Dienstag, 18. März 2008

Österliche Frühstücksverwirrung

Lothar Matthäus - ein "Feingeist"? Fehlersuche am Morgen.

"Matthäus - Feingeist und großer Redner", schreibt die Rheinische Post heute morgen in großen Lettern und widmet dem Thema gleich eine ganze Seite.
'Oh nein', denke ich noch etwas verschlafen. 'Was haben die denn getrunken? Feine Technik, mag sein, aber Feingeist?'
Dann lichten sich die Fragezeichen jedoch allmählich: "Wie er gearbeitet hat, machen vor allem seine Wunder-Erzählungen deutlich."
Ok, jetzt macht Herr Voss von der RP endlich mal Nägel mit Köpfen und spricht aus, was wir alle denken. Matthäus' "Wundererzählungen" sind schließlich wöchentlich in der Sport-Bild zu lesen und zu bemitleiden. Wenn der große Fußball- und Frauenversteher dann die dritte Person Singular auspackt, von sich selbst nur noch als "ein Lothar Mätthaus" souffliert und resümiert, was der nötig habe und was nicht, ist scheinbar nichts mehr vor seiner "Aura" sicher.
Als im großen RP-Artikel, dann zum ersten Mal die Worte "Jesus" und "Evangelium" auftauchen, wird sogar mein verschlafenes Hirn am Frühstückstisch stutzig. Mein Blick schweift in die rechte obere Ecke der Seite. "Die Geheimnisse der Bibel" steht dort. Erleichtert stelle ich fest, dass Herr Voss sich passend zu Ostern mit den Geschichten der vier Evangelisten auseinandersetzt - und Matthäus war nunmal einer davon. Also der Matthäus Matthäus, nicht der Loddar.
Obwohl dem Loddar eine derartige Story über sich selbst, mit Sicherheit nicht missfallen hätte.

Montag, 17. März 2008

Wortspielzirkus "Kommentatori" (1)

"Drücken wir Hunt die Daumen."

- Tom Bayer beim Spiel Bremen-Wolfsburg auf Premiere.
Oder schütteln wir doch lieber Daum die Hand? Verwirrend...

Sonntag, 16. März 2008

Un Botellazo, Por Favor

Bilbaos Keeper Armando wird den wurfwütigen Betis-Fan wohl kaum darum gebeten haben, ihn mit einem zielgenauen Flaschenwurf niederzustrecken und damit die Partie am gestrigen Abend nach 68 Minuten vorzeitig zu beenden. Dennoch befindet sich Spaniens Fußballwelt nach einem erneuten „Botellazo“ in Aufruhr und ruft nach harten Strafen – für Täter und für Betis. Denn den letzten Flaschenwurf gab es ebenfalls in deren Stadion „Ruiz de Lopera“.

Sevilla im Juli – von den einst 14,8 Millionen Grad, mit denen die Sonnenstrahlen ihren Weg gen Erde angetreten haben, kommen immerhin noch 43 auf andalusischem Boden an. Der Schweiß flutet aus allen Poren. Allein ein kühlendes Wasser schafft einen Hauch von Abkühlung.
Wenn es auf den Frühling zugeht, klettert das Thermometer im Süden der iberischen Halbinsel immerhin bereits auf 22°C. Für die kleinen Wasserflaschen, die uns allen schon einmal eine willkommene Abkühlung im Urlaub bereitet haben – schlicht, ohne Kohlensäure, aber immens erfrischend –, finden sich in dieser Jahreszeit anscheinend nicht genügend Abnehmer.

Warum sonst sollte der 40-jährige Betis-Fan mit der grün-schwarzen Baseball-Cap eines dieser aerodynamischen und offenbar absolut flugfähigen Modelle so zweckentfremden und Bilbaos Torwart Armando mit einem gezielten Wurf aus geschätzten neun Meter eine Platzwunde am rechten Auge, die mit sechs Stichen genäht wurde, und eine Verletzung der Netzhaut zufügen? Geisteskrankheit, Wahnsinn und das Bedürfnis, einmal vor laufenden Kameras in einem Stadion verhaftet zu werden, sind die einzigen Erklärungen, die mir momentan plausibel erscheinen.

Der Spanier hat sogar ein eigenes Wort für einen harten Flaschenwurf mit anschließendem Niedergang – „botellazo“. Büchsen (wobei das ja eher eine Legende ist), Golfbälle – auch die Bundesliga hat schon merkwürdige und blutbadverursachende Wurfgeschosse erlebt. Doch einen gezielten und alles andere als anonymen Wurf mit einer Flasche hat es dort in 45 Jahren (Gott sei Dank) noch nicht gegeben. Im Ruiz de Lopera zu Sevilla war es bereit der zweite innerhalb eines Jahres. Zuletzt wurde der damalige Trainer von Betis’ Stadtrivale FC Sevilla, Juande Ramos, in einem Spiel der Copa del Rey niedergestreckt.

Bleibt nur noch eine Frage zu beantworten: Warum versucht ein so zielgenauer Werfer (aus neun Metern genau das Auge, in diesem Fall die „10“, zu treffen, ist zugegeben schon bemerkenswert) sein Glück nicht lieber im nächsten Pub beim Dart und lässt Fußball einfach Fußball sein? Flaschenbier ist dort sogar erlaubt...

Wie die Faust aufs Auge (6)

"Cottbus zu stark für die Bayern"- vermeintlicher Wortdreher im ZDF-Videotext, aber, wie wir wissen, nichts anderes als die Wahrheit und das unumstrittene Highlight des Spieltages. Wer bis gestern im Urlaub war, wird diese Nachricht mit Sicherheit für einen verfrühten Aprilscherz halten.

Samstag, 15. März 2008

Fohlengeflüster (18):
Keine Macht der Hängepartie

Man sieht sich immer zweimal im Leben – oder eben auch in einer Saison. Das muss nicht nur für zwei Vereine gelten, sondern kann sich auch auf die Art und Weise beziehen, in der ein Spiel über die Bühne gebracht wird. Einen locker langweiligen Erfolg mit frühen Tor und weißer Weste – das legte die Borussia in Augsburg nicht zum ersten Mal hin.

Eine Saison hat 34 Spiele, ist dementsprechend ziemlich lang. Und so verwundert es wenig, dass vereinzelte Partien zwar auf dem Spielberichtsbogen erfolgreich verlaufen, aber dennoch in die Kategorie der weniger bewegenden oder herausragenden Leistungen fallen. Genauso wenig wie jeder von 365 Tagen im Jahr Action ohne Ende, unglaubliche Glücksgefühle oder unerwartete Wendungen bereithalten kann, ist es unmöglich für einen Verein, seine Fans Woche für Woche so in Ekstase zu versetzen, dass man meint Meisterschaft und Pokalsieg fallen auf einen Tag. Ohnehin zehrt man von nervenaufreibenden, überragenden Spielen wochenlang, weshalb dies auch gar nicht vonnöten erscheint.

Nach 90 Minuten ohne Grund zur Aufregung – sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht – setzt Schiedsrichter Gagelmann im Augsburger Rosenaustadion mit seinem Pfiff den Schlussstrich unter eine Partie, die letzten Endes vor allen Dingen eins gebracht hat: Drei Punkte und die Erkenntnis, dass der VfL spätestens jetzt zurück in die Spur gen Wiederaufstieg gefunden hat. Spiele dieser Art, die unseren Blutdruck konstant auf so einem geruhsamen Level halten, dass die Lebenserwartung kurzfristig auf 124 Jahre katapultiert wird, bedürfen zweier Dinge. Erstens muss ein frühes Tor her. Zweitens geht nichts über eine weiße Weste in der Defensive.

Da die Statistik bisher sieben Spiele verzeichnet, in denen am Ende bei Gladbach die Null stand, fallen 16 der bisher 23 Saisonspiele schon einmal nicht in dieselbe Kategorie wie das unspektakuläre 2:0 der Borussia beim FC Augsburg. Insgesamt endeten davon zwei Partien 0:0, gegen Aue fiel das 1:0 nach 33 Minuten, in St.Pauli erst kurz vor der Pause. Allein den Weg zum Kantersieg in Koblenz und zum 3:0 zuhause gegen Offenbach hat die Borussia durch einen Treffer geebnet, der nach höchstens einer Viertelstunde fiel.

Bedenkt man nun, dass auf Röslers Führungstreffer nach zehn Minuten und einer zielgenauen Marin-Flanke „nur“ noch ein weiterer folgt, ähnelt der Auftritt der Borussia demnach am meisten dem schonend leichten Sieg gegen die Kickers aus Offenbach. Und weil die Borussia ihre Stärke auf fremdem Platz einmal mehr zur Schau stellt, sind auch Parallelen zum überraschend mühelosen Erfolg am Hamburger Millerntor nicht zu verkennen.

Gohouri und Brouwers halten hinten alles zusammen, Bögelund und Daems lassen auf Außen nichts anbrennen, Paauwe zeigt „sein bestes Spiel in der Rückrunde“, wie Jos Luhukay später zu Protokoll gibt. Dass Gladbach in der ersten Hälfte einzig und allein die Ausflüge von Augsburgs Zwei-Meter-Hüne Benschneider fürchten muss, überrascht nur unwesentlich.

Vorne wirbelt ein dribbelstarker Marin die Abwehr der Schwaben das ein oder andere Mal kräftig durcheinander. Auch er verdient sich zum ersten Mal in der Rückrunde Bestnoten und ist Gladbachs bester Mann in der ersten Hälfte – vor allen Dingen, weil Übersicht an die Stelle von Übermut tritt und Ballverluste von einer ansonsten beruhigenden Effektivität ausbalanciert werden.

Nach der Pause hat Rob Friend seinen großen Auftritt und spätestens nach seinem ansatzlosen Schuss zum entscheidenden 2:0 zweifelt niemand mehr daran, dass der Kanadier wirklich nur vier Torschüsse pro Treffer benötigt. Da es sein 14. Saisontor gewesen ist, werden auch mathematisch Kleinrentner errechnen können, dass Gladbachs bester Torjäger über den Daumen gepeilte 56 Torschüsse in dieser Saison abgegeben hat. Angesichts seiner angesetzten Jagd auf Kölns Novakovic und dem damit verbundenen Kampf um die Torjägerkrone fallen die einst angestellten Vergleiche mit Kahê fast unter die Kategorie „Majestätsbeleidigung“.

Mit rechts, mit links und, bei 195 cm Körpergröße relativ selten, mit dem Kopf – Friend trifft, wie er will. Sein Treffer gegen Augsburg, bei dem der Ball fast zufällig nach einem scheinbar verunglückten Schussversuch von Rösler zu ihm kommt und er ihn direkt aus 14 Metern in die Maschen drischt, gehört zweifelsohne zu den sehenswerteren.

Anders als im Hinspiel verkommt das Spiel im Anschluss aber nicht mehr zur unnötigen Hängepartie. Der inzwischen wieder unangefochtene Tabellenführer spult sein Programm mit beängstigender und – in der Hinrunde noch – gewohnter Ruhe ab. Doch es wirkt diesmal nicht arrogant, nicht überheblich, sondern einfach souverän. Leistungen dieser Art verleiten ironischerweise eher den Fan im Stadion oder vor dem Fernseher zu Größenwahnsinn. Denn in Anbetracht der meist harmlosen Augsburger Angriffsversuche erscheint ein höherer Erfolg absolut machbar. Ein Lattenschuss von Hdiouad und eine weitere der ansonsten spärlichen Augsburger Chancen nehmen diesem Gedanken jedoch in der Schlussphase noch die Luft zum Atmen und am Ende steht dasselbe Resultat wie in der Vorwoche: Ein schlichtes, unaufgeregtes und souveränes 2:0.

Gegner von Statistiken à la „bei Vollmond im Februar sind wir auswärts in der ersten Halbzeit seit zwei Jahren immer ohne Gegentor geblieben, wenn unser Linksverteidiger eine lila Unterhose getragen hat“ werden es vielleicht nicht gerne hören. Aber Gladbach hat in dieser Saison einen regelrechten Lauf gegen Vereine aus einer Stadt, deren Name mit dem Buchstaben A beginnt. Im fünften Spiel gegen Aue, Augsburg und Aachen ist das 2:0 der fünfte Sieg gewesen und gibt Hoffnung fürs nächste Auswärtsspiel – gegen Alemannia Aachen (bei der schier atemberaubenden Anzahl von 5 As im Vereinsnamen kann da eigentlich nichts schief gehen).

Wenn ein Spiel zu statistischen Einschüben dieser Art anregt, muss es irgendwie langweilig gewesen sein. Doch wer will schon so vermessen werden und gegen einen lockeren, glanzlosen, aber zweifellos effektiven Erfolg in Augsburg auf die Barrikaden gehen? So eine Zweitligasaison ähnelt ein wenig einem Gang über eine schaukelnde und stellenweise morsche Hängebrücke. Es knarrt, ab und zu bricht ein Brett unter der eigenen Körperlast in seine Einzelteile, aber meist kommt man doch sicher am anderen Ende an.

Wenn Gladbach sich gegen Gegner eines anderen Kalibers wie Köln, Fürth oder Freiburg ähnlich souverän behaupten kann, dann wird am Ende dieser Hängebrücke der Wiederaufstieg warten. Aber wie gesagt, man weiß nie, ob das nächste Brett nicht doch zum Stolperstein wird.

Dienstag, 11. März 2008

Mannschaft der Stunde (10)

Hoffenheim 1899: Auch wenn es schwer fällt und sich das Fußballherz gegen diese Entwicklung vehement sträubt - sechs Siege in Serie, wie sie Dietmar-Hopp-Klub Hoffenheim zustande gebracht hat, sind nicht einfach so zu verneinen. Und so nehmen wir es (erst einmal nüchtern) hin und küren den Dorfverein sportlich fair zur "Mannschaft der Stunde". Schließlich hat sie 18 ihrer bisher 40 Punkte nach der Winterpause gesammelt. Das kann im deutschen Profifußball niemand von sich behaupten. Doch wie immer lebt auch hier die Hoffnung, dass diese würdevolle und denkwüdige Auszeichnung einmal mehr ihre Kraft entfalten und dieser Serie ein baldiges Ende bereiten kann.
Bald mehr zum rasanten Aufstieg der Millionentruppe und den schlaflosen Nächten, die ich ihrem sich anbahnenden Aufstieg in die Bundesliga verdanke.

Freitag, 7. März 2008

Die Macht des Augenblicks

Ein einziger Moment kann im Fußball häufig über sportliches Leben oder Tod, über Glück oder Unglück, und über die Rolle als Held oder Sündenbock entscheiden. Frank Mill kann bekanntlich ein Lied davon singen. Portos Tarik Sektioui wird den Ex-Borussen sicherlich in absehbarer Zukunft um psychologischen Beistand bitten.

Wer seine berufliche Laufbahn voll und ganz dem Fußball verschrieben hat und sein Geld mit dem Toreschießen bzw. –verhindern verdient, muss stets der Gefahr ins Gesicht blicken, dass seine Karriere durch eine einzige Szene, ein einziges Spiel oder zumindest ein einziges Turnier eine dauerhafte Prägung erfährt, die bis an sein Lebensende nur unmerklich verblassen wird.

Hätten die Macher von „Familienduell“ einmal 100 Leute nach den Errungenschaften von Frank Mill gefragt, sein legendäres Nicht-Tor im Olympiastadion im BVB-Dress hätte mit überwältigender Mehrheit den Status der „Top-Antwort“ erlangt. Seine durchaus nennenswerten und beachtlichen 123 Bundesliga-Tore wären irgendwo meilenweit dahinter auf der großen LED-Tafel im RTL-Studio aufgetaucht. Noch heute wird er zuerst gefragt, wie das noch mal war, damals in München, bevor ihm die Leute überhaupt „Guten Tag“ sagen.

Und so befiehlt mir mein Gewissen geradezu, einmal die Seiten zu wechseln, was die Perspektive bei der Nachberichterstattung zum „größten Erfolg der Schalker Vereinsgeschichte“ (O-Ton F.v.T.u.T.) angeht. Dass Manuel Neuers lebensrettende Parade gegen den Marokkaner Tarik Sektioui einen Meter vor der Torlinie das Prädikat „atemberaubende Weltklasse“ verdient, daran besteht keinerlei Zweifel. Und zwei Tage danach gilt es nun auch wieder nach vorne zu blicken, nachdem diese Tat in den letzten 40 Stunden – verdienterweise – unentwegt gelobt worden ist. Ebenso wenig dürfte jemand daran Zweifeln – womit wir jetzt einmal die Bundesliga-Brille ausziehen –, dass jener Tarik Sektioui noch lange an dieser Szene zu arbeiten haben wird.

Sein starrer Blick, das fassungslose, fast rhythmische Kopfschütteln, seine Tränen gefüllten Augen – all das bleibt als krasses Kontrastbild zu ausgelassen jubelnden Schalkern in Erinnerung. Und auch der 30-jährigre Angreifer wird sich ein Leben lang der spätestens in drei Monaten lästigen Frage stellen müssen: „Wie war das noch mal, damals im Achtelfinale gegen Schalke?“.

Doch auch auf Seiten der Königsblauen, die über weite Strecken armseligen Fußball geboten haben, gebührt einem der Protagonisten großes Mitgefühl: Mirko Slomka, seines Zeichens Trainer auf Zeit. Wer um ihn herumstand, als Manuel Neuer den entscheidenden Elfer parierte und Jermaine Jones anschließend den Sack zumachte, klagt noch heute, zwei Tage danach, über höllische Fußschmerzen, so schwer war die Last, die in diesem Monat von Slomkas Schultern abgefallen ist. Ironischerweise fiel er kurz darauf genau denen um den Hals, die gespielt hatten, als wollten sie persönlich das berufliche Todesurteil ihres Coaches ausstellen, bis auf Neuer natürlich. Präsident Schnusenberg, wie scheinbar alle Vereinsvorsitzenden dieser Welt adipös, machtsüchtig und mit einem komischen Namen versehen, hatte sich zu dieser Zeit längst von der Ehrentribüne in die Katakomben verkrümelt. Soll man das feige nennen?

Sonntag, 2. März 2008

Fohlengeflüster (17):
Stürmische Wiederbelebung

Auch wenn der letzten Endes souveräne Auftritt der Borussia die geplagten Nerven kaum strapaziert hat, ging der Freitagabend im Borussia-Park erneut nicht ohne Schweißperlen auf der Stirn über die Bühne. Doch diesmal traf die Schuld weder Heimeroth, noch den Schiedsrichter, noch Emma.

Endlich ertönt der erlösende Pfiff meines Sportlehrers. Das neongelbe Leibchen drücke ich ihm schnell in die Hand und konstatiere, dass die letzte Freitagssportstunde meines Lebens seit vier Sekunden der Vergangenheit angehört. Nass geschwitzt wie ein Dachdecker im Hochsommer stürme ich in die Kabine und krame meine Stadionmontur aus dem Rucksack. Die Uhr zeigt 17:15 Uhr, noch eine ganze Halbzeit bis zum Anpfiff. Notdürftig wische ich mir den Schweiß vom Körper. Rollkragenpullover, Sweatshirt, Jacke an, die grün-weiße Trikotkombination darüber und los geht’s.

Schnell mit meinen Freunden Christopher und Nils im Schlepptau auf die Autobahn, die trotz Berufs- und Stadionverkehr relativ verwaist vor uns auftaucht. Erleichtert stellen wir fest, dass Verkehr und Zeit uns heute gut gesinnt erscheinen. Der Wind pfeift durch die Ritzen meines roten Opel Corsa, der beinahe mehr Jahre auf dem Buckel hat als Marko Marin und dementsprechend mich selbst altersmäßig auch kaum unterbietet. Der schwarz-grüne Schal, den wir im Fenster eingeklemmt haben, weht mit stolz geschwellter Brust im Fahrtwind und poliert auf gleichem Wege die rechte Wagenseite.

Gut zwanzig Minuten vor Anpfiff erreichen wir den Borussia-Park. Zum ersten Mal mache ich mit den mehrspurigen Straßen auf dem Weg zu einem der weitläufigen Parkplätze Bekanntschaft, die sich wie die Geraden von Monza durch das Areal schlängeln. Zum ersten Mal in 37 Partien, die ich im neuen Stadion erlebt habe, fahre ich mit dem Auto und nicht mit einem der Shuttle-Busse vor. Wer auch anders, als der verzerrte Zweitliga-Spielplan sollte für dieses Premierenerlebnis verantwortlich sein? Guter Dinge treten wir durch die Eingangsschranke und verteilen uns nach kurzer Tippabgabe in alle Richtungen.

Nach einem kalten Becher Wasser, um meinen Flüssigkeitshaushalt wieder ins lebensfähige Sphären zu befördern, nehme ich die Stufen hoch zu Block 17A in Angriff. Als ich den ersten Blick ins weite Rund werfe, dröhnt aus den Lautsprechern „When you were young“ von den „Killers“. Dasselbe denke ich mir auch und lasse meinen Blick erst einmal mit den Ellbogen auf dem Geländer geruhsam einen Moment schweifen. Seit Ende November, seit dem Spiel gegen Offenbach, habe ich dieses Stadion nicht mehr glücklich und zufrieden verlassen, sondern stets mit einer Mixtur aus Wut, Enttäuschung und Frust im Magen. Das musste sich heute grundlegend ändern.

Jos Luhukay stimmt mir in dieser Hinsicht vollkommen zu, zumindest erweckt seine Aufstellung den Anschein. Voigt und Levels müssen Daems und Bögelund auf den Außenbahnen der Viererkette weichen. Letzterer steht zum ersten Mal seit der Niederlage in Mainz letzten August in der Startelf. Danach hatte er Tobias Levels weichen müssen, mit dem die Borussia 15 Partien in Folge ungeschlagen blieb, womit sich der 21-jährige jedoch kaum alleine rühmen darf. Nach einer Hand voll Spiele ohne Dreier ist es Zeit für eine neue Serie, einen frischen Aufschwung, einen Ruck, der den VfL hoffentlich zurück in die Bundesliga trägt.

In den ersten Minuten brennt die Borussia keineswegs ein Feuerwerk ab, lässt aber dennoch keine Zweifel im Raum stehen, wer hier Herr im Haus ist. Aue, das schwächste Auswärtsteam der Liga, bemüht sich zunächst, die Null möglichst lange auf der Anzeigetafel stehen zu lassen, die heute wieder einwandfrei funktioniert. Nach ein paar Minuten sorgt sie im Gegensatz zum Geschehen auf dem Platz fürs erste Raunen im mit 33.000 Zuschauern besetzten Borussia-Park. Köln führt nach einer Viertelstunde bereits mit 2:0 im Fürth.

Die Jungs von Jos Luhukay stürmen in Hälfte eins auf die Nordkurve, während Sturmtief „Emma“ samt Regenguss langsam aber sich aus allen Löchern pfeift. Rob Friend, nach seinem Doppelpack in Osnabrück eindrucksvoll wieder erstarkt, macht noch am meisten auf sich aufmerksam. Erst entscheidet er sich nach einer Flanke vom Marin fälschlicherweise für den Fuß und nicht für den Kopf. Dann vergibt er nach einer knappen halben Stunde aus spitzem Winkel die erste richtig gute Einschussmöglichkeit.

Gegen tief stehende Erzgebirgler sticht eines der offensichtlichten Gladbacher Defizite erneut ins Auge. Wenn der Gegner nur darauf bedacht ist, bloß nicht das erste Tor zu kassieren, mangelt es der Fohlenelf häufig am Ideenreichtum, an der Schnelligkeit und der Genauigkeit, die sie in den 70ern in ganz Europa bekannt gemacht haben. Als Aues Kapitän Emmerich leichtfertig in Nähe der Mittellinie den Ball vertändelt, blitzen die alten Tugenden jedoch schlagartig auf. Ndjeng spielt den Ball auf Friend, der mit seinem Pass auf Oliver Neuville die gesamte Viererkette des Gegners überbrückt. Aus wenigen Metern lässt der einzige aktive Nationalspieler der Borussia Aues Keeper Keller (weder verwandt noch verschwägert mit Namensvetter Kasey) keine Chance und platziert den Ball sicher in der linken Ecke. Aue, als Fünfzehnter an den Niederrhein gereist, hatte jeglicher Zielsetzung zum Trotz den ersten gravierenden Fehler begangen, den die Borussia eiskalt bestrafte.

Die berechtigte Hoffnung auf einen sich öffnenden Gegner wird jedoch rasch zerschlagen. Die ehemalige BSG Wismut macht nach der Devise „lieber knapp verlieren, als stürmend untergehen“ da weiter, wo sie begonnen hatte. Mit dem 1:0 geht es dann in die Pause, doch das ist gegen Lautern, Hoffenheim und Osnabrück nicht anders gewesen. Am Ende hat die Borussia stets mit leeren oder zumindest spärlich gefüllten Händen dagestanden.
Nach der Pause verflacht das hohe Tempo der ersten Hälfte ein wenig. Der Tabellenführer stürmt dennoch unaufhaltsam aufs zweite und diesmal wohl vorentscheidende 2:0. Erneut bergen eine schnell Passfolge und eine Unachtsamkeit des Gegners den Schlüssel zum Tor von Axel Keller. Rösler hebelt mit einem Anspiel auf Marin die gegnerische Abwehr aus. Der kleine Wirbelwind legt quer auf Friend, der ohne Mühe einschieben kann und sein Konto auf nunmehr 13 Treffer schraubt.

Selbst jetzt zeigt der Ostverein keinerlei Interesse an einer Wende. Als hätten sie die gedemütigten Gesichter der Paderborner Spieler noch im Kopf, die sie letzte Woche beim 6:0 höchstpersönlich ins fußballerische Delirium befördert hatten. Luhukay gibt Sharbel Touma eine neue Bewährungschance, die der Schwede mit libanesischen Vorfahren offensichtlich nutzen will. Eine Hereingabe von Friend setzt er mit dem Kopf an den Pfosten. Rösler per Freistoß und Ndjeng aus der Distanz scheitern dagegen nicht am Aluminium, sondern an Aues Keller. Nun ist es aber nicht so, dass dessen Mannschaft über 90 Minuten überhaupt nicht am Spiel teilnimmt. Die vereinzelten Angriffsversuche über Orahovac oder Curri sind jedoch aus dramaturgischen Gründen absolut nicht nennenswert, weil sie erstens ihren Meister im souveränen Heimeroth finden und zweitens – wie gesagt – äußerst vereinzelt auftreten.

So bleibt es beim 2:0 und beim Eindruck, dass die Borussia diesmal vieles besser, aber noch nicht alles gut gemacht hat. Kurz vor dem Ende bricht auf den Rängen ein weiteres Mal torähnlicher Jubel aus, obwohl die beiden Mannschaften auf dem Platz gerade Leerlauf walten lassen. Auf der Anzeigetafel erscheint ein Stadion mit Playmobil-Figuren und kurz darauf die Wappen der SpVgg Greuther Fürth und des 1.FC Köln – darunter wird ein 2:2 eingeblendet, das – wen überrascht es – vornehmlich für diesen Jubelausbruch verantwortlich zu machen ist.

Zum zweiten Mal in dieser Saison stimmt die Nordkurve ein erleichtertes „Der VfL ist wieder da“ an und in mir kommen Erinnerungen hoch an das Spiel gegen Augsburg in der Hinrunde. Nach fünf sieglosen Partien, einer Portion Pech, einer ganzen Ecke Unvermögen und gerechtfertigter Eigenschelte scheint die Borussia die Kurve nicht gekratzt, sondern gekriegt zu haben. Und die Hoffnung auf eine absehbare Rückkehr in Liga eins lebt wieder auf. Dann könnte es im Mai aus einem anderen Grund erneut durchs Stadion hallen: „Der VfL ist wieder da!“.