Dienstag, 10. Juni 2008

EM-Tagebuch (11) -
Keine Mathematik

Ein falscher Blick zur falschen Zeit und vermaledeite Rechenspiele

Verdammt nochmal. Da schaue ich mir 66 Minuten lang das bislang schlechteste Spiel dieser EM an (obwohl: da sprechen die Franzosen auch noch ein Wörtchen mit). Kurz ein paar Sekunden auf den Monitor meines PC geguckt und schon ertönt ein begeistertes "Ibrahiiimooovic". Zudem sind jetzt die ersten drei Punkte bei diesem Turnier weg (im familieninternen Tippspiel). Griechenland gegen Schweden torlos: Warum denn bitte nicht?

Im ersten Spiel hat sich Spanien in der provisorischen "Wer-jetzt-auf-jeden-Fall-Europameister-wird"-Rangliste auf den ersten Platz befördert. Gestern vor Holland in übertriebener Ehrfurcht erstarrt, Sonntag festgestellt, dass "Rang zwei" hinter Portugal für den Anfang nicht so schlecht ist und jetzt sind wir eigentlich nur noch Vierter (ok, erstmal hat Schweden gerade das 2:0 erzielt und ich hab's sogar gesehen). Wenn Fußball Mathematik wäre, müssten wir demnach im Halbfinale ausscheiden, nachdem wir Tschechien im Viertelfinale geschlagen haben. Portugal trifft im Endspiel auf Spanien, die Holland zuvor hauchdünn im Elfmeterschießen besiegt haben. Spanien gewinnt dann natürlich mit einem Tor, weil sie ihr erstes Spiel mit 4:1, Portugal nur mit 2:0 über die Runden gebracht haben.

Aber da es mit Sicherheit nicht so kommen wird und es ansonsten reiner Zufall ist, mache ich jetzt lieber Schluss und sehe zu, dass ich nicht noch mehr verpasse.

Montag, 9. Juni 2008

EM-Tagebuch (10) -
Maßloser Beginn, Auftakt nach Maß

Der Bann ist gebrochen – 12 Jahre ohne EM-Sieg haben ein Ende. Wie die EM für mich in Holland los ging und dennoch gestern erst so richtig begonnen hat.

Das verschlafene Haelen in der Nähe von Roermond könnte glatt als holländisches Hoffenheim durchgehen. Zumindest hat es schon einmal die richtige Größe mit seinen 4000 Einwohnern. Und so hat es mich auch nicht sonderlich überrascht, am Samstag um kurz nach 18 Uhr in der kleinen Kneipe nur sechs fachsimpelnde Holländer anzutreffen. Irgendwann, als die Schweiz gerade mal wieder eine ihrer sensationell ungefährlichen Flanken in den Strafraum schlug, fiel der Name Podolska. Einer der sechs klärte seine Kollegen erst einmal auf, dass der Junge Podolski heißt. Ansonsten waren sie relativ still, selbst das Bier floss in Maßen.

Letzteres galt auf keinen Fall für den 66-jährigen Sportsfreund Jakob, dessen genauer Zusammenhang mit unserem Handballverein mir nicht mehr einfallen will. Jedenfalls hatte er einen Zug drauf (beim Trinken), der ihm den Spitznamen "ICE" verleihen sollte und eine derbe Mitschuld an meinem verkorksten Sonntagmorgen besaß. Zu allem Übel ist Jakob auch noch halber Holländer, weshalb das in der Landessprache unserer Gastgeber bestellte Bier immer äußerst zügig vor unserer Nase stand und der „Meneer“ uns zuvorkommend behandelte. An einem gewissen Punkt habe ich aufgehört zu zählen – Jakob zahlte und dafür sei ihm höflich gedankt. Das Eröffnungsspiel ging somit relativ zügig über die Bühne – es waren 90 Minuten, wie immer, es kam mir jedoch nicht so lang vor. Ein Ex-Gladbacher erzielte das goldene Tor und auch wenn Vaclav Sverkos nicht als einer der allergrößten Borussen in die Annalen eingegangen ist, hat es mich für ihn gefreut.

Portugal gegen die Türkei habe ich mir gespart (es war wahrscheinlich die Angst, Jakob könne wieder mitkommen und seine Lokalrunden im selben Tempo beibehalten, die mich vom zweiten und wohl besseren Spiel fernhielt). Und so kam es, dass mich eine SMS mit dem Zwischenstand des familieninternen Tippspiels und der kurzen Info „Portugal schon stark“ grob über das Verpasste aufklärte. (Übrigens führe ich die heimische Tipp-Tabelle nach vier Turnierspielen gemeinsam mit meinem Bruder an, nur so nebenbei.)

Doch ganz ehrlich - Eröffungsspiel, Portugal, Österreich, alles hin oder her: Die EM hat gestern um 20:45 Uhr erst so richtig begonnen - und wie. Mario Gomez hätte nach drei Minuten bereits Philipp Lahms Paradebeispiel für ein wichtiges „frühes Tor“ aus dem Jahr 2006 toppen müssen. Warum er es nicht getan hat, wird er selbst nicht so genau wissen. Der Kicker bescheinigt Miroslav Klose einen ungenauen Pass. Aber der hätte noch eine ganze Portion schlechter querlegen können, Gomez muss den immer noch machen.

Zum Glück hielten sich danach die Parallelen zum Polen-Spiel vor zwei Jahren in Grenzen. Den Chancentod starb in der Folge nur noch Mario Gomez, wobei er sich immerhin mit dem öffnenden Pass auf Klose vor dem 1:0 rühmen darf. Zudem fehlten Neuville und Odonkor, die Polen wurden nicht durch einen Platzverweis dezimiert und mein Bauchgefühl war von Beginn an besserer Natur als über 91 Minuten am 14.6.2006.

Es ist nun müßig darüber zu spekulieren, ob wir schlichtweg eine bessere deutsche Mannschaft als damals gesehen haben. Fest steht, dass die Polen ziemlich enttäuschten. Während unserem Durchhänger vor und nach der Pause hatte ich das Gefühl, dass es nicht sie waren, die übermäßig zulegten, sondern wir selbst nicht mehr das Niveau der ersten und letzten dreißig Minuten halten konnten. Unterm Strich hört es sich beruhigender an, über eine klar definierbare Schwächephase mit offensichtlichem Anfang und Ende sprechen zu können, als über die gesamte Spielzeit immer wieder eklatante Aussetzer resümieren zu müssen.

Das gestrige Spiel hat Mut gemacht und spätestens jetzt darf man Jogi Löw glauben, dass der einst gebeutelte Kader mit seinen Wehwehchen und Formproblemen die angekündigte Punktlandung hinbekommen hat. Nachdem sich in den Tagen nach den Spielen gegen Weißrussland und Serbien viel Pessimismus breit gemacht hatte, war ich doch überrascht heute Morgen von Autokorsos (oder heißt es –korsi?) im kleinen Anrath zu hören. Normalerweise sind die frühestens ab dem Viertelfinale eine angemessene Feiervariante. Wobei diejenigen, die sich an der kleinen Umfrage hier beteiligt haben, fast unisono für einen Sieg gegen Polen stimmten, nur einer fürchtete ein Debakel.

Das ZDF hat heute Mittag schon das Gütesiegel „Galavorstellung“ ausgepackt. So weit sollten man noch nicht gehen, denn mit zwei weiteren dieser Auftritte werden wir zwar souverän das Viertelfinale erreichen. In der K-o.-Runde müssen Schwächephasen wie gestern aber der Vorrunden-Vergangenheit angehören. Was Polen noch ungenutzt lassen, werden Portugiesen dankend annehmen.

Wobei man insgesamt (Stand: Montag, Ende des Frankreich-Spiels) selbstbewusst behaupten kann, dass sich unsere Angst vor den vermeintlich größten Konkurrenten ruhig in Grenzen halten kann – einerseits, weil bisher außer den Portugiesen nur wir selbst überzeugten, andererseits weil wir ordentlich vorgelegt haben. Es würde ja auch keinen Sinn machen, die beste Leistung eines Turniers im Auftaktspiel auszupacken. Jogis Jungs haben sich relativ geschlossenen präsentiert, der eine vielleicht einen Tick besser als der andere, aber letztendlich ist kaum einer besonders aus der Reihe gefallen. Ein Auftakt nach Maß eben.

Die Kopfnoten:

Lehmann: Am Anfang zwei schweißtreibende Aussetzer, danach Ruhe ausstrahlend. Wenn geprüft, dann stets auf dem Posten, zudem selten ernsthaft geprüft. Er wird sich von Minute zu Minute steigern. Am Ende stand die Null, für ihn gibt’s eine 3.

Jansen: Agil in der Offensive, anders als befürchtet gut im Zusammenspiel mit Podolski, machte mächtig Dampf. Hinten zu oft überlaufen, manchmal nicht resolut genug, insgesamt zu viele Flanken von links. Hat jedoch bewiesen, dass er in die Startelf gehört. Positives und Negatives pendeln sich letztendlich auf einer 3 ein.

Mertesacker: Überragende Zweikampf- und Passwerte, auch der Gesamteindruck bärenstark, ist der unumstrittene Boss in der Defensive. Wenn die Null steht, ist das immer ein Indiz für eine gute Leistung, die Abstimmungsschwierigkeiten mit Lehmann zu Beginn seien verziehen. Einziger Kritikpunkt: Schwach im Spiel nach vorne bzw. kaum stattgefunden. Dennoch starke Leistung - 2,5.

Metzelder: Besser als gegen Serbien, viel besser als gegen Weißrussland. Jedoch nicht wie bei der WM vom Niveau her gleichauf mit Mertesacker, eher dessen Nebenan. Aber keine schweren Fehler, die im Gedächtnis geblieben sind. Wie das andere Sorgenkind Lehmann sind Steigerungen absolut zu erwarten, versuchte es von Zeit zu Zeit mit Vorstößen in die polnische Hälfte, die jedoch allesamt verpufften. Insgesamt zufrieden stellend, 3.

Lahm: Typisches Lahm-Spiel – fehlerlos, über seine rechte Seite hinten ging gar nichts, harmonierte sehr gut mit Fritz. Müsste selbst ab und zu den Weg zur Grundlinie suchen und sich etwas mehr in den Vordergrund spielen. Ansonsten sehr, sehr zuverlässig – Philipp Lahm eben. Wegen stärkerer Defensivleistung als Jansen eine gute 2,5.

Frings: Nicht hinter Ballack, sondern auf einer Linie mit dem „Capitano“. Das galt auch für seine Leistung, sogar besser als der Kollege. Absolute Führungskraft, kurbelte das Spiel gut an, spielte öffnende Pässe. Könnte sich vielleicht noch etwas öfter konkret ins Spiel nach vorne einschalten. Wie gewohnt sehr wenige Fehler, ist die Stütze, die er sein soll – 2.

Ballack: In der Rolle direkt neben Frings nicht ganz so präsent im Angriff. Hatte nur eine gute Chance, die Boruc gut vereitelte. Passte in der 4. Minute klasse auf Klose, überhaupt eher als Vorbereiter glänzend, weniger als Vollstrecker. Um einiges schwächer als im Serbien-Spiel, dennoch ordentlich, unterm Strich mit Steigerungspotential – 3.

Fritz: „Nicht wirklich überzeugend als Schneider-Ersatz“ – das galt gestern nicht mehr. Rannte sich die Seele aus dem Leib, interpretierte die Rolle zwar anders und ließ Lahm auch mal den Vortritt. In dieser Art und Weise ein Gewinn mit seinen Vorstößen zur Grundlinie und seinen Defensivqualitäten. Muss sich wegen der Auswechslung nicht grämen – 2,5.

Podolski: Glücksgriff von Löw, gehört einfach in die Startelf. Kam mit dem Laufpensum im Mittelfeld zudem gut zurecht. Besonders beim 2:0 der Podolski, den man kennt und liebt. Sehr kraftvoll, mit hervorragender Technik. Bekam viel auf die Socken, steckte aber nie auf. Bei seinen Treffern, die noch folgen darf er dann auch ausgelassen jubeln – 1,5.

Gomez: Wie schon gegen Serbien ungewohnt nachlässig vor dem Tor, hätte zwei Treffer erzielen können, einen machen müssen. Da Podolski sein Zuhause wohl auf links gefunden hat und Kuranyi meilenweit von ihm entfernt ist, weiterhin eindeutig gesetzt. Muss Chancen wie z.B. in der 4. Minute demnächst nutzen. Steigerungsfähige 3,5.

Klose: Zu uneigennützig beim Querpass auf Gomez in der 4. Minute. Legte zwei Tore auf, Qualitäten, die nicht jeder Topstürmer besitzt. Insgesamt mit wenigen eigenen Gelegenheit, jedoch unermüdlicher Arbeiter, spielte gut Pressing – zur Belohnung eine 2.

Schweinsteiger (ab 55.): Hat gezeigt, dass man auf ihn zählen kann. Fritz arbeitet vor, Schweinsteiger haut danach gut eine halbe Stunde rein – das könnte eine interessante Variante in den nächsten Spielen werden. Setzte vor dem 2:0 super nach, maßgeblich an Podolskis zweitem Tor beteiligt. Ohne Umstellungsprobleme auf der rechten Seite, wird schwer bis Donnerstag an Fritz vorbeizukommen, momentan wahrscheinlich 12. Mann – als Note eine 3.

Hitzlsperger (ab 75.): Kam erst eine Viertelstunde vor dem Ende, half hinten dicht zu machen und zeigte, dass sich sogar sein Schuss mit dem schwächeren Rechten sehen lassen kann. Schwer zu bewerten, fiel weder äußerst positiv noch negativ auf.

Kuranyi (ab 90.+1): Ein Ballkontakt – belassen wird es dabei.


Aufstellung:
Lehmann – Jansen, Mertesacker, Metzelder, Lahm – Frings, Ballack, Podolski, Fritz (55. Schweinsteiger) – Klose (90.+1 Kuranyi), Gomez (75. Hitzlsperger)

Tore:
1:0 Podolski (20.), 2:0 Podolski (72.)

Gelbe Karten: Schweinsteiger – Lewandowski, Smolarek

Freitag, 6. Juni 2008

EM-Tagebuch (9) -
Ab in die Postlosigkeit

Geschlossen bis Sonntag.

Handballturniere auf Rasen sind etwas Schönes. Nur leider finden sie - falls wir gerade ein gerades Kalendarjahr schreiben - meist zu Beginn eines großen Fußballturnieres statt. So auch anno 2008. Ausgerechnet nach Holland werde ich mich bis Sonntagabend begeben. Eigentlich schade, dass die nicht schon morgen oder Sonntag spielen. Ich hätte die werten Gastgeber (also die des Handballturnieres) gerne weinen sehen. Doch so muss ich mir dann irgendwie eine Leinwand bzw. einen einfachen Fernseher suchen, der unter 2000 Handballern mit Sicherheit irgendwo in Leudal bei Roermond zu finden sein wird, um den Anstoß der EM auch mitzuerleben. Ansonsten herrscht hier bis Sonntag erst einmal Post- und Trostlosigkeit.

Hoffen wir, dass es mir nicht so ergeht wie Toni Schumacher. Der wollte im Morgenmagazin den EM-Ball mit dem Namen "Europass" testen. Das unkontrollierbare Flugobjekt hat ihm glatt den Ringfinder ausgekugelt. Aus der RP erfahren wir, dass seine Frau dem kaputten Ehering nicht allzu sehr nachgeweint hat, sondern mehr am Resultat des waghalsigen "Experiments" interessiert war. Was eine Story. Da rückt das Eröffnungsspiel von morgen glatt in den Hintergrund.

Bis Sonntag.

Donnerstag, 5. Juni 2008

EM-Tagebuch (8) -
Nightmare on rechte Außenbahn

Eine polnische Zeitung brüstet sich mit einer Schlacht im Jahre 1410 und fordert die Köpfe unserer Kicker ein. Wir erheben mahnend den Finger, fragen uns „habt ihr sie noch alle?“ und schauen genüsslich auf die 91. Minute am 14. Juni 2006 zurück.

Es ist 598 Jahre her, dass eine polnisch-litauische Armee deutsche Kreuzritter bei Grunwald vernichtend geschlagen hat. Ein polnisches Boulevardblatt musste sechs Jahrhunderte zurückgehen und den Sieg von damals (wobei sich „damals“ noch etwas zu frisch anhört) aus den Geschichtsbüchern kramen, um einen Anhaltspunkt zu finden, der die polnische Mannschaft an glorreiche Zeiten erinnern und zum Sieg gegen die deutsche Mannschaft am Sonntag treiben soll. Mir war dieses Geschichtskapitel fremd. An dieser Stelle herzlichen Dank an den „Super Express“ für diese wertvolle Lehrstunde.

Wer es nötig hat, Leo Beenhakker mit den Köpfen von Jogi Löw und Michael Ballack auf seiner Titelseite abzudrucken, damit der fußballerische Komplex irgendwie einem Hauch von Selbstbewusstsein weicht, der soll das tun – es wird sowieso nichts bringen. Nur Häme, Spott und Aufruhr. Unterm Strich schneiden sich die Polen damit nur ins eigene Fleisch. Die Antwort wird hoffentlich ganz diplomatisch und stumm auf dem Platz folgen.

Die Gewissheit, dass wir in Deutschland nur zwei Jahre zurückgehen müssen, um uns an einen geschichtsträchtigen Sieg gegen Polen zu erinnern, lässt mich diese Karikaturen der polnischen Bild-Zeitung relativ gelassen hinnehmen. Zumal wir kriegerische Auseinandersetzungen gänzlich außen vor lassen können und uns nur auf die guten Tage in 100 Jahren Länderspielgeschichte besinnen müssen. Gegen kein anderes Land haben wir mehr Spiele ohne Niederlage bestritten – fünfzehn an der Zahl.

Der 14. Juni 2006 scheint den Polen indes noch immer schlaflose Nächte zu bereiten. Dass David Odonkor der Hauptakteur in diesen Alpträumen ist, spricht Bände über das fußballerische Selbstwertgefühl unserer Nachbarn östlich der Oder. Bezeichnenderweise fragte ein polnischer Journalist heute auf der Pressekonferenz zuallererst nach Odonkor und wollte wissen, ob unser Flügelflitzer am Sonntag eine entscheidende Rolle einnehmen wird. Jogi Löw hätte natürlich ehrlich sein und zugeben können, dass er persönlich einer der wenigen war, der überhaupt an Odonkors Stärken geglaubt hat und eigentlich niemand den Spieler von Betis Sevilla im EM-Kader haben wollte. Doch stattdessen redete er ihn geradezu stark, so dass der polnische Fragesteller in seinem Land besorgt den fußballerischen Ausnahmezustand ausrufen wird.

Zum Glück fand das gestrige Testspiel gegen die A-Jugend des FC Locarno unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. 8:0 schossen unsere Jungs den Nachwuchs vom Lago Maggiore aus dem Sportplatz. Sieben Stürmertore waren darunter. Und einer ließ sich natürlich wieder nicht lumpen: Lokalmatador Oliver Neuville, der zweite Polenschreck im Bunde. Wenn unser erster Gruppengegner dessen Maradona-Solo über den halben Platz mit anschließendem Schlenzer in den Winkel gesehen hätte, dürften wir uns wahrscheinlich auf einen spielfreien Sonntag freuen. Die Polen wären erst gar nicht angetreten. Stattdessen spielt die Redaktion des polnischen Bild-Verschnitts jetzt weiter fleißig mit Photoshop und arbeitet sich provisorisch den Frust von der Seele. Damit der Montagmorgen nicht ganz so hart wird.

Mittwoch, 4. Juni 2008

EM-Tagebuch (7) -
High Noon am Lago Maggiore

Der EM-Beginn nimmt konkrete Konturen an, das Quartier in Ascona ist bezogen. Derweil sorgt Ulli Köhler dafür, dass uns auch wirklich nichts entgeht. Zur Not hält uns eben wikipedia auf dem Laufenden.

Eigentlich jammerschade, dass die Berichterstattung aus dem deutschen EM-Quartier so einseitig vonstatten geht. Wobei „einseitig“ nicht einmal ideologisch gemeint ist, sondern in diesem Fall rein örtlich. Schließlich müssen bei jedem Training geschätzte 500 Journalisten das Gelände belagern. Alle sind dabei; die ARD füttert seine Radioanstalten sogar aus einem eigens umgebauten Linienbus mit brandheißen Neuigkeiten aus Ascona. Für das Imperium Sat.1-ProSieben-N24 steht Allzweckwaffe und Neonleuchte Ulli Köhler am Spielfeldrand.

Wenn man nicht genau wüsste, wie es hinter der Kamera aussieht – also in diesem Fall auf der Gerade der Laufbahn im dortigen Sportzentrum –, könnte man fast von einer beschaulichen Fußballidylle am Lago Maggiore ausgehen. Um kurz nach elf Uhr sieht man die ersten Spieler auf den Platz trotten. Lukas Podolski scherzt mit Müller-Wohlfahrt rum. Ein Quartett aus Hitzlsperger, Friedrich, Mertesacker und Lahm (ich glaub’ die waren’s) trudelt auch langsam ein. Eigentlich sind sie im Quintett unterwegs, aber der werte Herr Köhler scheint nicht die richtige Schublade zu finden, in die er das Gesicht von Simon Rolfes stecken soll. Und so lässt er fünfe buchstäblich mal grade sein.

Jens Lehmann kommt als einer der letzten und sprintet zum Platz, als wolle er der Journalistenschar – die für den Zuschauer unsichtbar irgendwo rumhockt – zeigen, dass seine Pläte nicht mit dem Erreichen des persönlichen Verfallsdatums gleichzusetzen ist. Zur Sicherheit lässt er glatt noch den 16 Jahre jüngeren René Adler stehen.

Ulli Köhler kommentiert das alles wie die Ankunft der Braut bei einer royalen Hochzeit. Und überhaupt wird dieser Aufenthalt in Ascona schon wieder in jede Menge Historienhascherei verwickelt. Die deutsche Mannschaft war kaum eingetroffen, schon wurde der „Geist von Ascona“ in Anlehnung an den namensgebenden Vorgänger aus Spiez anno 1954 heraufbeschworen. Immerhin liegt die Stadt im Tessin schon einmal an einem See. Hier ist es der Lago Maggiore, vor 54 Jahren war es der Thunersee.

Übrigens hat der wikipedia-Artikel über das Örtchen mit gut 5000 Einwohnern bereits Zuwachs bekommen. Neuerdings erfährt man dort nicht nur, dass Ascona einem Opel-Modell seinen Namen verlieh, sondern auch, dass in jenem nunmehr geschichtsträchtigen Ort die deutsche Nationalmannschaft im Vorfeld der EM 2008 „gastierte“. Der Gebrauch des Präteritums macht nicht wirklich Sinn. Vielleicht war dem Autor diese Info einfach doch nicht wichtig genug. Vielleicht hatte er keinen Bock, sich am 30.6. noch einmal an jenen Artikel zu setzen und das verdammte Tempus zu ändern.

Dienstag, 3. Juni 2008

EM-Tagebuch (6) -
Sommermärchen - not reloaded

Erleichterung über ein halb verpasstes Sommermärchen und die Angst vor Kneipenkiebitzen, die alles schlecht reden.

Auch wenn es damals eine Qual war: Im Nachhinein, besonders in diesen Tagen, bin ich nicht mehr so unglücklich, dass ich bis zum 23. Juni 2006 im Death Valley des Weltfußballs, in den USA, festsaß. Denn aus diesem Grund darf ich mich bei den emsigen Sommermärchen-Vergleichen bescheiden zurückhalten. Ich kann den Ruck, der damals durch das Land ging, einfach nicht nachhaltig beurteilen; kann mich nur an den Landeanflug auf Frankfurt erinnern, als man aus dem Flieger zahlreiche Äcker in Deutschland-Farben sah und ganze Hochhausfassaden in Fußball-Optik verkleidet waren.

Ich wurde mitten hinein geworfen ins kalte Wasser „Sommermärchen“, genoss es fußballerisch in vollen Zügen und wünschte mir erst Monate später, dass ich es etwas intensiver wahrgenommen hätte. Doch zwischen Schweden-Spiel und Argentinien-Krimi mussten nach zehnmonatigem Auslandsaufenthalt auch ein paar Resozialisierungsmaßnahmen drin sein.

Dennoch beäuge ich die Stimmung in diesen Tagen etwas kritisch. Der berühmte deutsche Pessimismus schlägt schon wieder viel zu hohe Wellen. Ich will gar nicht dran denken, was passiert, wenn wir Sonntag nicht gegen Polen gewinnen sollten. Spätestens dann werden wohl alle aufwachen, auch die gefürchtete „Ich hab’s doch gesagt“- Kompanie. Allein der Groß- und Einzelhandel versprüht Begeisterung – na gut, bei denen geht’s ja auch um einen Riesenbatzen Geld; da wär’ ich auch begeistert.

Der NDR rührt indes fleißig die Werbetrommel fürs Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg, Crunchips bietet seine besten Stücke mit Biergeschmack an und ALDI schmeißt ein Paar Autofahnen für 1,49€ raus. Während ich den günstigen Imitationen des Autos unseres Bundespräsidenten nicht widerstehen konnte (die entgegen aller Behauptungen selbst bei 93 km/h nicht schlapp machen), traue ich den Chips mit herbem Hopfengeschmack nicht so recht über den Weg.

Und mit Public Viewing braucht mir erst recht niemand zu kommen: 30.000 Leute – ein Drittel davon kreischende Teenies, die fragen, wo der Klinsmann eigentlich hin ist und über Schweinis Frisur philosophieren –, vor meiner Nase am besten noch eine Straßenlaterne, so dass die Torlinie beim alles entscheidenden Elfmeterschießen exakt abgedeckt ist und ich nur aufgrund des Jubels oder seines Gegenteils erahnen kann, wer gerade vorne ist. Doch nicht einmal darauf kann man sich verlassen: Wandelnde Litfasssäulen aus Schweiß, die erst merken, dass das 1:0 gar nicht zählte, als der Gegner auf einmal in Führung liegt – nein, danke.

Zur Sicherheit eine kleine Zusatzinfo: Ich leide nicht unter Berührungsängsten, bin weltoffen und scheue auch nicht das Bad in der Menge im Stadion.

Mit einer Kneipe inklusive Leinwand und frischem, bezahlbaren Bier kann ich mich da schon eher anfreunden, wenn da nicht die Horden von Mittfünfzigern wären, die jeglichen Erfolg der deutschen Mannschaft auch nach einem 8:1 im Endspiel gegen Italien noch als „pures Glück“ abstempeln und kritisch auf das eine Gegentor in der 78. Minute verweisen. Deshalb wird mir wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als auch dieses Turnier im heimischen Wohnzimmer zu verbringen, die Couchgarnitur vor lauter Fußball-Hospitalismus endgültig aufzuwetzen und anstelle von wildfremden Schweißraketen meinen Eltern und meinem Bruder in die Arme zu fallen.

Montag, 2. Juni 2008

EM-Tagebuch (5) -
Von Akkuschraubern und Solaranlagen

Wankdorf, Heysel, Olympiastadion, Stadio Olimpico, Wembley – mit den großen Erfolgen der deutschen Nationalmannschaft blieben auch die Namen altehrwürdiger Stadien in Erinnerung. Das Wiener Ernst-Happel-Stadion soll die illustre Reihe erweitern. Ansonsten bieten die acht Arenen der EM in Österreich und der Schweiz viel Blech, wenig Futuristik und trotzdem einige Schmankerl. Die acht EM-Arenen im Überblick.

2x4 lautet die Devise – acht Stadien aufgeteilt auf zwei Länder. Man muss sich schon anstrengen, um die Arenen in Klagenfurt, Salzburg und Innsbruck rein optisch auseinander zu halten. Zumal sich die Kulisse samt Bergpanorama in jeder der drei Städte ungemein ähnelt. Bis auf ein kleines Facelift benötigte das Wiener Finalstadion dafür kaum Veränderungen, um fit für die EM gemacht zu werden. In den drei anderen Spielstädten herrschte dagegen Ideenlosigkeit.

Doch die Stadionbauer aus Österreich hatten es auch nicht einfach. Im Schnitt lockten die zehn Erstligaklubs in der vergangenen Saison 9.546 Fans ins Stadion, macht zusammen ca. 1,7 Millionen Zuschauer. Bayern und Dortmund erreichen diesen Wert fast schon alleine. Was soll eine derart zuschauerarme Liga also mit einer Hand voll riesiger Multifunktionsarenen, die 40.000 oder gar 50.000 Zuschauern fassen? Somit kann man der Alpenrepublik wenigstens bescheinigen, dass sie ökonomisch arbeitet und denkt. Macht auch Sinn, denn vermutlich wird man selbst nicht viel von den schönen Stadien haben, wenn nach der Vorrunde Schluss sein sollte.

Das Trio Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt muss sich mit der sparsamen Rückbauvariante zufrieden geben. Das heißt: Alle drei Arenen wurden zur EM auf 30.000 Plätze aufgerüstet. Nach dem 29.6. (oder im Prinzip schon früher, denn in keiner der drei Städte wird ein Spiel der K.o.-Runde ausgetragen) rücken nicht die Bagger, sondern die Akkuschrauber an. Der Oberrang wird abgetragen und das Dach runterkurbelt (in Klagenfurt ist das wortwörtlich der Fall).

Die Schweiz hat sich da schon etwas mehr Mühe gegeben. Ohnehin schicken die vier EM-Städte der Eidgenossen eine ganze Portion Historie ins Rennen. Auch an der Futuristik wird nicht ganz so gespart wie im Nachbarland. Der Basler St. Jakob-Park ist wohl das interessanteste aller Stadien: steile Ränge wie in England, eine Außenhülle, die schwer an die Allianz-Arena erinnert und dazu Heimat eines großen Traditionsklubs. Kurioserweise beinhaltet die Arena ein Seniorenheim – vielleicht schaut Köbi Kuhn demnächst mal vorbei.

Das Berner Wankdorf-Stadion besticht allein schon mit seinem Namen und seiner damit verbundenen Geschichte – selbst wenn in der neuen Arena nur noch die alte Uhr aus der Spielstätte des WM-Finales 1954 an vergangene Tage erinnert. Die Solaranlage auf dem Dach ist da eher das futuristische Gegenstück zum Nostalgiewert des Neubaus. Auch hier spielt mit den Young Boys Bern ein echter Traditionsklub.

Der Zürcher Letzigrund ist neben dem Wiener Ernst-Happel-Stadion das einzige mit Laufbahn. Das hat auch einen guten Grund, schließlich hat sich wohl kaum ein Stadion der Welt als Weltrekordpflaster in der Leichtathletik solch einen Namen gemacht. Rein architektonisch steckt in dem jüngsten der acht EM-Stadien ein ganzes Stück mehr Raffinesse als in den österreichischen Konkurrenzmodellen. Dank seiner Fluchtlichtmasten hat sich das die Schüssel aus Stahl den Namen „Geburtstagstorte“ verdient.

In Genf spielt derzeit zwar nur ein Zweitligist. Doch das ändert nichts daran, dass das einzige Stadion außerhalb des deutschsprachigen Raumes rein optisch mehr zu bieten hat als die österreichischen Sparvarianten. Dabei sind die aufwendigeren Stadien in der Schweiz im Ligabetrieb ebenso wenig ausgelastet. Knapp 11.000 kommen im Schnitt. Aber Basel, Zürich und Bern beherbergen die drei Vereine mit den meisten Zuschauern in der Schweizer Super League – im Schnitt sehen sich 18.000 Zuschauer die Spiele des FCB, des FCZ und der Young Boys an.

Egal was auch kommt: Nach der zweiten Vorrundenpartie gegen Kroatien im Klagenfurter Wörtherseestadion lässt die deutsche Mannschaft die Stahlrohrtristesse hinter sich und spielt bis zum Endspiel entweder in Wien oder Basel. Allein das dürfte als Anreiz genügen, die Vorrunde zu überstehen. Geprobt hat man in beiden Stadien dieses Jahr bereits – beim 3:0 gegen Österreich in Wien und beim 4:0 in Basel gegen die Schweiz. Hoffentlich ein gutes Omen.

Sonntag, 1. Juni 2008

EM-Tagebuch (4) -
Wo ein Neuville ist, ist auch ein Weg

Zwei späte Tore retten die letzte Woche vor Beginn der EM. Dazu ein schwitzender Löw und eine strahlende Kanzlerin.

Stellen wir uns vor, Marcell Jansen hätte sich gestern nicht in der 74. Minute auf links durchgesetzt, hätte nicht Oliver Neuville so bedient, dass dieser nur noch einschieben musste. Stellen wir uns vor Marcell Jansen wäre acht Minuten später nicht kurz vor dem Strafraum gelegt worden, und Michael Ballack hätte nicht die Lücke in der serbischen Mauer gefunden und das entscheidende 2:1 erzielt. Was wäre das für eine Woche geworden.

Im Fußball kann man sich für Schönspielerei nichts kaufen. Es zählt die Effektivität vor dem Tor und – noch drastischer – im Prinzip am Ende nur das Ergebnis. Jogis Jungs hätten gestern früh in Führung gehen, den Rückstand aus der 19. Minute am besten gleich wett machen können. Wenn sie schon nicht gezeigt haben, dass sie spielerisch und taktisch bei den berühmten 100% sind, dann wissen wir jetzt wenigstens, dass die Moral stimmt und der Wille vorhanden ist, auch fünfzehn Minuten vor dem Ende noch gegen eine serbische Betonwand anzulaufen, um den Ball irgendwie ins Tor zu bugsieren.

Ohne Lokalkolorit geht ein Heimspiel der Nationalmannschaft selten über die Bühne. Pfiffe ertönten bei Kevin Kuranyis Auswechslung, die wohl vom eingefleischten Schalker Publikum stammten und sich eher gegen die Herausnahme als gegen den unterirdisch schwachen Stürmer richteten. Oliver Neuville ließ die richtige Antwort folgen, auch wenn sein Treffer nicht gerade einer der Marke „höchst sehenswert“ war. Es bleibt nicht aus, dass ich mich über die quasi Gladbacher Co-Produktion zum 1:1 besonders gefreut habe. Der Ur-Gladbacher Jansen legt dem Wahl-Gladbacher Neuville auf. Für mich ist Neuville nun Stürmer Nummer vier. Vielleicht nicht wegen seiner Gesamtqualitäten, sondern eher aufgrund seiner Fertigkeiten im Hinblick auf ein großes Turnier. Denn als Joker hat er sicher mehr drauf als Kuranyi, der nach der Grottenleistung so weit von der Startelf entfernt sein dürfte, wie Klagenfurt von Gelsenkirchen.

Pfiffe gehörten auch an anderer Stelle erneut zu den größten Dornen in meinem Auge. Anscheinend braucht es schon eine WM im eigenen Land, um den Funken einmal von den Rängen auf den Platz überspringen zu lassen. Erst begleiten 54000 die DFB-Elf mit Pfiffen, als es dann auf einmal besser läuft, stehen sie auf ihren Plätzen, schreien lauthals „steht auf, wenn ihr Deutsche/Deutschland seid“ und alles ist wie am Ende von Benjamin-Blümchen-Kassetten „Friede, Freude, Eierkuchen“. Letzteren möchte ich den Pfeifwütigen jedes Mal ins Gesicht schmeißen, wenn sie mit ihrem Gepfeife indirekt eine Geld-zurück-Garantie fordern.

Unterm Strich glätten zwei Tore also die Wogen einigermaßen. Lassen wir die Gedanken an eine Niederlage einfach mal gleichgültig außen vor. Bereitet sowieso nur Bauchschmerzen. Jogi Löw hat gestern sicherlich den Fehler gemacht, dass er den serbischen Stärken das Wasser reichen wollte, anstatt ihre Schwächen elegant auszunutzen. Klingt a lot like Heidi Klum, soll aber heißen, dass es falsch war, einem Vidic mit dem kopfballstarken Kuranyi beikommen zu wollen. Und so ist es wenig verwunderlich gewesen, dass die beiden Treffer nach flachen Kombinationen zustande kamen (Jansen wurde vor dem 2:1 ja nicht zufällig gefoult), denn da lag mit Sicherheit der Schlüssel zum Erfolg.

Auch wenn ihm der Schweiß bei Monica Lierhaus nur so aus den Poren floss, wirkte Jogi Löw ziemlich gelassen, höchstens etwas erleichtert. Er hat ja recht, wenn er sagt, dass noch nicht jeder auf den Punkt vorbereitet sein kann/darf/soll. Schließlich beginnt die EM erst in einer Woche, alles ist also im Lot. Zumal unsere Konkurrenten sich nur peripher mit Ruhm bekleckert haben.

Frankreich trotzt überragenden Paraguayanern ein 0:0 ab. Spanien besiegt das übermächtige Peru in letzter Sekunde mit 2:1. Portugal schießt Georgien mit 2:0 aus dem Stadion (ok, mehr haben wir gegen die auch nicht geholt). Und zu guter Letzt holt Gruppengegner Kroatien ein 1:1 gegen die schier übermächtigen Erben Puskás’. Also bitte, da hätten wir selbst bei einem Nicht-Sieg gegen Serbien getrost die Kirche im Dorf lassen können.

Um noch mal auf Jogis Löws Schweißausbruch zu sprechen zu kommen: Vielleicht lag es auch an der „Frau Bundeskanzler“ (O-Ton Monica Lierhaus), die ihm die Analyse des Spiel süffisant abnahm und auch nicht verraten wollte, wer denn ihr heimlicher Liebling sei. Naja gut, zu Zeiten eines Helmut Kohl wäre so etwas auch nicht drin gewesen, da wär’s dem Jogi ja noch mehr aus den Poren geströmt im engen Fernsehstudio. Deswegen war der Auftritt der Kanzlerin gestern irgendwie sympathisch. Die hat mit Sicherheit auch nicht gepfiffen. Schämt Euch, Schalker!

Marko Marin durfte sich am späten Abend ausführlich im Sportstudio präsentieren. Zumindest hätte er das gedurft, beließ es aber bei 3- bis 5-Wort-Sätzen, gegen die Lukas Podolski eher noch als großer Philosoph unter den Fußballern durchgeht. Nach ein paar Minuten war Frau Müller-Hohenstein durch mit ihren Fragen, deren Antworten stets mit „Ja gut“ begannen und ungefähr so endeten: „Ich freue mich… blablabla.“ Marko, das üben wir noch mal.

Und so gehe ich – wie immer eigentlich, das dürfte mein Fehler sein – ganz optimistisch und untypisch deutsch in die letzte Woche vor dem Polen-Spiel. Lasst mir doch die Vorfreude.


Die Kopfnoten:

Lehmann: Ohne jede Prüfung, beim 0:1 zwar getunnelt, aber machtlos. Genauso bei Lazovic’ Lattenknaller nach der Pause. Eine beschäftigungslose 3, weil unterm Strich fehlerlos.

Jansen: Wenig gefordert in der Defensive, etwas dilettantisch bei der Hereingabe, die zum serbischen Lattentreffer führte. Ansonsten stark in der Offensive. Schon in Hälfte eins fast mit einem Assist, der im zweiten Durchgang folgte. Sein herausgeholter Freistoß führte um 2:1. Zog sich eine Risswunde zu, musste raus. Macht eine gute 2,5.

Mertesacker: Ebenso unterfordert in der Defensive. Hätte vor dem 0:1 vielleicht etwas auf de Ballführenden rausrücken können. Zur Pause durch A. Friedrich ersetzt und geschont. Beschäftigungslose 3.

Metzelder: Verbessert, aber lange nicht gut. Der Fehler vor dem 0:1 ist und bleibt ein Fehler. Weiterhin Wackelkandidat, gab sich jedoch im Interview selbstbewusst und ehrlich. Trotzdem eine 4.

Lahm: Harmlos in der Offensive, nur ein Vorstoß, der in Erinnerung blieb, aber folgenlos verpuffte. Zur Pause kam Podolski. Hinten sicher, aber wenig geprüft. Deshalb 3,5.

Frings: Irgendwie noch nicht ganz der Alte im Aufbauspiel. Engagiert wie immer, mit wenigen Offensivaktionen, auch am 0:1 beteiligt. eine 3,5 mit Luft nach oben.

Schweinsteiger: Nach dem rüden Foul gegen Weißrussland Gott sei Dank wenigstens in der Startelf. Hat Podolski im Nacken, muss sich steigern. Grottige Eckbälle, wenig Durchschlagskraft, es fehlt die Unbekümmertheit. Unterm Strich eine 4.

Fritz: Nicht wirklich überzeugend als Schneider-Ersatz. Hat in anderen Spielen gezeigt, dass die Rolle zu ihm passt. Wackelkandidat für die Startelf gegen Polen. Da geht viel mehr. Eine 4.

Ballack: Unumstritten bester Mann auf dem Platz. Sowohl spielerisch als auch physisch präsent. Vielleicht auf der Höhe seines Schaffens. Krönte eine Klasse-Leistung mit dem Siegtreffer zum 2:1. Kann so der große Leader ein hoffentlich erfolgreichen deutschen Mannschaft werden – 1,5.

Gomez: Mit ungewohnter Nachlässigkeit vor dem Tor. Hätte das 1:1 erzielen müssen. Ansonsten auffällig, aber zu ungenau und etwas glücklos. Auch ihm sitzt Podolski im Nacken. Ist jedoch mit dem Bayern-Spieler erster Anwärter auf den Platz neben Klose – macht am Ende eine 3,5.

Kuranyi: Chancenlos, fand kaum statt. Hat sich so wohl alle Möglichkeiten auf die Startelf verbaut. Muss sich in der Joker-Rolle eher an einem Neuville orientieren. Es bleibt nichts anderes als eine 5.

Podolski (ab 46.): Starker Beginn, gewohnt auffällig. Ließ so stark nach, wie er anfing. Kämpft an mehreren Fronten um einen Stammplatz, ohne ihn fehlt irgendetwas. Gestern befriedigend – 3.

A. Friedrich (ab 46.): Stand kaum im Mittelpunkt. Bei der größten serbischen Chance in Hälfte zwei weder schuldfrei noch schuldlos. Eine standardmäßige 3.

Neuville (ab 70.): Agil, stand beim 1:1, wo er stehen musste. Joker Nummer eins im Sturm. Muss in manchen Szenen noch präziser werden. Keine Wertung.

Rolfes (ab 70.): Weder im Mittelpunkt noch abwesend. Kann sowohl als Ballack- als auch als Frings-Ersatz agieren. Keine Wertung.

Odonkor (ab 79.): Ein guter Auftritt auf rechts, ansonsten in seinen elf Minuten wenig auffällig. Bleibt Joker. Keine Wertung.

Westermann (ab 84.): Kam für den angeschlagenen Jansen. Keine Aktionen mehr. Ohne Wertung.


Aufstellung:
Lehmann – Jansen (84. Westermann), Mertesacker (46. A. Friedrich), Metzelder, Lahm (46. Podolski) – Frings (70. Rolfes), Schweinsteiger (79. Odonkor), Fritz, Ballack - Gomez, Kuranyi (70. Neuville)

Tore:
0:1 Jankovic (18.), 1:1 Neuville (74.), 2:1 Ballack (82.)

Gelbe Karten: Ivanovic