Sonntag, 22. Februar 2009

Schale zu verleihen

Bayern München wird nicht Deutscher Meister. Nehmen wir jetzt einfach mal an.

Und um die Sache etwas philosophisch anzugehen: Es muss demnach ein anderer werden.

Die heißesten Kandidaten, mit jeweils höchstens sechs Punkten Rückstand zur Tabellenspitze, wären:

1899 Hoffenheim: im Falle einer Meisterschaft der zweite Aufsteiger in 46 Bundesliga-Spielzeiten, dem der Titelgewinn gelingt

Hertha BSC Berlin: zuletzt 1931, vor 78 Jahren, Deutscher Meister - die zweitlängste Durststrecke aller aktuellen Bundesligisten, die in ihrer Geschichte schon einmal den Titel holten (12); führend ist der Karlsruher SC, der 1909 jedoch noch den Vor- und Zunamen "Phönix" trug

Hamburger SV: seit mehr als einem Vierteljahrhundert ohne Schale, seit 1987 ohne Titel

Bayer Leverkusen: bekanntlich noch ohne Meisterschaft in der 105-jährigen Vereinsgeschichte, dafür mehrfach nah dran

VfL Wolfsburg: die Wikipedia notiert bei "Erfolge" unter anderem Wolfsburgs Errungenschaft,"Gründungsmitglied der 2. Bundesliga: 1974" gewesen zu sein; mehr sei an dieser Stelle nicht gesagt

Sollten die Bayern also tatsächlich nicht den Titel holen - obwohl Christoph Daum gestern ja angeblich beim "kommenden deutschen Meister" gewonnen hat -, dürfte der stellvertretende Titelträger auf jeden Fall die Adjektive "überraschend" und "unerwartet" auf sich ziehen, vielleicht sogar "sensationell". In einigen Fällen könnte auch ein seufzendes "endlich" zu vernehmen sein.

Falls ein anderer, an dieser Stelle nicht genannter Verein am Ende die Nase vorn hat, gilt der erwähnte Adjektivkatalog übrigens erst Recht. Nach 21 Spieltagen sieben und mehr Punkte im Hintertreffen? Da wird dann doch eher die Hertha Meister.

Samstag, 21. Februar 2009

Mannschaft der Stunde (15)

Manchester United

Eigentlich ist der FC Barcelona – am 26. Oktober, also vor fast vier Monaten, zur „Mannschaft der Stunde“ gekürt – noch immer nicht endgültig weg vom Fenster in dieser Kategorie. Seit nunmehr 22 Ligaspielen sindwaren die Katalanen ungeschlagen, der Vorsprung auf Platz zwei liegt bei sieben Punkten, obwohl Real Madrid als Verfolger einen ebenfalls überragenden Lauf erwischt hat. Barca hat das Stadtderby gegen Espanyol heute jedoch mit 1:2 verloren, weshalb es an der Zeit ist, den Status einer Mannschaft vom anderen Stern erst einmal ad acta zu legen.

Mit mittlerweile neun Siegen in Serie bei einem Torverhältnis von 22:2 wäre der „königliche“ Erzrivale aus Madrid ein würdiger Nachfolger – wenn es nicht eine Mannschaft in England gäbe, die derzeit sowas wie die oberste aller Übermannschaften repräsentiert. Manchester United hat nicht nur die letzten zehn Premier-League-Spiele allesamt für sich entschieden (was an sich schon genügen würde, um Real Madrids Argumente zu überbieten), sondern wettbewerbsübergreifend nur eines der letzten 24 Pflichtspiele verloren und 13 von 15 Ligapartien gewonnen.

„Nur“ 26 erzielte Tore in jener Zeit beeindrucken in Relation zu den anderen Errungenschaften nicht unbedingt. Vielmehr ist es die United-Defensive, die seit November 2008 für Furore gesorgt und Rekorde am laufenden Band gebrochen hat. Roque Santa Cruz sorgte heute mit dem 1:1-Ausgleich seiner Blackburn Rovers in Old Trafford dafür, dass das dominierende Thema in Sachen ManU von nun an wieder ein anderes sein kann.

1334 Minuten, mehr als 22 Stunden oder fast genau 15 Partien hat es gedauert, bis das Team von Sir Alex Ferguson wieder einen Anstoß ausführen durfte, der weder zu Beginn der ersten noch zu Beginn der zweiten Halbzeit stattfand. Der Europarekord von Dany Verlinden – jawoll, der „Riese“ oder auch „die Wand“ aus Belgien – wurde damit auf den ersten Blick um 56 Minuten verfehlt. Doch Edwin van der Sar hat trotz des Gegentores durch Santa Cruz weiterhin die Möglichkeit, sich zum kontinentalen Rekordhalter aufzuschwingen: Heute Abend wurde er geschont und vom Polen Tomasz Kuszczak vertreten – als habe es Ferguson drauf angelegt, die Minutenzählerei zu beenden, ohne gleichzeitig Punkte liegen zu lassen.

Premier League, England, Großbritannien und demnächst vielleicht ganz Europa – Edwin van der Sars Feldzug in Sachen Gegentorlosigkeit ist noch nicht vorbei. Zur Belohnung gibt es einen Platz in der ehrwürdigen Sidebar dieses Blogs für ihn und seinen Verein als „Mannschaft der Stunde“.

Sonntag, 15. Februar 2009

Mission 40/20: Mehr Bailly als Verstand

Gladbach holt in Bremen einen Punkt und wird sich noch lange fragen, wie das nur passieren konnte. Warum Rolf Zuckowski es diesmal ernst meint, Deo-Roller nur bedingt zum Telefonieren taugen und Logan Bailly nicht allein für einen sauberen Kasten, sondern für SED-Verhältnisse im Internet sorgt.

Halbzeit in Krefeld. Der TV Boisheim liegt gegen die Gastgeber aus Oppum mit 8:9 im Hintertreffen. Vierzehn Handballer zwischen 19 und 52 Jahren schleppen sich japsend zur Bank, während die geschätzten 18 Zuschauer sich auf eine schnelle Pausen-Kippe nach draußen verziehen. Auch in der Kreisliga D herrscht in Sporthallen striktes Rauchverbot, selbst in kargen Gebäuden wie der Halle an der Schmiedestraße, gegen die jedes halbwegs in Schuss gehaltene Gefängnis noch einladend wirkt.

Plötzlich stiehlt sich der Spieler mit der Nummer 9 unbemerkt davon. Erst wühlt er ein paar Sekunden lang scheinbar desorientiert in seiner Tasche, dann zückt er ein kleines, schwarzes Handy und legt beim Entriegeln der Tastensperre eben jene Schnelligkeit an den Tag, von der in den dreißig Spielminuten zuvor rein gar nichts zu sehen war. „Mama“ hat geschrieben, um 16 Uhr 12 und 34 Sekunden. „Meyer merkt nach 40 Minuten, dass man nur mit einem Tor gewinnen kann und nimmt Jantschke raus. Olli kommt“, vermeldet der heimische Ergebnisdienst von der Wohnzimmercouch die Neuigkeiten aus Bremen. Zur Pause steht es 0:0.

Schon dreizehn Minuten zuvor hatte es geheißen: „Bisher ermauern wir uns einen Punkt – ohne Marin, mit Colautti, Jantschke und viel, viel Glück“. Um sieben nach vier, nach einer guten halben Stunde im Weserstadion, dann ein erster Hinweis auf den Hauptdarsteller eines merkwürdigen Fußballspiels: „Ohne Bailly könnten wir schon nach Hause fahren“. Wohl dem, der eine Mutter hat, die man nicht vor den Fernseher zerren und mit Instruktionen über die Funktionsweise eines Premiere-Decoders versorgen muss. Im Gegenteil.

Klingt irgendwie nach einer schnulzigen Hommage aus einem Rolf-Zuckowski-Lied (‚Wenn ihr so eine Mami habt, dann nehmt sie in den Arm…‘), spiegelt aber aufrichtige Dankbarkeit gegenüber meiner temperamentvollen Sitznachbarin aus dem Stadion wider, ohne die ich sicherlich nie so verrückt geworden wäre, sonntagabends nach Rouladen mit Sauerkraut seitenlange Abhandlungen über die Spiele meiner, ihrer und unserer Borussia zu verfassen.

Immerhin wären die ersten Absätze dieses Textes ohne sie nie zustande gekommen (die folgenden im Prinzip auch nicht). Und ausführliche Beschreibungen der zweiten Halbzeit aus der Gefängnishalle in Krefeld-Oppum will nun wirklich niemand lesen. Auch wenn der TV Boisheim trotz seines motorisch wenig begabten Linkshänders im rechten Rückraum das Spiel mit 21:19 für sich entscheiden und damit auf einen vorderen Mittelfeldplatz springen wird – als Dritter von sieben.

Es ist durchaus als positives Zeichen zu werten, dass der besagte Spieler mit der Nummer 9 keine weitere SMS auf seinem Handy vorfindet, als er ein paar Minuten vor Schluss völlig entkräftet den Platz verlässt und erneut in seiner Tasche kramt. Um 16:47 Uhr ist das Festival des feinen Kreisligahandballs vorbei. An der Weser nichts Neues.

In der Kabine vibriert es erst wieder um 17:01 Uhr. Die Nummer 9 kommt gerade vom Duschen und zeigt sich erleichtert über die anhaltende Torlosigkeit im hohen Norden. Die Idee vom mit Klebeband am Körper befestigten Mini-Radio war relativ schnell verworfen worden. Ein wenig Schwitzen war ja doch nicht verkehrt, worüber sich das Radio nicht allzu sehr gefreut hätte.

Bremen hat laut Ergebnisdienst mittlerweile 20:3 Torschüsse und nähert sich auch beim Eckenverhältnis unaufhaltsam der Dreistelligkeit. Nur zwei Minuten später heißt es erneut „Sie haben Post“ und diesmal kippt unser Hauptdarsteller beinahe aus den Adiletten. Zwei Zahlen, getrennt durch ein Leerzeichen, erscheinen auf dem Bildschirm. Alleine die Reihenfolge sorgt für Entsetzen: „1 0“. Es musste ja so kommen. Nach 67 Minuten in Stuttgart dürfte das antike Bollwerk um Mittelläufer Galasek diesmal bis eine Viertelstunde vor dem Ende standgehalten haben. Das Zu-Null in der Fremde lässt demnach noch mindestens zwei Gastspiele oder auch 82+8+90 Minuten auf sich warten.

In Bremen scheint die Partie um 17 Uhr also gelaufen zu sein. Bei bislang drei Torschüssen wird wohl kaum der vierte zum postwendenden Ausgleich führen. Doch nur weitere zwei Minuten später vibriert es erneut in der ominösen Sporttasche. Die Nummer 9 sucht zunächst völlig entgeistert die grüne Taste und merkt erst nach wenigen Sekunden, dass sie den Deo-Roller in der Hand hält. Aber der Griff zum kleinen Schwarzen erfolgt gerade noch rechtzeitig, um die frohe Botschaft in Kabine und Dusche zu verbreiten: „Bradley, Brust, Ausgleich“. Selten war ein Trikolon so wohltuend. Die Fernsehbilder am Abend lassen den Konservatismus dreimal hochleben. Denn zum Glück ist Bradley Brustwarze nicht gepierct – der Ball wäre unter Umständen vorbei gegangen.

Noch acht Minuten sind im Weserstadion zu spielen, als die Nummer 9 im Auto Platz nimmt und sich der Schlusskonferenz auf WDR 2 widmet – mit der Gewissheit, erstmals seit September 2006, erstmals seit 83 Ligaspielen weder im Stadion noch vor dem Fernseher sitzen zu können. Nicht einmal für wenige Sekunden. Seinerzeit hatte der Ergebnisdienst die Botschaft von einer 2:4-Pleite in Aachen überbracht – in der Berliner S1, irgendwo zwischen Potsdamer Platz und Friedrichstraße.

Wenige Augenblicke vor dem Schlusspfiff taucht Steve Gohouri – angeblich – frei vor dem Tor von Tim Wiese auf. So richtig will ich es dem Mann im Radio nicht abnehmen. Selten habe ich mich so blind und hilflos gefühlt. Die offizielle Kunde vom endgültigen Abpfiff gibt es erst nach ein bisschen WDR-Weichspülmusik, als Sven Pistor die Ergebnisse verliest. Ein Punkt in Bremen – allem Anschein nach mit mehr Bailly als Verstand. Selbst ohne herausragende Reflexe wäre es bemerkenswert, sich gleich im Dutzend anschießen zu lassen. Doch Gladbachs neuer Keeper hat eine Leistung auf den Rasen gezaubert, für die sogar Hans Meyer das Prädikat „Weltklasse“ zückt.

Zur Sicherheit kann man die titanische Leistung des Belgiers auf der Borussia-Homepage noch offiziell absegnen. Die Frage nach dem besten Defensivspieler gegen Bremen beantworteten bis Sonntag, 20:25 Uhr, genau 13471 Besucher mit „Logan Bailly“. Die anderen drei Kandidaten kommen zusammen auf 426 Stimmen – SED-Verhältnisse mit der Glaubwürdigkeit eines notariell geprüften Lügendetektors. Den Hochrechnungen zufolge schwankte Baillys Stimmanteil zwischen 97,0 und 98,7 Prozent und hat sich mittlerweile bei ordentlichen 97,4 eingependelt. Steve Gohouri, derzeit Zweitplatzierter, plant dennoch eine millionenschwere Kampagne, um bis Donnerstag 20.000 Stimmen zu sammeln.

Bochums Sieg gegen Schalke und Karlsruhes Punktgewinn in Köln dämpfen die Freude über den geschenkten Auswärtszähler jedoch gehörig. Das 1:1 hat somit den Wert eines Brotlaibs für einen Ausgehungerten: Zum Sterben zu viel, zum Überleben zu wenig.

Auf Premiere lässt man zunächst in aller Seelenruhe die fünf anderen Partien Revue passieren, bevor das Gastspiel der Ausgehungerten bei den Durstigen auf dem Programm steht. Man munkelt, es sei im Ü-Wagen vor dem Weserstadion zu mehreren Kollapsen beim Schnitt der Zusammenfassung gekommen sein. Gut Ding will Weile haben. Doch sowohl dem Pay-TV als auch der Sportschau gelingt es nicht annähernd, das Duell „Bailly gegen den Rest der Welt“ greifbar zu machen.

Erst eine Art Schnelldurchlauf des Bremer Torchancentaifuns im Sportstudio lässt erahnen, was die Borussia sich in der Winterpause für einen Teufelskerl geangelt hat. Fans aus Genk werden demnächst die ganze Südkurve des Borussia-Parks annektieren, um die Wundertaten Baillys weiterhin zu bestaunen. Bleibt die Frage, ob sich zu sehr ausgeprägte Reflexe nicht nachteilig auf die Gesundheit auswirken können?

Am Sonntag gelingt es Bielefeld (bzw. Hamburg) wenigstens halbwegs, den Spieltag aus Borussensicht noch zum Guten zu wenden – trotz eines Punktgewinns in Bremen aus dem heitersten aller heiteren Himmel fällt das ziemlich schwer. Denn das Unentschieden von Cottbus in Dortmund vergrößert die Lücke zum Tabellensiebzehnten zeitgleich auf vier Zähler. Optimistisch stimmt es, dass Platz 17, 16 und 15 gleich weit weg sind. Dennoch verdunkelt sich der Himmel am Niederrhein von Spieltag zu Spieltag. Zwei Zähler zum rettenden Ufer haben sich in drei Spielen verdoppelt. Aus Punktgleichheit mit dem Siebzehnten ist ein Rückstand von vier Punkten geworden.

Jetzt kommt mit Hannover 96 eine Mannschaft in den Borussia-Park, die in dieser Saison eine Auswärtsseuche am Fuß hat, von der selbst der VfL in „besten“ Tagen nur hätte träumen können: ein Punkt, 4:24 Tore – was den Druck auf den gebeutelten Fohlenschultern nicht unbedingt in Luft auflöst. Für die Borussia geht es am Nelkensamstag um mehr als nur drei Zähler. Gefühlte zwölf stehen auf dem Spiel. Dazu lockt die Aussicht, mit Hannover einen weiteren Verein in unmittelbare Abstiegssorgen zu stürzen.

Auf das Trikot als Schlafanzugersatz werde ich nächsten Freitag getrost verzichten. Gegen Hoffenheim und Bremen brachte die kleine Reform des Aberglaubens jeweils ein 1:1. Und das würde gegen Hannover den Anfang vom Ende bedeuten. Samstag geht es schon fast um alles – am 21. Spieltag.

Franck und frei

25 Millionen Euro hat der FC Bayern im Sommer 2007 für Franck Ribéry überwiesen - ein Haufen Geld, der sich absolut bezahlt gemacht hat und dennoch seine Schatten wirft.

Und so hat er es mittlerweile geschafft, in den Mittelpunkt zu rücken, auch wenn er mal nicht einen seiner Über-Tage erwischt hat, an denen ihn kein Abwehrspieler der Welt so richtig zu stoppen vermag. Denn ein Ribéry, der nicht auffällt: das fällt auf.

Deshalb gilt beim 25-jährigen Franzosen durchaus die Faustregel "je mehr Erwähnungen im Spiel, desto herausragender seine Leistung". Solide Leistungen im Verborgenen, im Stile eines Didi Hamann oder Frank Baumann, sind beileibe nicht sein Ding.

In den letzten anderthalb Jahren ist er bei den Bayern der personifizierte Erfolg geworden und hat seinen Verein in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis gebracht. Die Lichtgestalt hat es schon immer gewusst, aber es wollte ja mal wieder keiner auf ihn hören: Der Rekordmeister ist ohne seine Nummer sieben nicht ein und derselbe.

Die Statistik zeigt sogar, dass ein wirkungsloser Ribéry für die Bayern schlechter ist als ein verletzter oder gesperrter. Dabei treffen sie ohne ihn noch häufiger, kassieren aber 50 Prozent mehr Gegentore.

Ohne Ribéry:
6 Sp. – 2S 3U 1N – 14:11 Tore – 9 Punkte – 1,5 Pkt. pro Spiel

Mit Ribéry:
14 Sp. – 9S 2U 3N – 29:17 Tore – 29 Punkte – 2,07 Pkt. pro Spiel

Mit Torbeteiligung von Ribéry:
8 Sp. – 7S 1U 0N – 22:9 Tore – 22 Punkte – 2,75 Pkt. pro Spiel

Mit Ribéry, aber ohne Torbeteiligung:
6 Sp. – 2S 1U 3N – 7:8 Tore – 7 Punkte – 1,17 Pkt. pro Spiel

Samstag, 14. Februar 2009

Leverkusen, wie es singt und lacht...

...und warum der moderne Fußball in Hoffenheim sich selbst ein Bein stellt.

Die TSG "1899" Hoffenheim liegt 1:4 zurück, in der Rhein-Neckar-Arena herrscht Totenstille - und das nicht erst seit dem vierten Treffer der Gäste durch Gonzalo Castro. Leverkusens Fans werden selbst verblüfft gewesen sein - zum ersten Mal in der 105-jährigen Vereinsgeschichte kam die Welt in den Genuss längerer Auszüge aus dem Bayer-Gesangskanon. Danksagungen nach Sinsheim-Hoffenheim!

Dafür gab es aber auch Aufruhr bei der DFL: Alle Zuschauer, die das Konfirmationsalter noch nicht erreicht haben, warfen heute hektisch verfasste Protestschreiben in den Briefkasten, weil sie noch nie davon gehört hatten, dass Bayer (04) Leverkusen den Vornamen "TSV" im Personalausweis trägt und nun einen Fanputsch witterten.

Das Wunder vonProjekt Hoffenheim steckt abseits des Platzes noch gehörig in den Kinderschuhen. Die beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit Fußball-Deutschlands wird dem Retortenbaby dennoch zuteil. Selbst beim Länderspiel in Düsseldorf, in der Montagsdemo-artigen Menschenmasse auf dem Weg zum Parkplatz, versuchen sich die Leute einen vermiesten Abend mit ein wenig Hoffenheim-Bashing schönzulachen.

(Jetzt bitte nicht mit Eiern werfen, ich halte mich nur an die gängige Chronistenpflicht.)

Ein Mittzwanziger in grauer Michelinmännchen-Gedächtnisdaunenjacke zu seinem Freund (Ende 20, gleiche Jacke, andere Farbe): "In Hoffenheim ist wirklich gar nichts echt, alles gekauft."
Michelin-Jacke II: "Warum das denn?"
Michelin-Jacke I: "Da schmuggelt niemand Bengalos ins Stadion, dafür haben die extra Nebelmaschinen."

Und selbst die Anhänger des fleischgewordenen modernen Fußballs tun sich mit den Gepflogenheiten desselbigen noch etwas schwer, wie ein Video im 11Freunde-Blog beweist.

Das Retortenkind ist also neben dem Platz und inzwischen sogar auf dem Platz etwas wacklig auf den Beinen. In der Regel ist es nur so, dass Retortenbabys mit ihrer Geburt von "traditionell" und völlig "romantisch" gezeugten Kindern nicht mehr zu unterscheiden sind.

Rekordmeister im Sechserpack - von Leipzig über Nürnberg bis München

Die Geschichte kaum eines anderen Fußballverbandes dieser Welt dürfte sich so zerstückelt lesen wie die des DFB. Politische, gesellschaftliche und sportliche Veränderungen gab es in den letzten 109 Jahren zu Hauf. Seit 1900 hat der größte Sportverband der Welt alleine sechs verschiedene deutsche Staatsformen miterlebt und überlebt (nach 1945 dauerte es jedoch vier Jahre, bis er seine Wiedergeburt feierte).

Die Antwort auf die Frage nach dem Rekordmeister ist so bekannt wie die Bundeskanzlerin. Doch wer dominierte eigentlich zu Kaisers Zeiten - nein, nicht in den 60ern und 70ern, sondern von der Gründung bis 1918? Wer hatte in der Weimarer Republik eine sportlich herausragende Zeit? Wer war oben auf von 1933 bis 1945, als auch der Fußball dunkle Jahre durchmachte? Wer hatte in den Nachkriegsjahren vor der Gründung der BRD die Nase vorn? An wem kam im geteilten Deutschland bis 1989 niemand vorbei? Und wer ist seit der Wiedervereinigung das Nonplusultra? Sechs Abschnitte in der Geschichte Deutschlands - sechs Rekordmeister.

Jahreszahlen beziehen sich auf die Meisterschaftsentscheidungen in jener Zeit

Deutsches Reich (1903-1914):
VfB Leipzig (3x)
Berliner FC Viktoria 1889 (2x)

1. Weltkrieg -
keine Austragung von 1915-1919

Weimarer Republik (1919-1932):
1. FC Nürnberg (5x)
SpVgg Fürth, Hamburger SV, Hertha BSC (je 2x)

Drittes Reich (1933-1944):
Schalke 04 (6x)
Dresdner SC (2x)

2. Weltkrieg und Nachkriegszeit -
keine offizielle Austragung von 1945-1947

Besatzungszeit (1948):
1. FC Nürnberg (1x)

Bundesrepublik Deutschland (1949-1989):
Bayern München (10x)
Borussia Mönchengladbach (5x)
Hamburger SV (4x)
VfB Stuttgart, 1. FC Köln, Borussia Dortmund (je 3x)
Werder Bremen, 1.FC Kaiserslautern (2x)

Wiedervereinigtes Deutschland (1990-2008):
Bayern München (10x)
Borussia Dortmund (3x)
VfB Stuttgart, 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen (je 2x)

PS: Demnach habe ich in meinem Leben erst fünf verschiedene Vereine mit der Schale in der Hand gesehen. In den letzten 40 Jahren holten gar nur acht verschiedene Klubs den Titel - alle mindestens zweimal. Da beschwere sich nochmal einer über die Top Four in England. Seit 1968 gab es dort übrigens gleich zehn verschiedene Meister.

Freitag, 13. Februar 2009

Krisengeschüttelt, wachgerüttelt

"...mit den wenigen Zuschauern, die wir weiterhin immer noch nicht haben."

Für alle, die sich in ihrer Freizeit gerne mit ägyptischen Hieroglyphen beschäftigen, ist dieses Satzende ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. So etwas kommt dabei herum, wenn man sich als Präsident von Greuther Fürth über die mauen Zuschauerzahlen beschweren will und mitten im Satz bemerkt, dass die 7.000 treuen Seelen zwischen den Zeilen nicht gerade enorme Wertschätzung herauslesen werden.

Wenn man bedenkt, dass zwei Drittel dieser Menschen Jahrgang 1920 und älter sein werden, sieht die Zukunft an den Fürther Ticketschaltern nicht gerade rosig aus. Immerhin war die SpVgg Fürth zu Zeiten der Weimarer Republik eine ganz große Nummer im deutschen Fußball. 1929 gab es den letzten Titel, die letzte von drei Meisterschaften - genau dann also, als die Welt in eine tiefe Depression stürzte und die größte Wirtschaftskrise bis heute durchmachte. 2009 könnte damit das Jahr der SpVgg werden. Zumindest Platz vier dürfte also sicher sein.

Donnerstag, 12. Februar 2009

Die Fünf-Prozent-Hürde gerissen

0:1 gegen Norwegen, die sechste Niederlage im 35. Länderspiel der Ära Löw. Fünf der sechs Bezwingerteams spielten in roten Trikots. Wer der Nationalelf jetzt einen Farbkomplex einreden will, liegt jedoch falsch. Gestern zum Beispiel waren es angeblich nur "fünf bis zehn Prozent", die den Unterschied machten.

Mittwochabend, 19:07 Uhr, irgendwo zwischen A44 und LTU-Arena. Uneingeweihte könnten leicht auf die Idee kommen, Düsseldorf bewerbe sich für die kommende Loveparade. Auf den Parkplätzen wimmelt es von Menschen in Neon-Regenjacken mit roten Leuchtstäben in der Hand (dafür sind sie jedoch mindestens 30 und sowohl clean als auch nüchtern). Hektisch weisen sie Hunderten von LED- und Xenon-Augenpaaren den Weg, bis alles wirklich an seinem Platz ist.

Diese Akribie könnte darauf hinweisen, dass sich Düsseldorf so sehr über 45.000 Zuschauer freut, weil ansonsten selten mehr 15.000 zum Fußball in die LTU-Arena pilgern. Doch wer Jahr für Jahr Zehntausende Grönemeyer-, Genesis- und Alles-was-sonst-noch-Rang-und-Namen-hat-Fans abfertigt, wird es wohl leicht mit ein paar Fußball-Zuschauern aufnehmen. Ihre Leuchtstäbe strahlen Ruhe und Routine aus, Düsseldorfs Parkplatzeinweiser verstehen etwas von ihrem Werk.

Warum all die Lobhudelei für ein paar Männer in orangen Westen? Es soll ja wenigstens etwas Positives von diesem Länderspielabend zu lesen geben. Denn schon beim Schließen der Autotür geht es los mit der Flut schlechter Nachrichten. Die erste kommt sofort von oben – es regnet in Strömen. Mein schwarzer Regenschirm aus dem 1-Euro-Laden, der schon beim reinen Betrachten die Frage aufwirft, wie man für einen Euro einen vernünftigen Regenschirm herstellen kann, liefert die passende Antwort gleich mit: Gar nicht. Ein paar Fasern halten tatsächlich das Wasser zurück. Ansonsten ähnelt er eher einem weitmaschigen Netz.

Meine viel zu alte und viel zu kurze Windjacke kapituliert schon nach wenigen hundert Metern. Das zähe Gemisch aus Regen, Schnee und Hagel ist einfach zu viel. Doch durchnässte Kleidung stellt bei weitem das geringste Übel dar, mit dem man sich bei einem Stadionbesuch in Düsseldorf Mitte Februar auseinandersetzen muss. Das Stadiondach war seit Tagen geschlossen geblieben, die Luft mächtig aufgeheizt worden. Von innen ähnelt die Arena einem Urlaubsflieger der namensgebenden Fluggesellschaft. Die angekündigten 18 Grad Lufttemperatur werden zumindest gefühlt um einiges übertroffen. Man könnte meinen, Jogi Löws Sponsor – ein großes Reiseunternehmen mit drei Buchstaben – habe all das veranlasst, um die hartgesottenen und kälteresistenten Norwegen zu schwächen. Aber bloß keine Extras, Herr Löw.

Der geneigte Zuschauer, der sich ursprünglich dafür entschieden hatte, dem Spiel einer Outdoor-Sportart beizuwohnen, fühlt sich also schon nach wenigen Minuten wie ein Hähnchen in der Imbissbude – massive Heizstrahler von allen Seiten, mit dem Unterschied, dass sich (noch) nichts dreht. Doch was bitte soll das für ein Stadionbesuch sein, wenn man sich drinnen (was in Bezug auf Fußball schon ein ziemlich abstraktes Wort ist) mindesten zwei von drei Schichten des gewohnten Zwiebellooks ausziehen muss, um den Anpfiff überhaupt noch mitzubekommen – ohne mit Pommes und Mayo auf einem Plastikteller zu landen?

Und halb neun beginnt dann tatsächlich das, was sich zuvor als Höhepunkt und Main Act des Abends angekündigt hatte: Deutschland gegen Norwegen, das aufgrund der sommerlichen Temperaturen kurz vor der Umbenennung in Südwegen steht. Das, was sich über 90 Minuten auf dem frisch verlegten Rasen abspielt, ist dann schlichtweg die Erfindung der Ereignislosigkeit. Ein Festival der Behäbigkeit. Ein Revival alter, eigentlich längst vergessener und vor allem verdrängter Tage. Es hat etwas von Island 2003, nur ohne Völler und ohne Weißbier, dafür mit Zuschauern im Stadion.

Die großzügig gerundeten 45.000 machen sich jedoch schon nach zwanzig Minuten auf die mentale Heimfahrt. Pfiffe sind zwar „populistische Scheiße“. Aber es gibt eben auch Tage, an denen sie zum einzigen Ventil angestauter Wut und Verständnislosigkeit werden. Ich selbst kann gar nicht pfeifen. Aber an Abenden wie diese könnte ich es problemlos lernen. Übung macht den Pfeifer.

Kurz vor der Halbzeit hat Deutschland seine beste Szene des Spiels. Der schmächtige Akteur mit der Nummer 20 auf dem Rücken fasst sich endlich ein Herz und zieht aus 30 Metern ab. Unaufhaltsam nähert sich das Spielgerät seinem Ziel, huscht an etlichen Verteidiger-Beinen vorbei und trudelt langsam dahin. Nach 34 Sekunden Flugzeit landet der Papierflieger schließlich im Mittelkreis, nur Zentimeter vom Anstoßpunkt entfernt. Welch ein Wurf! Welch ein Flugobjekt! Die Kurve tobt, der Werfer mit der herausragenden Falttechnik und dem beeindruckenden Auge fürs Spielgeschehen wird auf Händen getragen. ‚Michi K. Papierfliegerbastelgott‘, hallt es durchs weite Rund. Dann ertönt der erlösende Halbzeitpfiff. Es wird still. Alle schlafen wieder ein oder vertreten sich die Beine – reine Thrombose-Prophylaxe.

Selbst ein paar Hacker, ansonsten die personifizierte Umtriebigkeit, sterben am heimischen PC vor Langeweile. Was tun? Auf die ZDF-Homepage zugreifen und beim Politbarometer die Umfragewerte von CDU und SPD vertauschen? Auf SpOn vermelden, dass sich Bayern von Deutschland abspalten will? Oder vielleicht doch auf der Schalke-Website die Entlassung von Kevin Kuranyi ankündigen?

In Düsseldorf ist die deutsche Nationalmannschaft derweil keinen Schritt weiter gekommen. 71 Prozent Ballbesitz für Schwarz-Rot-Gold. Dank Grindheims 1:0 weist Norwegen einen unglaublichen Wert von sieben Ballkontakten pro Treffer auf. Bezeichnend, dass Keeper Jarstein so oft am Ball ist wie kein anderer seiner Kollegen. Bezeichnend, dass es selten Torchancen des Gegners sind, die ihn an den Ball kommen lassen. Bezeichnend, dass sich die anwesenden Fortuna-Fans kurz vor dem Gegentreffer den Gesangskanon unter den Nagel reißen und lauthals ihre 95er nach vorne treiben. „Fortuna“ heißt im Norwegischen wohl ungefähr soviel wie „auf geht’s ihr Roten, schießt ein Tor und setzt diesem Grottenkick die Krone auf“. Die Mannen in Rot gehorchten brav.

Klischees sind ja vermeintlich falsch, überflüssig und in Bezug auf Frauen und Mädchen häufig chauvinistisch angehaucht. Mehr als 70 Minuten lang habe ich mich also dafür gegeißelt, dass ich mich gefragt habe, ob die drei jungen Damen hinter mir nicht gerade viel lieber „Desperate Housewives“ gucken würden als dieses unterirdische Fußballspiel mitanzusehen. Doch dann ergreift eine von ihnen plötzlich das Wort und konstatiert mit frustrierter Stimme: „Da hätte ich auch zuhause bleiben können – ‚Desperate Housewives‘ gucken“. Puh, ich bin doch kein Unmensch.

Wenige Minuten vor dem Ende macht es Jogi Löw dann auf die türkische Art und bindet Mesut Özil bis an sein Lebensende an die deutsche Nationalmannschaft. Die Zukunft wird zeigen, ob dieser Abend der schlechten Nachrichten und Fügungen nicht doch etwas Positives an sich hatte. Zur zweiten Halbzeit war Andreas Beck gekommen und hatte ebenfalls sein Debüt gefeiert. Seine Leistung war nicht gerade hauptverantwortlich für diese Erkenntnis, aber er könnte endlich das Lahm-Pendant sein, das wir im Prinzip seit Erfindung der Viererkette suchen und bislang nicht annähernd gefunden hatten.

Jener hochgelobte Philipp Lahm verpasste dem Spiel im Interview sogar noch eine brisante verbale Note. „Fünf bis zehn Prozent“, ließ er verlauten, „fehlen bei einem solchen Spiel immer.“ Nicht unbedingt erleichternd, dass selbst 90 Prozent gegen zweitklassige Norweger, die zudem mit einer besseren B-Elf antraten, nicht zum Sieg reichen.

Heute bei der Arbeit bin ich dem Spar-Prinzip ausnahmsweise auch einmal gefolgt und habe alles 5 bis 10 Prozent langsamer gemacht. Ich fuhr also noch mit dem Kaffeewagen über den Stationsflur, als plötzlich meine Kollegen an mir vorbeizogen, wortlos ausstempelten und sich auf den Nachhauseweg machten. Was? Schon vier Uhr? Tatsächlich! Und das alles, weil es heute keine Sahnetorte zu verteilen gab, nur trockenen, abgepackten Kuchen von ALDI. Und wenn der auf dem Rollwagen liegt, kann ich mich irgendwie nie so richtig motivieren.