Frings fühlt sich degradiert, Hitzlsperger will mehr zum Zug kommen - der Platz neben Michael Ballack im deutschen Mittelfeld ist hart umkämpft. Viel zu selten steht dabei ein dritter Kandidat im Mittelpunkt, der Topleistungen am laufenden Band abliefert - Simon Rolfes.
Torsten Frings gerät schon nach zwei Spielen auf der Bank in einen heftigen Clinch mit dem Bundestrainer. Thomas Hitzlsperger meldet offen Ansprüche auf die Position neben Michael Ballack an. Nur einer bleibt bescheiden und hält sich vornehm zurück. Dabei ist es gerade Simon Rolfes, der sich den Stammplatz in der Nationalmannschaft im Stillen verdient hätte.
Die Kollegen von „Du gehts niemals allein“ verweisen heute auf einen Post im Sportblog der ARD, der dem 26-jährigen Leverkusener anlässlich seines 111. Bundesligaspiels in Folge die Ehre erweist. 111 Spiele in Folge, das sind drei ganze Spielzeiten und neun Partien hintereinander. Nun könnte Simon Rolfes schlichtweg Glück gehabt haben, von Verletzungen in den letzten drei Jahren verschont worden zu sein. Er könnte Stammspieler bei einem Klub im Niemandsland der Tabelle sein, wo selbst ein wochenlanges Formtief keine Degradierung zur Folge hätte. Wenn doch, dann könnte er seine Serie noch immer mit Kurzeinsätzen über drei, vier Minuten am Leben halten. Die Tatsache, dass er in der gesamten Zeit erst sechs gelbe Karten eingeheimst hat, könnten ihm Kritiker als Passivität und Duckmäusertum auslegen. Genau da fängt es jedoch an: Kann man einem Musterprofi wie Rolfes überhaupt kritisch gegenüberstehen?
Denn bei jemandem, der in derselben Zeit bei einem aufstrebenden Topklub zum Nationalspieler aufgestiegen ist, im letzten Jahr nach Kicker-Noten der fünfbeste Feldspieler der Bundesliga war, derzeit auf Rang drei rangiert und in den letzten drei Jahren weniger als 300 Minuten verpasst hat, lässt sich eine derart beeindruckende Serie nur schwer in die „Glück gehabt“-Schublade schieben. Zumal Rolfes bis auf das Debüt seine gesamte Bundesliga-Laufbahn am Stück absolviert hat.
Rolfes kann durchaus als Spätstarter bezeichnet werden. Von Bremen aus der Umweg über Reutlingen mit ersten Meriten im Profifußball. Zurück in Bremen ließ der große Durchbruch auf sich warten. Schließlich diente die Alemannia als Sprungbrett, wo er 04/05 sogar erste und durchaus erfolgreiche Gehversuche auf internationalem Parkett unternahm. 2005 ging es nach Leverkusen, wo er mittlerweile die Kapitänsbinde trägt. Sein Länderspielkonto steht bei 16 Einsätzen. Doch erst sechsmal hat er von Beginn an und nur zweimal durchgespielt. Darunter das 3:2 im EM-Viertelfinale gegen Portugal, als er auf der Doppelsechs mit Thomas Hitzlsperger zu den heimlichen Sieggaranten gehörte. Sein Partner aus dem Portugal-Spiel stand in derselben Zeit 21-mal für den DFB auf Platz, bestritt gleich zwölf Partien über die volle Distanz.
Dabei wäre Rolfes genau der richtige an der Seite eines Alphatiers wie Michael Ballack: Technisch versiert, effektiv sowohl hinten als auch vorne, unauffällig, ohne Passiv und zurückhaltend zu wirken. Ein staubsaugender Ballverteiler, der einer ganzen Offensivabteilung den Rücken freihalten kann. Und wer den Mensch Simon Rolfes neben dem Platz kennenlernt oder zumindest etwas über ihn liest, der wird endgültig zu dem Schluss kommen: Bayers Kapitän ist einer, bei dem der Ausdruck „Musterprofi“ mehr als nur eine Floskel ist. Bliebe alleine die Frage zu klären, ob einer wie Rolfes in der schillernden Welt von Porsches, Pelzmänteln und Privatjets nicht zwangsläufig zu kurz kommt.
Freitag, 7. November 2008
Nüchterner Musterprofi mit Schnapszahl
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Jannik
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"Entscheidend is" nochmal was?
"Auf'm Platz" wohl nicht mehr. Dagegen verdient das ja noch nicht einmal die Bezeichnung "interaktiv".
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Jannik
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Donnerstag, 6. November 2008
"Was'n das für 'ne Scheiß-Rangliste?"
Italien lässt Spanien und England links liegen. Frankreich meldet sich zurück. Und Bielefeld findet sich plötzlich in einem Europacup-Post wieder.
Noch vor ein paar Wochen schienen die Franzosen fürs Erste abgeschüttelt. Jetzt hat sich die Grande Nation eindrucksvoll auf europäischer Bühne zurückgemeldet. Mit Lyon, Bordeaux und Marseille gewannen alle drei Champions-League-Teilnehmer ihre Spiele. Im Uefa-Cup steuerten Saint-Etienne mit einem Sieg und Nancy mit einem Remis weitere drei Punkte bei. Macht unterm Strich 9/7=1,29 Zähler für die Fünfjahreswertung.
Eine schwarze Woche erlebte bis einschließlich Mittwoch die Premier League: Liverpool, Arsenal und ManU nur unentschieden, Chelsea kassierte bei der gebeutelten Roma (zuvor fünf Niederlagen in Serie) die erste Niederlage der Saison. Doch auch der bisherige Tabellenführer, die Primera Division, blieb unter seinen Möglichkeiten: Heimpleite für Real gegen Juve, Unentschieden für Barca gegen Basel und Atlético in Liverpool. Während die Uefa-Cup-Teilnehmer mit drei Siegen heute für England in die Bresche sprangen, ging die spanische Misere weiter. Unter anderem verlor Sevilla, das dem VfB vor zwei Wochen noch keine Chance gelassen hatte, in Lüttich. Santander und Valencia blieben in ihren Heimspielen sieglos.
Nutznießer der schwachen Europacup-Woche für die Liga des Europameisters und der englischen Spätzünder war die Serie A. Italien führt die aktuelle Saisonwertung an (12. Spalte von links) und orientiert sich vorerst wieder nach oben. Deutschland liegt auf Platz fünf, knapp vor Zypern.
Derweil hält die interne Bundesliga-Wertung ganz Deutschland in Atem: Tim Borowski rettete den Bayern mit seinem späten Ausgleichstreffer die Tabellenführung. Die Hertha verpasste den Sprung zurück auf Platz eins aufgrund eines torlosen Remis in der Ukraine. Hoffenheim und Leverkusen, in dieser Saison (noch) Europa-abstinent, wechseln sich in der Bundesliga ab, wovon Bayern und die Hertha derzeit nur träumen können. Da nimmt man mit, was man mitnehmen kann. Hat sich auch der VfB gedacht und ist dank zweier Gomez-Tore von fünf auf drei gestiegen. Bremen befindet sich auf dem absteigenden Ast wie in allen Wertungen und Ranglisten von A wie Abwehrverhalten bis Z bis Zweikampfstatistik. Hamburg und Wolfsburg läuten die Abstiegsregion ein (irgendwie ein gutes Gefühl, wenn Wolfsburg zur Not 97:1 gewinnen könnte und trotzdem unten bleibt). Dortmund hat die rote Laterne inne und wird sie - soviel steht fest - in dieser Saison definitiv nicht mehr abgeben.
Dafür genießt der BVB wieder das Vertrauen seiner Fans. Die Anhänger keines anderen Vereins sehen ihren Klub so positiv. Sagt zumindest die mit den 5+4 Buchstaben. 'Was'n das für 'ne Scheiß-Rangliste?', mag sich der ein oder andere jetzt denken. Aber: Wer über die Qualität und Aussagekraft eines solchen Ergebnisses urteilen will, der schaut sich die hinteren Plätze an. Dort rangiert die Hertha als Vorletzter nur knapp vor Bielefeld. Also doch alles in Butter.
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Jannik
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Dienstag, 4. November 2008
Bremen gegen Athen:
Die Königsklasse im Live-Ticker
Rabenschwarzer Abend für blütenweiße Bremer
Heute Abend wird's königlich und klassisch auf Entscheidend is auf'm Platz!
Klingt nach Real Madrid mit Beethovens Neunter im Hintergrund, oder einer Königin-Beatrix-Reportage im ZDF, soll aber heißen:
Werder Bremen gegen Panathinaikos Athen ab 20:45 Uhr im
LIVE-TICKER!
Werder Bremen - Panathinaikos Athen 0:3 (0:0)
___________________________
22:46: So, das war's für heute. Bedanke mich fürs Mitlesen. Einen schönen Abend noch!
22:41: Zum Schluss noch die anderen Ergebnisse:
Anorthosis Famagusta - Inter Mailand 3:3
AS Rom - FC Chelsea 3:1
CFR Cluj - Girondins Bordeaux 1:2
FC Barcelona - FC Basel 1:1
(erster Punktverlust für Barca nach zehn Pflichtspielsiegen in Folge)
Sporting Lissabon - Schachtjor Donezk 1:0
(Sporting damit gemeinsam mit Barca bereits weiter)
FC Liverpool - Atlético Madrid 1:1
Olympique Marseille - PSV Eindhoven 3:0
22:39: Bremen konnte das leichte Übergewicht aus Hälfte eins nicht in die zweiten 45 Minuten retten. Kaum noch Zwingendes von Werder nach der Pause. Panathinaikos dagegen eiskalt, erbarmungslos und dabei auch noch schön anzusehen. Weiß nicht, ob's in Griechenland ein Tor des Monats gibt. Wenn ja, dürfte Karagounis für sein 0:2 bald eine Plakette in der Wohnzimmervitrine stehen haben.
22:35: Lehne mich mal kurz aus dem Fenster: Wenn Werder die nächsten beiden Spiele gewinnt, dürfte es dennoch aus eigener Kraft zum Weiterkommen reichen, weil sich der Rest gegenseitig die Punkte wegnimmt. Naja, wirklich aufmunternd ist das auch nicht. Geht ja nur nach Zypern und gegen Inter.
22:33: Panathinaikos mit dem höchstens Auswärtssieg seiner Champions-League-Geschichte. Die "Werder, Werder"-Rufe haben sich in Pfiffe verwandelt. Stimmung auf Totensonntags-Niveau.
22:32: Die 92. Minute läuft. Gleich ist's vorbei. "Puh", werden sich 35.000 denken.
22:31: Werder setzt eine muntere Zahlenreihe fort: Erst keiner, dann einer, dann zwei und nun drei Gegentore in der Champions League.
22:27: Tziolis war's wohl. Doch Pasanen fälschte den Ball überhaupt erst ins Tor ab. An dieser Stelle ein Andy Brehme-Zitat: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß". Doch eine gute Nachricht: Inter hat zum 3:3 in Famagusta ausgeglichen. Mit einem Sieg bei den Zyprern und einem Erfolg von Inter gegen Athen wäre Werder schlagartig Zweiter. An dieser Stelle ein Jens Lehmann-Zitat: "Der Konjunktiv ist der Feind des Verlierers."
22:26: Bevor ich hier rausfinden kann, wer die fröhliche Runde Parteiball in Werders Strafraum zum 0:3 abgeschlossen hat, fast der vierte Treffer für Athen. Naldo klärt schließlich in höchster Not.
22:25: 0:3!!!
22:23: Bremens Auftritt nimmt langsam Züge einer verspäteten Halloween-Darbietung an. Für Werder gibt's momentan nur Saures. Allerheiligen ist mehr los als in der Offensive.
22:21: Sanogo bricht den Bann zumindest in Sachen Torschuss. Seinen Flachschuss aus spitzem Winkel entschärft Galinovic sicher.
22:20: Hier die Blitztabelle:
Inter 7, Famagusta 7, Panathinaikos 4, Bremen 3
22:16: Athen wechselt zum ersten Mal: Moon kommt für Gabriel. Himmelskörper für Erzengel. Ansonsten wenig Himmlisches im Weserstadion. Die "Werder, Werder"-Rufe auf McCain-Niveau.
22:15: Und Werder? Hat seit 37 Minuten nicht mehr aufs Tor geschossen. Das Spiel ist mittlerweile doppelt so alt.
22:11: TOOOOOOOOOOOOOR für Panathinaikos!!!
Und das 2:0 hat jedes einzelne O verdient. Einwurf von links. Karagounis lässt den Ball zweimal auftippen und zieht von der Strafraumecke ab - 30% van Basten, 30% Lahm, 40% Playstation, der Ball schlägt unhaltbar im rechten Winkel ein.
22:07: Hunt kommt für Vranjes. Derweil erschöpft Clemens Fritz das Wechselkontingent fast im Alleingang. Sanogo muss den verletzten Nationalspieler wohl ersetzen. Sanogo? Also doch eher nicht verletzt. Oder doch? Wie auch immer, Bremen wohl mit Dreierkette und drei Angreifern.
22:05: Zur Ablenkung eine kleine Aufgabe: Chygrynskyy von Schachtjor Donezk hat Gelb gesehen. Wer noch einen Fußballer mit mind. vier Ypsilon im Nachnamen findet, bekommt das Trikot von Werders Siegtorschütze.
22:01: Die "Werder, Werder"-Rufe hallen nun auf Griechisch durchs Rund. Übersetzt bedeuten sie soviel wie "Panathinaikos, Panathinaikos". Der AS Rom führt 3:0 gegen Chelsea. Ein ganz schlechtes und unvorhersehbares Karma liegt über Europa.
22:00: Und schon haben wir den Salat: Aus "nichts" wird "gar nichts". Mantzios trifft zum 1:0 für Panathinaikos. Bei der Eintracht rümpft man die Nase. Ist das wirklich der Mantzios?
21:59: Famagusta ist gegen Inter in Führung gegangen. Nichts läuft nach Plan.
21:56: Nilsson bricht auf rechts durch. Seine Flanke landet abgefälscht bei Karagounis, der mutterseelenallein verzieht. Werders Umfragewerte sinken prompt: Nur noch Obama'eske 63%.
21:53: Bei Werder kommen vier von fünf Pässen an. Meistens ist es der letzte, der entscheidende, der nicht so kommt, wie er soll. Bremen drückt, Athen kaum noch in des Gegners Hälfte. Die "Werder, Werder"-Rufe mittlerweile mit 68%-iger Überzeugung.
21:51: Baumann setzt Pizarro in Szene. Der vergisst, zu schießen. Werder weiter wacher.
21:48: Bremen in Hälfte zwei von links nach rechts. Der Live-Ticker auch. Sorry für den Delling.
21:47: Was ein Schreck: Wir sind zurück im Weserstadion, doch auf einmal ertönt Tom Bayers Stimme. Aha, noch auf Konferenz geschaltet, also zurück zum Einzelspiel. Dort fällt die Schockstarre gleich um einiges dramatischer aus: Otto Rehhagel im Interview - und er fordert vollen Angriff! Ein Paradoxon von König Otto. Thomas Schaaf dagegen weniger paradox, sondern konsequent: Prödl raus, Fritz rein.
21:42: Frings übrigens doch im Stadion - mit Tarnkappen ähnlicher Kopfbedeckung. Nur die lange Mähne verrät ihn.
21:38: Liverpool weiter mit Spanischer Grippe in internationalen Heimspielen. Die Reds liegen hinten gegen Schalke-Eliminator Athlético Madrid.
21:34: Der Schiedsrichter aus Ungarn pfiff nach sieben Sekunden Nachspielzeit zur Pause. Kein Grottenkick in Bremen - zwei gute Möglichkeiten für Bremen, dazu ein paar unplatzierte Distanzschüsse, eine Doppelchance für Panathinaikos samt Lattentreffer - dennoch Luft nach oben. Das 0:0 geht trotz Bremer Vorteile in den letzten 20 Minuten bislang auch in dieser Höhe in Ordnung. Eigentlich ein Spiel, bei dem man sagen möchte: "Wer zuerst trifft, gewinnt." Doch bei Werder weiß man gerade dann ja nicht mehr, wie's ausgehen wird. Am sichersten wäre also ein 1:0 in der Nachspielzeit.
21:32: Das Moppern macht sich bezahlt. Zwar immer noch 0:0 in Bremen, dafür scheppert's in den anderen Stadien: Die Roma führt gegen Chelsea, Mailand gegen Famagusta auf einmal 2:2, Bordeaux hat gegen Cluj zum 2:1 getroffen, Athlético liegt in Liverpool in Front.
21:29: Werder kombiniert über fünf Stationen ganz ansehnlich. Kommentator Dittmann verzeichnet sofort den "strukturiertesten Angriff des Abends". Naja, so verzweifelt sind wir nun auch wieder nicht.
21:26: "Fehler Prödl" bislang das Unwort/die Unworte des Abends. Wenn, dann geht für Athen meist was über Bremens rechte Abwehrseite. Die "Werder, Werder"-Rufe werden dennoch lauter: Halb nervös, halb überzeugend hallen sie durchs Weserstadion.
21:25: Der Rest des Kontinents zeigt sich ebenfalls enthaltsam heute Abend. Cluj gegen Bordeaux 1:1. Marseille führt 1:0 gegen Eindhoven. Inter wie gesagt 1:0 in Famagusta. Mehr gibt's bislang nicht zu vermelden.
21:21: Athen hält sich in der Offensive vornehm zurück. Nach Karagounis' Freistoß und Wieses Sonnenbank-Fauxpas ging vorne kaum mehr etwas. Werder besser, aber noch nicht überragend. Ein Spiel auf Uefa-Cup-Niveau. Wenn Franz Beckenbauer das hört.
21:19: Ich hab's kaum ausgesprochen, da klärt Nilsson eher ungeschickt zur Ecke, die natürlich Diego reinbringt. Nach einer Runde Dreiband trifft Rosenberg die Latte. Hätte aber nicht gezählt: Prödl hatte einen griechischen Verteidiger an den Pfosten gefesselt.
21:17: Werder dreht die Spieluhr allmählich auf, bringt die Griechen mehr und mehr in die Bredouille. Das 1:0 liegt längst nicht in der Luft, aber wenn, ist Werder näher dran. Wobei man als Gegner von Werder ja irgendwie immer genauso nah dran ist an einem Treffer.
21:15: Diego wieder mit einem Freistoß mittig aus 35 Metern. Pizarro legt den Kopf in den Nacken und verlängert geschickt. Doch Galinovic wird Herr der Situation und entschärft Werders bislang beste Möglichkeit in der 29. Minute mit einer Glanztat.
21:12: Wir erfahren, dass Frings sich doch mit Löw getroffen hat - in Berlin. Dass Frings gelbgesperrt ist, sagte ich ja bereits. Werder also nicht in Unterzahl.
21:09: Rosenberg stellt sich beim Sich-ein-Herz-fassen etwas besser an als Kollege Naldo zuvor. Der Schwede zwingt Galinovic in die Knie und zu einer Rettung in letzter Not. Vranjes spielt derweil horizontales "Hau den Lukas!" - ohne Erfolg. Seine Schüsse werden abgeblockt.
21:08: Bei Athen fehlt einer derer, die man neben Mantzios und Karagounis noch kennen könnte: Österreichs Kapitän Andreas Ivanschitz. Also müssen wir uns mit Vyntra und Spiropoulus zufrieden geben.
21:05: Diego bringt einen Freistoß hoch rein. Alle steigen hoch, keiner kommt dran, Galinovic muss den Ball jedoch unkonventionell über die Latte pritschen.
21:04: Naldo fasst sich ein Herz. Für seine Verhältnisse jedoch kaum nennenswert. Gefühltes Torverhältnis 3:5.
21:02: Derweil führt Inter in Famagusta. Werder jetzt gemeinsam mit den Zyprern auf Platz zwei.
20:59: Auch im Bogenschießen, Schach und Gewichtheben führt kaum ein Weg an den Griechen vorbei. Meistertitel in jeder Sportart von Nasepopeln bis Malefiz. Doch Schluss jetzt damit: Auf dem Platz segelt eine Freistoß-Flanke von Karagounis an die Latte. Wiese hatte im Solarium heute keine Brille auf und wirkt etwas ver-/geblendet. Den Abpraller will Mantzios per Bogenlampe reinköpfen, doch Wiese hat sich gefangen - den Ball auch.
2o:55: Der Wikipedia-Artikel von P. Athen ist freilich aufgeschlagen: Die Athener sind 30-maliger griechischer Meister - im Tischtennis. Die Fußballabteilung kommt auf FC Bayern'eske 19 Titel.
20:51: Ums mit Heribert Faßbender zu sagen: Noch immer 0:0, es könnte auch andersrum stehen. Panathinaikos (in Zukunft der Einfachheit halber: Athen) mit einem ersten Kopfball. Wiese auf der Höhe. Auf der anderen Seite meldet sich Diego mit einem Drehschuss zu Wort: Die Premiere-Statistik vor dem Spiel wird ihn gereizt haben - Micoud war in der Champions League fünfmal so torgefährlich wie der 23-jährige. Na dann gibt's ja einiges nachzuholen.
20:49: So, wir drehen den Spieß bzw. den Ticker mal eben um - von oben nach unten, von links nach rechts ab jetzt. Und das vollkommen kostenlos.
20:47: Klasse, Nierenversagen nach zwei Minuten. Bin mal für kleine Mertesackers.
20:44: Um die Voraussetzungen fürs Kopfkino zu vervollständigen: Werder spielt ganz in weiß. Der Schiedsrichter hat bei der Begrüßung zunächst ins Leere gegriffen. Frank Baumann hatte sich genau auf die Mittellinie gelegt. Alter Scherzkeks.
20:40: Werder muss auf Torsten "Rosinante" Frings verzichten. Der van Bommel von Bremen ist gelbgesperrt. Für ihn schickt Thomas Schaaf Jurica Vranjes in die Startelf, so dass sich folgende Ausrichtung ergibt:
Wiese -
Prödl, Naldo, Mertesacker, Pasanen -
Baumann, Vranjes, Özil, Diego -
Pizarro, Rosenberg
Özil links in der Raute, Vranjes rechts, Baumann davor, Diego dahinter. Es kommentiert Kai Dittmann. Aber das ist hier eigentlich eher nebensächlich.
20:34: Nabend zusammen!
Zweitbester Angriff der Bundesliga, aber die schlechteste Abwehr. In der Champions League noch ungeschlagen, gleichzeitig aber ohne Sieg. Für Optimisten erscheint die Werder-Welt in rosarot, die pessimistische Fraktion dürfte dagegen schwarz sehen. Heute geht's im Weserstadion gegen Panathinaikos Athen. Bremen steht derzeit mit drei Zählern auf Rang drei in seiner Gruppe. Famagusta mit vier und Inter Mailand mit sieben Punkten belegen die beiden Plätze, die den Sprung ins Achtelfinale bedeuten.
Mit einem Sieg könnte Werder die Chancen der Griechen gen Null sinken lassen, bei einem Mailänder Sieg gleichzeitig Rang zwei übernehmen und in guter Ausgangsposition zum nächsten Spiel nach Zypern fliegen.
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Jannik
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Montag, 3. November 2008
Mission 40/11: Eigentor stinkt
Die Borussia schlittert immer weiter dem Abgrund entgegen und nimmt dabei nicht einmal Geschenke an. Selbst der Galgenhumor verschränkt mittlerweile beleidigt die Arme. Was Gladbachs Saisonverlauf mit einer Tour de France-Etappe gemein hat und warum kein Eis der Welt Oliver Neuville zum Lachen bringt.Wer den reinen Zahlen Glauben schenkt, der könnte zu dem trügerischen Schluss kommen, die Borussia sei nach der Entlassung von Jos Luhukay und der Reinstallation von Hans Meyer auf einem guten Weg. Genau einen Punkt pro Partie hat Borussias Aufstiegstrainer von 2001 bislang eingefahren bzw. einfahren lassen. Unter dem „jungen Mann“ waren es in den ersten sieben Saisonspielen durchschnittlich 0,43 Zähler. Was nach einer Kehrtwende aussieht, steht in Wirklichkeit für eine elegante Drehung um 360 Grad. Ein Trainerwechsel bietet zwar kein Patent auf eine blitzartige Verbesserung. Doch wenn sich eine derartige Maßnahme ihre Wirkung schon verfehlt, dann sollte sich wenigstens die Art und Weise ändern, in der eine Mannschaft Spiel für Spiel die Grenzen aufgezeigt bekommt. Um die Schwarzmalerei auf den Siedepunkt zu bringen: Unterm Strich war das 1:2 gegen Frankfurt noch schlimmer als die Derbypleite gegen Köln mit demselben Resultat.
Die seit Wochen ohnehin prekäre Lage nimmt immer beängstigendere Züge an. Da gelingt der Borussia ausnahmsweise das vielzitierte „frühe Tor“ und dennoch sind die Hände am Ende so leer wie zuvor. An dieser Stelle ist nicht einmal Galgenhumor angebracht à la „jetzt muss der Gegner schon die Tore für uns schießen“. Gladbachs 1:0 durch Russ‘ Eigentor war nach 12 Minuten absolut verdient. Man möchte fast behaupten „erzwungen“. Umso schlimmer, wenn selbst ein verunsicherter Gegner, ein frühes Tor und eine gute Anfangsphase nicht genügend Selbstvertrauen verleihen können, um ein (Heim-!)Spiel wenigstens 45 Minuten lang offen zu gestalten. Zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren gab die Borussia eine 1:0-Führung im eigenen Stadion noch vollkommen aus der Hand. Zum ersten Mal seit 45 Bundesliga-Heimspielen. Im Februar 2005 machte Schalke im Borussia-Park aus einem 0:1 noch ein 3:1. In Liga Zwei ist Gladbach das zumindest einmal passiert. Damals jedoch schlug sie im Derby gegen den FC noch zurück.
Wichtigstes Indiz für die enormen Ausmaße der Gladbacher Probleme: Mittlerweile reicht die Frustration so weit, dass ich mich kaum noch in den Galgenhumor retten kann und will. Es sei allein angemerkt, dass unsere Saisonbilanz dem Profil einer angeblich atemberaubenden Tour de France-Etappe ähnelt, die sich in Wirklichkeit als äußerst öde erweist: Über 120 Kilometer geht es durchs Flachland, dann ein einziger Berg von 1500 Metern (2:2 in Bochum, 1:0 gegen Karlsruhe), dessen Abfahrt erneut im Tal endet. Selbst die Häme, mit der ich Rob Friend in den letzten Wochen überschüttet habe, geht langsam zuneige. Zu dem Thema nur eine nüchterne rhetorische Frage: Hat jemals ein Bundesliga-Stürmer sieben Spiele in Folge, sprich 630 Minuten, ununterbrochen auf dem Platz stehen dürfen, ohne dabei ein einziges Tor zu erzielen?
Wenigstens lassen Hans Meyers Auswechslungen darauf schließen, dass 66 Jahre Lebensjahre nicht automatisch sportliche Altersdemenz bedeuten. Nach Frankfurts Führung durch Fink brachte er erst Bradley für den defensiveren Svärd. Dann kam Neuville für Baumjohann und schließlich van den Bergh für Voigt. Rein taktisch alles nachvollziehbar. Personell müssen wir uns wohl damit abfinden, dass sich Alternativen rar machen. Allein ein Sascha Rösler hätte vielleicht mehr bewirken können als Friends Praktikant Michael Bradley. Der Re-Blondierte reagierte sich nach dem dritten Wechsel und der damit verbundenen Beendigung seines Arbeitstages an der Eckfahne ab. Jedes Lebenszeichen, jeder Anflug von Temperament ist dieser Tage ja herzlich willkommen.
Als direkter Wiederaufsteiger lässt man sich gerne dazu hinreißen, das nicht allzu entfernte Abstiegsjahr mit der aktuellen Situation zu vergleichen. 2006 holte die Borussia 12 Punkte aus den ersten sieben Spielen. Zwei Jahre später liegt ein nahezu perfekter Zahlendreher vor: 7 aus 11. Unter Jupp Heynckes wusste man wenigstens, dass sich auf dem Platz eine dem Untergang geweihte Söldnertruppe abmüht. Heute kann man angesichts der offenbar limitierten Möglichkeiten beinahe im Mitleid ertrinken.
Gladbachs Mannschaft ist derzeit eine einzige Metapher. Im Tor mal der eine, mal der andere, dazwischen wieder ein ganz anderer. Im Sommer schien die Innenverteidigung mit vier brauchbaren Kandidaten überbesetzt. Jetzt muss mit Paauwe schon ein Sechser aushelfen. Derweil torkelt mit Sebastian Svärd einer durchs defensive Mittelfeld, dessen Zeit bei der Borussia schon wenig verheißungsvoll begann. 2006/2007 verpasste er die ersten 22 Partien verletzungsbedingt. Inzwischen ist der Däne zweieinhalb Jahre da und hat ganze 26 Ligaspiele mit einem Kicker-Notenschnitt von 4,12 absolviert. Berücksichtigt man allein die Auftritte in Liga Eins, kommt Gladbachs Nummer 8 sogar nur auf eine 4,55. Wer in anderen Vereinen aufs Abstellgleis verfrachtet wird, erhält bei uns Bewährungschance um Bewährungschance.
Oliver Neuville gehört zwar nicht aufs Abstellgleis. Aufmerksamkeit hat er gestern jedoch nicht wirklich erregt. Früher wollte man den Mann mit dem traurigen Kindergesicht immer an die Hand nehmen und ihm ein Eis kaufen. Mittlerweile dürfte selbst eine ganze Eisfabrik kaum in der Lage sein, ein Lächeln auf das Gesicht von Gladbachs dienstältestem Spieler und erfolgreichstem Torschützen der letzten vier Jahre zu zaubern. Zwischen all den Metaphern für Unvermögen und Vergänglichkeit wuselt Marko Marin sich unverdrossen einen Wolf. Immer wieder will ich ihm in meiner Verzweiflung zurufen: „Marko, komm Jung, nur vier Mann vor Dir. Mach‘ sie nass!“. Doch die Bundesliga ist eben kein C-Jugend-Turnier.
Es gilt, auf Teufel komm‘ raus zumindest zwei Mannschaften zu finden, die schwächer sind als die Borussia. Zumindest zwei, die am Ende weniger Punkte auf dem Konto haben. Wobei es mir momentan selbst vor einem Relegationsspiel gegen Freiburg oder Mainz graut. Nach dem Spiel verwies Hans Meyer darauf, dass „wir derzeit nicht in der Lage sind, eine Mannschaft wie Frankfurt problemlos an die Seite zu spielen.“ Fragt sich nur, wenn schon nicht ein von Verletzungen gebeuteltes und trotz zweier Siege aus drei Spielen wenig selbstbewusst auftretendes Team, wen dann? Anstatt Geschenke dankbar anzunehmen, zeigt sich die Borussia gegenüber ihren Gegner doppelt so spendabel.
Zum Schluss ist es bezeichnend, dass das Überschriftenbrainstorming bereits nach 16 Minuten abgeschlossen war – während des Spiels wohlgemerkt. Nachdem Frankfurt die frühe Führung der Borussia bereits vier Minuten darauf egalisiert hatte, waren die Weichen bereits so auf Untergang gestellt, dass ich mir relativ sicher sein konnte: Eigentor stinkt! Demnächst kann ich die Posts also getrost vor dem Anpfiff verfassen. Auffallen wird’s eh keinem.
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Jannik
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Einen auf dicke Hose(ntasche) gemacht
Wenn Dietmar Hopp bislang dadurch bestochen hätte, jeden zweiten Samstag im Nerzmantel aus einem Hubschrauber zu steigen, der gerade im Mittelkreis gelandet ist, hätte mich das alles ja gar nicht überrascht. Aber so?
Mal abgesehen davon, dass solch ein dickes Geldbündel in der Hosentasche doch verdammt unbequem sein muss. Also: Ein Fall von "nicht nachgedacht" oder doch ein Indiz für "nicht nachdenken können"? Vielleicht ist die Schuld aber auch bei Frau Kerner alias Müller-Hohenstein zu suchen. Vor dem letzten Schuss des Herausforderers sagt sie: "Hopp, Robert, jetzt nochmal alle Kräfte bündeln."
Wer da die Worte zwischen zwischen "Hopp" und "bündeln" auslässt, kann leicht in ein Fettnäpfchen treten. Zu sehen bei Trainer Baade.
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Jannik
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Samstag, 1. November 2008
Im Sog der Masse
Über den Fußball ist mehr als ausgiebig philosophiert worden. Nicht erst eine Diplomarbeit hat sich dem „runden Leder“ gewidmet, obwohl sie mit Sport rein gar nichts zutun hatte. Als Massenbewegung bietet er Gesprächsstoff wie kaum ein anderes Thema. Und so erscheint es kaum noch verwunderlich, dass der Fußball auch vor dem Geschichtsunterricht nicht Halt gemacht hat. Über eine Stunde, die hängen geblieben ist.
Es gibt Schulfächer, die kann man problemlos bewältigen, ohne in 13 Jahren auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Emotionslos, unreflektiert, mit Tunnelblick. Man kann durch reines Auswendiglernen Herr der Aminosäuren und des Blutkreislaufs werden. Sinus und Kosinus werden schnell zu treuen Begleitern, wenn man ihnen erst einmal eine Daseinsberechtigung erteilt und aufhört, ihren Sinn zu hinterfragen. Und in Physik verleiht die Lorentzkraft schlagartig Rückenwind, sobald die Rechte-Hand-Regel keine Kapselrisse im Ringfinger mehr verursacht.
Man könnte meinen, in Geschichte sei es nicht anders als in Bio, Mathe und Physik. Vielleicht ist das Fach nicht einmal grundlos als „Laberfach“ verschrien. Doch man muss Bismarck schon für Beethovens Bruder halten, 1918 mit 4711 verwechseln und den Holocaust grundsätzlich leugnen, um ganz ohne Empathie, ohne Gefühlsregung und ohne Reflexion durch die Geschichte von 1789 bis heute zu wandern. Deshalb ist es wohl auch ein gutes Zeichen, dass diese eine Stunde im Grundkurs letzten Winter nicht vollkommen teilnahmslos vorüberging.
Gerade donnert Goebbels‘ Sportpalastrede aus dem Kassettenrekorder. Hitlers Propagandaminister wettert vor seinem „gekauften“ und „unechten“ Publikum gegen die Engländer, wirft eine rhetorische Frage nach der anderen in den Raum. Er schreit sich die Seele aus dem Leib. Die Menge tobt. Klar, wolle sie den „totalen Krieg“. Kopfschütteln dagegen im Grundkurs. Sogar der tätowierte Koloss in der letzten Reihe – ansonsten eher chronischer Aus-dem-Fenster-Gucker – regt sich. „Vollidiot“, liefert er eine kurze, aber treffende Charakterisierung. Alle sind angewidert, bestürzt, aber keineswegs von einer rosa Wolke gerissen. Kaum einer hat die Rede zum ersten Mal gehört. Der Besuch in Bergen-Belsen dürfte mehr Spuren hinterlassen haben. Dennoch wirbelt die Rede so einiges auf.
Als Goebbels verstummt, dauert es eine halbe Minute, bis jemand beginnt, seine Gedanken preiszugeben. „Wie kann ich mich so manipulieren, so verarschen lassen?“, will einer wissen. „Das würde heute doch nicht mehr passieren. Unmöglich, solch eine Massenbewegung. Mir zumindest nicht“, versichert ein anderer.
„Bist Du Dir ganz sicher?“, fragt die Lehrerin. „Ihr geht doch bestimmt zum Fußball“, mutmaßt sie stereotyp aber keineswegs falsch. Plötzlich sind alle Ohren gespitzt. „Es hat Untersuchungen gegeben, in denen man einfach 90 Minuten lang eine Kamera vor der Schalker Fankurve platziert hat. Und man kam zu dem Schluss, dass sich das Massenverhalten, die Gruppendynamik nicht sonderlich von der im Berliner Sportpalast im Jahr 1943 unterschied.“
Die Geräuschkulisse hat schlagartig etwas von einer Bahnhofshalle. Ein Grummeln geht durch den Raum. Hände werden zur Unschuldsbeteuerung in die Höhe gereckt – ganz nach dem Motto „Ich? Ich doch nicht, damit hab‘ ich nichts zutun!“. Frau T. hat zu allem Übel einen Kurs voller Dauerkarteninhaber erwischt. Die Nordkurve steht schlagartig Kopf. Ist das etwa ein verklausulierter Nazi-Vorwurf? Fußballfans aus soziologischer Sicht über einen Kamm geschoren mit den Hauptdarstellern des „Dunklen Kapitels deutscher Geschichte“?
Auch ich bin erst einmal überrumpelt. Gerade noch die Beteiligten der Sportpalastrede verteufelt - und jetzt? Einsicht, dass wir heutzutage manchmal nicht anders sind? Zuerst fühle ich mich ein wenig auf den Schlips getreten. Ist ein Fanmarsch zu vergleichen mit einer Propagandaveranstaltung? Werden Fußballer ähnlich glorifiziert wie die Übeltäter von damals? Entsteht ein Fangesang aus derselben Dynamik heraus wie damals die Stimmung im Sportpalast? ‚Nein, das kann nicht. Das ist zu simpel‘, lautet mein erstes Urteil.
Aufgewühlt gehe ich darauf nach Hause und lasse mir das ganze erneut durch den Kopf gehen. Beharrlich wälze ich im ritualisierten Ablauf eines Stadionnachmittages und stoße auf das Szenario unmittelbar vor dem Anpfiff. In Gladbach übernimmt der Stadionsprecher – natürlich nur im übertragenen Sinne – die Rolle des Propagandaministers. Reihum fragt er jede der vier Tribünen: „Seid Ihr bereit?“. Und das nicht leise und nüchtern, sondern euphorisiert und aufgeputscht von der Vorfreude aufs Spiel. Ebenso vehement entgegnen Westen, Süden, Osten und Norden ein unbezwingbares „Jaaa!“. Tausende reckende ihre Hände vor Freude in die Höhe. Wer samstags um 15:23 Uhr als Uneingeweihter vor dem Borussia-Park weilt, könnte leicht zu dem Schluss kommen, im weiten Rund halle gerade Goebbels‘ Sportpalastrede aus den riesigen Lautsprechern. Doch was ähnlich klingt, hat nicht automatisch dieselbe Bewandtnis.
In vielen anderen deutschen Stadien ist es mittlerweile zur Gewohnheit geworden, nach einem Treffer des Heimteams drei- oder gar viermal den Vornamen des Torschützen ins Mikro zu schreien. „Piotr?!“ – „Trochowski!!!“ – „Piotr?!“ – „Trochowski!!!“ – „Piotr?!“… An dieser Stelle bin ich immer wieder erleichtert, dass Hubertus Heil nicht in der Bundesliga spielt. Kein schöner Gedanke, wie die Torfeierlichkeiten beim SPD-Generalsekretär klingen würden. Einen Namensvetter hat der Fußball bislang übrigens noch nicht gesehen. Wie oben gilt: Was ähnlich klingt,…
Der Fußball als Massenbewegung, die alle Teile der Gesellschaft einnimmt, die aus einem schlechten einen guten Tag machen kann (oder andersherum), in der es keine Rolle spielt, wie Du heißt, was Du von Beruf bist und wie viel Du verdienst – Stoff für ganze Bücherbände und Diplomarbeiten im Überfluss. Denn in der Kurve sind schließlich alle gleich. Gleicher zumindest als im „echten“ Leben. Genau aus diesem Grund jedoch darf man den Fußball nicht so einfach in eine Schublade stecken mit anderen Massenbewegungen der Geschichte, die anders als er selbst resolut zu verteufeln sind.
Noch kann ich es mir aussuchen, ob ich ins Stadion gehe. Der Fußball ist nicht die Gesellschaft, nicht das wahre Leben, obwohl sein Anspruch und seine Ausmaße derart große Kreise ziehen, dass man manchmal selbst nicht daran glaubt. Trotz allem bleibt jene Geschichtsstunde im Gedächtnis. Trotz allem bleibt es beklemmend, 40.000 Leute inbrünstig „Jaaa!“ schreien zu hören. Auch wenn es „nur“ Fußball ist – und es hoffentlich immer bleibt.
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Jannik
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One in a million?
Eintracht Frankfurt - Bayer Leverkusen 0:2
Bayer Leverkusen - 1.FC Köln 2:0
Werder Bremen - Bayer Leverkusen 0:2
Bayer Leverkusen - VfL Wolfsburg 2:0
Quizfrage des Tages:
Hatte bis gestern jemals ein Bundesliga-Team mindestens vier Spiele in Folge mit demselben Resultat bestitten?
Antworten gerne als Kommentar oder per Mail an entscheidend-is-aufm-platz [at] gmx.de
Sollte es das tatsächlich schon einmal gegeben haben, werde ich demjenigen, der es rausfindet, und belegt eine Postkarte aus dem beschaulichen Anratt schicken. Sorry, mehr ist nicht drin. Die Toyota Corollas hat mir die Sportschau bereits abgekauft. Geldpreise sind nicht drin. Die Kohle brauch' ich noch für die Fernsehrechte.
Eingestellt von
Jannik
um
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