Dienstag, 17. Juni 2008

EM-Tagebuch (19) -
Links, rechts, vor und zurück...

Langsam macht er mir Angst, der kleine Philipp.


Der Mann ist so vielseitig, dass er sogar selbstlos für seine eigene Person einspringt, wenn es mal irgendwo zwickt. Vorbildlich!
Was gestern ebenso vorbildlich war und was eher weniger, dazu später mehr.

Quelle: Rheinische Post

Montag, 16. Juni 2008

EM-Tagebuch (18) -
Bildungsreform

Ein Revolutionsversuch und die Frage: Wie attraktiv ist die EM tatsächlich? (Bei gewissen Medien würde es jetzt um Sylvie Van der Vaart und Co. gehen, die haben hier übrigens Hausverbot. Schade eigentlich.)

Qualitätsmerkmale für ein Fußballspiel lassen sich selten abarbeiten wie ein Einkaufszettel. Es gibt keinen einheitlichen Erwartungshorizont wie beim Zentralabitur, wo jeder Fan einfach seine Punkte in verschiedene Kategorien einträgt und am Ende ein schlüssiges Ergebnis zustande kommt. Erst- und Zweitkorrektor würden allzu oft blutige Hahnenkämpfe über die Notenvergabe verwickelt, die eine objektive Drittkorrektur wohl kaum schlichten kann. Der Kicker versucht es dennoch – seltener mit übermäßigem Erfolg, aber meist ausreichend. Das soll sich ändern - zumindest, was die Existenz eines Erwartungshorizontes angeht, der Kicker macht ja eh sein eigenes Ding.

Ob es eine bestimmte Marschroute für die Spielnoten bei diesem Turnier gibt, ist mir nicht bekannt. Ob Zensur samt Einzelnoten erst nach zweistündiger Redaktionssitzung inklusive 16 Liter Kaffee, siebzehn Mullbinden und drei Packungen Hansaplast zustande kommen, weiß ich ebenso wenig (in Anbetracht einiger Noten, die da manchmal montags und donnerstags ins Haus flattern, könnte ich mir auch einige Flaschen Hochprozentigem im Sortiment vorstellen).

Relativ einhellig wird derzeit verkündet, dass diese Europameisterschaft mit ihrem Offensivfußball kaum zu überbieten sei. Lob für angriffslustige Spielausrichtungen wird ausgeschüttet wie sonst nur „alles außer Tiernahrung“ bei Praktiker, so dass einem angst und bange wird. Doch hält die EM wirklich, was momentan über sie gesagt wird?

Der Kicker jedenfalls setzt Duftmarken am laufenden Band. Die bisherigen 18 Spiele kommen auf einen Notenschnitt von 2,86, so dass sich folgender Notenspiegel ergibt (auf Schulstandards angepasst):

Note: 1/2/3/4/5/6 Schnitt: 2,86
Häuf.: 3/5/6/2/2/0

Zum Vergleich: In der Bundesligasaison 2006/2007 – bekanntlich eine attraktive und vor allem spannende Ausgabe – hagelte es im Schnitt nur eine 3,39. Das heißt bei dieser EM: Eine 3+ anstelle von einer 3-. Na gut, Wolfsburg und Bielefeld spielen da auch nicht mit, dafür aber Griechenland und Rumänien, die den Schnitt sozusagen von Dachgeschoss in die zweite Etage getrieben haben. Das jeweilige Auftaktspiel der beiden wurde mit einer glatten 5 bewertet. Die Rumänen betrieben in ihrer zweiten Partie gegen Italien wenigstens Wiedergutmachung. Für das Auf und Ab beim 1:1 samt verschossenem Elfer gab es eine 1,5 – sieht schwer nach Abweichprüfung aus für die Rumänen. Auch Frankreich (Gegner Rumäniens beim bisherigen Grottenkick des Turniers) glättete die Wogen, jedoch etwas unfreiwillig. Wohl eher die Holländer erhielten für ihre Galavorstellung gegen den Vize-Weltmeister eine 1,5. Die Franzosen litten in ihrer Statistenrolle.

Überhaupt sitzt das „sehr gut“ bei dieser EM etwas lockerer. Drei Einsen in 18 Spielen, nur sieben Stück in einer ganzen Bundesligaspielzeit. Neben den Noten kann sich auch die Torausbeute nach leichten Anfangsschwierigkeiten sehen lassen. 46 Treffer in 18 Partien bedeuten einen Schnitt 2,56 – derzeit Platz sechs unter dreizehn EM-Endrunden, Platz drei unter den bisher acht Ausgaben mit Gruppenrunde. Und da die Klasse eines Spiel ständig an der Anzahl seiner Tore gemessen wird, ist dies ein weiteres Indiz für das hohe Niveau des kontinentalen Wettstreits anno 2008.

Wobei der Verlauf der meisten Spiele eigentlich nicht für hohen Fingernagelverschleiß spricht. In 13 von 18 Fällen gewann das Team, das in Führung ging, 11-mal davon fiel nicht einmal der zwischenzeitliche Ausgleich, achtmal gab es einen Zu-Null-Sieg. Drei Spiele endeten mit einem Unentschieden, eins davon torlos. In den restlichen beiden Partien drehte die Türkei sowohl einen 0:1- als auch einen 0:2-Rückstand. Doch wenn ein Team schon dominierte, dann in solch einer Art und Weise, dass der geneigte Beobachter vor lauter Zungeschnalzen ein gerade noch erträgliches Schmerzgefühl im Mund verspürte.

Zum Schluss, wie oben angekündigt, der gewagte Versuch, einen Bewertungsbogen für ein Fußballspiel zu erstellen. Der wissenschaftlich völlig unausgereifte "Kicker-Konkurrenzbogen" zum Ausdrucken und Selbsteintragen:
Seite 1
Seite 2
Am besten speichern und in Word einfügen, sonst haut's mit den Rändern nicht hin.

Sonntag, 15. Juni 2008

EM-Tagebuch (17) -
"Das find' ich auch nicht gut"

Überraschende Einsicht eines türkischen Taxifahrers und Böhmische Berge namens Spanien.

Sonntagmorgen, 5:30 Uhr - Krefeld. Die McDonalds-Filiale hat seit ein paar Minuten selbst die hartnäckigsten und kauintensivsten ihrer Kunden von der Backe. Der Mitbürger afrikanischer Abstammung - laut Diagnose des drogentechnisch eher unerfahrenen Bene "draufer als drauf" - hat letztendlich doch noch seine Jacke gefunden. Der nach eigenen Angaben am Kehlkopf tätowierte Hochseilmechaniker mit dem Stiernacken (dessen Kehlkopf jungfräulich hautfarben in der Morgensonne strahlte) hat ebenso glücklich mit 3000 kcal unterm Arm das "Restaurant" verlassen. Und zu guter letzt strömen sechs Abiturienten erschöpft und dennoch frohen Mutes vom Fast-Food-Intermezzo nach dem Abiball in Richtung Bahnhof, in der Hoffnung möglichst bald nach Hause zu kommen.

Taxifahrer Türcan Özdemir (so oder so ähnlich wird er heißen - ein T, Ö und Ü war auf jeden Fall dabei) ist mit seinem Erdgas betriebenen Touran die Rettung und - jetzt kommt auch endlich etwas Fußball ins Spiel - klärt uns erst einmal auf, dass morgen ja Deutschland gegen Österreich spiele. Sensationell! Wie müssen wir ausgesehen haben, dass der Mann uns nicht einmal mehr zutraute, in dieser Richtung Bescheid zu wissen?

Naja, und wie es dann so kommt, kann das morgendliche Gespräch nicht ohne Schwenk auf die Türkei vonstatten gehen. "Die Tschechen nehmen wir außeinander, dann holen wir den Titel", Ähnliches dürfte man jetzt erwarten, aber weit gefehlt. Türcan mit dem Touran ist zwar dennoch vom Sieg seiner Mannschaft überzeugt, stimmt Sebastian aber überraschend zu, als dieser sich ausgiebig über Huporgien zu später Stunde echauffiert. Feiern sei ja schön und gut, aber diese Hupkonzerte? Nee, das müsse bei bestem Willen nicht sein - sagt der Taxifahrer.

Wir sehen nun wirklich nicht so angsteinflößend aus, dass der arme Mann nicht einen ausführlichen Vortrag über das Wonnegefühl eines Autokorsos hätte halten können, ohne dafür irgendwelche non-verbale Schelte zu erhalten. Dementsprechend wird ihm an dieser Stelle der vor vier Minuten ins Leben gerufene "Preis für fußballerische Nächstenliebe" verliehen - in Personalunion mit dem "Baron-Münchhausen-meets-Pinocchio-Gedächtnispreis". Denn ich wette, bei entsprechendem Ergebnis wird auch er heute Abend nach halb elf seine Hände nicht an der richtigen Stelle seine Lenkrades platzieren können.

Während Türcan heute abend fleißig hupen wird - oder auch nicht -, bereiten mir die Spanier ernsthafte Sorgen. Nicht dass mich der Last-Minute-Sieg gegen Schweden irgendwie beängstigen würde (ich hab' ihn mir ja auch nicht angesehen). Vielmehr plagt mich diese Ungewissheit, bislang kein einziges Spiel des nicht mehr ganz so geheimen Geheimfavoriten gesehen zu haben. Platz eins der inoffiziellen und völlig untauglichen EM-Tabelle nehmen freilich die Niederlande ein. Aber dann? Portugal oder Spanien? Und auf Platz vier? Den Punkten nach folgen dort die Kroaten.

Also: Holland müsste im Viertelfinale den Zweiten der Gruppe D sicher schlagen. Tschechien oder die Türkei gegen Kroatien gestaltet sich noch relativ offen, wobei mit den Kroaten wohl eher zu rechnen ist. Portugal spielt gegen - Deutschland. Wenn ich das nicht mit Selbstbewusstsein sagen kann, dürfte ich auch nicht so fahrlässig davon ausgehen, dass es nachher Abendessen und kein Frühstück gibt. Selbst wenn wir freilich alle "Hosenscheißer" sind. Wer das Wort "Harn" im Namen trägt sollte sich bezüglich Inkontinenz besser zurückhalten, oder nicht, Herr Harnik?

Spanien spielt gegen Wissen-wir-noch-nicht und ich bin immer noch davon überzeugt, dass zwangsläufig wieder ein böses Erwachen auf die Spanier wartet. Apropos Erwachen: Das kam vorhin viel zu früh. Ich mach mich nochmal auf.

Freitag, 13. Juni 2008

EM-Tagebuch (16) -
Apokalypse mit Abstrichen

Ein Endspiel gegen Österreich - kein Fehler bei der Präposition, auch wenn wir uns ausschließlich ein Finale in Österreich gewünscht hätten. Man könnte genauso gut sagen: Wir haben unser Finale in Wien. Über den Kater nach der Offenbarung von Klagenfurt, die schwer an einen Sommerabend in Lyon erinnerte.

Am Morgen danach macht sich immer Katerstimmung breit. Der Schädel brummt, so sehr schmerzt die Niederlage. Die Stimme kämpft um ihre Existenz, weil Ballack, Gomez und Jansen einfach nicht so wollten wie der geneigte Fan vor dem Fernseher. Und irgendwie relativiert sich alles ein wenig mit der Zeit. Die Weltuntergangsstimmung weicht ersten schüchternen Anflügen von Optimismus und dem Drang zu Überleben. Eine andere Devise gibt es nicht.

„Noch ist Polen nicht verloren“, heißt es in der polnischen Hymne. Die Zeile kennen wir mittlerweile zu Genüge. Am besten ersetzen wir Polen jetzt ganz schnell durch Deutschland und sehen zu, dass wir am Montag das vollbringen, was schlichtweg unsere Pflicht ist: Österreich mit einer überzeugenden Leistung zu schlagen. (Atheisten mögen bitte ein "gottverdammt" vor das Wörtchen "Pflicht" setzen. Ich bin noch 14 Stunden lang Schüler eines Bischöfochen Gymnasium, ich darf nicht.) Nach einem trostlosen Auftritt wie gestern, der einem Offenbarungseid gleichkam, kann man sich eigentlich nur an ähnliche Beispiele aus der EM-Historie klammern.

An die Dänen, die 1992 ihre ersten beiden Partien nicht gewannen, sich den Titel aber nicht entgehen ließen. Wir können uns an die Niederländer erinnern, die 1988 ihr Auftaktspiel verloren und am Ende dennoch den Pokal in den Händen hielten. Wir denken zurück an die Tschechen, die vor 12 Jahren in der Vorrunde ganze vier Zähler holten und uns denkbar knapp im Finale unterlegen waren. Auch die Portugiesen können uns aufmuntern. 2004 verloren die das Eröffnungspiel, bis zum Ende hing das Weiterkommen am seidenen Faden, zum Schluss war nur die Hürde Griechenland zu hoch.

Doch es wäre fahrlässig, das gestrige Spiel so einfach aus der Welt zu schaffen und ihm den Stempel "Betriebsunfall" aufzudrücken. Die Liste der Versäumnisse ist lang, erschreckend lang, so dass es uns eigentlich Angst und Bange werden müsste bezüglich des Österreich-Spiels: Keine Laufbereitschaft, kein Kombinationsspiel, keine Ruhe, keine Dis(ch)ziplin, keine Durchschlagskraft, zu wenig Einsatz, kaum Torchancen, Standards, die man lieber vergessen möchte und auch noch ein Jogi Löw, der auswechselt, als habe er seine Mannschaft so oft spielen sehen wie die Auswahl Bruneis.

‚Bin ich hier im falschen Film’, ungefähr so muss es gestern Millionen durch den Kopf geschossen sein. Ich glaube zuletzt bei der EM 2004 habe ich mich vor dem Fernseher derart hilflos gefühlt, wenn die deutsche Nationalmannschaft gespielt hat. Die Couch braucht bald einen neuen Bezug, wenn das so weiter geht. Es hätte unumstritten ein Spiel am Rande zur Apokalypse sein können, doch dann ist Podolski auch noch so dreist und erzielt den Anschlusstreffer. Wir konnten lange Zeit froh sein, dass Lyon ’98 nicht seine vollkommene Reinkarnation erlebte. Im Endeffekt bleibt jetzt das wahnsinnige Gefühl, dass der Ausgleich gestern durchaus noch drin gewesen ist. Aber wie hätte das passieren sollen, wenn wir in den letzten fünf Minuten nicht einmal vor gegnerischen Tor auftauchen?

Bis Montag muss sich etwas ändern. Nicht nur etwas, sondern einiges. Die Zweifel am Weiterkommen halten sich zwar in Grenzen, aber was dann? Das jähe Ende aller Träume gegen Portugal?

Nach dem Polen-Spiel habe ich die Stunden bis zur nächsten Partie gezählt. Jetzt hoffe ich inständig, dass die verbleibende Zeit sich Zeit lässt. Einerseits dürfen wir nicht den Kopf in den Sand stecken, andererseits nicht die Versäumnisse des letzten Spiel verkennen. Der Mittelweg zwischen reuiger Selbstkritik und dem Glauben an die eigenen (irgendwo schlummernden) Stärken wird zum Erfolg führen. Falls es dann weiter geht, können wir weiter sehen.


Will ja nicht wie die Bild-Zeitung sein und pauschal alle mit mangelhaft durchfallen lassen, ein bisschen Differenzierung darf bei den Kopfnoten dabei sein – auch wenn’s schwer fällt:

Lehmann: Eine Glanzparade in Hälfte eins, chancenlos beim ersten Tor, nicht ganz schuldlos beim zweiten. Auch wenn es paradox klingt: Muss bei der Flanke vor dem 0:2 damit rechnen, dass der Ball eine andere Bahn nimmt als die, mit der er rechnet. Ließ zudem einen Schuss von Modric durchrutschen und hatte viel Glück – immer noch besser als der Großteil, dennoch nicht besser als 4.

Jansen: Kerner traf den Nagel ausnahmsweise mal auf den Kopf. Der Begriff „überlaufen“ wirkte beim Linksverteidiger meist euphemistisch. Desorientiert beim 0:1, vielleicht sein schwärzestes Länderspiel. Auch nach vorne ging selten etwas, immerhin mit den meisten Ballkontakten der ersten Hälfte und überraschenden 53% gewonnener Zweikämpfe. An der 5 führt dennoch - anders als an Jansen selbst - kein Weg vorbei.

Mertesacker: Weiterhin fast fehlerfrei im Passpiel, immer noch mit akzeptablen Zweikampfwerten, jedoch dilettantisch beim ersten Tor. Zog einfach den Kopf ein, dazu reaktionsschwach beim 0:2. Strahlte zudem nicht die annähernd die Sicherheit des ersten Spiels aus – mangelhaft, oder auch: 5.

Metzelder: Genau wie IV-Partner Mertesacker wie festzementiert beim 0:2, wirkte gegenüber Olic wie in einer anderen Zeitzone. Ordentlich 71% gewonnenen Zweikämpfe, die ihn auf eine 4,5 retten.

Lahm: Noch einer der besten unter haufenweise Grottenschlechten. Machte einen besseren Eindruck auf links, aufgrund von Jansens Verletzung möglicherweise auch am Montag dort unterwegs. Mit den meisten Ballkontakten und den besten Zweikampfwerten, leitete den Anschlusstreffer ein – vor allen Dingen in Hälfte zwei bester Deutscher, deswegen eine 3.

Frings: Zusammen mit Ballack so etwas wie das Synonym für den Misserfolg. Ohne Esprit im Mittelfeld, nicht da, wenn man ihn brauchte. Immer noch relativ eifrig, aber absolut erfolglos – 4,5.

Ballack: Schon gegen Polen nicht so gut wie der Rest, gegen Kroatien jedoch so schlecht wie die Mehrheit. Holte sich eine dumme gelbe Karte, war nicht präsent genug, allein beim 1:2 in der Offensive effektiv, hatte jedoch Glück, dass er Kovac anköpfte. Muss sich ganz schnell aufraffen – 4,5.

Podolski: Kam kaum zum Zug, immerhin mit dem einzigen Lichtblick in 90 Minuten, ackerte viel. Im Sturm nach Schweinsteiger Einwechslung verbessert, könnte Montag gemeinsam mit Klose stürmen – es wäre zu wünschen. Eine gut gemeinte 3,5.

Fritz: Knüpfte nicht an die Super-Vorstellung gegen Polen an. Keine Flanken von rechts, die in Erinnerung blieben. Zusammenspiel mit Odonkor existierte praktisch nicht. Mit schwachen 42 Ballkontakten, könnte davon profitieren, dass Lahm nach links rückt und die rechte Abwehrseite frei wird. Ein Wackelkandidat – 5.

Gomez: Stolperkönig, lief andauernd ins Abseits. Bleibt bislang am meisten unter den Erwartungen. Der vermeintliche neue Stern leuchtet nur noch schwach, gegen Österreich könnte das die Bank bedeuten – 5,5.

Klose: 26 Ballkontakte über 90 Minuten – das sagt eigentlich genug. Die Verzweiflung trieb ihn zu oft ins Mittelfeld. Ohne nennenswerte Aktionen. Nicht derselbe Klose wie gegen Polen. Wie Gomez ein Totalausfall, wird von seinem Kredit profitieren und zurecht in der Startelf bleiben. Fürs Kroatien-Spiel bleibt nur eine 5,5.

Odonkor ab 46.: Der Brüller der Spiels – wirkte wie ein 100-Meter-Sprinter, der sich sieben Monate lang nur von Bienenstich und Fleischrolle ernährt hat. Sollte die Kroaten als Unruheherd durcheinander bringen – sorgte selbst Hinten rechts nach Fritz’ Herausnahme für viel, viel Unruhe. Nicht EM-tauglich, hoffentlich sein letzter Auftritt bei der EM, wenn nicht gar in der Nationalelf – eine euphemistische 6.

Schweinsteiger ab 65.: Wenigstens aktionsreich zu Beginn, brachte gemeinsam mit Lahm auf links zumindest einen Hauch von Gefahr – hat sich fürs Erste selbst ins Abseits bugsiert. Der „Kicker“ gibt bei groben Unsportlichkeiten pauschal eine 6 – da Schweinsteiger nur 25 Minuten spielte, jedoch ohne Note.

Kuranyi ab 82.: Hätte eigentlich eine Note verdient, bekommt sie aber nicht. Für einen Ballkontakt in 11 Minuten auf dem Platz, für einen Pass, der nicht einmal ankam und für drei verlorene Zweikämpfe (von dreien natürlich, blöde Frage) geht die Sonder-6 des Tages an Kuranyi. Er hat sie sich redlich verdient.


Aufstellung:
Lehmann – Jansen (46. Odonkor), Mertesacker, Metzelder, Lahm – Frings, Ballack – Fritz (82. Kuranyi), Podolski – Gomez (65. Schweinsteiger), Klose

Tore:
0:1 Srna (24.), 0:2 Olic (62.), 1:2 Podolski (79.)

Gelbe Karten: Ballack, Lehmann – Srna, Simunic, Leko, Modric

Rote Karte: Schweinsteiger (90. +1, grobe Unsportlichkeit)

Donnerstag, 12. Juni 2008

EM-Tagebuch (15) -
Erst hatten wir kein Glück, dann...

Wenn mir die Niederlage gegen Kroatien nicht völlig den Kopf vernebelt hat, müsste Österreichs Last-Minute-Elfer gerade unser letztes Quäntchen Hoffnung auf den Gruppensieg eliminiert haben. Bitte den häufigen Gebrauch des Konjunktivs im Folgenden zu entschuldigen:

Bei einem Sieg unsererseits gegen Österreich und einem Dreier der Polen gegen Kroatien hätten drei Mannschaften punktgleich (mit je sechs Zählern) an der Spitze gestanden. In diesem Fall würde freilich auch der direkte Vergleich herangezogen, was jedoch etwas verzwickt ist, da das Trio Kroatien-Polen-Deutschland untereinander je ein Team geschlagen und einmal als Verlierer den Platz verlassen hätte. Das hieße, die Tore aus den Spielen gegen Österreich wären für alle wertlos geworden. Denn die Tordifferenz aus allen Gruppenspielen wird erst in vierter Instanz zu Rate gezogen.

Bei identischem direkten Vergleich zählt also die Tordifferenz in den Partien untereinander, so dass man sozusagen eine Tabelle dieser drei Mannschaften untereinander erstellen müsste. Deutschlands 3:2 Tore sind dabei fix, Polen ginge mit 0:2 ins letzte Spiel, Kroatien weist eine Bilanz von 2:1 auf. Ein Sieg der Polen gegen Kroatien mit einem Treffer würde das kroatische Torverhältnis neutralisieren.

So hätte die "Unter"-Tabelle aussehen können:
1. Deutschland 3:2 3 Pkt.
2. Kroatien 2:2 3 Pkt.
3. Polen 1:2 3 Pkt.

Deutschland wäre demnach Gruppensieger. Bei einem Zwei-Tore-Sieg hätten die Polen sogar noch die Kroaten rausgekegelt. All das ist reine Hypothek, soll jedoch zeigen, dass selbst das vermeintliche Wunschergebnis der Partie in Wien heute Abend, ein Remis, nicht unbedingt optimal für uns gewesen ist. Und überhaupt: Wer sicher gehen will, dass gegen Österreich selbst ein Unentschieden fürs Weiterkommen langt, hat in der nächsten Runde nichts zu suchen.

EM-Tagebuch (14) -
Mal was Verrücktes tun

Eine verzweifelte Putzaktion und die Quizfrage des Tages: Was ist Lukas Podolski bislang als einzigem Spieler bei diesem Turnier gelungen (es hat nichts mit der Anzahl seiner Tore zu tun)?

Da hat man endlich einmal Zeit ohne Ende, keinerlei Verpflichtungen und irgendwie ist es dann doch wieder nicht richtig. Heute extra bis 11 Uhr geschlafen, damit automatisch weniger Stunden bis zum Anpfiff heute Abend totzuschlagen sind. Dabei zog sich die Zeit seit Sonntag, seit unserem ersten und erfolgreichen Auftritt gegen Polen, nicht einmal wie Kaugummi – im Gegenteil. Diese ganze EM rauscht derzeit irgendwie im Eilzugtempo vorbei. Gestern hat sich die erste Mannschaft bereits fürs Viertelfinale qualifiziert und den Gruppensieg klar gemacht. Zudem hat das erste Land schon sein kleines Fiasko erlebt und nach weniger als 100 Stunden das inoffizielle Ende seines EM-Traums erreicht.

Diese EM präsentiert sich kurzlebig und mittlerweile – die Holländer brachten das Turnier sozusagen richtig in Gang – auch äußerst kurzweilig. Erstmals hat ein Team gestern ein Spiel zu seinen Gunsten drehen können. Zuvor hatte das Führungstor immer drei Punkte bedeutet und auch die Anzahl der Unentschieden hielt sich in Grenzen. Ausschließlich Frankreich und Rumänien teilten die Punkte.

Inzwischen sind es weniger als zwei Stunden bis zum Anpfiff in Klagenfurt. Das Wetter am linken Niederrhein erinnerte heute an Basler Badewannenverhältnisse. Und aufgrund der angesprochenen neu erlangten Freiheit im Zuge des Abiturs habe ich mal etwas ganz Verrücktes gemacht: Ich habe geputzt – 90 Minuten lang. Ab jetzt mein ultimativer Tipp zum Zeittotschlagen vor einem ersehnten Fußballspiel. Ok, andere Leute sind berufstätig. Wäre auch eine Möglichkeit.

Beim Abstauben des Schreibtischs über die Aufstellung nachdenken, beim Ausschütteln des staubigen Teppichs über die Folgen einer Niederlage nachdenken und sich beim Wischen der Fensterbank das Wonnegefühl ausmalen, welches mir das vorzeitige Weiterkommen bereiten würde – alles bestens. Leider finden große Turniere nur im Zweijahrestakt statt und dauern zu allem Übel nicht länger als ein paar Wochen. Mein Zimmer würde sich nämlich über häufigere Reinigungsaktionen freuen – eine weitere Erkenntnis der 90-minütigen Sauberkeitsmaßnahme.

Die EM verläuft übrigens nicht nur kurzweilig und kurzlebig, sondern zeigt sich ebenso von einer überraschend rechtslastigen Seite. Bis auf die Vorfälle in Klagenfurt letzten Sonntag bezieht sich das Gott sei Dank nicht auf etwaige Ausschreitungen und rechte Kundgebungen, sondern einzig und allein auf die Vorlieben der Spieler beim Toreschießen. Lukas Podolski hat bis heute als einziger Spieler bei diesem Turnier mit dem linken Fuß getroffen. Dazu fünf Treffer per Kopf, der Rest der 23 Tore mit rechts.

Wie Podolski es heute macht, wer es macht, das Spielt gar keine Rolle. Ein Sieg gegen Kroatien steht auf dem Wunschzettel – da bin ich ganz bescheiden. Ach ja: "Und wir verlieren keinen Zweikampf. Keinen." Oder etwa nicht, Herr Ballack?

Mittwoch, 11. Juni 2008

EM-Tagebuch (13) -
Unverhofft kommt oft

Vor ein paar Wochen noch die handelsüblichen Elfmeterwitze gerissen und nun könnte eine wenig bekannte Regelung erstmals zum Einsatz kommen.

Tschechien und die Türkei treffen am Sonntag im letzten Spiel der Vorrundengruppe A aufeinander. Portugal ist Gruppensieger, die Schweiz bereits raus. Demnach zieht der Sieger der Partie Tschechien-Türkei ins Viertelfinale ein. Bei einem Unentschieden würde das Torverhältnis hinzugezogen, doch beide gehen mit 2:3 Toren ins letzte Spiel. Kommt es zum Remis, kommt es also zur Premiere: Erstmals könnte ein Elfmeterschießen übers Weiterkommen bei einem großen Turnier entscheiden - wohlgemerkt in der Gruppenphase.

Ich schlage außerdem vor, langweilige Spiele demnächst mit künstlichen Wolkenbrüchen etwas aus der Lethargie zu befreien. Das Spiel heute Abend hatte das zwar nicht nötig. Aber wer weiß - irgendwann ist Griechenland auch wieder an der Reihe.

EM-Tagebuch (12) -
Die Unterirdischen aus der Antike

Griechenland außerirdisch - nur grüne, spitze Ohren hätten noch mehr Angst und Schrecken verbreitet. Derweil sitzt uns Holland in der Ewigen Tabelle im Nacken und Portugal steht jetzt vor Italien. Derartige Sorgen hätten sie in der Schweiz nur allzu gerne.

Es gibt Mannschaften, die spielen bisweilen wie „vom anderen Stern“ oder gar „galaktisch“. Die Spielweise, die Otto Rehhagels Griechen gestern in Salzburg auf den Platz meißelten, verdient ähnliche Bezeichnungen. Muss ja auch nicht immer schön sein im Weltall – Millionen Jahre alte Steine, keine Luft zum Atmen, arschkalt. Griechenland scheint bei dieser EM das Unterhaching-Syndrom zu erleiden: Beim ersten Mal (obwohl es ihr zweites Mal war) noch überraschend erfolgreich, weil niemand auf eine derart defensive, robuste und eiskalte Mannschaft vorbereitet war. Vier Jahre später ist der Zauber dann vorbei und jeder weiß, dass die Kolosse von Rhodos der Hintermannschaft allein mit viel Geduld zu überwinden sind.

Warum aber Unterhaching? Als Synonym für vermeintliche Chancenlosigkeit sind die im ersten Bundesligajahr auf Platz 10 gelandet – vor Schalke und Dortmund, läppische sechs Punkte hinter den UEFA-Cup-Rängen. Im zweiten Jahr war dann der Fisch gegessen. Die Exoten aus München bekleideten die ihnen zugedachte Rolle, stiegen ab und wurden nie wieder gesehen.

Da die Nationalmannschaften anders als beim Eishockey nicht in A-, B- oder C-Gruppen unterteilt werden, droht den Griechen zwar kein faktischer Abstieg. Das Eis bei solchen Vorhersagen nach einem Spiel ist zwar sehr dünn und ebenso glatt: Doch wenn Otto Rehhagel seinen antiken Fußball nicht bald ins 21. Jahrhundert befördert (die 60er-Jahre wären salopp gesagt auch schon ein Fortschritt), dann wird sich der Gewinner der Europameisterschaft alle vier Jahre beim Betrachten des Pokals fragen, wo eigentlich dieses Griechenland liegt, das da auf dem Sockel eingraviert ist.

Derweil nimmt das Toreschießen ganz unhellenisch Fahrt auf. Nach sechs Toren in den ersten fünf Partien folgten zuletzt 14 in vier – damit stieg der Schnitt von 1,2 Toren pro Spiel nach dem ersten Auftritt Frankreichs auf nunmehr 2,2. Der Wert aus Portugal ’04 würde nicht ganz erreicht, wenn es dabei bliebe (2,48). 2,74 Tore vom Turnier aus den Niederlanden und Belgien scheinen sowieso nicht in Reichweite, während bei den Endrunden in England und Schweden sogar noch weniger Treffer erzielt wurden.

Und so ganz nebenbei gibt es noch einen brisanten Nebenschauplatz: Die Niederlande liegen in der Ewigen EM-Tabelle nur noch sechs Zähler hinter uns. Es geht also um mehr als um den Titel. Portugal ist soeben in der Rangliste an Italien vorbeigezogen und hat die Tschechen bereits am Samstag hinter sich gelassen – derzeit Platz vier hinter Frankreich. Außerdem hat der Gastgeber von 2004 den besten Punkteschnitt, knapp vor Frankreich.

Hollands 3:0 gegen Italien war der sechshöchste EM-Sieg der Geschichte. Gestern ist die Partie bereits einen Rang nach hinten gerutscht, weil Spanien jetzt auf dem Vierten steht, da ein 4:1 höher gewertet wird als ein 3:0. Und irgendwie bin ich mittlerweile schon wieder bei Mathematik angekommen. Also dann: Taschenrechner aus, zurück auf die Couch. und sehen, ob die Schweiz als dritter Gastgeber überhaupt zwei Spiele beim Turnier auf heimischem Boden verliert (Belgien scheiterte in der Vorrunde, Portugal kassierte die zweite Pleite im Finale).