Montag, 14. Mai 2007

Die Angst des Schalkers vor der Schale

Ironie des Schicksal: Nach genau sechs Jahren ist Schalke erneut vom VfB Stuttgart ins Tal der Tränen gestürzt worden. Nun heißt es wohl "Schale adé".

Es ist Samstag, der 12.Mai, 16:49 Uhr: Mario Gomez erzielt mit seinem ersten Ballkontakt den Ausgleich für den VfB in Bochum und weg ist sie – die Schalker Tabellenführung. Und es sieht ganz danach aus, als wenn dies der allerletzte Moment in dieser Saison gewesen ist, der Schalke solche Höhenluft schnuppern ließ.

Lethargisch, nervös, ideenlos. So hat sich S04 in Dortmund (ausgerechnet in Dortmund) präsentiert. In Bochum war noch eine Menge Pech dabei, letzten Samstag anscheinend nur Unvermögen, die Spitzenposition einmal bis zum 34. Spieltag zu halten. Große Töne hatten sie gespuckt. Gerald Asamoah plante schon offiziell seinen Fußmarsch zurück nach Gelsenkirchen und Manuel Neuer dachte laut darüber nach, ihn auf dem Rad zu begleiten. Irgendwie sind es immer Sprichwörter die so etwas am besten beschreiben: Hochmut kommt vor dem Fall.

Mit großer Wahrscheinlichkeit – es sei denn Stuttgart verliert gegen Cottbus, das zuletzt spielte, als ob die Sommerpause schon begonnen hätte und Schalke gewinnt gegen Bielefeld, oder Schalke siegt mit vier Toren Unterschied und Stuttgart spielt remis – müssen die Königsblauen nächstes Jahr ein trauriges Jubiläum begehen: 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert ist er dann her der letzte Meistertitel. Selbst Eintracht Braunschweig und 1860 München, insgesamt elf Vereine, durften seit 1963 schon einen Titel bejubeln, Schalke war nicht dabei. Der Spott ist groß. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ tönt es von den Rängen, vom „Rekordmeister der Herzen“ ist die Rede.

Im Winter ist Gazprom bei Schalke 04 eingestiegen und pumpt angeblich bis zu 25 Millionen jährlich in den Verein. Schalke, das ist eine Truppe aus zusammengekauften Söldnern ohne Zusammenhalt. Stuttgart, das ist eine junge Mannschaft, die erfrischenden Fußball spielt und aus nicht allzu viel eine ganze Menge macht. Auch wenn es sich abgelutscht anhört: Geld schießt nun mal keine Tore und vor allem schützt Geld nicht vor dem Versagen. Vor auf den Tag genau sechs Jahren, am 12.Mai 2001, hatte Krassimir Balakov mit seinem Last-Minute Tor den Anfang von Ende aller Schalker Meisterträume besiegelt. Dieses Jahr ist der VfB Stuttgart erneut der große Spielverderber. Nur diesmal werden die Schwaben selbst diejenigen sein, die davon am meisten profitieren.

Mittwoch, 2. Mai 2007

Es ist vollbracht

Und am Ende ging es ganz schnell: Die Borussia ist abgestiegen. Doch wie geht es jetzt weiter? Eine Momentaufnahme von einem Verein am Abgrund.

Zwischen Bielefelder Feierlaune und Bremer Niedergeschlagenheit ist er doch irgendwie zunächst etwas unbemerkt geblieben: Der definitive Abstieg von Borussia Mönchengladbach, das große Dilemma für den fünfmaligen Deutschen Meister. Der Abstand zum berüchtigten rettenden Ufer beträgt bei noch drei Spielen neun Punkte. Mathematiker werden einwerfen, dass rechnerisch doch noch was zu holen sei, aber: Da Frankfurt und Aachen, der 15. und 16.der Tabelle, am nächsten Wochenende aufeinander treffen und einer auf jeden Fall Punkten wird, bleibt nichts anderes übrig, als alle Mathematik über den Haufen zu werfen.

Mir selbst ist es erst am späten Abend klar geworden, dass das Übel nun doch schon besiegelt ist. Schmerzlos und kalkulierbar irgendwie. Als Fan mit Hang zum fußballerischen Sadismus (ohne den diese Saison aus Borussensicht kaum zu überleben ist) wäre man doch lieber live dabei gewesen. Am Ende ging es ganz schnell. Noch vor vier Wochen war die Hoffnung auf das Unwahrscheinliche bis Unmögliche sicher vorhanden, fünf Punkte betrug der Abstand zu Platz 15. Doch die anschließenden Partien gingen sang- und klanglos verloren – ohne auch nur einmal einen Treffer der eigenen Mannschaft bejubeln zu können. Insgesamt ist das bisher in 17 Spielen der Fall gewesen, 22 Tore in 31 Spielen, nur 2 Siege in den letzten 23, 11 Niederlagen mit 0:1 – vier Daten, die eine unmissverständliche Sprache sprechen.

Die Vertreter der „Was-wäre-gewesen-wenn“-Fraktion sind zwar herzlich eingeladen darüber zu philosophieren, ob man den Abstieg hätte verhindern können, wenn Jupp Heynckes schon in der Winterpause gegangen wäre. Oder wenn Peter Pander, dem heute bekanntlich nicht mehr als ein trauriges Kapitel der Gladbacher Vereinsgeschichte gebührt, einen Vollblutstürmer verpflichtet hätte anstatt mit Mikkel Thygesen einen zweitklassigen dänischen Außenstürmer zu kaufen. Die Abwehr kann es beim besten Willen nicht Schuld gewesen sein – denn die Borussia hat nur ein Tor mehr als die Bayern und Bremen kassiert.

Es sind wohl die strukturellen Probleme, die Gladbachs zweiten Abstieg nach 1999 besiegelt haben. Ein Präsident, der sich selbst fußballerisches Fachwissen abspricht. Ein Ex-Manager, der Spieler nach dem Zufallsprinzip zu kaufen schien. Ein Ex-Trainer, dessen Zeit schlichtweg vorbei war. Und sein Nachfolger, der auch nicht mehr als 9 Punkte aus 11 Spielen aufzuweisen hat – durchschnittlich im Vergleich zu Jupp Heynckes sogar noch weniger.

Zuletzt konnte man auch von Jos Luhukay nicht mehr hundertprozentig überzeugt sein. Meist nur mit einem Stürmer in der Startelf, dazu teils unverständliche Auswechslungen wie die von Federico Insúa im Spiel gegen den HSV. Letzten Samstag schießt Marko Marin die Amateure zum Sieg, aber warum war er nicht bei der ersten Mannschaft? Anstatt dem jungen René Schnitzler, dem mit 11 Toren besten Torjäger der U23 in der Regionalliga, mal einfach eine Chance zu geben, setzt Luhukay unentwegt auf Nando Rafael, der seit seinen Treffern gegen Berlin nur noch durch eine rekordverdächtige Zahl an Abseitsstellungen geglänzt hat. Hoffentlich war die Vereinsführung nicht zu voreilig, dem Trainer schon während der Saison einen Vertrag bis 2009 zu geben. Jedoch muss man auch bedenken, dass es fast unmöglich war für den Niederländer aus diesem Scherbenhaufen eine Truppe zu formen, die plötzlich Erfolg hat.

Wie sagt man so schön: Der Fisch stinkt zuerst am Kopf. Und es sieht so aus, als dürfe er bei Gladbach weiter stinken. In einer „Nacht- und Nebelaktion“ (Rheinische Post) ist Rolf Königs in seinem Amt bestätigt worden, allen Rücktrittsgedanken zum Trotz. Man kann nur gespannt sein, wie die Borussia das Unternehmen Wiederaufstieg in Angriff nimmt. Ihnen sollte jedoch klar sein, dass dies auf keinen Fall einfach wird. Trotzdem darf es kein anderes Ziel geben. Egal wie düster es momentan um den Traditionsklub vom Niederrhein, das einstige deutsche Aushängeschild in Europa neben dem FC Bayern, aussieht.

Mittwoch, 11. April 2007

Sag' mir, wo der Fußball ist

Bayern, Leverkusen und Bremen stehen im Viertelfinale des Europacups. Erfreuen kann sich daran aber nur ein privilegiertes Fernsehpublikum

In den letzten Wochen muss man häufiger als erwartet eingestehen: Die Leistungen deutscher Teams auf europäischer Bühne sind dieses Jahr weit besser als ihr Ruf. Drei Mannschaften – die Bayern in der Champions League, Bremen und Leverkusen im UEFA-Cup – vertreten diese Woche den deutschen Fußball im Viertelfinale des Europacups. Das gab es zuletzt 2002 als Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund erst im Finale der Königsklasse bzw. des UEFA-Cups scheiterten.

Bayern und Werder gehen nach einem Unentschieden in Hinspiel selbstbewusst ins Rückspiel im eigenen Stadion während Leverkusen nur noch auf ein Wunder à la Werder Bremen 1988 hoffen darf, das seiner Zeit unter Otto Rehhagel den Berliner FC Dynamo nach einer 3:0-Schlappe im Hinspiel mit einem furiosen 5:0 noch aus dem Wettbewerb warf.

Die guten Auftritte deutscher Teams – und das nach dem kläglichen Scheitern von Schalke und Hertha in der ersten Runde des UEFA-Cups – tragen zudem dazu bei, dass die Position der Bundesliga im internationalen Vergleich gestärkt wird. Platz fünf in der ominösen UEFA-Fünfjahreswertung, die über die Anzahl an Europa-Cup Startplätzen für ein jeweiliges Land entscheidet, ist derzeit kaum noch in Gefahr, da die lauernden Portugiesen und Rumänen nur noch mit einem bzw. keinem Vertreter dabei sind.

Doch genug des Lobes und des Optimismus. Schön und gut, dass Deutschland sich nach dem Sommermärchen auch wieder bei den Vereinsmannschaften profilieren kann. Aber was hat der Fußballbegeisterte oder zumindest –interessierte vor dem heimischen Fernseher davon? Nichts!

Premiere hat nach dem Verlust der Bundesligarechte anscheinend wieder Morgenluft gewittert und überträgt ab dem Viertelfinale alle UEFA-Cup-Spiele, ein Spiel der Champions League wird „großzügigerweise“ an DSF abgegeben – jedoch ohne deutsche Beteiligung. Manchester-Rom, 7:1, war ja ganz nett, aber hätten nicht Millionen von Fußballfans heute Abend gerne die Bayern gegen Mailand gesehen?

Stattdessen können sich die, die ihren Premiere-Decoder noch nicht aus dem Fenster geworfen, lediglich ihr Abo gekündigt haben, nachdem Arena sich die Übertragungsrechte für den Profifußball gesichert hatte, für „preiswerte“ 10€ das Spiel bei Premiere kaufen. Kapitalismus Olé! Ausgerechnet Sat 1, das nach dem Untergang seines sportlichen Aushängeschildes „Ran“ nur noch im Schatten der öffentlich-rechtlichen und von RTL steht was Live-Übertragungen angeht, muss diese Woche Fußball-Deutschland retten. Aber Kai Pflaume am Spielfeldrand mit Thomas Schaaf und im Interview mit Miroslav Klose? Große deutsche Sportmoderatoren der Vergangenheit drehen sich sicherlich im Grabe um.

Hauptsache das DSF zeigt heute Abend „Männer TV“, morgen Poker und Darts – so wie es sich für das Deutsche Sportfernsehen anscheinend gehört. Und ARD und ZDF? Die scheinen den Verhandlungspoker um Fußballübertragungen, bei dem es um Millionen geht, schlichtweg satt zu sein. Wo soll das nur hinführen?

Montag, 2. April 2007

Immer wieder samstags

Auch wenn das Abstiegsgespenst allgegenwärtig ist: Wer die Gladbacher Raute im Herzen trägt, bleibt immer treu. Ein Bericht aus dem Borussia-Park.

Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Sonne und auch der DIN 1355 haben wir es zu verdanken, dass die Woche in unseren Breitengraden an einem Montag beginnt. Für denjenigen, der sein Herz an einem Bundesliga-Club verloren hat, dreht sich die ganze Woche jedoch nur um den Samstag, 15:30 Uhr.

Länderspielpausen wirken da doch eher als Therapie, gerade wenn das verlorene Herz einem Verein wie Borussia Mönchengladbach zugefallen ist. Starke Nerven, übermensch-liches Durchhaltevermögen und schier unglaublicher Optimismus müssen häufig die besten Freunde des Fans sein, der die „Raute“ im Herzen trägt. Ich bin erst 17 Jahre alt, aber schon an unzähligen Samstagen in den letzten Jahren, so gegen 17:22 Uhr, habe ich mich gefühlt, wie ein 68-jähriger.

Der letzte Samstag war mal wieder einer dieser Tage. Nach der Niederlage in letzter Sekunde beim Auswärtsspiel in Leverkusen musste ich nachdenkliche zwei Wochen damit verbringen, mich für das nächste Heimspiel gegen Frankfurt zu motivieren. Obwohl – spätestens drei Tage nach der Enttäuschung ist es wie bei einem Heroinabhängigen, der einige Tage ohne Drogen verbringen musste: Es juckt in den Fingern, die Lust auf Fußball wächst, die hoffnungsvollen Gedanken an das nächste Spiel mehren sich.

Länderspiele und der Gladbacher Bundesliga-Alltag sind wie Telenovelas und die Tagesschau – erst bekommt man eine heile Welt vorgespielt und wird dann abrupt in die oft so grausame Realität zurückgeholt. So war es auch beim Spiel gegen Frankfurt.
Um 14 Uhr nehme ich Platz auf meinem Sitz in der Nordkurve – Block 17A, Reihe 12. Meine Mutter, wie immer während meiner schon 12 Jahre andauernden Begeisterung für diesen Verein, an meiner Seite. Das Ritual ist dasselbe wie beim letzten Heimspiel gegen Hertha BSC Berlin, das mit 3:1 gewonnen wurde. Ich esse eine Käse-Schinken-Stange, meine Mutter eine Bratwurst, einen Streuseltaler teilen wir uns „brüderlich“ – so wie Leidensgenossen das nun einmal tun.
Aber nein, was ein Unglück! Der Verkäufer am Kamps-Stand war heute ein anderer. ‚Wenn das mal gut geht’, sagt meine Mutter.

Nachdem das Fohlen-Echo, die Stadionzeitung im Borussia-Park, durchgewältzt ist, steht die Uhr bei 14:38 Uhr. Jünter, das Maskottchen, läuft heiter durch die Fankurve, der Stadionsprecher versucht, die versammelten Fans, in Stimmung zu bringen.
Um Viertel vor Drei kommt Kasey Keller zum Warmmachen, die erste kleine Welle der Begeisterung schwappt durch die Arena. Als der Rest der Mannschaft den Platz betritt, herrscht erst einmal Verwirrung in Block 17 A, Reihe 12, Platz 1-2. Ein A-Jugendlicher in der Anfangself? Wo ist David Degen? Sonck wieder nicht im Kader? Unsere guten Augen und das gesunde fußballerische Fachwissen lassen uns sehen, wer genau spielt und wer auf der Bank Platz nehmen muss. Meine Mutter erkennt Schiedsrichter Kinhöfer, der sich mit seinen Assistenten an der Mittellinie warm macht.

Das Ritual in den letzten zehn Minuten vor Spielbeginn haben meine Mutter und Ich uns ausnahmsweise nicht selbst auferlegt. Zuerst ertönt eine Fanfare, alle schwenken ihre Schals und Fahnen in der Luft, die erste Gänsehaut meldet sich traditionell zu Wort. Aus „Go West, life is peaceful there“ wird „Oléeeee, super Vau-Eff-Ell“. Der Stadionsprecher verkündet mit tatkräftiger Unterstützung von 52.117 Fans (wenn man die Pfiffe der Frankfurter Anhänger mitzählt) die Mannschaftsaufstellung. Ob die Nummer 5, Marcell Jansen, nun ein Fußballgott ist oder nicht, darüber herrscht allgemeine Uneinigkeit. Weiter geht’s mit der Gladbacher „Nationalhymne“, der „Elf vom Niederrhein“. Mitgeklatschen kann diesmal niemand, weil alle kleine Transparente mit der Aufschrift „Ein Team“ in die Höhe halten, mitgesungen dafür umso lauter. Auch der Schluss, „…und geht das Spiel auf mal verlor’n, dann macht uns das gar nichts aus. Denn dann fahren wir zum Auswärtsspiel und machen einen drauf“, darf nicht fehlen. Obwohl hinter dieser Zeile inzwischen mehr Ironie als Selbstvertrauen steckt.

Das Spiel beginnt mit einem Paukenschlag: Marcell Jansen trifft mit einem wuchtigen Weitschuss die Latte – im Nachhinein sollte es aber eine dieser „Was-wenn-der-reingegangen-wäre-Szenen“ bleiben. In der elften Minuten aus beinahe heiterem Himmel das 1:0 für Frankfurt, stilles Entsetzen und aufmunternde Zurufe können gleichermaßen wahrgenommen werden. Die nächsten 73 Minuten kann man relativ leicht zusammenfassen. Gladbach ohne Ideen und ohne Durchsetzungsvermögen und die Frankfurter wurden nur noch durch einzelne Konter gefährlich. Der Borussen-Fan verschwindet allmählich in seiner Sitzschale, die Gefühle sind eine Mischung aus Trauer, Enttäuschung und Hoffnung. Die Einwechslung von Oliver Neuville, nach drei Monatiger Verletzungspause, ist es im Prinzip noch am meisten Wert genannt zu werden. Oder die zähe Zeitschinderei der passiven Frankfurter, die sie am Ende fast um ihren Lohn gebracht hätte.

Fünf Minuten vor Schluss dann so etwas wie die Wende. Kyrgiakos sieht Gelb-Rot, Gladbach in Überzahl und mit aufkeimender Hoffnung. Plötzlich ist es, als ob die gut 45.000 Anhänger der Borussia aus ihrer lähmenden Trance aufgewacht sind. Ich frage mich einfach nur: Warum kann man auf einmal derartig den Hebel umlegen? Die „Fohlen“ stürmen, als ob die Nordkurve sie magnetisch anziehen würden. Eine Minute vor dem Ende der 90 Minuten bringt der 18-jährige Debütant Marko Marin (mein Gott, der ist ja nur 5 Monate Älter als ich) eine Freistoß in den Strafraum, Insúa köpft ein zum erlösenden 1:1. Doch nach 12 Sekunden der puren Ekstase finde ich meinen Sinn für die Realität wieder – ein Punkt in einem Heimspiel gegen einen direkten Konkurrenten, das ist doch eigentlich zu wenig.

Als der Stadionsprecher verkündet, dass, aufgrund der erwähnten Zeitschinderei des Gegners, 5 Minuten nachgespielt werden, schwappt eine Welle der Euphorie durch das Rund, wie man sie selten sieht. „Vau-Eff-Ell, Vau-Eff-Ell“ tönt es von allen Tribünen, vielleicht könnte es doch noch ein Happy-End geben, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. In der 93.Minute habe ich den Jubelschrei schon auf den Lippen, mir geht durch den Kopf wie gut die Welt aussehen würde, wenn Kahê den Ball im Netz unterbringe. Doch es bleibt beim Konjunktiv. Der Frankfurter Torwart meistert seine einzige Aufgabe mit Bravour, der Jubelschrei bleibt uns nur im Halse stecken.

In solch einer Lage ist der Adrenalin-Spiegel am Limit, der Blutdruck auf 180 und das Aggressionspotential am Anschlag. Als der Frankfurter Spycher zum gefühlten 184. Mal auf dem Boden liegt, möchte ich am liebsten eigenhändig auf den Platz rennen und…ich spreche es lieber nicht aus. Mit dem Abstieg vor Augen werden die Nerven desjenigen, der die Raute im Herzen trägt langsam schwach. Hätte ich während eines Fußballspiels meiner Borussia ein Langzeit-EKG am Körper, mein Arzt würde mir raten samstags um 15:30 Uhr lieber zuhause zu bleiben.

Kasey Keller verhindert in der 96.Minute noch die vollkommene Katastrophe, indem der mit einer Weltklasse-Parade wenigstens den einen Punkt festhält. Obwohl die Leistung der Mannschaft über weite Strecken wirklich nicht besser war als Zweitliga-Niveau, kann ich ihr irgendwie nicht richtig böse sein. Nach einem kurzen Applaus für diejenigen Spieler, die sich vor der Nordkurve für die Unterstützung bedanken, verlasse ich das Stadion mit meiner Mutter – mit gesenktem Kopf und leicht angefeuchteten Augen. Den Zug nach Hause verpassen wir, weil der Busfahrer die Abfahrt zum Bahnhof verpasst. Eine halbe Stunde vergeht, bis der nächste Zug uns endlich ins heimische Anrath bringt. Die Sportschau hat lange begonnen, wir dürfen uns nicht noch mal angucken, was sich am Nachmittag im Borussia-Park abgespielt hat. Die Erschöpfung ist wahrscheinlich mindestens so groß wie bei den Spielern.

Sechs Stunden waren vergangen seitdem wir um 13 Uhr das Haus verlassen hatten, sechs Stunden waren wir unterwegs, um geschätzte 13 Minuten mitreißenden Fußball und Emotionen zu erleben. In den Stunden nach dem Abpfiff fragt man sich immer nach dem Warum. Die Antwort ist eigentlich immer dieselbe: Man kann einfach nicht mehr anders, weil Fußball eben auch zur Droge werden kann. Und so sitze ich hier heute, nur zwei Tage danach, schon wieder in heller Vorfreude auf das Spiel gegen Schalke, das ich live mit Freunden im Stadion sehen werde. Warum? Weil trotz aller Enttäuschung die Liebe einfach zu groß ist, um von ihr wegzukommen. Ob die Elf, die am Samstag auf Schalke spielt das überhaupt weiß?

Samstag, 16. Dezember 2006

Faire Fohlen ohne Leidenschaft

Gladbach verbringt die Weihnachtstage auf Platz 16. Nur in der Fairplaytabelle grüßt man von oben - erfreulich oder doch irgendwie beunruhigend?

Die Fairplay-Wertung der Fußball-Bundesliga wird in letzter Zeit häufiger zum Thema als man erwarten könnte. Die Möglichkeit durch eine Platzierung unter den Fairsten der Liga in den lukrativen Europapokal einziehen zu können ist der Grund dafür. Die einzige Wertung im deutschen Fußball, bei der es heißt „je weniger Punkte, desto besser“ wird nach der Hinrunde vom FC Bayern München und der Borussia aus Mönchengladbach angeführt. Beide haben erst 25 bzw. 24 gelbe Karten zu Buche stehen.

Was eigentlich von einer grundlegend fairen Spielausrichtung zeugen soll, sagt im Falle der beiden Vereine, die momentan in total unterschiedlichen Sphären der Bundesliga spielen, etwas ganz anderes aus. Die Bayern besitzen mit Philip Lahm, Lucio, Daniel van Buyten & Co. Defensivleute von europäischer Spitzenklasse, die die Fähigkeit besitzen ohne schwere Fouls auszukommen und Zweikämpfe auch ohne einen Regelvorstoß für sich entscheiden zu können. Folglich ist der deutsche Meister derzeit das Team der Liga mit den wenigsten „Sünderpunkten“. Die Fohlen von Jupp Heynckes besitzen keine Spieler dieses Formates und man fragt sich, wie ein Team, das sich im Kampf gegen den Abstieg befindet, nur mit 1,4 Verwarnungen pro Partie auskommt – in Gladbachs prekärer Lage eine Bilanz, die nicht nachvollziehbar ist. Denn der Abstiegskampf steht seit jeher für rassige Spiele und Leidenschaft.

Eine Situation im Heimspiel gegen Hannover 96 im November war sinnbildlich: Die Niedersachsen haben einen gefährlichen Konter eingeleitet, Gladbachs Eugen Polanski ist auf der Verfolgung eines Hannoveraners und müssten eigentlich zum viel besagten taktischen Foul ansetzen, um die Gefahrensituation zu entschärfen. Doch der U21-Nationalspieler kommt erst gar nicht dazu. Der 96er läuft ihm davon und Polanskis verzweifelter Versuch einer Grätsche tat höchstens dem neu verlegten Rasen im Borussia-Park weh.

Grundlegende Elemente, die im Fußball essentiell sind werden bei der Borussia momentan kläglich vermisst – Kampf, Leidenschaft, Aufopferung für den Sieg. Vor allem deshalb auch muss der fünfmalige Meister vom Niederrhein auf einem Abstiegsplatz überwintern. Einen Abstiegsgipfel wie den gegen Bochum mit nur einer gelben Karte zu bestreiten ist kläglich. Nur Wesley Sonck tauchte im Notizbuch des Referees auf – weil er einen Freistoß mit der Hand stoppte. Eine unnötige Unsportlichkeit, der anschließende Freistoß resultierte im Eigentor zum entscheidenden 2:0 für die Bochumer.

Es soll nicht der Eindruck aufkommen, dass harte Fouls gleich in Brutalität münden sollen, denn Fairplay bleibt weiterhin oberste Priorität. Aber eine wohl dosierte Spielhärte dient dazu einfach mal ein Zeichen zu setzen, sie kann ein Mittel zur Einschüchterung sein. Eine Mannschaft, die merkt, dass sie von der gegnerischen Mannschaft keine harten Aktionen zu befürchten hat, kann schlichtweg befreiter aufspielen.

Vierundzwanzig Gelbe Karten in der Hinrunde sind also keineswegs ein Spiegelbild Gladbacher Fairplays, sondern vielmehr ein beunruhigendes Armutszeugnis.

Freitag, 15. Dezember 2006

Vorneweg

"Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt" - was einst die deutsche Nationalmannschaft trällerte, ist im 21.Jahrhundert wie zu einem Credo für den Fußballsport geworden. "König Fußball" schlägt allerorten große Wellen. Jedes Wochenende strömen hunderttausende Fans in die Stadien der Bundesliga, selbst das "Unterhaus", die Zweite Bundesliga, boomt und die diesjährige Ausgabe galt als stärkste aller Zeiten.

Alfred "Adi" Preißlers legendärer Ausspruch "Grau is alle Theorie - entscheidend is auf'm Platz" dient diesem Blog als Namensgeber, weil er das Wesentliche zum Ausdruck bringt und uns vor allen Dingen daran erinnert, dass dieses Wesentliche heutzutage überhaupt noch existiert. Das Fußball-Zeitalter des 21.Jahrhunders hat die populärste Sportart der Welt in ein neues Licht gerückt. Dennoch wäre es falsch, pauschal von "guten alten Zeiten" zu sprechen, als Trikotwerbung noch Aufsehen erregte, Spieler keine festen Rückennummern hatten und der Torwart den Ball beim Rückpass aufnehmen durfte. Besonders die mediale Revolution durch das Internet bietet ganz neue Facetten. Eine haben Sie gerade vor Ihren Augen.

Dieses Blog mag daran erinnern, wo Fußballspiele auch im dritten Jahrtausend entschieden werden. Es greift aber auch die Aspekte des Fußballs auf, die ihn zum Objekt der Begierde von - ohne zu übertreiben - Milliarden Menschen machen. Das kann sachlich, emotional, satirisch oder kritisch geschehen. Im Mittelpunkt steht dennoch stets ein Ball, der zwar nicht mehr aus Lederstücken besteht, die von Nähten zusammen gehalten werden, aber wen kümmert's.

Ein einjähriges Praktikum in der 2.Liga absolviert derzeit der Verein meines Vertrauen, dessen Raute fest in meinem Herzen verankert ist: Der VfL Borussia Mönchengladbach 1900 e.V. - kurz "Die (einzig wahre) Borussia". Also nicht wundern, wenn sich Beiträge über den Gesundheitszustand sich hier häufen.

Aber wie in der rechten Spalte dieses Blogs schon offenbart wird: Hier hat alles seinen Platz, das auch nur im geringsten mit der häufig zitierten "schönsten Nebensache" der Welt zutun hat. Nein, dies ist kein Erotik-Blog. Und "nackte Tatsachen" kommen nur auf den Tisch, wenn ein Ball rollt oder Themen zur Diskussion stehen, die das Rollen des Balles in irgendeiner Weise beeinflussen. Letzteres ist ironischerweise noch häufiger der Fall.
Ist Fußball inzwischen eigentlich mehr als nur eine Nebensache?
Wie auch immer - mir und vielen, vielen Menschen auf dieser Welt ist er wichtig, sehr wichtig.

Die ersten Beiträge sind allesamt zuerst bei "Opinio", einem Leser-Forum der Rheinischen Post erschienen. Das heißt: Erst mit dem Post "Mund abputzen" vom 15.10.07 ist "Entscheidend is auf'm Platz" offiziell eingeweiht worden.

Es liegt in der Natur eines Blogs, dass der Inhalt subjektiv (sprich, von mir) beeinflusst wird. Alle Informationen sind sorgfältig recherchiert im Internet, diversen Fachzeitschriften oder Fachliteratur. Für ihre Richtigkeit kann jedoch nicht garantiert werden. Wörtliche Zitate werden stets gekennzeichnet.
Wer einen Verbesserungsvorschlag hat und seiner (subjektiven) Meinung und auch seiner Kritik freien Lauf lassen will, dem steht die Kommentarfunktion oder meine E-Mail-Adresse zur Verfügung. Um eine Anhäufung von Spam zu verhindern, müssen die Kommentare jedoch erst vom Autor freigeschaltet werden. Gleiches gilt zur Eindämmung polemischer, verhetzender oder gar rechtswidriger Kommentare, was allerdings keine Zensur im eigentlich Sinne impliziert.

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Dann kann's ja los gehen: Anpfiff!

PS: Entscheidend' is wirklich auf'm Platz...

Jannik Sorgatz

entscheidend-is-aufm-platz[at]gmx.de