Es gibt Fußballer, die ziehen das Pech magisch an. Sebastian Schachten, 2007 von den Bremer Amateuren an den Niederrhein zur Borussia, gewechselt, gehört zweifellos dazu.
Irgendein Nachmittag Anfang Juli: Es regnet in Strömen. Auf dem Rasen drehen alle gesunden Borussen ihre Runden. Gleich hinter Karim Matmour, der mit seinen langen, dünnen Beinen ein wenig an 1500-Meter-Weltrekordler Hicham El Guerrouj erinnert, läuft Sebastian Schachten. Der Außenbahn-Allrounder hat im Aufstiegsjahr nur zweimal gespielt. Doch jetzt will er endlich angreifen.
„Der setzt sich durch, pass‘ auf“, versichert mir mein Leidensgenosse Nils. Ich traue mich nicht so ganz, zu widersprechen. Schließlich hatte er Mitte Mai vorausgesagt, dass Spanien Europameister werden würde. Ich habe gelacht damals. Deswegen halte ich mich jetzt zurück.
Heute, ein paar Wochen später, läuft Schachten mit Krücken durch die Gegend. Der Mann bleibt sich treu und das Verletzungspech auf seiner Seite. Im Freundschaftsspiel gegen West Bromwich riss er sich den Außenmeniskus – voraussichtlich zwei Monate Pause. Reha, keine Bundesliga. Wie sagte Andi Brehme doch einst: „ Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“. Sebastian Schachten hat wohl eine besonders große „Tretmiene“ erwischt.
Montag, 21. Juli 2008
Ruhe im Schacht(en)
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Jannik
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Samstag, 19. Juli 2008
Weltstar
Man sollte nicht alles wegwerfen oder auf dem Trödel verkaufen. Schließlich weiß man nie, worüber man an einem verregneten Julitag noch einmal für ein paar Sekunden schmunzeln wird.
Ich denke, ein paar Wochen nach Erscheinen des Kalenders wird es eine Entlassung gegeben haben. Seitdem befindet sich ein verzweifelter Verleger auf Jobsuche. "WorldStar" - unfassbar.
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Jannik
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Freitag, 18. Juli 2008
Das ominöse zweite Jahr?
Erwischt es wirklich so viele Mannschaften im zweiten Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg? Gute Nachrichten für den KSC, ein SC Freiburg im Höhenflug und Zahlen über Zahlen aus der Geschichte des Abstiegskampfes.
NFL, NHL, NBA, MLB – im Grunde alles stinklangweilig. Schließlich geht es doch nur im Titelkampf zur Sache. Die Hälfte aller Teams dümpelt Jahr für Jahr im Niemandsland herum, ohne ganz oben mitzumischen. Abstiegskampf ist in Amerikas Profiligen ein Fremdwort. Solange der Sponsor sich nicht plötzlich verflüssigt, ist der Ligaverbleib fürs Erste gesichert.
All das sind Sorgen, die sie in Bielefeld, Cottbus, Karlsruhe, Gladbach und Köln mit Sicherheit gerne hätten. Für diese Vereine und ein paar mehr (meist gesellen sich einige hinzu, die heute noch gar nichts davon ahnen) geht es ab dem 15. August einzig und allein um den Klassenerhalt in der Bundesliga. Der Kampf um einen Platz für die nächste Saison hält mitunter mehr nervenzerreißende Spannung bereit als der Titelkampf – keiner (höchstens der HSV) ist vor dem Untergang sicher, denn es kann jeden treffen. Besonders jene, die nicht schnell genug kapieren, worum es geht.
Als Aufsteiger hat man es da erst Recht schwer. Doch wie wahrscheinlich ist es eigentlich, den direkten Weg zurück in Liga Zwei antreten zu müssen? 116 Mannschaften sind seit der Saison 64/65 als Liganeuling ins Rennen gegangen, 69 haben auch noch die nächste Saison erlebt. Demnach steigen statistisch gesehen gut 40% aller Aufsteiger sofort wieder ab. Häufig wird das „ach so schwere 2. Jahr“ gepredigt, in dem ein ehemaliger Neuling nicht mehr neu ist, in dem sich die anderen Teams auf den ehemals Unbekannten eingestellt haben.
Doch entgegen aller Behauptungen ist nicht jede Fortsetzung schlecht: Wer in der ersten Spielzeit über dem Strich geblieben ist, dem gelingt das in fast drei von vier Fällen mindestens ein weiteres Mal. Das heißt, mit knapp 75-prozentiger Sicherheit sehen wir den KSC auch in der Saison 09/10 im Oberhaus. Sollte denen vielleicht mal jemand ausrichten. Aber wer als Aufsteiger nach einer tollen ersten Spielzeit wie der KSC mehrere Leistungsträger verloren hat, dürfte zusätzlich gefährdet sein. Die 18 Mannschaften, die sich nach einem guten ersten Jahr verabschiedeten, hatten dort im Schnitt einen Platz im Bereich von 12 und 13 belegt. Davon waren die Badener als Elfter nicht weit entfernt.
Vielleicht gelingt den Karlsruhern sogar ein weiterer Höhenflug. Schon einige Male konnte sich ein Verein nach der ersten Saison merklich steigern. Als Paradebeispiel dient der SC Freiburg: Nach dem knappen Ligaverbleib als 15., schafften die Breisgauer in der darauffolgenden Spielzeit als Dritter den Sprung in den UEFA-Cup. Ähnliches blieb dem Wuppertaler SV Mitte der 70er verwehrt. Nur zweimal in der Bundesliga-Geschichte schnitt ein Neuling besser ab – die Bayern 1965 und natürlich der FCK im Jahr 1998. Eine andere Bestleistung gelang den Wuppertalern jedoch: Nach Rang vier folgte der Absturz auf den 16. Platz. Zusammen mit den Kickers Offenbach waren sie zuvor das beste Aufsteiger-Duo aller Zeiten gewesen.
Mit geringer Wahrscheinlichkeit wird es verkommen, dass sowohl Gladbach als auch Hoffenheim und Köln sofort wieder aus der Bundesliga verschwinden. Bei drei Absteigern gab es das in der 45-jährigen Geschichte erst einmal: 78/79 kamen Bielefeld, Darmstadt und Nürnberg erst gemeinsam hoch, mussten dann schnurstracks wieder runter. 11-mal, also in 25% aller Fälle, hielten alle Aufsteiger die Klasse. Nicht ganz so schlechte Aussichten für das diesjährige Trio aus dem Unterhaus.
Die Zweite Bundesliga darf sich in letzter Zeit ja zunehmend im Lob suhlen. Von der „besten aller Zeiten“ bzw. der „härtesten aller Zeiten“ war die Rede, als sich letzte Saison zig Traditionsvereine und Deutsche Meister dort tummelten. Überhaupt blüht das Unterhaus in den letzten Jahren auf, vor allen Dingen seit der endgültigen Zusammenführung von Nord und Süd im Jahr 1992. Logischerweise müssten es Mannschaften aus dieser Liga im Oberhaus leichter haben als zuvor, weil das Leistungsniveau enger zusammenrückt. Entgegen dem Trend schneiden die Neulinge in den letzten Jahren jedoch sogar schlechter ab – für 13 von 30 Aufsteigern in dieser Zeit war das Intermezzo Bundesliga nach einem Jahr beendet. Noch schlechter sieht es jedoch im Hinblick auf die zweigleisige Zweite Liga aus, die von 1974-1981 und dann noch einmal in der Saison 1991/92 existierte. 48% der Emporkömmlinge mussten prompt wieder ihre Zelte abbrechen.
Einen Spruch von Karl-Heinz Rummenigge aus der letzten Saison spare ich mir an dieser Stelle. Aber sowohl für Karlsruhe als auch für die drei Aufsteiger Gladbach, Hoffenheim und Köln geht es am 15.8. bei Null los. Ach ja – und eine Saison dauert 34Spiele.

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Jannik
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Donnerstag, 17. Juli 2008
Pilsen bei Nacht, von Hertha um den Schlaf gebracht
Phantasiespiele und exzessives Berlin-Bashing (sorry, Easyfunk, aber selber Schuld, wenn man so früh in die Saison einsteigt)
Es ist derzeit nicht viel los in der Welt des Fußballs – Beachsoccer-WM, U19-EM, UI-Cup, UEFA-Cup-Quali, mehr nicht. Da bleibt Zeit, der eigenen Phantasie einmal freien Lauf zu lassen. Stellen wir uns vor, ich – Jahrgang 89 – wäre ein begnadetes Talent und deshalb Jugendnationalspieler. Ich dürfte meine Sommerferien in Tschechien verbringen, vor 17 Zuschauern in Pilsen gegen gleichaltrige Bulgaren spielen. Ein Kindheitstraum. Und mich fragen, warum Marko Marin eigentlich nicht in meiner Mannschaft spielt. Ach, was wär‘ das schön.
Ich weiß gar nicht, warum mich die Hertha momentan so anlacht. Es ist zwar ein ziemlich schiefes Lächeln, mit gelben Zähnen bzw. ohne Zähne, aber die Hertha ist allgegenwärtig und mir will partout nichts Gutes zum Hauptstadt-Klub einfallen. So sehr ich mich auch bemühe.
Hier erstmal ganz unverbindlich die Aufstellungen der beiden Mannschaften heute Abend:
Hertha BSC:
Drobny – Chahed (72. Radjabali-Fardi), Kaka, von Bergen, M. Stein – Piszczek, Dardai, Kacar (67. Lustenberger), Ebert – Raffael – Pantelic (46. Domovchiyski)
Nistru Otaci:
Pyliuga – Goka Mekang, Soltanici, Laba (39. Suruceanu) – Tymchenko (66. Rozlaci), An. Tcaciuc – Savchenko, Ozinloze, Malitskiy (73. Velesco), Groshev – Al. Tcaciuc
Ein Laie könnte da schnell durcheinanderkommen und sich fragen, wer eigentlich der Klub aus Deutschland ist und wer in der moldawischen Liga spielt. Zungenbrecher en masse - auf beiden Seiten... Domovchiyski, Radjabali-Fardi - ich komme einfach nicht drüber hinweg. Gute Nacht allerseits.
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Jannik
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Stell Dir vor, es ist WM und keiner weiß, warum
Ein Mann mit Bart, viel Sand, keine Stollen und die Marseillaise in Marseille.
Auf Eurosport läuft gerade ein merkwürdiges Match: Der Spielfluss erinnert ein wenig an International Superstar Soccer 98 für die N64. Allein das überschwängliche "What a cracker!" des Reporters fehlt. Der Platz ist in extrem schlechten Zustand und Eric Cantona fungiert als französischer Nationaltrainer. Kein Witz, ganz im Gegenteil. Das Ganze nennt sich sogar noch WM, genau gesagt FIFA WM 2008. Ja, richtig verstanden, Weltmeisterschaft.
Und ich frage mich die ganze Zeit, warum es eigentlich kein Baseball mit Mangos gibt, oder Eisschnelllauf auf Rasen, oder wie wär’s mit Segeln unter Wasser? Aber Hauptsache wir spielen Fußball auf Sand. Es gibt ja momentan eh nichts zu tun.
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Jannik
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Montag, 14. Juli 2008
Ultima Ratio in der Hauptstadt
In Berlin holt man sich Hilfe aus dem alten Rom:
"Hertha will Cicero verpflichten"
(ZDF-Videotext)
Erst Kaka, jetzt Cicero. Chinesische Verhältnisse bei der Hertha - es wimmelt nur so von Plagiaten. Nicht einmal der Manager ist der echte Hoeneß.
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Jannik
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Sonntag, 13. Juli 2008
Skandal um Marlies
Tête-à-tête mit einer Computerstimme, Rosinenpicken Deluxe und eine morgendliche Kartenodyssee
Samstagmorgen, 8:53 Uhr – nach einer halbwegs durchzechten Nacht mit einem unausgeglichenen Verhältnis von Schlaf- und Wachzeit klingelt der Wecker viel zu früh. Aber der 12. Juli 2008 ist nicht irgendein Tag: Um 10 Uhr startet der Tageskartenverkauf für Mitglieder von Borussia Mönchengladbach. Im Prinzip könnte mir das ziemlich schnuppe sein, nicht aber meinem Bruder und meinem Vater, die keine Dauerkarte in ihrem Portemonnaie mit sich herumtragen und deshalb den – wie sich später zeigen wird – unfassbar schweren Umweg über den Einzelverkauf gehen müssen. Vielmehr bin ich der Glückliche, der den Auftrag erhält, je zwei Karten für die Hinrundenknaller gegen Köln und Bayern ins Haus flattern zu lassen – Nordkurve, Oberrang.
Mein Vater und mein Bruder sind nicht unbedingt notorische Rosinenpicker, ganz anders als Tausende Borussenfans, die es nur ins Stadion zieht, wenn eine der oben genannten Mannschaften im Borussia-Park gastiert – unter Umständen machen sie bei Bremen, Dortmund oder Schalke sogar eine Ausnahme. 26.000 Dauerkarten hat die Borussia in diesem Jahr verkauft. Wenn ich mich nicht täusche, sind das ca. 40 Prozent mehr als letztes Jahr, als die Hochkaräter nicht Bayern und Köln, sondern Koblenz und Köln hießen. Wenn wir großzügig 4000 neue Dauerkarteninhaber abziehen, die dem Abenteuer Unterhaus aus beruflichen Gründen nicht regelmäßig beiwohnen konnten und denen der Samstag jetzt wieder passt, sind das immer noch ein paar Tausend Rosinenpicker, Eventfans und Modeerscheinungen, die im Mai ihre Dauerkarten wieder auf die Gleise am Rheydter Hauptbahnhof schmeißen werden, wenn am Ende nicht mindestens Platz 15 herausspringt. Eben jene Kreaturen sind der Grund dafür, warum ich samstags um 9:12 Uhr mit meinem Laptop im Bett hocke und die Webseite von Gladbach aufrufe.
Das Aufrufen von borussia.de funktioniert sogar problemlos. Aber schon beim nächsten Schritt stellt sich mir das erste unüberwindbare Hindernis in den Weg: „Die Server sind ausgelastet“. Schön für die Server – doch was ist mit meinen Karten? Im Umkehrschluss bedeutet das, dass zu dieser Uhrzeit – eine Dreiviertelstunde bevor der Verkauf überhaupt startet – bereits so viele Mitglieder vorm PC hocken, dass „rien ne va plus“ noch als fatale Untertreibung daherkommt. Also den Computer auf Stand-By, den Wecker auf 9:56 Uhr gestellt und noch eine Runde eingenickt. Unwahrscheinlich, dass sich innerhalb der nächsten Minuten so viele Leute von der Seite entfernen werden, dass das Ticketcenter seine Pforten auch für mich öffnet. Ich könnte das Stromnetz von Mönchengladbach lahm legen. Aber dazu fehlt mir nach vier Stunden Schlaf schlichtweg die Kraft.
Um Punkt zehn Uhr mache ich mit dem Gründungsdatum des VfL Bekanntschaft, dem 1.8.1900: Unter 01805/181900 finde ich meine Beschäftigung für die nächsten 45 Minuten (wobei ich zu diesem Zeitpunkt blauäugig davon ausgehe, nach vier Minuten sei die Sache spätestens gegessen). Die Tickethotline ist meine letzte Hoffnung. Um 10:03 Uhr herrscht dort leider ein Vakuum in Sachen Tageskarten. Bei der Borussia scheint man es nicht ganz so genau zu nehmen mit Versprechen und Uhrzeiten. Marlies – ich nenne sie jetzt einfach mal so, schließlich werden wir ein 40 Minuten langes, inniges Zwiegespräch führen – bietet mir eine Mitgliedschaft und eine Dauerkarte an. Will ich nicht, hab‘ ich schon. Also gebe ich Marlies erst einmal einen Korb. Der Anruf auf der Geschäftsstelle verpufft ereignislos – nicht unklug, den Tageskartenverkauf an einem Samstagmorgen außerhalb der Öffnungszeiten zu starten. So kann sich wenigstens niemand über technische oder organisatorische Probleme beschweren.
Vier Minuten nach unserem ersten Aufeinandertreffen herrscht dann reges Treiben bei Marlies. Ich bin ihr nicht mehr wichtig, wie auf dem Arbeitsamt bekomme ich humorlos eine Nummer in die Hand gedrückt: Platz 235 in der Warteschlange. Reihe 8 in Block 17 A wäre mir viel lieber. Im Hintergrund pulsiert der Karneval von Rio, Sambarhythmen ertönen aus dem Telefonhörer. Im Vordergrund schenkt mir Marlies wieder etwas mehr Aufmerksamkeit. Alle fünf Sekunden schiebt sie mich ein paar Plätze nach vorne in der Schlange. 213, 187, 143, 102, 87 – fünf Minuten sind vergangen. Ich wünsche mir die „Elf vom Niederrhein“ oder „You’ll walk alone“ – Marlies überhört mein Flehen. „Sie sind jetzt auf Platz 34“, versichert sie mir mit ihrer wohlklingenden Stakkato-Stimme. Ich glaube, wir haben uns schon einmal getroffen – in der 054 von Anrath nach Krefeld, dort sagt sie die Haltestellen an. Ihr genuscheltes „Am Stock“ gehört dort zu den Klassikern.
Irgendwann werden die Zahlen einstellig, plötzlich mache ich dann einen Riesensatz von Platz 9 mitten hinein in die Ticketoase. Ich tippe meine Mitgliedsnummer für Marlies ein. Sie leitet mich freundlich weiter. Das Ziel ist in Reichweite. Denke ich. Dann legt Marlies los: „Karten für folgende Spiele sind erhältlich: Borussia Mönchengladbach gegen den FC Valencia (Marlies kann sogar direkte Artikel benutzen) am 2. August um 15:30 Uhr…“ – „Och nee“, stöhne ich unüberhörbar für die Frauenstimme am anderen Ende. Wenigstens spart sie sich die Adresse, den Zusatz VfL und das e.V. Doch soll das jetzt so ausführlich weitergehen? „Haben Sie Hilfe gesagt?“, fragt Marlies mit Bohnen in den Ohren. „Nein“, entgegne ich ihr schroff. Meine Freundlichkeit schwindet dahin, Marlies dagegen bleibt zuvorkommend und nett. Nachdem ich unseren Spielplan beinahe auswendig kenne, kommt sie endlich zum Spiel gegen Köln.
„Stopp“, rufe ich erleichtert – ganz so, wie Marlies es drei Minuten zuvor verlangt hatte, als sie begann, die Heimspiele der Hinrunde aufzuzählen. Mich zieht es in den Norden, Marlies findet das OK. Leider könne sie mir nur Sitzplatzkarten anbieten. Kein Ding, was anderes wollte ich doch gar nicht. Es geht weiter mit den Einschränkungen – Block 14A ist das Beste, was sie parat hat. 15A, 16A, 17A – alles bereits ausverkauft. Nicht schlimm, ich zeige mich von meiner toleranten Seite. Doch bevor ich überhaupt zustimmen kann, hat Marlies mein kurzes Zögern als „ja“ interpretiert. Sie führt mich weiter zur Zahlung und zum Abschluss der Bestellung. Ich würde gerne mit Mastercard bezahlen, Marlies widerspricht nicht, verlangt allein die Nummer.
‚Moment, wo ist die Mastercard überhaupt?‘, schießt es mir durch den Kopf. Meine Mutter stürmt aus dem Bad, eilt mit der Karte herbei. Als ich den Finger zur Taste mit der ersten Ziffer bewege, ist Marlies‘ Geduld am Ende. Beleidigt sagt sie mir, dass sie die reservierten Karten leider wieder in den freien Verkauf geben müsse und legt im selben Atemzug auf.
Als ich Marlies daraufhin zur Rede stellen will, tut sie so, als kenne sie mich nicht. Vergessen ist das vorherige Gespräch. Im Nu bin ich nur noch eine Ziffer in einer langen Reihe von kaufwilligen Borussen – los geht’s diesmal bei 262. Weitere fünf Minuten später bin ich bzw. ist Marlies bei 11 angekommen. „10… 9… 8… 7…“, zählt sie herunter, als würde der Hörer gleich in die Luft fliegen. Er tut es nicht, stattdessen sind wir am selben Punkt angelangt wie zehn Minuten zuvor. In Block 14A ist immer noch Platz. Diesmal liegt die Kreditkarte bereit. „Mastercard“, antworte ich bestimmt auf Marlies‘ Frage, wie ich ihr denn gerne die Kohle zukommen lassen würde. „Haben Sie Hilfe gesagt?“ – Sie denkt, ich selbst hätte mit einem Problem zu kämpfen, dabei scheint bei ihr nicht alles in Ordnung zu sein. Im zweiten Anlauf klappt es: Die Tickets sind gebucht, Marlies diktiert mir geduldig die Transaktionsnummer. Ich befürchte bereits, dass unser Gespräch gleich wieder beendet sein wird. Dabei fehlen doch noch die beiden Karten fürs Bayern-Spiel.
Doch Marlies überrascht mich. Die Chemie stimmt zwischen uns. Sie wimmelt mich noch nicht ab. „Sie haben nun die Möglichkeit, weitere Tageskarten zu bestellen. Möchten Sie weitere Tageskarten bestellen?“, fragt sie in der Manier einer Kindergärtnerin, die ihren Schützlingen noch einen Löffel Möhrengemüse auf den Teller klatscht. Das „Du“ geht ihr noch nicht über die Lippen. Dabei verstehen wir uns gerade doch ganz gut.
Sie bietet mir an, den Namen meiner gewünschten Tribüne entweder laut auszusprechen, oder eine entsprechende Taste zu drücken. Auf einmal zeigt sie ein Herz für Stumme. Doch die würden es ja nie so weit schaffen, ohne Marlies ein überzeugtes „ja“, „nein“ oder „vielleicht“ mit auf den Weg geben zu können. Na toll, Marlies.
In Windeseile sind die Tickets bestellt, routiniert souffliert sie mir die Transaktionsnummer ins Ohr. Nach der 8 versagt meine Konzentrationsfähigkeit für einen Moment. Kein Wunder, wir telefonieren seit circa 40 Minuten – so lange dauert die Achterbahnfahrt der Gefühle bereits. Ich muss ihr also leider mitteilen, dass ich mir die TAN nicht ganz vollständig notieren konnte. „Gut, dann noch einmal“, ruft die Computerstimme genervt in den Hörer. Diese Stimmungsschwankungen – ich tippe auf Wechseljahre.
„32484“ – dann ist unser Gespräch beendet. Marlies verschwindet in ihrem Computer. Ich lege schweißgebadet auf, nach 43 Minuten. 6 Euro macht das dann bitte. Ist ja nicht so, dass ich gerade vier Tickets bestellt hätte für je – gute Frage, wie teuer waren die eigentlich? Für Köln gibt es 5 Euro Topzuschlag oben drauf, für Bayern gar 10. Selbst das wird die Rosinenpicker nicht abschrecken. Ich habe es gemerkt.
Mir wird klar, wie viel Marlies' Job mit Prostitution zutun hat: Ein bisschen die Domina raushängen lassen, dann einen auf heile Welt machen – alles für jede Menge Geld, gefühlslos und anonym. Und wir Fans, wir sind Marlies‘ Freier, versklavt von unserem Verein – und wir können nichts anderes tun, als es hilflos über uns ergehen zu lassen. Aber das ist ja nicht neu.
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Jannik
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21:07
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Es müllert in München
Die Bayern haben wieder einen Müller. Gestatten: Thomas, nicht Gerd.
Ein 7:1 gegen Lippstadt ist nicht unbedingt der Rede wert - wenn es nicht Klinsmanns erster Auftritt als Bayern-Coach gewesen wäre. Und dann war da noch ein gewisser Thomas Müller, 18 Jahre alt, der mit der 9 auf dem Rücken drei Treffer erzielte. Weder verwandt noch verschwägert ist der Gute jedoch mit dem einstigen "Bomber der Nation".
Bei Google findet man 932.000 Einträge zu "thomas müller". Zum Vergleich: Bei meinem Namen sind's gerade einmal 217. Es dürfte also selten einen Fußballer mit einem größeren 08/15-Namen gegeben haben. Mit irgendwelchen Mutmaßungen vonwegen "da wächst einer heran" halte ich mich brav zurück: Ich erinnere an frühere bayerische Sturmtalente wie zum Beispiel Berkant Göktan oder Antonio Di Salvo - beide sind bei 60 gelandet, letzterer ist zumindest gefühlter Champions-League-Sieger. In ein paar Wochen trägt dann wieder ein anderer die 9 und schraubt sich munter am Ohr herum. Wenn er denn dazu kommt.
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Jannik
um
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