Erst zwei Tage später wird mir klar, welch große Taten die deutsche Mannschaft gegen Portugal vollbracht haben muss.
Glückwünsche schwappen sogar aus dem Death Valley des Weltfußballs, den USA, ins Haus. Es ist mittlerweile zwei Jahre her, dass ich von meinem Austauschjahr aus Texas zurückgekehrt bin, aber die Leute dort scheinen nicht vergessen zu haben, dass damals im Juni 2006 zwischen 8:00 Uhr und 15:00 Uhr vergleichsweise wenig von mir zu sehen war.
So erreichte mich am Donnerstag um 22:46 Uhr, nur zehn Minuten nach Abpfiff, folgende Nachricht bei Facebook:
"JANNIK!!! so germany is a semifinalist..and i thought of youuu!! how are you doing these days??!!". Maria stammt aus dem Iran und liebt Giggs, doch ihre Nachricht war keineswegs ein Einzelfall:
"haha, i was going to make a comment like maria's but she beat me! haha! but, yes we can't help but think of you when germany is mentioned at all...and especially when it regards soccer", schreibt Brooke.
Man darf sich ja schon glücklich schätzen, wenn man als Deutscher in den USA mit Fußball in Verbindung gebracht wird und Hitler, die NSDAP und der Zweite Weltkrieg außen vor bleiben. Bezeichnend, dass die Glückwünsche aus den USA ausgerechnet von zwei Frauen kamen.
Am Ende ein kleiner Schweif zum Spiel Holland gegen Russland: Sindeigentlich schon einmal drei Gruppensieger im Viertelfinale gescheitert?
Samstag, 21. Juni 2008
EM-Tagebuch (27) -
Glückwünsche aus Death Valley
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Jannik
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Freitag, 20. Juni 2008
EM-Tagebuch (26) -
22 Spieler, 90 Minuten, ein Ball und das ewig selbe Ende
Irgendwie ist ganz Europa ist bisschen Lineker.
Italien spielt den Catenaccio so effektiv und konsequent wie keine andere Mannschaft, oder sagen wir besser: wie kein anderes Land. Auch wenn sie gerade 0:2 zurückliegen, Catenaccio ist immer dabei.
Holland spielt grundsätzlich mit drei Stürmern. Selbst wenn nur einer auf dem Platz steht, sind es drei. War schließlich immer so.
Spanien scheidet stets in der ersten K.o.-Runde aus, spätestens in der zweiten. Das gilt selbst, wenn sie gerade das Endspiel erreicht haben.
Die Türken spielen immer mit gewetztem Messer im Mund. Dass der brave Linksverteidiger gerade vor lauter Angst vom Tempodribbler des Gegners überlaufen wurde, spielt keine Rolle.
Die Schweden sehen einfach zu gut aus, um erfolgreich zu sein - sagt man. Da kann der ästhetisch weniger gesegnete Mittelstürmer noch so viele Tore schießen.
England verliert jedes Elfmeterschießen. Ok, das stimmt wirklich.
Und die Deutschen? "Mit denen ist es doch immer dasselbe" (L'Equipe), denn am Ende gewinnen sie schließlich immer. Sagt auch MARCA: "Siempre ganan los alemanos". Ok, stimmt ja, es sei denn Kroatien gewinnt mal. Das spanische Sportblatt versuchte zudem, die Wortneuschöpfung der Bild-Zeitung, "Schweinigeil", anschaulich zu erläutern, denn eigentlich sei das Wort "unübersetzbar". Das Wort "geil" werde ursprünglich mit der "sexuellen Potenz assoziiert", könne aber auf "alles ausgedehnt werden, das große Emotionen weckt". So ist das also.
Die "Sun" greift derweil bildzeitungstief in die Wortspielkiste und titelt in Anlehnung an unseren Torschützen von gestern: "Simply the Bast". Etwas mehr verwunderlich ein Satz weiter unten, als der Autor die deutschen Versäumnisse der Vorrunde aufzählt. "Deutschland ging in das Spiel nach einer schwachen Vorrunde, mit mangelndem Selbstbewusstsein und - unglaublich für eine Nation begabter Techniker - vielen Anfängerfehlern. Das nenn' ich doch mal "dark British humour". Oder sind wir in Augen der Engländer etwa tatsächlich "gifted technicians"?
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Jannik
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EM-Tagebuch (25) -
Kehrtwende ins Glück
Was schwer nach Telenovela klingt, beschreibt das Glücksgefühl nach dem Triumph von Basel vortrefflich. Drei Tore, ein Sieg und schlagartig wendet sich alles zum Guten. Die Fußballwelt ist schnellebig, das wissen wir nicht erst seit gestern. Doch selten war der Weg von der Katastrophe über die Offenbarung bis hin zum Triumphzug so kurz.
In der Verzweiflung und Hilflosigkeit endet der Fluchtweg allzu oft in Floskeln, Durchhalteparolen und anderen Überlebensmaßnahmen. So kam es, dass ich einen Sieg gegen Portugal zwar für möglich hielt, den Glauben noch nicht ganz verloren hatte. Aber die Gedanken an das Ende, ans „Danach“, waren allgegenwärtig und irgendwie stärker. Genau wie die Frage, in welcher Art und Weise sich die deutsche Mannschaft – im Falle des Falles – aus dem Turnier verabschieden würde. Erklärungsversuche wurden zurecht gemalt und heute – am Tag nach dem Triumph – ist es ein genugtuendes Gefühl, einmal all die Horrorszenarien getrost über den Haufen werfen zu können. Sonst sind es nämlich meist optimistisch zusammen gebastelte Triumphzüge, die nach einem kräftigen Schlag ins Gesicht nur noch Schall und Rauch sind.
Ich kann mich nicht daran erinnern, von einem Spiel in letzter Zeit derart (positiv) überrumpelt worden zu sein. Ok, da gab es ein 7:1 in Offenbach mit der Borussia, allein das hält dem Vergleich vielleicht noch stand. Aber es sagt genug aus, dass eine frühe Führung (26 Minuten von 90 sind nicht wirklich viel) gegen Portugal bereits in eine Schublade mit einem atemberaubenden Kantersieg gesteckt werden kann.
All das, was sie vor drei Tagen noch dilettantisch falsch gemacht hat, hat die deutsche Mannschaft gestern richtig gemacht – Pressing gespielt, den Ball schnell gemacht, zur richtigen Zeit das Tempo rausgenommen und die Chancen eiskalt genutzt. Auch im Rausch des Triumphes – am Gegenpol der Gefühle nach dem Kroatien- oder Österreichspiel – bleiben die Floskeln nicht aus. Denn: So kann man auch Europameister werden.
Der einzige Vorwurf lautet, dass wir es uns schwerer gemacht haben als nötig: Kurz vor der Pause ein unnötiges Tor gefangen, am Ende nicht mehr aus der eigenen Hälfte rausgekommen, dazwischen ab und an etwas unaufmerksam. Doch wer Portugal 3 : (1+1) schlägt, kann nicht allzu viel falsch gemacht haben. Es musste außerdem nervenaufreibend und fingernägelfeindlich werden – in 20 Jahren will der Groß- und Einzelhandel schließlich auch noch DVDs von großen EM-Auftritten verkaufen. Ein souveränes 3:0 gegen Portugal hätte da wie Blei in den Regalen gelegen.
Im Nachhinein ergeben die Ereignisse der letzten 8 Tage jetzt auch langsam einen Sinn: Beim Gruppensieg hätten wir erst heute gespielt, auf den Sieg gegen Portugal müssten wir noch sechs Tage warten. So gehen wir nun mit der Gewissheit ins Halbfinale, dass es eigentlich nicht schwerer werden kann. Und überhaupt: Wir sind schon im Halbfinale. Ok, die Portugiesen haben 2004 auch nicht aus ihrer Pleite gegen Griechenland gelernt und im Finale ein zweites Mal verloren. Nehmen wir uns also ein Beispiel an den Niederländern. Die haben vor zwanzig Jahren erst gegen die Sowjetunion verloren, um sie dann im Finale zu schlagen. Irgendetwas läuft verkehrt: Holland = Beispiel? Komisch, diese EM.
Ach ja, die Türken spielen heute Abend übrigens auch noch. Vermutlich werden wir annektiert, wenn die ausgerechnet gegen uns im Halbfinale gewinnen. Deshalb übernehmen wir das besser mit dem Sieg. Ist ja sowieso nett für die Türken in Deutschland. Bei einem Sieg heute Abend stehen die bereits sicher im Endspiel – einmal mit dem Herzen, einmal mit dem Personalausweis.
Ich denke, ich dürfte gestern zum ersten Mal gegen Deutschland getippt haben. Mit den zwei Treffern für Portugal ein ganz gutes Händchen gehabt, leider nur zwei Tore zu wenig auf der anderen Seite einkalkuliert. Den „Nuller“ nehme ich da gerne in Kauf. Was den rein sportlichen Erfolg angeht, ist das Sommermärchen jetzt bereits eingestellt. Schließlich war damals auch im Halbfinale Endstation. Doch wird alles anders werden.
Wenn es wie am Schnürchen läuft, macht es sogar Spaß Waldemar Hartmann zuzuhören. Steffen Simon ist plötzlich ein überragender Kommentator. Delling und Netzer machen den Eindruck, sie hätten ihre Frische der ersten Ehejahre zurückerlangt. Deutsche Fans im Stadion wirken schier übermächtig – unterm Strich ist die Fußballwelt mit sich im Reinen. Auf dass es noch zehn Tage so bleibt.
Die erfreulichen Kopfnoten:
Lehmann: Hielt nahezu jeden Ball fest, parierte jeden Fernschuss mühelos. Gewohnt aufmerksam im Herauslaufen. Weltklasse-Parade vor dem 2:1, die leider nicht belohnt wurde. Hat sich ins Turnier reingebissen. Fehlerlos und noch ein bisschen mehr - 1,5.
Lahm: Mit Aussetzern in der Anfangsphase, die anderen eher verziehen werden, bei Lahm einfach Seltenheitswert besitzen. Steigerte sich im Duell mit Simao, litt zudem unter Podolskis schwacher Arbeit nach hinten, bügelte aus, was auszubügeln war. Bestätigte den Trend des Turniers, am häufigsten am Ball. Ist einer der konstantesten im deutschen Team - 3.
Mertesacker: Erneut beteiligt an den Gegentoren. Grober Stellungsfehler beim ersten, stieg beim zweiten nicht entschlossen genug hoch. Führte auffallend wenige Zweikämpfe - zu weit weg vom Mann oder stets vorher bereinigt? Wirkte sicherer, wenn er direkt den Ball klären konnte. Mal wieder mit Mängeln in der Spieleröffnung - deshalb und aufgrund der Fehler vor den Toren nur eine 4.
Metzelder: Glich aus im Privatduell mit Mertesacker, zum zweiten Mal in diesem Turnier der bessere Innenverteidiger. Holte mit einem beherzten Vorstoß den Freistoß raus, der zum 2:0 führte. In nur 6 Zweikämpfe involviert, die er jedoch allesamt gewann. Konnte den Ball zwar nicht immer schnell genug klären, ansonsten akzeptabel - 3.
Friedrich: Nahm Cristiano Ronaldo weitestgehend aus dem Spiel - falls das überhaupt möglich ist. Mit guter Zweikampfbilanz, ließ keinen Schuss von Ronaldo aus der zweiten Reihe zu. Allein beim 2:1 nirgends aufzufinden und hinderte Nani nicht an der Flanke vor dem 3:2 (wobei es nicht nur F. alleine war). Natürlich in der Defensive festgenagelt, bei seinen raren Vorstößen erfolglos. Hinten jedoch soweit tadellos und ein Gewinn - 2,5.
Hitzlsperger: Wirklich gut, solange er sich aus dem Angriffsspiel raushielt. Stabilisierte die deutsche Abwehr vor allen Dingen in der ersten halben Stunde, dann nicht mehr ganz so konsequent. Mit drei Schüssen, die allesamt das Tor verfehlten. Meist zu eigensinnig, hätte in der zweiten Hälfte auf Schweinsteiger ablegen müssen, der rechts neben ihm mutterseelenallein stand. Ließ stark nach, Auswechslung die Konsequenz, möglicherweise mit konditionellen Defiziten. Ordentlich, aber ausbaufähig - 3,5.
Rolfes: Im 11. Länderspiel erstmals von Beginn an. Spielte über 90 Minuten einen Tick besser als sein Nebenmann Hitzlsperger. Strahlte Ruhe aus, blieb konzentriert. Ab und zu zeigte sich der Mangel an internationaler Erfahrung. Akzeptable Zweikampfwerte, empfahl sich für einen Einsatz im Halbfinale - und für höhere Aufgaben nach der Ära Frings? Mit Abstichen im Aufbauspiel, aber absolut zufriedenstellend - 3.
Podolski: Bereitete das erste Tor mit zwei Doppelpässen und maßgenauer Hereingabe mustergültig vor. Baute nach der Pause etwas ab, ließ mit einem Weltklasse-Schuss aufhorchen, der aus 30 Metern den Außenpfosten streifte. Defizite im Spiel nach hinten, nach vorne tadellos. Bäumte sich nach seiner schwachen Phase in der Schlussphase auf, hielt den Ball und hatte am Ende noch die Chance zum 4:2. Gut wie in allen Spielen bisher, von der Wade nichts zu spüren - 2.
Ballack: Mit der besten EM-Leistung. Pferdelunge wie immer, sehr gut im Spiel nach vorne, weil die Doppel-6 ihn entlastete. Stellte seine Kopfballqualitäten unter Beweis und kam erstaunlicherweise - trotz der Anzahl von 5 Fouls - um die gefürchtete Gelbe herum. Müsste aber auch einstecken, ließ jedoch nie nach im Einsatz. Der absolute Chef auf dem Platz, der den Portugiesen (charakterlich) fehlte. Überragend - 1,5.
Schweinsteiger: Mit dem ersten Gala-Auftritt im DFB-Dress seit... dem Portugal-Spiel 2006. Spintete vorbildlich zum 1:0, bereitete zwei Treffer mit scharf getretenen Freistößen vor. Beschäftigte die Portugiesen permanent, enormes Laufpensum. Nach 83 Minuten am verdienten Ende seiner Kräfte. Super Leistung - glatte 1.
Klose: Endlich mit dem ersten EM-Tor und dem 40. für den DFB. Ackerte wie immer, fleißigster Zweikämpfer. Fiel mehr auf, weil alleine im Sturm. Fast so gut wie gegen Polen, aber diesmal wenigstens erfolgreich. So kann's weitergehen - 2,5.
Borowski ab 73.: Etwas zu gut bewertet von Löw und Flick. Fand nie richtig ins Spiel, ging etwas unter und gewann nur eines von 6 Duellen. Mit Torchance in der Schlussphase, ansonsten eher blass. Keiner für die Startelf. Ohne Wertung.
Fritz ab 83.: Zu zögerlich vor dem 3:2, bekleidete in seinen elf Minuten Einsatzzeit ausschließlich Abwehraufgaben. Kommt derzeit wohl weder an Friedrich noch an Schweinsteiger vorbei. Bleibt als Kämpfernatur und Dauerläufer aber als Alternative im Hinterkopf. Ohne Wertung.
Jansen ab 89.: Nur fünf Minuten auf den Platz, dennoch laufend gefordert. Das, was er noch tun musste, war in Ordnung, gewann jeden seiner drei Zweikämpfe in dieser Zeit. Bleibt in der Hinterhand, falls jemand ausfällt. Ohne Wertung.
Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Rolfes, Hitzlsperger (73. Borowski) - Podolski, Ballack, Schweinsteiger (83. Fritz) – Klose (89. Jansen)
Tore:
1:0 Schweinsteiger (22.), 2:0 Klose (26.), 2:1 Nuno Gomes (40.), 3:1 Ballack (61.), 3:2 Helder Postiga (87.)
Gelbe Karten: A. Friedrich, Lahm - Petit, Pepe, Helder Postiga
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Jannik
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Donnerstag, 19. Juni 2008
EM-Tagebuch (24) -
Auf den Punkt gebracht
JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA!
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Jannik
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EM-Tagebuch (23) -
23 Minuten Spanien
Eine Einladung zum Gartenkick und die Erkenntnis, dass Kehl in diesem Jahr Rolfes heißt.
Erst einmal möchte ich eine dringliche Einladung ans deutsche und portugiesische Team loswerden: Ihr könnt auch gerne bei uns im Garten spielen. Mit 105x68 Metern kann ich leider nicht dienen. Dafür mit einem satten, frisch vertikutierten Grün. Bis ihr da seid, bin ich auch nochmal kurz mit dem Mäher drüber gegangen. Denn das, was da im St.-Jakob-Park rumliegt - Lebendigkeit versprüht es auf keinen Fall - weckt nur begrenzt Assoziationen botanischer Natur.
Na gut, wenn es überhaupt jemandem zu Gute kommen sollte, dann wohl eher unserer Mannschaft. Unsere Spielart passt zum holprigen, unförmigen Geläuf in Basel schließlich wie die Faust aufs Auge.
Nach 67 Minuten im Spiel Russland gegen Schweden fiel es mir gestern wie Schuppen von den Augen: Mir waren mal wieder die Spanier durchgegangen. Flott auf EinsFestival geschaltet und nach 247 EM-Minuten endlich den großen Favoriten (gemeinsam mit den Holländern und Portugiesen) spielen sehen. Der lag zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 gegen den übermächtigen Noch-Europameister zurück und rein stichprobenartig müsste ich eigentlich die Favoritenrolle der Spanier zu den Akten legen. Die belehrten mich dann doch eines Besseren, klauten mir zwei Minuten vor dem Ende drei Punkte im Tippspiel und den Griechen einen Punkt fürs gebeutelte Gemüt. Aber ich glaub' jetzt einfach mal all denen, die Spanien dieses Jahr ganz weit vorne sehen. Mal gucken.
Seit ein paar Minuten ist's raus: Der Kehl von 2006 heißt in diesem Jahr Rolfes. Sprich, Frings' Rippe spielt nicht mit, Frings selbst deshalb auch nicht. Dafür mit WM-Sturm, Schweinsteiger und Hitzlsperger. Bleibt nur zu hoffen, dass letzterer die Portugiesen rein namenstechnisch schon verwirrt.
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Jannik
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Mittwoch, 18. Juni 2008
EM-Tagebuch (22) -
Neongelbe Wichtigtuer
Der Schiedsrichter - ein Chamäleon.
Früher trugen sie ausschließlich schwarz, dazu einen Schnäuz und ein paar Breitengrade weiter südlicher eine ansehnliche Plauze. Ihre Trikotfarbe ist mittlerweile den Weg des Fernsehens entlang marschiert – aus schwarz wurde neongelb, blau, rot. Immerhin ist das schmucke lila der 90er wieder von den Fußballplätzen dieser Welt verschwunden. Allein im modebewussten Italien trägt Herr Schiedsrichter bisweilen schweinchenrosa.
Die Persönlichkeiten von früher sind durch eitle, braun gebrannte Maschinen ersetzt worden, die in ihren grellen Trikots häufig aussehen, als habe sie der letzte Zug von der Love Parade nicht nach Hause, sondern zufällig auf den Fußballplatz gebracht. Sie sind gestählt, zumindest fitnessmäßig voll auf der Höhe. Mitte 40 ist Schluss, dann kommt der radikale Schnitt, egal was die viel zitierte demagogische Entwicklung sagt.
Ein echter Eifel-Junge wie Herbert Fandel – Musikschulleiter in Bitburg, in Steckbriefen immer als Pianist ausgewiesen – sticht da schon leicht aus der Masse heraus: Lebenslange Sonnenbankabstinenz, klunkerfreier Brustkorb, 08/15-Frisur, ein ganz normaler Typ eben. Fandel ist kein Collina, kein Frisk, kein Wack. Wenn er über Fritz Walter reden darf, stehen ihm beinahe die Tränen in den Augen, wie einem kleinen Jungen, der Michael Ballack aufs Feld eskortieren durfte. „Ich bin Fritz Walter sehr verbunden. Nicht nur durch die räumliche Nähe“, sagte er letztens etwas missverständlich im ZDF. Auch wenn die Höhe des Himmels nicht einwandfrei belegt ist, wird er die 100 Kilometer gemeint haben, die seine Heimat in der Eifel von Kaiserslautern trennen.
Wenn solch eine EM vonstatten geht, bleibt es nicht aus, dass die Schiedsrichter – wenn auch meist unfreiwillig – von Zeit zu Zeit ins Rampenlicht rücken. Peter Fröjdfeldt bestach beim Spiel Holland-Italien durch erstklassige Regelkunde (ok, es ist auch sein Job), als er das 1:0 der Holländer richtigerweise anerkannte, weil auch Spieler hinter der Torlinie für die Auslegung der Abseitsregel relevant sind. Morgen darf er unser Viertelfinalspiel gegen Portugal pfeifen. Die deutschen Erinnerungen an den Schweden sind eher schlecht, was weniger an ihm lag als an einem dürftigen 1:1 auf Zypern im November 2006.
Howard Webb ist nicht nur der einzige Engländer bei diesem Turnier und jüngstes Mitglied der 12 Schiri-Apostel bei dieser EM, sondern weilt derzeit ganz oben im Ranking der haarsträubendsten Fehlentscheidungen bei diesem Turnier. Polens Abseitstor gegen Österreich – eigentlich eine dankbare Aufgabe in jedem Sehtest. Wobei der Arme mit seinem Namen für seine unaufmerksamen Assistenten geradestehen muss. Das Schiedsrichterleben ist eben nicht immer gerecht.
Damir Skomina dagegen ist keineswegs Eisdielenbesitzer in Split, sondern seit Montag so etwas wie der bekannteste vierte Offizielle Europas. Nicht viele haben es geschafft, gleich zwei Trainer in der ersten Halbzeit auf die Tribüne zu befördern. Sein Vorgesetzter an diesem Abend in Wien, der Spanier Manuel Mejuto Gonzalez, ist jedoch auch so ein Fall. 2007: Hahnebüchene Fehler beim Spiel Schottland-Italien. 2006: Beide Assistenten fallen vor der WM durch den Fitnesstest. 1996: Mejuto Gonzalez hat seine Augen gerade irgendwo anders, als im Strafraum etwas passiert. Über die Außenmikrofone sind folgende Bruchstücke aus dem Gespräch mit dem Linienrichter zu vernehmen: „Elfer und Rot? Für wen? Verdammte Scheiße, verarsch mich nicht?“. Große Klasse, dieser Mann.
Doch was geht in einem Schiedsrichter vor, wenn er sich wie Herr Skomina vor zwei eigentlich harmlosen und höflichen Trainern aufplustert wie ein Huhn mit Stromkabel im Hintern? Bei schlecht gelaunten und vor harten Sanktionen nicht zurück schreckenden Lehrern vermuten Schüler häufig Eheprobleme in Tateinheit mit Potenzproblemen. Sind Schiedsrichter nicht so etwas wie die Oberlehrer auf dem Fußballplatz, die den Schülern zwar nichts beibringen, dennoch kräftig austeilen?
In Deutschland kommt man als Schiedsrichter mit Profilneurose nicht allzu weit. Viel zu oft immerhin noch in die Bundesliga, aber selten zu großen Turnieren. Dorthin schaffen es nur die integren, bodenständigen Merks, Fandels und Heynemanns. Dabei widersprechen Arroganz und Auffälligkeit ohnehin dem Erfolgsrezept eines Schiedsrichters. Denn ein guter ist der, der nicht auffällt, weil er a) die richtigen Entscheidungen fällt und sich b) nur einmischt, wenn es wirklich nötig ist, so dass der Fan nach 90 Minuten am besten gar nicht mehr weiß, wer da eigentlich gepfiffen hat. (Falls das heutzutage in den feierfreudigen Rudelguckoasen überhaupt noch jemand weiß. Die Namen der beiden Mannschaften fallen dort ja schon in die Kategorie „fortgeschritten“.)
Während auf dem Platz schon nicht immer ganz klare Köpfe die Pfeife im Mund haben, halten in den höheren Etagen der Untersuchungsausschüsse und Fußballgerichte noch viel schwärzere Schafe die Zügel in der Hand. Fingerspitzengefühl ist dort ein Fremdwort, Größenwahnsinn Grundnahrungsmittel. Auch deshalb – obwohl, eigentlich nur deshalb – sitzt Jogi Löw morgen nicht auf der Bank. Er wird dem vierten Offiziellen kein „Arschloch, Wichser, Hurensohn“ an den Kopf geworfen, ihm keine badischen Volkslieder vorgesungen haben, sondern besonnen wie immer die Sache angegangen sein – mit einem humanen Puls und ohne Polemik. Ein Bilic und ein Terim dürfen am Spielfeldrand sozusagen Feuerwerkskörper zünden. Der liebe Löw und der heitere Hickersberger dürfen nicht einmal ihr großzügig ausgelegtes Gehege im Happel-Stadion beackern.
Deutschland wird morgen nicht ausscheiden, weil der Trainer auf der Bank fehlt. Aber wie schon 2006 ist am DFB ein Exempel statuiert worden, das Fragen über den Intelligenzgehalt der Fußball-Funktionäre aufwirft. Damals wurde Torsten Frings nach einem Wangenstreichler fürs Halbfinale gegen Italien gesperrt. Wie das ausging, wissen wir.
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Jannik
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EM-Tagebuch (21) -
Einmal Wien-Waterloo-Wien, bitte
Kroatien war im Nachhinein mit Sicherheit kein glückliches Los. Aber da waren ja noch die Österreicher. Also doch wieder: das gute, alte Losglück. Warum selbst Kurt Beck die Kanzlerin kalt lässt, wenn Jogi in Not ist und warum Portugal am Donnerstag sein schwarz-rot-goldenes Wunder erlebt.
Am 2. Dezember 2007 ging ein Aufschrei durch Deutschland und nicht nur dort. Ganz Europa bemühte die alte Leier vom „deutschen Losglück“. Uns war das herzlich egal, schließlich ließ die Kombination Kroatien-Polen-Österreich vor unserem geistigen Auge bereits einen viel versprechenden Film ablaufen: Mit den Siegerehrungen der Europameisterschaften 72, 80 und 96, mit einem gewissen Oliver Bierhoff, der sich in London das Trikot vom Leibe reißt (wobei keineswegs die Handlung selbst, sondern der Grund für diese Entblößung bei der männlichen Fraktion Heiterkeit erweckte). Nicht mit von der Partie waren natürlich diverse Lichtgestalten (vielmehr 5 Watt Birnen) wie Erich Ribbeck, Carsten Jancker oder Fabian Ernst. Denn die entstammen einer Zeit, die im Sommer 2008 nicht nur vier bzw. acht Jahre, sondern gefühlte 3700 Jahre in die Vergangenheit befördert werden sollte.
163 Tage nach jenem verregneten Dezembertag erlitt die Sage vom Losglück einen herben Dämpfer. „Pah, von wegen Glück“, hallte es durchs Land. Die deutsche Nationalmannschaft hatte ihr kroatisches Vorrunden-Waterloo erlebt. Jogi Löw wünschte sich bereits, dass es Nacht werde oder Klinsmann herbeigeeilt komme. Doch genauso schnell wie das jahrzehntelang währende Glück der deutschen Mannschaft - das immer aufflacktert, sobald mehrere Plastikkugeln und Papierschnipsel sich um Umkreis von 100 Metern befinden - sein vermeintliches Ende gefunden hatte, erlebte es seine Wiedergeburt. Und ob wir Glück hatten!
Denn gegen geschätzte 20 andere Mannschaften dieses Kontinents wären wir am Dienstag eingegangen. Aber nein: Das Losglück bescherte uns einen Gegner, den man sogar auf den Färöer-Inseln nur einlädt, wenn der letzte Erfolg der Nationalmannschaft sich bereits zum zehnten Mal gejährt hat. Österreich hätte in der Quali doppelt Punkte kassieren können und es trotzdem nie und nimmer zur EM geschafft. Die UEFA ist ein soziales Gebilde, man mag es zwar kaum glauben. Aber wer es schafft, das Österreich an einem großen Turnier teilnimmt, ohne sich dabei auf illegale Pfade zu begeben, muss ein herzensguter Mensch sein.
Österreich hat sich nicht blamiert, sondern gezeigt, dass die ganz dunklen Tage vorbei sind. Allzu hell ist es dort, fußballerisch betrachtet, aber immer noch nicht. Meine Mutter hat den Wunsch geäußert, dass Spiele in bestimmten – besonders gravierenden – Fällen auf die Tageslänge von 24 Stunden gestreckt werden, um herauszufinden, wie viel Zeit vergehen würde, bis eine schier dem Untergang geweihte Mannschaft ein Tor erzielt. Ich hatte das Gefühl, ich säße noch heute vor dem Fernseher. Wahrscheinlich wäre das „Achtelfinale“ in Wien nie angepfiffen worden, schließlich hätten die Österreich ihr Auftaktspiel gegen Kroatien aufgrund chronischen Tormangels noch nicht zu Ende gespielt.
Nun sollte aber auch Schluss sein mit dem Spott, vielleicht ist es auch nur ein Abwehrreflex, um irgendwie um eine Bewertung des Spiels aus deutscher Sicht herumzukommen. Das Scheitern eines gewissen EU-Reformvertrages schien die Kanzlerin spätestens ab der 40. Minute nicht mehr sonderlich zu interessieren. Ihr wichtigster Minister war der Coaching-Zone verwiesen worden. Wen kümmern da die Iren. Jogi Löw auf der Tribüne – Kurt Beck könnte in der Halbzeitpause zum Bundeskanzler ernannt werden, selbst Frau Merkel hat Wichtigeres zutun, wenn ein slowenischer Profilneurotiker auf der Nase unseres Bundestrainers volkstypische Tänze vollführt. Vermutlich hat sie ihrem Vize Fritz-Walter, äh pardon, Frank-Walter Steinmeier vor dem 1:0 auch nur schnell gesimst, dass er den vierten Offiziellen glimpflich davon kommen lassen soll. Schließlich hat Slowenien bis zum 30. Juni die Ratspräsidentschaft inne. Wer weiß, wozu ein gutes Standing bis dahin noch zu gebrauchen ist.
Wenigstens Kommentator Bartels hatte eine Eingebung. “Vielleicht steht da gleich drauf ‚1:0 Ballack’“, mutmaßte er vor dem Siegtor über den Inhalt der Kanzlerinnen-Kurzmitteilung. Er sollte öfter von seinen Kassandra-Qualitäten Gebrauch machen. Aber ich weiß, wie das ist: Man will es ja nicht überstrapazieren. Deswegen sage ich auch nicht allzu oft, dass wir immer noch Europameister werden.
Wie schon gegen Kroatien war das Spiel über weite Strecken eine Qual, allein die Gegentore fehlten diesmal. In der Halbzeit lächelte mich die DVD des Wembley-Sieges von 1972 an. Rasantes Kurzpassspiel, Athletik und Dynamik hätte ich da sehen können (im Vergleich zu unserer Spielweise bei dieser EM allemal), stattdessen durfte ich mir Standfußball aus dem Jahr 2008 ansehen. Grausam.
Mario Gomez hat nicht nur einen gravierenden Fehler begangen, als er Kloses Querpass beinahe über das Tor semmelte und dann so konsterniert war, dass er nicht einmal mehr in der Lage war, die Stirn zum Einnicken anzuheben. Nein, er versuchte sich zudem bei der Nationalhymne erstmals als Wiener Sängerknabe (ich glaube aber, er hat etwas anderes gesungen, das sah höchstens nach post-epileptischer Lippengymnastik aus). Entweder richtig simulieren oder gar nicht, Mario.
Vor lauter Sarkasmus, in den mich meine Frustration treibt, bleibt mir am Ende nur eine Erklärung für unseren geradezu englisch anmutenden Niedergang seit dem 12. Juni: Jogis Jungs bluffen, was das Zeug hält. Und am Donnerstag ist Pokerstar Torsten Frings vermutlich verletzt. Das heißt: Karten auf den Tisch, "all in" und die Portugiesen schlagen. So wird es kommen.
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Jannik
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Dienstag, 17. Juni 2008
EM-Tagebuch (20) -
Der Spielbericht ohne Bericht
Stückwerk bei entscheidend-is-aufm-platz. Nehmen wir es als Metapher für's deutsche Spiel von gestern.
Vor dem Spiel gibt's erst einmal die Spieler.
14 Mann, die meisten ohne Duftnote, alle (bis auf die zwei Spätberufenen) mit Kopfnote:
Lehmann: Strahlte im Gegensatz zu den ersten beiden Partien viel Sicherheit aus. Fing ab, was abzufangen war. Wurde nicht zu nennenswerten Paraden gezwungen, stürmte in Hälfte eins aber zweimal sehr aufmerksam aus dem Tor – fehlerlos, selten gefordert, 3.
Lahm: Einer der besten Leute auf dem Platz. Beackerte die linke Seite, verhinderte reihenweise Flanken, allein deshalb schon besser als Jansen. Erfolgreicher als auf rechts mit seinen Vorstößen in der Offensive, weil er nach innen ziehen konnte. Holte mit einem beherzten Solo den Freistoß raus, der zum 1:0 führte. Mit den zweitmeisten Ballkontakten und der besten Zweikampfbilanz im deutschen Team. Mein persönlicher "Man of the Match". Gute Leistung – 2,5.
Mertesacker: Allgegenwärtig und konsequent, spielte dabei wie so oft kein einziges mal Foul. 71% gewonnene Zweikämpfe sind sehr zeigenswert. Nach dem schwachen Kroatien-Spiel wieder voll auf der Höhe und absolut zuverlässig. Allein das Rumgeschiebe vor der Abwehr mit Metzelder erinnerte an ganz triste Länderspieltage. Eigentlich Kandidat für eine bessere Note, doch aufgrund der Defizite am Ball „nur“ eine 3.
Metzelder: Spielte seinen Part ebenfalls sehr ordentlich, nicht ganz mit der Entschlossenheit seines Nebenmanns. Jedoch kaum von ihm zu unterscheiden, was die Qualitäten in der Offensive angeht: Personifizierte Ungefährlichkeit bei Standards. Hinten jedoch sehr solide, wird’s gegen Deco und Ronaldo dennoch schwer haben. Gegen Österreich hat’s (Gott sei Dank) noch dicke gelangt – 3,5.
Friedrich: Bester Zweikämpfer nach Lahm, sah aber schon gegen einen Korkmaz ab und zu überfordert aus. Dennoch im Grunde eine gute Leistung hinten rechts, dürfte Donnerstag wieder mit von der Partie sein, falls Fritz nicht nach hinten rückt. Wie die Innenverteidigung jedoch ein Armutszeugnis im Angriff – wegen der guten Zweikampfwerte und einem befriedigenden Gesamteindruck noch eine 3,5.
Frings: Leicht verbessert, jedoch noch immer nicht gut. Für ihn gilt Ähnliches wie für Lahm: Zeigt immer Einsatz und spielt einigermaßen zufriedenstellend. Doch auf diesem Niveau muss es eben auch mal mehr sein (was Lahm beispielsweise gestern brachte). Man hat das Gefühl neben Ballack ist er eingeengt, brach sich zudem die Rippe in einem vermeintlich harmlosen Zweikampf, Donnerstag vielleicht nicht mit dabei. Nicht so schlecht wie gegen Kroatien, aber nicht annähernd in der Form von 2006 – 4.
Ballack: Allein der Freistoß verdient Bestnoten – exzellente Schusstechnik, unbändige Wucht, ein Traumtor. Umging die gefürchtete Gelbe trotz dreier Fouls. Wirkte offensiver als in den Spielen zuvor, sollte jedoch weg von der 6 und vor Frings spielen, ist mit seiner Torgefährlichkeit im defensiven Mittelfeld verschenkt. Immer noch nicht zu vergleichen mit seinen letzten Auftritten bei Chelsea, häufig zu behäbig, nicht wach genug – für mich nicht „Man of the Match“ (bei der UEFA zählen ja eh nur Tore), aber immer noch zufrieden stellend und mit dem Tor des Tages, 3.
Podolski: Setzte zu Beginn mit seinem klasse Schuss ein erstes Zeichen. Bekam danach in der Offensive nicht mehr allzu viel auf die Reihe. Passte glänzend mit dem Absatz auf Lahm, der nicht im Abseits stand. Gehört einfach mit seinem kraftvollen und technisch hochwertigen Spiel in die Mannschaft. Inzwischen im Mittelfeld vielleicht etwas verschenkt. Sollte besser über 90 Minuten mit Klose stürmen. Freilich nicht sein bestes Länderspiel, aber immer noch ein ordentliches – 3.
Fritz: Weiterhin auf dem absteigenden Ast. Vorne wirkungslos. Nur mit 39 Ballkontakten in 90 Minuten – viel zu unauffällig. Leistete sich zwar keine gravierenden Fehler, offenbarte jedoch technische Mängel. Hat anders als gegen Polen diese nicht mit einem hohen Laufpensum wettgemacht. Gehört wohl doch eher nach hinten rechts, kein Schneider-Ersatz – diesmal eine 4.
Gomez: Längst nicht mehr tragbar im Sturm, vergab nach wenigen Minuten die dritte (!) Hundertprozentige des Turniers. Vollkommen verunsichert, ging danach mehr als nur unter – hatte 16 Ballkontakte, gewann ganze 2 seiner 12 Zweikämpfe, brachte von 6 Pässen nur die Hälfte zu Mann. Ist beileibe ein talentierter Mann, spielt jedoch eine grottenschlechte EM. Gehört in dieser Verfassung auf keinen Fall in die Startelf – die 6 bleibt großzügig stecken, ich bin wieder viel zu nett, 5,5.
Klose: Mit seiner besten Aktion, als er drei Österreicher auf sich zog und Gomez so in Szene setzte, dass dieser (eigentlich) hätte treffen müssen. Als Vollstrecker eher mit begrenzter Effektivität, schoss aber immerhin viermal aufs Tor. 30 geführte Duelle sprechen für viel Einsatz, nur 12 erfolgreiche dagegen für mangelndes Durchsetzungsvermögen. Mit 34 Ballkontakten zu versteckt für einen tendenziell „spielenden“ Stürmer. Eines sicheren Tores beraubt, als Lahm fälschlicherweise zurückgepfiffen wurde. Seine Leistungen fügen sich nahtlos ins Bild der Bundesliga-Rückrunde ein – ab und zu blitzt es auf, mehr leider nicht, 4.
Hitzlsperger ab 60.: Konnte sich nach der Hereinnahme für Gomez weder vorne noch hinten nennenswert einbringen. Der einzige Schussversuch landete im Wiener Abendhimmel. Machte wenig falsch, jedoch genauso wenig richtig. Eher erfolgloses Bewerbungsgespräch für einen Einsatz in der Startelf – 4,5.
Neuville ab 83.: In ungefähr neun Minuten effektiver und (im positiven Sinne) auffälliger als Gomez. Wirkte sehr ballsicher und agil, vergab jedoch eine Hundertprozentige mit dem Schlusspfiff. Hätte sich so nachhaltig in Erinnerung bringen können – vielleicht hätten wir ihn gegen Kroatien eher gebraucht als die Schalker Schmalztolle Kuranyi. Neuville natürlich ohne Wertung.
Borowski ab 90. + 3.: Kein Kommentar. Oh doch: Ohne Ballkontakt. Bereits der 18. eingesetzte Spieler.
Aufstellung:
Lehmann – Lahm, Mertesacker, Metzelder, Friedrich – Frings, Ballack – Fritz (90.+3 Borowski), Podolski (83. Neuville) – Gomez (60. Hitzlsperger), Klose
Tore:
1:0 Ballack (49.)
Gelbe Karten: Stranzl, Hoffer, Ivanschitz

Danke an den ZDF-Videotext
Eingestellt von
Jannik
um
23:44
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Labels: EM 2008


