Sonntag, 17. Februar 2008

Die Quintessenz im Meisterkampf

Der Rekordmeister grüßt nach 20 Spieltagen von ganz oben - alles andere als eine Überraschung. Dass sich auf den ersten Plätzen sechs Klubs innerhalb von zehn Punkten tummeln, dagegen schon eher. Doch welcher Faktor gibt am Ende den Ausschlag, wenn es ernst wird, wenn die Trauben der Schufterei verteilt werden? Gipfeltreffen oder Pflichtaufgabe?

Die Bundesliga im Februar 2007: Schalke 04 führt die Tabelle drei Punkte vor Werder Bremen an, vier Punkte dahinter ist der VfB Stuttgart höchstens noch in Lauerstellung. Drei Monate später feiern die Schwaben dennoch den Meistertitel. Mit weiteren vier Zählern weniger auf dem Konto weilt der FC Bayern weit abgeschlagen auf Platz vier. Die Hertha befindet sich noch auf Tuchfühlung zum Rekordmeister, dahinter wird es allmählich eng. Bis zum Schlusslicht Hamburg liegen nie mehr als drei Punkte zwischen zwei Tabellennachbarn. Allein das Bild an der Spitze gestaltet sich einigermaßen übersichtlich.

Die Bundesliga im Februar 2008: Die Bayern liegen drei Punkte vor Werder Bremen an der Tabellenspitze. Drei Punkte hinter dem Rivalen aus dem Norden lauert der HSV mit 37 Punkten, Leverkusen und Schalke weilen derzeit punktgleich auf den Plätzen vier und fünf. Mit 33 Zählern befindet sich der Aufsteiger aus Karlsruhe noch in Reichweite der UEFA-Cup-Ränge auf der 6. Im Fall der Fälle könnte das sogar für den UEFA-Cup reichen – nämlich, wenn sich Hamburg und Bayern im DFB-Pokalfinale gegenüber stehen. Auf jeden Fall ist es vergleichsweise eng in den höheren Gefilden der Bundesliga.

Dann folgt ein kleiner Sprung, ein Lücke von vier Punkten, die größte in der gesamten Tabelle. Seit langer Zeit formieren sich erstmals wieder eine klar abgegrenzte Spitzengruppe und ein echtes Mittelfeld – in den letzten Jahren eigentlich ein Fremdwort –, das von Wolfsburg bis zum BVB auf Platz 12 reicht. Bochum und Rostock wähnen sich trotz des scheinbar beruhigenden Polsters auf die rote Zone lange nicht in Sicherheit.

Am Tabellenende stecken derzeit nur vier Teams bis zum Hals im Schlamassel. Man könnte meinen, die einstige Spannung und enorme Anzahl der bedrohten Vereine im Abstiegskampf hat ebenfalls den Weg ins Unterhaus angetreten und bringt nun den ein oder anderen Zweitligafan an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Denn das Rennen um die Aufstiegsränge war dort seit Jahren nicht so eng, offen und voller Überraschungen.

Die aktuelle Tabelle der Bundesliga nach dem 20.Spieltag:


Doch um Abstiegsängste, Mittelfeldgeplänkel und vermeintlich dicke Polster soll es jetzt gar nicht gehen, sondern der Blick schweift nach ganz oben. Es geht vielmehr um blanke Zahlen, um die Frage, welche Faktoren im Rennen um die Meisterschaft letztendlich den Ausschlag geben. Wer steht oben? Ein Klub, der fleißig gegen Teams aus den unteren zwei Tabellendritteln seine Punkte einheimst? Oder doch der Verein, der im direkten Vergleich mit den Konkurrenten aus der Spitzengruppe häufiger die Oberhand behält?

Wie die Tabelle, in der nur Partien gegen Teams von Platz 7-18 berücksichtigt werden, zeigt, sind die Unterschiede zwischen den fünf Großen plus Karlsruhe eigentlich zu vernachlässigen, was die Spielen gegen die "Kleinen" angeht.


Anhand der durchschnittlichen Punkteausbeute wird deutlich, dass Leverkusen geringfügig vorne liegt. Aber wie gesagt – geringfügig. Denn im Schnitt holen die Teams von Bayern bis Karlsruhe mindestens zwei Punkte, wenn der Gegner aus unteren Gefilden der Tabelle stammt. Alle bis auf Karlsruhe haben genau neun Siege auf dem Konto. Nur Bremen hat bisher drei Niederlagen einstecken müssen. Die „einfachen“ Spiele machen also keineswegs den Unterschied im Rennen um die vorderen Plätze.

Die Tabelle der Top-Klubs unter sich besitzt dagegen schon ein ganzes Stück mehr Aussagekraft:


Der Rekordmeister und sein ärgster Verfolger Bremen liegen hier deutlich vorne. Der HSV, Bayer und der KSC haben bis dato erst einen Sieg in einem Spitzenspiel eingefahren. Schalke ist sogar noch sieglos. Der Viererbande bleibt im bisherigen Saisonverlauf also nichts anderes übrig, als hoffnungsvoll den leichteren Partien entgegenzublicken, denn gegen die direkten Konkurrenten gibt es meist nichts zu holen.


Bemerkenswert ist die hohe Zahl der Unentschieden – jedes zweite Gipfeltreffen endet remis, bei den anderen Partien ist es nur jedes vierte. Dabei drosseln die Top6 untereinander keineswegs die Risikobereitschaft. Durchschnittlich fallen in Topspielen überraschenderweise ein wenig mehr Tore, als sonst.

Die Bayern haben ihre Spitzenposition demnach den direkten Duell mit Rivale Werder zu verdanken. Nimmt man das 4:0 im Weserstadion und das 1:1 letzte Wochen einmal außer Acht, lägen die beiden Vereine punktgleich mit 39 Punkten auf Platz eins und das Torverhältnis wäre mit 32:9 gegenüber 45:22 ausgeglichen, Werder aufgrund der höheren Anzahl geschossener Tore sogar Tabellenführer. Um den Meistertraum am Leben zu halten, muss Werder also möglichst viele Punkte aus den verbleibenden Spielen gegen Hamburg, Schalke, Karlsruhe und Leverkusen holen. In der Hinrunde waren es deren zehn - eine mehr als ordentliche Ausbeute, die es zu wiederholen gilt.

Den Verfolgern auf den Plätzen drei bis sechs bleibt allem Anschein nach nur der Kampf um die Champions-League-Quali. Für mehr reicht es einfach nicht. Hamburg trifft zu selten, zehrt von seiner starken Defensive. Leverkusen fehlt die Konstanz und ein Erfolgserlebnis gegen die Mitstreiter. Schalke mangelt es entweder an der Risikobereitschaft oder - das Spiel gegen Wolfsburg spricht Bände - die mangelhafte Chancenverwertung bricht den Königsblauen das Genick. Karlsruhe ist meist gut aufgelegt, wenn es drauf ankommt gegen die Klubs, die vor der Saison eher als Konkurrenten erwartet wurden. Nur gegen die Großen sieht die Bilanz der Badener dürftig aus.

Der Titelkampf entwickelt sich mehr und mehr zum Nord-Süd-Gipfel, zum Duell Bremen gegen Bayern. Denn die Gipfeltreffen der Top6 unter sich stellen dieses Jahr eindeutig die Quintessenz im Kampf um die Schale dar. Und diese zwei an der Spitze haben schlichtweg häufiger die Nase vorne, wenn sich alle Welt auf ein „Topspiel“ freut.

PS: Ich bitte die kleinen Grafiken zu entschuldigen und stattdessen deren hohe inhaltliche und strukturelle Qualität zu würdigen ;-). Aber der Blog gibt leider nicht als mehr 400px her in der Breite.

Freitag, 15. Februar 2008

Frohe Ostern im Visier

Die Hinspiele im Sechzehntelfinale des UEFA-Cups sind gelaufen. Und wenn es so weiter geht, heißt es für die Bundesliga im internationalen Vergleich nach „Frohe Weihnachten“ auch „Frohe Ostern“.

Allem Anschein nach darf sich die Bundesliga in dieser Saison mit dem besten Abschneiden auf europäischer Ebene seit Jahren rühmen. Dabei befindet sich der UEFA-Cup gerade erst in der Runde der letzten 32 und das Achtelfinale in der Champions League steht noch in den Startlöchern. Dennoch haben Bayer, Bayern, Bremen, Hamburg und der „Club“ die Punktzahl des Vorjahres aus der UEFA-Fünfjahreswertung bereits eliminiert. Schon nach den Rückspielen nächste Woche könnte das beste Ergebnis seit 2002 erreicht werden.

Obwohl vier der fünf Vertreter im „Cup der Verlierer“ zuerst auswärts in den Kampf um ein Ticket fürs Achtelfinale eingestiegen sind, gab es am Mittwoch und Donnerstag zwei Siege, zwei Remis zu bejubeln und nur eine Niederlage zu vermelden. Werder und der HSV können sich eigentlich nur noch selbst aus dem Wettbewerb kegeln. Leverkusen und den Bayern genügt im eigenen Stadion ein Sieg – die Höhe spielt keine Rolle. Und selbst die Ausgangslage des 1.FC Nürnberg könnte sich nach dem 0:1 bei Benfica Lissabon schlimmer gestalten. Doch im Frankenland hat man momentan eigentlich ganz andere Sorgen.

Sieben Vertreter hat die Bundesliga zu Saisonbeginn ins Rennen geschickt. Allein der VfB Stuttgart musste bis dato die Segel streichen. Nur England und Schottland dürfen ebenfalls von sich behaupten, auf dem steinigen Weg ins Jahr 2008 nicht mehr als ein Team „verloren“ zu haben. Und überhaupt manifestiert sich der deutsche Fußball in dieser Saison als Nummer drei im europäischen Vergleich hinter der Primera División und der Premier League. Obwohl die reinen Zahlen in der Fünfjahreswertung lange nicht die gefühlte Klasse der Bundesliga repräsentieren, steht es um die höchste deutsche Spielklasse nicht halb so schlimm, wie viele behaupten.

Vor sechs Jahren kämpften mit Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund letztmals deutsche Mannschaften im Finale um einen Titel auf europäischem Parkett. Der letzte Erfolg datiert aus dem Jahr 2001, als die Bayern im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia die Oberhand behielten und die Königsklasse für sich entschieden. Angenommen die Bundesliga verzeichnet pro Runde nur einen Verlust im UEFA-Cup, dann stünde ein Team zumindest im Finale.

Die größten Ambitionen findet man zweifelsohne in München vor, wo der FC Bayern aus dem „Cup der Verlierer“ wenigstens als Gewinner hervorgehen möchte. Die Bilanz aus bisher sieben Partien ist dabei nicht überragend. Gegen die alles andere als namhaften Gegner Belenenses, Belgrad, Braga, Bolton, Saloniki und Aberdeen gab es vier Siege und drei Unentschieden. Besser liest sich dagegen die Bilanz des HSV, der in derselben Anzahl an Spielen nur einmal Punkte liegen ließ. Und wenn die Hanseaten so weiterspielen, ist ihnen der erste große Wurf seit 1987, als man den DFB-Pokal in den hohen Norden holte, durchaus zuzutrauen. In der nächsten Runde könnte es zum deutsch-deutschen Duell mit Bayer Leverkusen kommen.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich langsam wiederhole und mir mein verwurzelter Optimismus irgendwann ein böses Erwachen bereitet: Bundesliga und Europacup – das impliziert keineswegs Verderben und Schwarzmalerei.

Donnerstag, 14. Februar 2008

Für jeden was dabei - aus den Fanshops dieser Welt (2)


Aus dem Fanshop von Dynamo Dresden:
Was nicht alles über die Ladentheke geht - Räucherkerzen aus dem Erzgebirge mit Weihrauchgeruch, die mit dem Slogan "Wenig Rauch - Feiner Duft" im Fanshop angepriesen werden. In Dresden erfreuen sich die bengalischen Varianten der "Räucherkerzen" von Natur aus größerer Beliebtheit. Doch dann heißt es in der Kurve wohl eher: "Viel Rauch - Tränende Augen".

Auf gut Deutsch (1)

Sergio Agüero: spanisch; auf dt. Omen, das; de buen agüero - glückverheißend; pájaro de mal agüero - Unglücksrabe

Mittwoch, 13. Februar 2008

Die personifizierte Selbstüberschätzung wird 60

Heute vor 60 Jahren, am 13.Februar 1948, fusionierten der Kölner BC 01 und die SpVgg Sülz 07 zum 1.FC Köln und legten den Grundstein für eine traurige Zeit voller Größenwahnsinn, Selbstüberschätzung und fußballerischen Querelen.

Aus diesem Anlass möchte ich recht herzlich nicht meine Glückwünsche in die Domstadt senden. Ich denke, es ist angebracht, in Gedenken an diesen verheerenden Tag eine Minute lang in Schweigen zu verharren.

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„Absteiger!“
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„Und der Geißbock stinkt wie Sau, halleluuuja…“
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„Sieben Tage brennt der…“
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„Colooogne, Colooogne, die…“
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Ok, es macht ja doch keinen Sinn. Ich entschuldige mich aufrichtig für die andauernden Zwischenrufe und diese unbelehrbaren Menschen unter uns, die selbst einen Moment der andächtigen Stille für ihre diffamierenden Sprechchöre missbrauchen.

Wie wir sehen, hat der 1.FC Köln am 13.Tag des Monats Februar das Licht der Welt erblickt bzw. die Dunkelheit. Und jetzt mal froh drauf los raten, um welchen Wochentag es sich dabei handelte. Na, welcher Tag war’s wohl? Genau! Ein Freitag…

Montag, 11. Februar 2008

Doller Poltergeist

Thomas Doll ist eigentlich als besonnener Typ im rauen Trainergeschäft bekannt. Neuerdings bewegt er sich mit seiner Einschätzung von Schiedsrichter- entscheidungen gegen sein Team aber im Spektrum von Fieberträumen.

Dortmunder Westfalenstadion, pardon, Signal-Iduna Park, kurz nach halb sieben. Im Revierderby zwischen Schwarz-Gelb und Königsblau wird es noch bunter, als es ohnehin schon ist. Dede, Brasilianer mit deutschem Pass, zerlegt den schweizerischen Kroaten Ivan Rakitic mit einem „rohen Foul“ in seine Einzelteile und sieht dafür die rote Karte. Eigentlich eine dankbare Aufgabe für jeden Schiedsrichter und alles andere als Anlass für Diskussionen. Fand wohl jeder, selbst die in schwarz-geld (eigentlich ein Rechtschreibfehler, aber der bleibt, weil er so schön passt). Außer Thomas Doll. Der Coach des BVB empfiehlt Schiedsrichter Gagelmann nach dem Spiel: „Er sollte sich Gedanken machen, was er hier abgeliefert hat. Das kann man nicht akzeptieren.“

Ok, Herr Gagelmann macht nicht den Eindruck eines Kumpeltypen, wenn er mit aufgerissenen Augen einen Spieler - erneut pardon - „zusammenscheißt“. Er scheint nicht gerade einer für gemütliche Picknicke am See oder idyllische Fahrten mit dem Ruderboot zu sein, aber gestern in der 76.Minute hat er so richtig entschieden, wie es eigentlich nur geht. Hat jeder gesehen – nur Thomas Doll nicht. Der zeterte stattdessen durch die Nachberichterstattung bei Premiere, als habe Dede einen seiner Mitspieler an der Mittellinie zerlegt und keineswegs den Gegner. Mirko Slomka kokettierte schon mit einem Schmunzeln über seinen Trainerkollegen, als der immer noch wie ein geschlagener Boxer, der zu Unrecht nach Punkten verloren hat, seine Fingernägel ins Rednerpult kratzte.

Schon vor zwei Wochen, als Dortmund im Pokal gegen Bremen zwei durchaus diskussionswürdige Elfmeter hinnehmen musste, das Spiel aber dennoch gewann, ließ Doll Fünfe so ungerade sein, wie es nur geht und polterte im ARD-Studio umher. Damals ließ sich Thomas Schaaf zu einem kopfschüttelnden Schmunzeln hinreißen.

Amedick, Kovac und Co. können sich glücklich schätzen, dass ihr Trainer sein Pulver neuerdings vorzugsweise im Fernsehen verschießt, anstatt sich die rauen Worte für die Kabine aufzubewahren. Apropos „rau“: Dede hat ab heute vier Partien Bundesliga-Urlaub. Zur Überraschung aller nahm die Borussia das Urteil bereits an. Wohl ohne Einverständnis des Trainers, der vermutlich mit Panzertape an einen Schreibtischstuhl gebunden war, als Michael Zorc mit der DFL telefonierte.

Sonntag, 10. Februar 2008

Fohlengeflüster (14): Waschtag

Trotz der weiterhin bestehenden Tabellenführung fällt das Gezeter über die Niederlage in Hoffenheim nicht allzu schwer. Zu lethargisch, lächerlich, leider wahr – eine sagenhafte Serie ist beendet. Dabei sah es lange Zeit ganz anders aus.

Fußballer können Menschen sein, die unser Leben mit einem einzigen Schuss auf den emotionalen Olymp befördern, die uns die schönsten Stunden unseren Lebens bereiten und für 90 Minuten den Eindruck erwecken, es gebe kein Leid auf dieser Erde. Aber gleichzeitig sind Fußballer auch in der Lage, uns durch ihr pomadiges, überhebliches und einfach nur dummes Gespiele so auf die Palme zu bringen, dass man sich emotional an den Rand des Zumutbaren begibt und mehr denn je davon träumt, einmal persönlich die Kabinenpredigt halten zu dürfen. Die Borussia hat uns in dieser Saison, dem hoffentlich nur einjährigen Abenteuer Unterhaus, mehrheitlich mit dem ersten Verhaltensschema beglückt. Doch die Partie in Hoffenheim hat mehr als ansatzweise angedeutet, dass der VfL durchaus in der Lage ist, all das an den verbleibenden 15 Spieltagen noch zunichte zu machen.

Im Dietmar-Hopp-Stadion zu Hoffenheim sind 45 Minuten absolviert und die Borussia führt mit 2:0, ohne den genauen Grund dafür zu kennen. Diese innere Zufriedenheit gepaart mit leichter Konfusion zur Pause kenne ich eigentlich zu Genüge – aus St.Pauli, aus Koblenz, aus Fürth, aus Freiburg. Und auch heute will ich nicht so recht daran glauben, dass sich an dieser Zufriedenheit bis zum Ende des Spiels noch etwas ändern soll. Dabei zaubert die Borussia im ersten Durchgang eine Leistung auf den Platz, der aufgrund der umgebenden Miniaturtribünen wie ein Kleinfeld wirkt, die man bis auf zwei Szenen besser aus dem Gedächtnis löschen sollte. Hoffenheim tritt von der ersten Minute an mit mehr Biss auf, steht hinten gut und erarbeitet sich auf der anderen Seite Torchancen.

Nach gut zwanzig Minuten versucht es Polanski, für den gesperrten Leitwolf Rösler in der Startelf, aus der Distanz. Von der Strafraumgrenze will Rob Friend den abgeblockten Ball ins Tor schlenzen, doch sein sehenswerter Versuch wird von Özcan zur Ecke abgewehrt. Und die stellt das Spielgeschehen mal eben auf den Kopf. Paauwe schießt Kleine an, der den Ball nach einer brasilianisch anmutenden Pirouette im Hoffenheimer Gehäuse versenkt. Die Borussia ist in Front und muss sich zu diesem Zeitpunkt ernsthaft fragen, wie das nur passieren konnte.

Fünf Minuten vor dem Seitenwechsel lupft Marin den Ball von links gefühlvoll in den Sechzehner. Es ist Gladbachs zweite nennenswerte Offensivaktion. Der freistehende Coulibaly wird von „Rambo“ Özcan einfach umgerannt. Allem Anschein nach wollte Hoffenheims Keeper seinen Spitznamen einmal pantomimisch darstellen. Diese Einlage belohnt Schiedsrichter Wingenbach mit einem Strafstoß für Gladbach. Oliver Neuville – am fünften Spieltag hatte er den bisher einzigen Elfer der Saison verschossen – nimmt Maß und schiebt lässig ein zum 2:0. Und so schlendern elf Borussen zur Halbzeit mit der beschriebenen inneren Zufriedenheit in die Kabine.

Nur zu gerne würde ich wissen, was Jos Luhukay seinen Jungs in der folgenden Viertelstunde mit auf den Weg gegeben hat. Entweder hat er nachgefragt, wie viele Familienmitglieder jeder Spieler gerne zum Aufstiegsbankett mitbringen möchte, oder er hat seiner Truppe von einem verheerenden Erdbeben in Pakistan erzählt, das er sich ausgedacht hat, um die Spieler aus der Fassung zu bringen. Anders kann es unmöglich gewesen sein, so selbstsicher und verängstigt gibt der Tabellenführer das Spiel in der zweiten Hälfte aus der Hand. Der eingewechselte Copado bringt für seine Hoffenheimer viel Wind ins Spiel und die Gladbacher Defensive schnell das ein oder andere Mal in die Bredouille. Als ein abgefälschter Freistoß von Selim Teber im Winkel einschlägt, glaube ich noch an einen Ausrutscher. Als Copado aus ähnlicher Position ins besagte Dreieck trifft, glaube ich daran, dass die Borussia sich auf bestem Weg befindet, hier gewaltig auszurutschen.

Nur drei Minuten nach dem Ausgleich sind alle Träume von einem beruhigenden Abstand auf Platz vier endgültig verflogen und der Angst vor der ersten Punktspielniederlage seit 170 Tagen gewichen. Copado setzt eine Flanke von Teber erst mit dem Kopf an den Pfosten, dann nutzt er die Schläfrigkeit der Borussen beim Abpraller und verwertet denselbigen zur Führung für den Aufsteiger. Sekunden zuvor hatte Jos Luhukay mit Sebastian Schachten einen frischen Mann gebracht, dessen erste Amtshandlung darin bestand, das 3:2 nicht verhindern zu können. Gladbachs einziger Spieler, der wenigstens einen Hauch von Entschlossenheit und Aggressivität versprühte, hatte das Feld geräumt – Eugen Polanski.

In den folgenden Minuten wird genau dieses Problem sichtbar. Der Tabellenführer ist nicht annähernd in der Lage, das Ruder herumzureißen. Die eigene Lethargie wird zum unüberwindbaren Hindernis. Sieben Minuten vor Schluss erzielt der eingewechselte Rafael zwar irgendwie den Ausgleich, doch ihm bleibt die Anerkennung versagt. Bei der Hereingabe von Voigt stehen erst drei Mann im Abseits, dann verlängert ein Gegner den Ball, was den Linienrichter fälschlicherweise dazu bewegt, seine Fahne zu heben. Und somit ist die Entscheidung zwar in diesem Fall nicht korrekt, dafür hätte der Pfiff bereits vorher erfolgen müssen. Irgendwie also nicht so unkorrekt.

Zwei Minuten vor dem Ende macht Obasi den Sack zu. Gladbach kassiert zum zweiten Mal in dieser Saison vier Tore und damit ebenfalls die zweite Niederlage. Es scheint ein statistischer Zusammenhang zwischen der Anzahl der Gegentore und dem Spielausgang zu bestehen.
Gladbacher Fans zerlegen vor Wut ein Fangnetz in seine Einzelteile. So Leid es mir tut und so sehr ich Ausschreitungen verabscheue: Es war wahrhaftig eine Leistung zum randalieren. Mehr als 3272 Fans mit der Raute im Herzen waren in das kleine Dorf gepilgert, das eben jene 3272 Einwohner zählt. Viele davon nahmen stundenlange Strapazen in Bus, Bahn und Auto auf sich und mal wieder stellt sich die Frage, ob die Elf auf dem Platz das überhaupt (zu schätzen) weiß.

Der Kampf um den Aufstieg würde kein Selbstläufer werden, daran hatte niemand gezweifelt. Jede Chance, dass es entgegen aller Erwartungen doch zum Selbstläufer kommen könnte, merzt die Borussia mit derartigen Auftritten vollends aus. Nicht aus realitätsverkennendem Optimismus, sondern aufgrund einer eindeutigen Sachlage bleibt dennoch etwas Positives festzuhalten: Rein tabellarisch hat sich die Lage nicht unbedingt verschlechtert, da Mainz, Freiburg und Co. anscheinend selbst nicht zu sehr am Aufstieg interessiert sind. Der Schuss vor den Bug hat letzten Freitag wohl seine Wirkung verfehlt. Vielleicht muss das Schiff erst mit dem berüchtigten Eisberg kollidieren, um das Team aufzuwecken, welches eigentlich nur 365 Übernachtungen im Gasthaus „Zweite Liga“ gebucht hat.

PS: Morgen ist Waschtag. Trikot „grün“ und Trikot „weiß“ zeigen sich nach beinahe halbjähriger Waschmaschinen-Abstinenz hocherfreut und werden trotz der enttäuschenden Niederlage heute am nächsten Montag beim Heimspiel gegen Mainz wieder mit Stolz getragen.

Samstag, 9. Februar 2008

Hochgejubelt, tief gefallen

Es besteht ein scheinbar kleiner, aber entscheidender Unterschied zwischen "das Zeug zum Superstar haben" und "es zum Superstar bringen". Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent ist auf dem Sprung in den Profibereich auf der Strecke geblieben. Alexandre Patos Weg ist so gut wie geebnet, doch zur Sicherheit sollte er nochmal Nachfragen bei den Zepeks, Deislers und Helbigs dieser Welt.

Geradezu artistisch degradiert Alexandre Pato zwei Verteidiger zu Statisten. Mit der Erfahrung aus 12 Jahren Serie A schiebt er den Ball lässig vorbei an Reals Iker Casillas. Es ist die 1:0-Führung für Milan im Champions-League-Finale 2020. Die Menge tobt und drei Minuten vor dem Ende ist es erneut Pato, der einen Freistoß aus 18 Metern wunderbar an der Mauer vorbei ins Tor schlenzt. Der Sack ist zu. Es ist Milans dritter Titel in der Königsklasse in den letzten fünf Jahren. Ihr brasilianischer Superstar trifft dabei so konstant, dass es einem schon Angst bereitet. Das Denkmal vor San Siro hat er spätestens jetzt in der Tasche – mit 30 Jahren. Erleichtert, strahlend vor Freude reckt der Brasilianer den Pokal in die Luft. Es ist sein großer Moment, den er in vollen Zügen genießt.

Was eigentlich noch Vision und Illusion zugleich ist, lässt das Computerspiel FIFA 08 bereits jetzt simulierte Realität werden. Im Jahr 2020 ist Alexandre Pato vom AC Milan dort ein Weltstar, der seinesgleichen sucht. Einer, dem nur ein Sergio Agüero und die Altmeister Lionel Messi und Cristiano Ronaldo das Wasser reichen können. Sein virtueller Markwert dringt in Sphären eines Zinedine Zidane in besten Zeiten vor. Mit seinem Klub räumt er jeden Titel ab. Doch kann es einem 18-jährigen überhaupt gut tun, wenn er weiß, dass er am PC schon jetzt eine Legende ist, der größte Fußballer auf der Höhe seines Schaffens? Abheben heißt hier oft das Stichwort. Nicht erst ein hoffnungsvolles Talent hat nach dem Hochjubeln den tiefen Fall erlebt. Die Liste derer, die schon als neue Maradonas, Beckenbauers und Pelés gefeiert wurden, ist lang und unbekannt. Denn schließlich kann sich keiner mehr an sie erinnern.

Freddy Adu dagegen haftet noch sehr lebhaft in unserem Gedächtnis. Kein Wunder, denn schließlich ist der Amerikaner mit ghanaischen Vorfahren gerade erst 18. Inzwischen sind fast fünf Jahre vergangen, seitdem er im Alter von 14(!) Jahren an der U-20-WM 2003 teilnahm. Damals galt er als kommender Ausnahmespieler, mittlerweile sind andere Jahrgangskollegen an ihm vorbeigezogen. Bojan Krkic, Marko Marin oder eben Alexandro Pato heißen Vertreter des 89er Jahrgangs, die es inzwischen weiter gebracht haben, als der kleine Stürmer mit dem Oberkörper eines 100m-Läufers. Adu steht seit letztem Jahr bei Benfica Lissabon unter Vertrag, immerhin mit zwei Toren in neun Partien auf dem Konto.

Besonders der deutsche Fußball kann Lieder singen von kommenden Beckenbauers, denen eine große Zukunft prophezeit worden war. In der Gegenwart bereichern sie samstags um 14 Uhr die Amateurstadien in Elversberg oder Sandhausen. Die Sportbild zeigte sich im Jahr 2001 – es herrschte die graue Zeit zwischen „Bratwurst-EM“ und „Vize-Rudi“ – so begeistert, dass sie den deutschen Talenten glatt eine Titelstory im damaligen Sonderheft widmete. „Neue Männer hat das Land“ hieß es damals vollmundig. Beachtliche 11 Spieler zählte die scheinbar aufstrebende Generation – einer davon ist heute ein Weltstar, einer hat seine Karriere bereits beendet, andere tragen immerhin den Adler auf der Brust, einige sind in den niederen Gefilden des Profifußballs verschwunden. Miroslav Klose, Christoph Metzelder und Sebastian Kehl sind aktuelle Nationalspieler. Doch was fällt einem zu Bernd Korzynietz, Sebastian Helbig und Sebastian Deisler ein? Bielefeld, Dynamo Dresden (das musste ich zugegeben schnell mal nachschlagen) und Rente.

„Großartige Zukunft, wenn er sich nicht heute schon für einen ganz Großen hält“, schwärmte die Sportbild seinerzeit über Bernd Korzynietz. Für einen ganz Großen hat der Rechtsverteidiger (damals noch Außenstürmer) sich sicherlich nie gehalten, trotzdem blieb die Weltkarriere bis jetzt aus. Sebastian Deislers Flanken verdienten damals, im Alter von 21 Jahren, zweifellos das Prädikat „weltklasse“. Doch tragischerweise zählt Deisler bis heute zu den prominentesten Opfern gnadenloser Vorschusslorbeeren und erstickenden Erfolgsdrucks, die ihn 2007 zum Frührentner beförderten.

Die Frage nach dem fußballerischen Hintergrund des Deutsch-Türken Erdal Kilicaslan verdient glatt die Einordnung in die Kategorie „den kennt doch nur einer, der Weihnachten aus dem Kicker vorliest anstatt ein Gedicht aufzusagen“. Er könnte der Dönerbudenbesitzer unseres Vertrauens sein, er könnte jeder sein, nur kennen wird ihn kaum einer. Dabei ist Erdal Kilicaslan der Gerd Müller der DFB-Junioren. In 64 Spielen vom der U15 bis zur U20 hat er beachtliche 41-mal eingenetzt. Der Profivertrag bei den Bayern blieb dem 23-jährigen dennoch versagt. Jetzt versucht er sein Glück bei Gaziantepspor in seiner türkischen Heimat, um von dort den Sprung in die dortige Nationalmannschaft zu packen. Nur leider hat er die FIFA-Statuten dafür nicht ausreichend studiert: Kilicaslan ist 23 und hat schon für Deutschland gespielt. Damit ist der Zug in Sachen Türkei für ihn abgefahren. Aber wenigstens den Rekord kann ihm keiner nehmen.

Ähnlich abrupt hat der Aufstieg von Michael Zepek seinerzeit ein Ende gefunden. Der 27-jährige ist Rekordspieler bei den DFB-Junioren, sozusagen das Pendant zu Kilicaslan in Sachen Einsätzen. Den letzten von einst vielen Schritten nach vorne machte der Ex-Karlsruher mit 20, als er von den Badenern zu Leverkusen wechselte. Nicht ein einziges Mal stand er dort in der Bundesliga auf dem Platz. Der Weg führte ihn wieder zurück nach Karlsruhe, von dort nach Ahlen und über die TSG Hoffenheim im letzten Sommer schließlich zum SV Elversberg in die Regionalliga Süd. Zepek hat häufiger den Adler auf der Brust getragen als das Trikot eines Profiklubs – kurios und irgendwie traurig. Auch seine Geschichte zeigt, dass der Weg nach oben nicht planbar ist, dass es nicht jahrelang Schritt für Schritt funktionieren kann, sondern in den meisten Fällen von jetzt auf gleich der große Durchbruch gelingt bzw. gelingen muss.

2001 fuhren 18 hoffnungsvolle deutsche Talente zur U20-WM nach Argentinien und erreichten das Achtelfinale – abgesehen von 2005 immerhin das beste Abschneiden in vielen Jahren. Nur ein Drittel spielt heute in der Bundesliga, zwei davon als Stammspieler. Drei hausen im Ausland, Andreas Hinkel von Celtic Glasgow ist der einzige namhafte. Sieben Mitglieder der Jahrgänge 1981 und 1982 kicken nicht einmal im Profifußball, besagter Michael Zepek gehört dazu.

Als verrückt kann man die Geschichte von Jan Schlösser, dem damaligen Ersatzkeeper bezeichnen. Mit 16 Jahren nahm er in der Champions-League Platz auf der Bank des FC Bayern, nach einem Jahr in der Kreisliga und Vereinslosigkeit steht er nun beim FC Ismaning in der Bayernliga unter Vertrag. Hanno Balitsch, Andreas Hinkel und seit Mittwoch auch Jermaine Jones sind die einzigen Vertreter von damals, die das DFB-Trikot wenigstens einmal für die Senioren übergestreift haben. Sicher, nicht jeder Jahrgang kann einen Ballack, Klose oder Podolski hervorbringen. Aber dieses Beispiel zeigt, dass sich selbst ein U20-Nationalspieler keiner großen Zukunft sicher sein kann.
Die Geschichte von Marcel Witeczek ist bekannt. 1987 Torschützenkönig bei der U20-WM, kann in einem Zug mit Javier Saviola, Lionel Messi und Sergio Agüero genannt werden. Für die A-Nationalmannschaft langte es nie. Seine Karriere beendete der Ex-Bayer als Abräumer vor der Abwehr.

Ein Talent vom Format eines Alexandre Pato wird wahrscheinlich vor dem tiefen Fall gewappnet sein. Wahrscheinlich. Schließlich weiß man nie, was kommt. Fragen Sie mal nach bei Michael Zepek, Sebastian Deisler oder Erdal Kilicaslan.