paar Mitglieder der Groupie-Fraktion am Absperrgitter.
Auf dem Weg zum Bahnhof komme ich am Bus des Nationalteams vorbei, den man sich von innen angucken kann. Noch habe ich genug Zeit und entschließe mich einen kurzen Blick hinein zu werfen. Der Mann an der Tür weist mich jedoch trotz meines grünen Bändchens ums Handgelenk ab. Dafür bräuchte ich „ein rotes Bändchen“. Jäh werde ich in die Realität meines alltäglichen Fandaseins zurückgeholt, was nun wirklich nicht so schlimm ist.
Während der Fahrt mit der S-Bahn bin ich ganz versunken in Gedanken an diesen unvergesslichen Abend. Hatte ich das wirklich gerade erlebt? Ich? Jannik Sorgatz, 17 Jahre alt, ein ganz normaler Fußball-Verrückter alleine in Berlin…Nicht wirklich, oder?
Obwohl, woher kommen dann die Bilder auf meiner Digitalkamera und wer hat mir mit einem Edding nicht zu entschlüsselnde Schriftzeichen auf den Rücken gemalt?
Dienstag, 25. September 2007
Das Oktobermärchen nach dem Sommermärchen (Teil II)
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Jannik
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Labels: Erlebtes, Nationalmannschaft
Montag, 24. September 2007
Das Oktobermärchen nach dem Sommermärchen (Teil I)
Wie ein Reporter vom RBB kurzzeitig mein bester Freund wurde und ich mich bei der Premiere von „Deutschland. Ein Sommermärchen“ plötzlich auf dem roten Teppich wieder fand.
Einige Leute sitzen quatschend in den Eiscafés, auch am großen Brunnen genießen wie immer viele Menschen mit Laptops bewaffnet die Atmosphäre des Sony Centers am Potsdamer Platz in Berlin. Touristen recken ihre Köpfe gen Himmel und zücken ihre Digitalkameras, aber von einem roten Teppich, geschweige denn von der Nationalmannschaft keine Spur.
Es ist der 3.Oktober 2006 – Tag der deutschen Einheit und ebenso der Premierentag des WM-Films „Deutschland. Ein Sommermärchen“.
Als geneigter Fußball-Verrückter hat man die Ohren stets gespitzt und absorbiert alles, was sich auch nur irgendwie zum Stillen der „Sucht“ eignet. Genauso ist es mit der Premiere der Dokumentation über den WM-Sommer 2006 gelaufen. Wenn ich mich an diesem Tag schon zufällig in Berlin aufhalte, kann ich mir solch ein Ereignis natürlich nicht entgehen lassen. Nur wo genau sollte der rote Teppich denn jetzt ausgerollt werden? Im Sony Center jedenfalls nicht.
Es ist erst 17 Uhr, noch mehr als zwei Stunden bis die Nationalmannschaft um Jogi Löw eintreffen wird. Also schlendere ich weiter suchend durch das große Areal. Moment? Findet die Berlinale nicht immer im „Theater am Potsdamer Platz“ statt? Einen Versuch ist es wert. Als ich das Gebäude aus der Ferne erblicke, fällt mir gleich das große Filmplakat über dem Eingang ins Auge. „Poldi“ rutscht auf grünem Hintergrund jubelnd über den Rasen, darüber der orange Schriftzug „Deutschland. Ein Sommermärchen“. Hier muss es doch sein.
Tatsächlich drängen sich vor den Absperrgittern schon Dutzende Fans, oder sollte ich sie „Groupies“ nennen? Ob diese fünfzehnjährigen Mädchen bei Interesse auch mit Fußballern – naja Ihr wisst schon – ist mir egal, jedenfalls erwecken sie mit ihren schwarz-rot-goldenen Hawaii-Kettchen, den blitzenden Zahnspangen und dem permanenten Gekreische den Eindruck, dass ihnen die Waden von Michael Ballack weitaus wichtiger sind als seine hervorragende Schusstechnik und seine ausgeprägte Beidfüssigkeit.
Das Areal vor dem Theater ist auf der Größe einer Spielfeldhälfte umzäunt, anscheinend rechnen die hier mit einem großen Ansturm. Zwei Stunden vor „Anpfiff“ des Films stehen die Fans erst in vier Reihen am Zaun, also stelle ich mich einfach hinzu und entschließe mich die Zeit zu investieren. Wann läuft die DFB-Elf schon einmal drei Meter vor einem über einen roten Teppich? Schon bald füllt sich der Platz und aus vier sind mindestens acht Reihen geworden. Nun gibt es kein zurück mehr.
Ach ja, gut vorbereitet bin ich auch gewesen. In dem Wissen, dass die Filmpremiere während meines Aufenthaltes in der Hauptstadt stattfindet, habe ich standesgemäß mein Deutschland-Trikot eingepackt und an diesem Tag angezogen.
Das ARD-Magazin „Brisant“ sollte ab 19 Uhr in einer Sonderausgabe von den nach-WM-sommerlichen „Feierlichkeiten“ berichten. Somit sorgen das Warm-Up der Moderatoren und kleine Proben für willkommene Abwechslung beim Warten, denn einfaches Rumstehen verliert nach einiger Zeit mitunter seinen Charme. Immer mehr Menschen strömen in der Zwischenzeit zum roten Teppich, es wird enger und kuschelig warm in der Menge. Von hinten fangen die ersten an zu drücken und mal wieder bin ich dankbar für jeden der 193 cm, die ich „ans Maßband“ bringe. Noch ahne ich nicht, dass dieser Abend ein ganz besonderer werden würde.
Um 18:45 treffen die ersten Premierengäste ein und es offenbart sich das Prinzip der „Promi-Hierarchie“. Wer früh eintrifft und in einem einfachen Toyota vorfährt, findet sich in der „Promi-Hierarchie“ eher unten wieder oder ist „nur“ ein Schulfreund von Regisseur Sönke Wortmann. Wer spät eintrifft und in einer schmucken C- oder E-Klasse antanzt, hat schon etwas zu bieten. Und diejenigen, die 10 Minuten vor Filmbeginn in einem Toyota ankommen, standen schlichtweg im Stau.
Dementsprechend hält sich die Begeisterung bei Fans, Groupies und Schaulustigen zunächst in Grenzen. Gelegentlich erblickt jemand einen Schauspieler, den er „schon mal bei Kerner gesehen“ hat oder ruft differenziert ins weite Rund: „Hey, das ist doch der Dingens. Hier, von der Sendung bei RTL.“
Dann steigt auf einmal Günther Netzer aus einem der pausenlos heranfahrenden Autos. Unschwer zu erkennen, denn die Matte gibt es so wahrscheinlich nur einmal auf der Welt. Inzwischen ist es fast dunkel und eine wohlige Atmosphäre kommt auf. Sportfreunde Stiller, Monica Lierhaus, Peter Lohmeyer – nach und nach wird die illustre Gästeliste abgearbeitet und ein Auto nach dem anderen lädt einen weiteren prominenten Premierengast am roten Teppich ab.
Die Übertragung im Ersten hat begonnen, Interviews werden geführt und kleine Filme erscheinen auf einer Leinwand. Die Stars geben fleißig Autogramme und glückliche Strömungen im Meer der Wartenden haben mich fast bis auf einen Meter an die Absperrung heran befördert.
Gegen 19:30 Uhr taucht auf einmal der Mann auf, der mein Leben für einen Abend auf den Kopf stellen sollte: Ulli Zelle, Moderator beim RBB und an diesem Abend als Reporter auf Stimmenfang am roten Teppich. Er nähert sich den Zuschauern und ruft vollkommen unerwartet: „Na, wer hätte denn Lust heute Abend den Film noch zu sehen – als offizieller Premierengast? Sie müssen nur eine kleine Frage beantworten."
Plötzlich sind alle in Aufruhr. Hier und da ertönt ein „Ich! Ich!“ und Leute recken ihre Hände in die Höhe. Herr Zelle schlendert am Gitter entlang und pickt ein paar Leute heraus. „Auf Sie werde ich gleich noch einmal zurückkommen, ok?“, versichert er den glücklichen Auserwählten und stellt dann fest: „Jetzt haben wir ja nur Frauen, wie sieht’s denn mit der männlichen Fraktion aus?“. Mir war vorher schon aufgefallen, dass das männliche Geschlecht eindeutig schwach vertreten ist und um mich herum fast nur Frauen stehen. Also hebe ich meinen Arm, rufe laut „hier!“ und schaue den Mann bettelnd an. Gleiches tut ein Junge meines Alters neben mir. Der Mann vom RBB mustert uns beide für ein paar Augenblicke und zeigt dann auf mich. „Wir sprechen uns gleich noch mal“, sagt er augenzwinkernd.
‚Oh mein Gott. Komm ich jetzt ins Fernsehen?’, schießt es mir durch den Kopf. Schon sehe ich mich auf dem roten Teppich - posierend mit Günther Netzer, vertieft in Fachsimpeleien mit Jogi Löw. Schnell schreibe ich meinen Eltern eine SMS und bitte meine Oma die Sendung aufzunehmen. Wahrscheinlich habe ich mein Glück ironischerweise den kreischenden Mädchen zu verdanken, die den armen Herrn Zelle so verschreckt hatten, dass er sich lieber etwas von ihnen weg – genau zu mir hin – orientiert hat.
Die Nationalmannschaft trifft kurz danach ein, gefolgt von unserer Bundeskanzlerin, die fleißig Trikots und Mannschaftsposter signiert. Der Jubel ist groß. Fußballer als Filmstars – das hatte es so auch noch nicht gegeben.
Zehn Minuten später kommt mein Freund Ulli Zelle live auf Sendung und beginnt zu erklären, dass ein paar Fans nun die Chance hätten, durch Beantworten einer Frage exklusiv die Premiere von „Deutschland. Ein Sommermärchen“ mitzuerleben.
Im Fernsehen sieht es ja immer so aus, als würden Leute zufällig herausgepickt und dann vollkommen überrascht. Dabei wusste jeder der Auserwählten längst Bescheid, dass der Reporter gleich (total unvorhergesehen) auf ihn zukommt und eine Frage stellt.
Ich bin als Letzter an der Reihe. Bisher war nach dem Ausgang des Spiels Costa Rica-Deutschland gefragt worden und nach dem Austragungsort des Viertelfinales gegen Argentinien. Das sollte wohl machbar sein. Anscheinend hatte die ARD sich humane Fragen ausgedacht, aber ich war für alles gewappnet. Herr Zelle wendet sich mir zu und stellt meine alles entscheidende Frage.
‚Hilfe, ich bin im Fernsehen. Jannik, jetzt mach’ keinen Mist, sonst landest Du noch bei TV Total', denke ich.
„Wie lautet der Spitzname von Bundestrainer Joachim Löw?“, möchte er von mir wissen. Puh, Gott sei Dank keine Frage nach der Zuschauerzahl beim WM-Finale 1970 oder dem Torschützen des 7:5 beim Spiel Österreich-Schweiz 1954. (Antworten für alle, die es interessiert: 107.412 und Erich Probst).
„Jogi“, skandiere ich lauthals und blitzschnell ins Mikro, damit mir bloß kein Spielverderber dazwischen kommt.
Freudig drückt er mir zwei Karten in die Hand und wünscht mir viel Spaß bei der Vorstellung. Manche Menschen springen in solchen Momenten jubelnd durch die Gegend, ich bin eher der Typ, der einen emotionalen Vulkanausbruch im Inneren erlebt. Doch wohin mit der zweiten Einladung? Schließlich stehe ich alleine da. Spontan denke ich an meinen Nachbarn, der vorhin bei der „Musterung“ den Kürzeren gezogen hatte und drücke ihm die Karte in die Hand. Naja, ein wenig mehr Begeisterung hätte ich mir schon von ihm erwartet. Zudem schaut die ältere Frau vor mir etwas enttäuscht drein, so dass ich mich ärgere, ihr nicht die Karte gegeben zu haben. Weitaus lukrativer wäre es jedoch gewesen, das gute Stück schwarz auf dem roten Teppich an einen der weiblichen Groupies in der ersten Reihe zu verticken. Von dem Erlös hätte ich die gesamte Nationalelf zum Essen einladen können.
Also stolpere ich freudetrunken aus dem abgesperrten Bereich heraus und lege mich fast noch auf die Nase, weil plötzlich eine Stufe auftaucht, die mir vorhin entgangen war. Ich bewege mich Richtung Eingang, wo mich zwei Security-Männer, die in ihrer Statur einem Einbauschrank ähneln, kritisch beäugen, mir jedoch aufgrund meiner offiziellen Einladung, die ich ihnen ins Gesicht halte, sofort Eintritt gewähren. An einer Art Rezeption hole ich mir ein grünes Bändchen ab und stolziere über den roten Teppich aufs Theater zu. Lustigerweise höre ich wie ein Mädchen seine Freundin fragt: „Hörmal, kennst Du denn da? Nee, oder?“.
Ich bin etwas spät dran, es ist zwei vor acht und der Film beginnt gleich. In der allerletzten Reihe finde ich noch einen Platz, vor mir sitzt der Gladbacher Stadionsprecher, den ich sonst nur jeden zweiten Samstag im Borussia-Park sehe. Moderatorin Anne Will begrüßt die Gäste, hält eine kurze Rede, an deren genauen Inhalt ich mich nicht mehr erinnern kann und dann geht endlich das Licht aus. Der Film beginnt...
Wie ich mit Marcell Jansen über sein Knie redete, mit Günther Jauch ein Foto machte und Franz Beckenbauer mich nach dem Weg fragte, folgt in Teil II...
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Samstag, 22. September 2007
Fohlengeflüster (0): "Gladbach: Viiieeer! Augsburg: Nuuuull!"
Keine Angst, Fußball-Fans können durchaus zählen. In der Ekstase eines ungekannten 4:2-Erfolges ist man schlichtweg nicht mehr so nachtragend.
Der VfL ist wieder da!“ – lautet heute Morgen die Überschrift über dem Spielbericht in der Rheinischen Post. Noch eine Viertelstunde vorher hatte ich unter der Dusche gestanden und mir Gedanken über diesen Post gemacht.
„Als Überschrift könnte ich ja ‚Der VfL ist wieder da!’ nehmen“, hatte ich mir überlegt, schließlich hatten das 26000 Zuschauer gestern nach dem 3:1 durch Rob Friend angestimmt. Und irgendwie stimmt es ja auch: Drei Siege in Folge, zwei Nächte auf einem Aufstiegsplatz – die Borussia ist wieder da.
War es nun Telepathie, hatte ein RP-Späher vor der Badezimmertür gestanden und meinen Gedanken gelauscht oder ist Herr Karsten Kellermann (Autor jenes Artikels in der RP) einfach nur wie ich Borusse durch und durch und war ebenfalls hin und weg vom gestrigen 4:2 Sieg gegen Augsburg?
Wie auch immer, es war auf jeden Fall ein besonderer Abend im Borussia-Park. Dabei ging alles sehr unspektakulär los.
Als ich um 17:18 Uhr meinen Platz in der Nordkurve erreiche herrscht gähnende Leere im weiten Rund. Allein die 14079 Stehplätze im Unterrang sind allesamt belegt, wie immer eigentlich. Und in den verbleibenden 45 Minuten gesellen sich nicht allzu viele hinzu, in der zweiten Halbzeit wird die offizielle Zahl von 26100 Zuschauern verkündet. Eigentlich Bökelberg-Verhältnisse, aber die 25956 Gladbacher (die geschätzten 144 mitgereisten Augsburger abgezogen) erlebten erstens eine Partie, wie man sie lange nicht gesehen hatte und verwandelten den Borussia-Park zweitens in einem Hexenkessel. Übrigens kann der Gästeblock zukünftig an Spieltagen für private Veranstaltungen wie Geburtstage und Hochzeiten gemietet werden. Wehen, Hoffenheim, Augsburg und Koblenz brauchen den Platz ja sowieso nicht.
Friend und Rösler haben die besten Gladbacher Möglichkeiten in ersten Durchgang, vergeben aber aus kurzer Distanz. Auf der anderen Seite köpft Vorbeck Keeper Heimeroth freistehend in die Arme. So neigt sie die erste Hälfte schon ihrem Ende zu, als Oliver Neuville zwei Augsburger düpiert und aus halblinker Position den Ball ins rechte untere Eck schlenzt. 26000 gehen zufrieden ihr Bier und ihre Bratwurst holen, auch wenn die Borussia sich gegen die tief stehenden Gäste nicht gerade ideenreich präsentiert hatte.
Wie ausgewechselt kommen beide Teams aus der Kabine. Der 15. aus Bayern spielt jetzt munter mit, Gladbach ist ebenfalls engagierter, auf beiden Seiten ergeben sich Chancen. Fünf Minuten nach der Pause zieht der erneut bärenstarke Ndjeng eine Flanke von links scharf vor das Tor von Sven Neuhaus. Neuville ist zur Stelle und markiert per Kopf (!) seinen zweiten Treffer. Olli und Kopfballtore, das sieht man ähnlich selten wie früher ein Tor von Berti Vogts in der Nationalmannschaft.
Doch das Glück währt nicht lange. Dreßler köpft nach einer Ecke nur drei Minuten später zum Anschlusstreffer ein, Heimeroth macht in dieser Situation keine gute Figur. Als der Ball sich langsam in den Strafraum senkte, dachte ich mir schon: ‚Aber bitte nicht wieder wie gegen Osnabrück’. Prompt war das Unheil wieder perfekt. Mit einem Unterschied: Anstatt das dünne Polster mit Mann und Maus zu verteidigen, machen die Jungs von Jos Luhukay weiter, was sich schnell auszahlt. Svärd trifft aus der Distanz den linken Pfosten, Friend staubt in Arie van Lent-Manier ab und erzielt sein zweites Saisontor. Spätestens jetzt werden die Häme wie „weißer Kahê“ verhallen. Denn anders als der hat der Kanadier sich endlich warm geschossen und erweist sich mit seiner Kopfballstärke als neue Geheimwaffe im Angriffsspiel.
„Der VfL ist wieder da!“ skandiert die Nordkurve, denn der zweite Heimsieg der Saison scheint perfekt. Denkste! Erneut bringt Christofer Heimeroth den FCA mit einem schweren Schnitzer zurück ins Spiel. In der Folge geht es hin und her, Gladbach drängt auf die Entscheidung, Augsburg will seinem Trainer Rainer Hörgl im 100.Spiel einen Punkt bescheren. Letztendlich findet die Borussia das glücklichere Ende. Joker Nando Rafael, eigentlich als „Chancentod“ und „Abseitskönig“ verschmäht, bleibt Sieger im Laufduell mit einem Gegner und schießt nach schöner Körpertäuschung mit links zum entscheidenden 4:2 ein.
„Gladbach: Viiier! Augsburg: Nuuull“, verkünden die Fans den Spielstand. Zwei blöde Gegentore, die interessieren da niemanden mehr. Überhaupt durften wir Leidgeprüften mit der Raute im Herzen das erste Mal seit Dezember 2005 (4:3 gegen Frankfurt) vier eigene Treffer bejubeln, auch damals steuerte Oliver Neuville einen Doppelpack bei. Nachdem die Borussia in Aue am Montag zum erst dritten Mal in sechs Jahren in der Fremde dreifach getroffen hatte, gab es also nun im eigenen Stadion einiges zu bejubeln.
Als Augsburg mauerte, gewann Gladbach die Hälfte 1:0. Als Augsburg hinten aufmachte mit 3:2. Demnach wird deutlich, dass der Sieg in jeder Hinsicht verdient war.
„Oh, wie ist das schön. Sowas hat man lange nicht gesehen“ – das hatte man wirklich lange nicht. Mein Aberglaube hat uns übrigens den dritten Sieg in Folge beschert: Denn zum dritten Mal in Folge saß ich entweder im Stadion oder vorm Fernseher mit zwei Trikots übereinander. Dem alten weißen von Jever und dem neuen mit dem Kyocera-Schriftzug.
Dieser Aberglaube – im Winter wird er mich wahrscheinlich ins Grab bringen. Denn dann reichen zwei Trikots wohl nicht mehr, um mich vor dem Erfrieren zu bewahren. Es sei denn die Jungs erwärmen unsere Herzen weiterhin so wie gestern Abend.
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Labels: Gladbach, Zweite Bundesliga
Samstag, 28. Juli 2007
Kicker, Sportbild und 11Freunde - die Fußball-Sonderhefte im Vergleich
Die Sommerpause geht, eine neue Saison kommt – und mit ihr eine regelrechte Flut an so genannten „Sonderheften“ renommierter Sport-Zeitschriften zum Saisonstart. Drei davon habe ich genauer unter die Lupe genommen.
Meine Mutter war mal wieder Schuld. 1996 – es ist inzwischen 11 Jahre her – brachte sie mir eine dicke Zeitung mit nach Hause. „Kicker-Sonderheft“ grüßte es vom knallroten Cover. Es war die Initialzündung einer großen Affinität für Fußball-Hefte und die Eröffnung eines Sport-Archivs in meinem Kleiderschrank.
Damals konnte ich gerade erst lesen, aber das hinderte mich keineswegs daran, die Zeitschrift stundenlang von vorne nach hinten und wieder zurück zu durchforsten. Jürgen Klinsmann spielte noch bei den Bayern und schon in jenem Jahr habe ich zuerst die Seite mit dem Mannschaftsfoto meiner Borussia aus Mönchengladbach aufgeblättert. Ich konnte den ersten Blick erhaschen auf das neue Trikot, in Zeitalter des Internetlosigkeit war das noch stets ein gut gehütetes Geheimnis gewesen. Heutzutage weiß man teilweise noch früher Bescheid, als der Verein selbst.
Seitdem beginnt jedes Jahr im Juli das Warten. Bis 1998 hatte die Ausgabe des „Kicker“ die Vorherrschaft in meinen (damals noch Kinder-)Zimmer inne, dann betrat auch die „Sport-Bild“ mit einem in hellblau gehaltenen Heft das Sonderheft-Terrain. Macht zusammen bis jetzt 22 Ausgaben. In diesem Jahr offenbart sich erstmals ein Triumvirat auf meinem Couchtisch: Das Magazin „11Freunde“ schickt ebenfalls einen Kandidaten ins Rennen. Anlass genug, um einen Vergleich anzustellen. Untersucht wurden Aufbau, Layout/Übersichtlichkeit, Informativität und das Preis-Leistungsverhältnis.
KICKER:
Aufbau:
Das Sportmagazin bleibt sich meistens selber treu. Selten gibt es Veränderungen gegenüber dem Vorjahr, ab und zu werden kleine Rubriken hinzugefügt. Traditionell werden die 18 Bundesliga-Teams auf je zwei Seiten vorgestellt – mit der voraussichtlichen Stammelf, den Neuzugängen und einer Einschätzung des Trainers. Es folgen alle 36 Profi-Teams mit großem Mannschaftsfoto und einer Übersicht des Kaders. Neu hinzugekommen ist bei den Clubs im Oberhaus eine Doppelseite mit „Visitenkarten“ der Spieler und wichtigen Vereinsstatistiken. Abgerundet wird das Heft von einem umfangreichen Statistikteil und der Regionalliga. Zu guter letzt die Abschlusstabellen aus allen europäischen Ligen und auch die Nationalmannschaft ist kurz Thema. Insgesamt gibt es 240 Seiten zu durchstöbern – auch die Schiedsrichter, das hauseigene Managerspiel und die Frauen fehlen nicht.
Layout/Übersichtlichkeit:
Auch Erstleser werden sich schnell zu Recht finden, da es kaum Ablenkungsfaktoren gibt. Vieles steht schwarz auf weiß, Grafiken und Tabellen bestechen durch Übersichtlich- und Geradlinigkeit. Traditionelle Leser werden das begrüßen, andere werden nach etwas mehr Moderne rufen – Geschmackssache.
Informativität:
Keine Frage wird offen gelassen. Wie heißt der Zeugwart vom Karlsruher SC, wer ist der jüngste Schiedsrichter und wer holte in Armenien den Meistertitel? In diesem Heft findet man alles und dazu auch noch relativ einfach. Dominiert wird das Heft von Zahlen und Fakten, nur zu Beginn bei der Vorstellung der einzelnen Vereine findet man einige Stories und ausführlichere Hintergrundinformationen.
Dadurch bleibt das „Kicker-Sonderheft“ jedoch das ganze Jahr über nützlich und mehr als nur eine Bestandaufnahme. Wer sich im März fragt, wie viel die Clubs eigentlich von ihrem Sponsoren erhalten, schaut ins Inhaltsverzeichnis, schlägt Seite 31 auf und liest nach (es sei denn Gazprom steigt bei einem weiteren Verein ein, man weiß ja nie). Die Zahlen und Aussagen sind wie in Stein gemeißelt, Fehler absolute Rariräten.
Preis-Leistungs-Verhältnis:
Mit einem Preis von 5,40€ ist die Ausgabe des „Kicker“ am teuersten im Triumvirat der Sonderhefte. Vor 12 Jahren lag der Preis bei 9 DM, genau wie das Heft selbst hat sich der Preis also auch nicht allzu sehr verändert. Als Extra erhält der Käufer die berühmte Stecktabelle mit den Emblemen aller Clubs von Liga eins bis drei. Hinzu kommt dieses Jahr eine persönliche „WinPin“, mit der man angeblich das ganze Jahr über attraktive Preise gewinnen kann.
Sicherlich wird der eine oder andere denken: ‚Mensch, das sind mehr als 10 Mark’. Aber das Geld ist gut angelegt, da man eine langlebige Lektüre für die gesamte Saison erhält, die einen großen Informationswert besitzt.
SPORT-BILD:
Aufbau:
Im Umfang steht die Ausgabe der „größten Sportzeitung Europas“ dem Konkurrenten des „Kicker“ in Nichts nach – im Gegenteil. Spieler aus 45 Jahren Bundesliga melden sich zu Wort, die Transferausgaben der Clubs werden thematisiert, Kolumnist Lothar Matthäus gibt seinen Meistertipp ab und noch vieles mehr.
Die Stories über die Bundesligavereine und ihre Kader werden hier zusammengeworfen, ein großes Mannschaftsfoto gibt es nicht – macht jeweils drei Doppelseiten pro Verein. Im Mittelteil wartet ein riesiger Statistikteil aus der offiziellen Datenbank der Bundesliga, auf den die Clubs aus Liga zwei folgen. Auch deren Fans kommen ausreichend auf ihre Kosten.
Die Regionalliga, Frauen-Bundesliga, internationaler Fußball und der DFB sind im hinteren Teil zu finden. Zum Schluss erhalten Fußball-Fans eine interessante Wochenübersicht, die offenbart, wann es ihren Lieblingssport im TV zu sehen gibt.
Layout/Übersichtlichkeit:
Wer die wöchentliche Ausgabe der „Sport-Bild“ kennt, dem wird das Layout bekannt vorkommen. Viele Farben – man merkt, dass der „Vater“ die Bild-Zeitung ist–, aber trotzdem übersichtliche Schrifttypen und eine gute Ordnung. Auf jeden Fall ist dieses Exemplar sehr abwechslungsreich und präsentiert sich äußerst modern. Alle Teams haben einen farbigen Streifen am Rand ihrer Seiten, so dass man zielgenau auf die Infos über den Lieblingsclub zusteuert.
Informativität:
Wo der „Kicker“ schon kaum noch zu übertreffen ist, setzt dieses Heft noch einen drauf. In Mittelteil findet man vom am häufigsten getunnelten Spieler bis hin zum rüdesten Fouler einfach alles. Auflistungen wie die aller Nationalspieler in der jeweiligen Vereinshistorie sind äußerst interessant. Die Homepages der Vereine werden ebenfalls bewertet. Bemerkenswert sind die Saisonprognosen der Redaktion. Habe noch einmal in alten Heft nachgeblättert und: Viele der Prognosen haben sich bewahrheitet. Auch diese Ausgabe lässt keine Fragen offen, bis die Antwort gefunden ist, dauert es jedoch einen Tick länger.
Preis-Leistungs-Verhältnis:
Vier Seiten mehr als der „Kicker“, 50 Cent weniger im Preis – dem Sonderheft der „Sport-Bild“ kann man also ein leicht besseres Preis-Leistungsverhältnis bescheinigen. Aber: die erste Ausgabe im Jahr 1998 hat nur 6,90 DM gekostet (3,50€), der Preis ist auf 4,90€ gestiegen. Das Format hat sich jedoch in Inhalt und Umfang kaum verändert. Als Zubrot gibt’s eine kleine DVD mit Szenen der letzten Saison und Clips über die kommende Saison.
11FREUNDE:
Aufbau:
„11Freunde“ beweist einmal mehr, dass es das Heft für den lesenden Fußball-Fanatiker ist. Konkrete Tipps für die neue Saison, Berichte über Neuzugänge – all das hat die Sonderausgabe der „Magazins für Fußballkultur“ anscheinend nicht nötig. Denn wem „Fußballkultur“ versprochen wird, der will sie auch erhalten. Bei „11Freunde“ sieht das so aus: Übergroße, teils beeindruckende Bilder, die besten Bundesliga-Clips bei YouTube, amüsante „Fehldrucke“ aus der Panini-Fabrik oder ein Interview mit Ex-Rüpel Thorsten Legat.
Selbst der Fan oder auch nur Fußball-Interessierte, der den „Kicker“ nicht abonniert hat, müsste an den unterhaltsamen Rubriken und dem stets ironisch angehauchten Ton seinen Spaß haben. Wo normalerweise eine Flut an Statistiken zu finden ist, findet der Leser hier Berichte über den Einfluss der Bild-Zeitung auf den Fußball oder ein Interview mit Kult-Kicker „Zecke“ Neuendorf.
Jedem der 36 Profi-Vereine gebührt eine Doppelseite und auch die Fortuna hat eine eigene Spalte in der Regionalliga-Story mit dem Titel „Das große Wettrüsten“.
Layout/Übersichtlichkeit:
„Kurzpass“, „Reportage“, die zwei Bundesligen und die Regionalliga, abgerundet mit der Kategorie „Standardsituation“ – Übersichtlichkeit regiert auf ihre ganz eigene Art. Farbliche Akzente setzen – so wie es sich doch eigentlich gehört – fast ausschließlich die Bilder. Verloren kann hier niemand gehen. Anders als bei den Kollegen des „Kicker“ und der „Sport-Bild“ trüben riesige Werbeseiten nur selten das übersichtliche Bild.
Man könnte den Gesamtstil des Layouts, selbst wenn es widersprüchlich klingt, als „retro-modern“ bezeichnen.
Informativität:
Ich denke, man muss die Frage folgendermaßen angehen: Die Mehrheit der 11-Freunde-Leser wird mit Sicherheit eines der zuvor bewerteten Hefte zuhause haben. Deshalb erübrigt sich der Vorwurf, es könnten doch bitte ein paar mehr Fakten und Zahlen sein. Wer noch nicht wusste, dass Timo Konietzka der erste Torschütze der Bundesliga war, wird sich trotzdem an seiner Erzählung erfreuen können. Und vermutlich auch darüber schmunzeln, dass kein Fotograf ein Bild schießen konnte, weil sich alle hinter dem falschen Tor postiert hatten.
Sei es der „Peinlichste Moment der Vereinsgeschichte“ oder der „Lustigste Fanartikel, hier gibt es einiges zu lachen. Wer einen handlichen Guide für die kommende Saison sucht, in dem er alle Spieler, alle Trainer und alle Termine findet, ist bei „11Freunde“ wahrscheinlich falsch. Wer sich an Geschichten von abseits des Fußballplatzes erfreut und sagt, Statistiken seien Schall und Rauch, der ist hier an der richtigen Adresse.
Preis-Leistungs-Verhältnis:
Ok, 160 Seiten für 4€ sind gegenüber der Konkurrenz natürlich teurer. Aber wer will da trotz allem meckern. Extras gibt es keine, nur ein Quiz mit fünf Fragen, die es echt in sich haben. Da rauft sich der studierte Diplom-Archivar selbst die Haare.
Fazit:
Zahlen-Fetischisten (ich gehöre zugebenermaßen auch dazu) und Leute, die kompakte Infos suchen, sind bei „Kicker“ und „Sport-Bild“ in jeder Hinsicht gut aufgehoben. Auf jeweils 240 Seiten und mehr findet man alles, was auch nur ein wenig wichtig ist für die Saison 2007/08.
Die beiden Exemplare begegnen sich durchaus auf Augenhöhe. Der „Kicker“ ist einen Tick niveauvoller (aber auch sehr traditionell), während die „Sport-Bild“ durch ein im positiven Sinne umwerfendes Maß an Fakten besticht (manchmal jedoch nicht so übersichtlich wie die Konkurrenz).
Das „11Freunde“-Magazin ist kritisch, unterhaltsam und informativ. Stilistisch eher in einer anderen Liga als die Konkurrenz, die weder schlechter noch besser ist. Man muss, wie gesagt, nicht alle Meister seit 1963 im Schlaf aufzählen können, sondern sich lediglich an tollen Geschichten wie der über den Duisburger Masseur Ronald Dynio (der Name ist Programm) erfreuen.
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Jannik
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Montag, 14. Mai 2007
Die Angst des Schalkers vor der Schale
Ironie des Schicksal: Nach genau sechs Jahren ist Schalke erneut vom VfB Stuttgart ins Tal der Tränen gestürzt worden. Nun heißt es wohl "Schale adé".
Es ist Samstag, der 12.Mai, 16:49 Uhr: Mario Gomez erzielt mit seinem ersten Ballkontakt den Ausgleich für den VfB in Bochum und weg ist sie – die Schalker Tabellenführung. Und es sieht ganz danach aus, als wenn dies der allerletzte Moment in dieser Saison gewesen ist, der Schalke solche Höhenluft schnuppern ließ.
Lethargisch, nervös, ideenlos. So hat sich S04 in Dortmund (ausgerechnet in Dortmund) präsentiert. In Bochum war noch eine Menge Pech dabei, letzten Samstag anscheinend nur Unvermögen, die Spitzenposition einmal bis zum 34. Spieltag zu halten. Große Töne hatten sie gespuckt. Gerald Asamoah plante schon offiziell seinen Fußmarsch zurück nach Gelsenkirchen und Manuel Neuer dachte laut darüber nach, ihn auf dem Rad zu begleiten. Irgendwie sind es immer Sprichwörter die so etwas am besten beschreiben: Hochmut kommt vor dem Fall.
Mit großer Wahrscheinlichkeit – es sei denn Stuttgart verliert gegen Cottbus, das zuletzt spielte, als ob die Sommerpause schon begonnen hätte und Schalke gewinnt gegen Bielefeld, oder Schalke siegt mit vier Toren Unterschied und Stuttgart spielt remis – müssen die Königsblauen nächstes Jahr ein trauriges Jubiläum begehen: 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert ist er dann her der letzte Meistertitel. Selbst Eintracht Braunschweig und 1860 München, insgesamt elf Vereine, durften seit 1963 schon einen Titel bejubeln, Schalke war nicht dabei. Der Spott ist groß. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ tönt es von den Rängen, vom „Rekordmeister der Herzen“ ist die Rede.
Im Winter ist Gazprom bei Schalke 04 eingestiegen und pumpt angeblich bis zu 25 Millionen jährlich in den Verein. Schalke, das ist eine Truppe aus zusammengekauften Söldnern ohne Zusammenhalt. Stuttgart, das ist eine junge Mannschaft, die erfrischenden Fußball spielt und aus nicht allzu viel eine ganze Menge macht. Auch wenn es sich abgelutscht anhört: Geld schießt nun mal keine Tore und vor allem schützt Geld nicht vor dem Versagen. Vor auf den Tag genau sechs Jahren, am 12.Mai 2001, hatte Krassimir Balakov mit seinem Last-Minute Tor den Anfang von Ende aller Schalker Meisterträume besiegelt. Dieses Jahr ist der VfB Stuttgart erneut der große Spielverderber. Nur diesmal werden die Schwaben selbst diejenigen sein, die davon am meisten profitieren.
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Jannik
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Mittwoch, 2. Mai 2007
Es ist vollbracht
Und am Ende ging es ganz schnell: Die Borussia ist abgestiegen. Doch wie geht es jetzt weiter? Eine Momentaufnahme von einem Verein am Abgrund.
Zwischen Bielefelder Feierlaune und Bremer Niedergeschlagenheit ist er doch irgendwie zunächst etwas unbemerkt geblieben: Der definitive Abstieg von Borussia Mönchengladbach, das große Dilemma für den fünfmaligen Deutschen Meister. Der Abstand zum berüchtigten rettenden Ufer beträgt bei noch drei Spielen neun Punkte. Mathematiker werden einwerfen, dass rechnerisch doch noch was zu holen sei, aber: Da Frankfurt und Aachen, der 15. und 16.der Tabelle, am nächsten Wochenende aufeinander treffen und einer auf jeden Fall Punkten wird, bleibt nichts anderes übrig, als alle Mathematik über den Haufen zu werfen.
Mir selbst ist es erst am späten Abend klar geworden, dass das Übel nun doch schon besiegelt ist. Schmerzlos und kalkulierbar irgendwie. Als Fan mit Hang zum fußballerischen Sadismus (ohne den diese Saison aus Borussensicht kaum zu überleben ist) wäre man doch lieber live dabei gewesen. Am Ende ging es ganz schnell. Noch vor vier Wochen war die Hoffnung auf das Unwahrscheinliche bis Unmögliche sicher vorhanden, fünf Punkte betrug der Abstand zu Platz 15. Doch die anschließenden Partien gingen sang- und klanglos verloren – ohne auch nur einmal einen Treffer der eigenen Mannschaft bejubeln zu können. Insgesamt ist das bisher in 17 Spielen der Fall gewesen, 22 Tore in 31 Spielen, nur 2 Siege in den letzten 23, 11 Niederlagen mit 0:1 – vier Daten, die eine unmissverständliche Sprache sprechen.
Die Vertreter der „Was-wäre-gewesen-wenn“-Fraktion sind zwar herzlich eingeladen darüber zu philosophieren, ob man den Abstieg hätte verhindern können, wenn Jupp Heynckes schon in der Winterpause gegangen wäre. Oder wenn Peter Pander, dem heute bekanntlich nicht mehr als ein trauriges Kapitel der Gladbacher Vereinsgeschichte gebührt, einen Vollblutstürmer verpflichtet hätte anstatt mit Mikkel Thygesen einen zweitklassigen dänischen Außenstürmer zu kaufen. Die Abwehr kann es beim besten Willen nicht Schuld gewesen sein – denn die Borussia hat nur ein Tor mehr als die Bayern und Bremen kassiert.
Es sind wohl die strukturellen Probleme, die Gladbachs zweiten Abstieg nach 1999 besiegelt haben. Ein Präsident, der sich selbst fußballerisches Fachwissen abspricht. Ein Ex-Manager, der Spieler nach dem Zufallsprinzip zu kaufen schien. Ein Ex-Trainer, dessen Zeit schlichtweg vorbei war. Und sein Nachfolger, der auch nicht mehr als 9 Punkte aus 11 Spielen aufzuweisen hat – durchschnittlich im Vergleich zu Jupp Heynckes sogar noch weniger.
Zuletzt konnte man auch von Jos Luhukay nicht mehr hundertprozentig überzeugt sein. Meist nur mit einem Stürmer in der Startelf, dazu teils unverständliche Auswechslungen wie die von Federico Insúa im Spiel gegen den HSV. Letzten Samstag schießt Marko Marin die Amateure zum Sieg, aber warum war er nicht bei der ersten Mannschaft? Anstatt dem jungen René Schnitzler, dem mit 11 Toren besten Torjäger der U23 in der Regionalliga, mal einfach eine Chance zu geben, setzt Luhukay unentwegt auf Nando Rafael, der seit seinen Treffern gegen Berlin nur noch durch eine rekordverdächtige Zahl an Abseitsstellungen geglänzt hat. Hoffentlich war die Vereinsführung nicht zu voreilig, dem Trainer schon während der Saison einen Vertrag bis 2009 zu geben. Jedoch muss man auch bedenken, dass es fast unmöglich war für den Niederländer aus diesem Scherbenhaufen eine Truppe zu formen, die plötzlich Erfolg hat.
Wie sagt man so schön: Der Fisch stinkt zuerst am Kopf. Und es sieht so aus, als dürfe er bei Gladbach weiter stinken. In einer „Nacht- und Nebelaktion“ (Rheinische Post) ist Rolf Königs in seinem Amt bestätigt worden, allen Rücktrittsgedanken zum Trotz. Man kann nur gespannt sein, wie die Borussia das Unternehmen Wiederaufstieg in Angriff nimmt. Ihnen sollte jedoch klar sein, dass dies auf keinen Fall einfach wird. Trotzdem darf es kein anderes Ziel geben. Egal wie düster es momentan um den Traditionsklub vom Niederrhein, das einstige deutsche Aushängeschild in Europa neben dem FC Bayern, aussieht.
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Jannik
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Mittwoch, 11. April 2007
Sag' mir, wo der Fußball ist
Bayern, Leverkusen und Bremen stehen im Viertelfinale des Europacups. Erfreuen kann sich daran aber nur ein privilegiertes Fernsehpublikum
In den letzten Wochen muss man häufiger als erwartet eingestehen: Die Leistungen deutscher Teams auf europäischer Bühne sind dieses Jahr weit besser als ihr Ruf. Drei Mannschaften – die Bayern in der Champions League, Bremen und Leverkusen im UEFA-Cup – vertreten diese Woche den deutschen Fußball im Viertelfinale des Europacups. Das gab es zuletzt 2002 als Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund erst im Finale der Königsklasse bzw. des UEFA-Cups scheiterten.
Bayern und Werder gehen nach einem Unentschieden in Hinspiel selbstbewusst ins Rückspiel im eigenen Stadion während Leverkusen nur noch auf ein Wunder à la Werder Bremen 1988 hoffen darf, das seiner Zeit unter Otto Rehhagel den Berliner FC Dynamo nach einer 3:0-Schlappe im Hinspiel mit einem furiosen 5:0 noch aus dem Wettbewerb warf.
Die guten Auftritte deutscher Teams – und das nach dem kläglichen Scheitern von Schalke und Hertha in der ersten Runde des UEFA-Cups – tragen zudem dazu bei, dass die Position der Bundesliga im internationalen Vergleich gestärkt wird. Platz fünf in der ominösen UEFA-Fünfjahreswertung, die über die Anzahl an Europa-Cup Startplätzen für ein jeweiliges Land entscheidet, ist derzeit kaum noch in Gefahr, da die lauernden Portugiesen und Rumänen nur noch mit einem bzw. keinem Vertreter dabei sind.
Doch genug des Lobes und des Optimismus. Schön und gut, dass Deutschland sich nach dem Sommermärchen auch wieder bei den Vereinsmannschaften profilieren kann. Aber was hat der Fußballbegeisterte oder zumindest –interessierte vor dem heimischen Fernseher davon? Nichts!
Premiere hat nach dem Verlust der Bundesligarechte anscheinend wieder Morgenluft gewittert und überträgt ab dem Viertelfinale alle UEFA-Cup-Spiele, ein Spiel der Champions League wird „großzügigerweise“ an DSF abgegeben – jedoch ohne deutsche Beteiligung. Manchester-Rom, 7:1, war ja ganz nett, aber hätten nicht Millionen von Fußballfans heute Abend gerne die Bayern gegen Mailand gesehen?
Stattdessen können sich die, die ihren Premiere-Decoder noch nicht aus dem Fenster geworfen, lediglich ihr Abo gekündigt haben, nachdem Arena sich die Übertragungsrechte für den Profifußball gesichert hatte, für „preiswerte“ 10€ das Spiel bei Premiere kaufen. Kapitalismus Olé! Ausgerechnet Sat 1, das nach dem Untergang seines sportlichen Aushängeschildes „Ran“ nur noch im Schatten der öffentlich-rechtlichen und von RTL steht was Live-Übertragungen angeht, muss diese Woche Fußball-Deutschland retten. Aber Kai Pflaume am Spielfeldrand mit Thomas Schaaf und im Interview mit Miroslav Klose? Große deutsche Sportmoderatoren der Vergangenheit drehen sich sicherlich im Grabe um.
Hauptsache das DSF zeigt heute Abend „Männer TV“, morgen Poker und Darts – so wie es sich für das Deutsche Sportfernsehen anscheinend gehört. Und ARD und ZDF? Die scheinen den Verhandlungspoker um Fußballübertragungen, bei dem es um Millionen geht, schlichtweg satt zu sein. Wo soll das nur hinführen?
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Jannik
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Labels: Bundesliga, Champions League, Europacup, Uefa-Cup
Montag, 2. April 2007
Immer wieder samstags
Auch wenn das Abstiegsgespenst allgegenwärtig ist: Wer die Gladbacher Raute im Herzen trägt, bleibt immer treu. Ein Bericht aus dem Borussia-Park.
Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Sonne und auch der DIN 1355 haben wir es zu verdanken, dass die Woche in unseren Breitengraden an einem Montag beginnt. Für denjenigen, der sein Herz an einem Bundesliga-Club verloren hat, dreht sich die ganze Woche jedoch nur um den Samstag, 15:30 Uhr.
Länderspielpausen wirken da doch eher als Therapie, gerade wenn das verlorene Herz einem Verein wie Borussia Mönchengladbach zugefallen ist. Starke Nerven, übermensch-liches Durchhaltevermögen und schier unglaublicher Optimismus müssen häufig die besten Freunde des Fans sein, der die „Raute“ im Herzen trägt. Ich bin erst 17 Jahre alt, aber schon an unzähligen Samstagen in den letzten Jahren, so gegen 17:22 Uhr, habe ich mich gefühlt, wie ein 68-jähriger.
Der letzte Samstag war mal wieder einer dieser Tage. Nach der Niederlage in letzter Sekunde beim Auswärtsspiel in Leverkusen musste ich nachdenkliche zwei Wochen damit verbringen, mich für das nächste Heimspiel gegen Frankfurt zu motivieren. Obwohl – spätestens drei Tage nach der Enttäuschung ist es wie bei einem Heroinabhängigen, der einige Tage ohne Drogen verbringen musste: Es juckt in den Fingern, die Lust auf Fußball wächst, die hoffnungsvollen Gedanken an das nächste Spiel mehren sich.
Länderspiele und der Gladbacher Bundesliga-Alltag sind wie Telenovelas und die Tagesschau – erst bekommt man eine heile Welt vorgespielt und wird dann abrupt in die oft so grausame Realität zurückgeholt. So war es auch beim Spiel gegen Frankfurt.
Um 14 Uhr nehme ich Platz auf meinem Sitz in der Nordkurve – Block 17A, Reihe 12. Meine Mutter, wie immer während meiner schon 12 Jahre andauernden Begeisterung für diesen Verein, an meiner Seite. Das Ritual ist dasselbe wie beim letzten Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin, das mit 3:1 gewonnen wurde. Ich esse eine Käse-Schinken-Stange, meine Mutter eine Bratwurst, einen Streuseltaler teilen wir uns „brüderlich“ – so wie Leidensgenossen das nun einmal tun.
Aber nein, was ein Unglück! Der Verkäufer am Kamps-Stand war heute ein anderer. ‚Wenn das mal gut geht’, sagt meine Mutter.
Nachdem das Fohlen-Echo, die Stadionzeitung im Borussia-Park, durchgewältzt ist, steht die Uhr bei 14:38 Uhr. Jünter, das Maskottchen, läuft heiter durch die Fankurve, der Stadionsprecher versucht, die versammelten Fans, in Stimmung zu bringen.
Um Viertel vor Drei kommt Kasey Keller zum Warmmachen, die erste kleine Welle der Begeisterung schwappt durch die Arena. Als der Rest der Mannschaft den Platz betritt, herrscht erst einmal Verwirrung in Block 17 A, Reihe 12, Platz 1-2. Ein A-Jugendlicher in der Anfangself? Wo ist David Degen? Sonck wieder nicht im Kader? Unsere guten Augen und das gesunde fußballerische Fachwissen lassen uns sehen, wer genau spielt und wer auf der Bank Platz nehmen muss. Meine Mutter erkennt Schiedsrichter Kinhöfer, der sich mit seinen Assistenten an der Mittellinie warm macht.
Das Ritual in den letzten zehn Minuten vor Spielbeginn haben meine Mutter und Ich uns ausnahmsweise nicht selbst auferlegt. Zuerst ertönt eine Fanfare, alle schwenken ihre Schals und Fahnen in der Luft, die erste Gänsehaut meldet sich traditionell zu Wort. Aus „Go West, life is peaceful there“ wird „Oléeeee, super Vau-Eff-Ell“. Der Stadionsprecher verkündet mit tatkräftiger Unterstützung von 52.117 Fans (wenn man die Pfiffe der Frankfurter Anhänger mitzählt) die Mannschaftsaufstellung. Ob die Nummer 5, Marcell Jansen, nun ein Fußballgott ist oder nicht, darüber herrscht allgemeine Uneinigkeit. Weiter geht’s mit der Gladbacher „Nationalhymne“, der „Elf vom Niederrhein“. Mitgeklatschen kann diesmal niemand, weil alle kleine Transparente mit der Aufschrift „Ein Team“ in die Höhe halten, mitgesungen dafür umso lauter. Auch der Schluss, „…und geht das Spiel auf mal verlor’n, dann macht uns das gar nichts aus. Denn dann fahren wir zum Auswärtsspiel und machen einen drauf“, darf nicht fehlen. Obwohl hinter dieser Zeile inzwischen mehr Ironie als Selbstvertrauen steckt.
Das Spiel beginnt mit einem Paukenschlag: Marcell Jansen trifft mit einem wuchtigen Weitschuss die Latte – im Nachhinein sollte es aber eine dieser „Was-wenn-der-reingegangen-wäre-Szenen“ bleiben. In der elften Minuten aus beinahe heiterem Himmel das 1:0 für Frankfurt, stilles Entsetzen und aufmunternde Zurufe können gleichermaßen wahrgenommen werden. Die nächsten 73 Minuten kann man relativ leicht zusammenfassen. Gladbach ohne Ideen und ohne Durchsetzungsvermögen und die Frankfurter wurden nur noch durch einzelne Konter gefährlich. Der Borussen-Fan verschwindet allmählich in seiner Sitzschale, die Gefühle sind eine Mischung aus Trauer, Enttäuschung und Hoffnung. Die Einwechslung von Oliver Neuville, nach drei Monatiger Verletzungspause, ist es im Prinzip noch am meisten Wert genannt zu werden. Oder die zähe Zeitschinderei der passiven Frankfurter, die sie am Ende fast um ihren Lohn gebracht hätte.
Fünf Minuten vor Schluss dann so etwas wie die Wende. Kyrgiakos sieht Gelb-Rot, Gladbach in Überzahl und mit aufkeimender Hoffnung. Plötzlich ist es, als ob die gut 45.000 Anhänger der Borussia aus ihrer lähmenden Trance aufgewacht sind. Ich frage mich einfach nur: Warum kann man auf einmal derartig den Hebel umlegen? Die „Fohlen“ stürmen, als ob die Nordkurve sie magnetisch anziehen würden. Eine Minute vor dem Ende der 90 Minuten bringt der 18-jährige Debütant Marko Marin (mein Gott, der ist ja nur 5 Monate Älter als ich) eine Freistoß in den Strafraum, Insúa köpft ein zum erlösenden 1:1. Doch nach 12 Sekunden der puren Ekstase finde ich meinen Sinn für die Realität wieder – ein Punkt in einem Heimspiel gegen einen direkten Konkurrenten, das ist doch eigentlich zu wenig.
Als der Stadionsprecher verkündet, dass, aufgrund der erwähnten Zeitschinderei des Gegners, 5 Minuten nachgespielt werden, schwappt eine Welle der Euphorie durch das Rund, wie man sie selten sieht. „Vau-Eff-Ell, Vau-Eff-Ell“ tönt es von allen Tribünen, vielleicht könnte es doch noch ein Happy-End geben, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. In der 93.Minute habe ich den Jubelschrei schon auf den Lippen, mir geht durch den Kopf wie gut die Welt aussehen würde, wenn Kahê den Ball im Netz unterbringe. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Der Frankfurter Torwart meistert seine einzige Aufgabe mit Bravour, der Jubelschrei bleibt uns nur im Halse stecken.
In solch einer Lage ist der Adrenalin-Spiegel am Limit, der Blutdruck auf 180 und das Aggressionspotential am Anschlag. Als der Frankfurter Spycher zum gefühlten 184. Mal auf dem Boden liegt, möchte ich am liebsten eigenhändig auf den Platz rennen und…ich spreche es lieber nicht aus. Mit dem Abstieg vor Augen werden die Nerven desjenigen, der die Raute im Herzen trägt langsam schwach. Hätte ich während eines Fußballspiels meiner Borussia ein Langzeit-EKG am Körper, mein Arzt würde mir raten samstags um 15:30 Uhr lieber zuhause zu bleiben.
Kasey Keller verhindert in der 96.Minute noch die vollkommene Katastrophe, indem der mit einer Weltklasse-Parade wenigstens den einen Punkt festhält. Obwohl die Leistung der Mannschaft über weite Strecken wirklich nicht besser war als Zweitliga-Niveau, kann ich ihr irgendwie nicht richtig böse sein. Nach einem kurzen Applaus für diejenigen Spieler, die sich vor der Nordkurve für die Unterstützung bedanken, verlasse ich das Stadion mit meiner Mutter – mit gesenktem Kopf und leicht angefeuchteten Augen. Den Zug nach Hause verpassen wir, weil der Busfahrer die Abfahrt zum Bahnhof verpasst. Eine halbe Stunde vergeht, bis der nächste Zug uns endlich ins heimische Anrath bringt. Die Sportschau hat lange begonnen, wir dürfen uns nicht noch mal angucken, was sich am Nachmittag im Borussia-Park abgespielt hat. Die Erschöpfung ist wahrscheinlich mindestens so groß wie bei den Spielern.
Sechs Stunden waren vergangen seitdem wir um 13 Uhr das Haus verlassen hatten, sechs Stunden waren wir unterwegs, um geschätzte 13 Minuten mitreißenden Fußball und Emotionen zu erleben. In den Stunden nach dem Abpfiff fragt man sich immer nach dem Warum. Die Antwort ist eigentlich immer dieselbe: Man kann einfach nicht mehr anders, weil Fußball eben auch zur Droge werden kann. Und so sitze ich hier heute, nur zwei Tage danach, schon wieder in heller Vorfreude auf das Spiel gegen Schalke, das ich live mit Freunden im Stadion sehen werde. Warum? Weil trotz aller Enttäuschung die Liebe einfach zu groß ist, um von ihr wegzukommen. Ob die Elf, die am Samstag auf Schalke spielt das überhaupt weiß?
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Jannik
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Labels: Bundesliga, Erlebtes, Gladbach

