Dreikampf um die Vorherrschaft in den Ohren der deutschen Fußballfans: Christina Stürmer gegen Revolverheld gegen Oliver Pocher, DJ Bobo vorzeitig disqualifiziert
Es ist bezeichnend, dass Oliver Pochers deutschsprachige Version des Frameless-Songs "Black and White" - seinerzeit zur EM 2004 erschienen - weitaus größere Bekanntheit erlangt hat als das Original. Große Turniere finden nur alle vier Jahre statt. Und wenn Fußballfans sich dann schon mit Rock-, Pop- oder Was-auch-immer-Musik beschallen lassen wollen, fällt ihre Wahl gewiss nicht auf irgendwelche Retortenbands, No-Name-Grüppchen oder Castingsängerinnen, die die designierten Turnierhymnen häufig auch noch auf Englisch trällern.
Christina Stürmer hat "Fieber" - so recht nimmt man ihr das nicht ab. Schließlich sagt sie selbst, im Grunde nichts mit Fußball am Hut zu haben. Ihr Lied hat es zudem nicht einmal zum offiziellen EM-Titel gebracht. "Mr. Bombastic" Shaggy nimmt diese Rolle mit "Feel the Rush" ein - ein Jamaikaner singt die Hymne der Europameisterschaft. Paradox irgendwie. Mir soll's schnuppe sein, den großen Erfolg wird er damit diesen Sommer eh nicht landen.
Revolverheld machen es da schon einen Tick besser. Dieses Jahr sind sie so etwas wie die Sportfreunde Stiller der EM. "Helden 2008" taugt annähernd zum Ohrwurm, klingt häufig jedoch wie eine Kopie von "54,74, 90, 2006", der die Einprägsamkeit des Textes jedoch trotz dessen Einfachheit abhanden gekommen ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass "Helden 2008" bislang wenig gehört wurde.
Und so wird Oliver Pocher, man gönne es ihm oder lasse es sein, wahrscheinlich den Titel des EM-Song-Europameisters für sich beanspruchen können. "Komm bringt ihn Heim" kommt mit eingängigem Refrain daher, das Video mit mehr Witz als seine Konkurrenten der Revolverheld- oder Christina-Stürmer-Fraktion. Die Österreicherin beispielsweise sitzt mit ihren Jungs vor einem Wohnwagen und schaut sich die EM im Fernsehen an. Die Kulisse im Hintergrund erinnert an irgendeinen billigen Freizeitpark oder eine IKEA-Filiale. Pocher hat - wie schon 2006 - zwar wieder eifrig geklaut. Aber hier gilt einmal mehr: Besser gut geklaut, als schlecht selbst gemacht. Ich find's gut, zumindest besser als den Rest. Revolverheld ist vielleicht auch noch ganz nett.
Rainhard Fendrich darf zusammen mit den Wiener Sängerknaben ebenso sein Können unter Beweis stellen. Hymne - joa, Ohrwurm - nein. Einen Bezug zur deutschen Mannschaft gibt es freilich auch nicht. Christina Stürmer und Co. sind im wahrsten Sinne des Wortes eben einfach nicht der Hit.
In letzter Zeit hat es zudem für die offiziellen Lieder von ARD und ZDF häufig zu mehr Bekanntheit gelangt. Mal sehen, was die sich diesmal einfallen lassen.
PS: Auch wenn es die Chronistenpflicht verletzt, möchte ich aus ethischen Gründen an dieser Stelle kein Wort über DJ Bobos EM-Song "Olé Olé" verlieren.
Samstag, 10. Mai 2008
Deutschland sucht den Super-EM-Song
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Jannik
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Freitag, 9. Mai 2008
N-U-L-L Neuigkeiten
Für die deutsche Mannschaft gibt es hinsichtlich der EM, die in weniger als 29 Tagen beginnt, erfolgsversprechende Neuigkeiten: Unter Umständen könnte es erstmals bereits in der Vorrunde zum Elfmeterschießen kommen.
Vorausgesetzt, im letzten Gruppenspiel treffen zwei bis dahin punkt- und torgleiche Mannschaften aufeinander. Steht es dann nach 90 Minuten remis, wird aus elf Metern übers Weiterkommen entschieden.
Allzu grandiose Neuigkeiten sind das aber nun auch wieder nicht - schließlich würde das in diesem Fall für die Jungs von Jogi Löw bedeuten, dass sie nach den ersten beiden Spielen dieselbe Punktzahl wie ihre Gegner aus Österreich auf dem Konto haben. Wie die Ziffer aussehen wird, darüber herrscht allerorten längst Gewissheit: Rund, dickbäuchig, symmetrisch, und aus den Buchstaben N, U und zweimal L bestehend - "Null".
Also sparen wir uns unser Glück besser für die K.o.-Spiele auf. Zumal England uns diesmal nicht in die Karten spielen kann.
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Jannik
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Herr Dutt, wie fühlen Sie sich?
Robin Dutt, Trainer des SC Freiburg, hat indische, genau genommen bengalische Vorfahren.
Ob die gleichnamigen Feuer aus Ostindien ihn in in arge Gewissenskonflikte bringen, wenn sie im Fanblock gezündet werden, ist nicht bekannt. Heimatgefühle oder strenge Verurteilung? Man müsste einfach mal nachfragen.
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Jannik
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Donnerstag, 8. Mai 2008
Fohlengeflüster (27): Es ist vollbracht
„Es ist vollbracht“ – mit diesem Worten nahm ich vor einem Jahr verbittert den Abstieg der Borussia zur Kenntnis. Eine Saison später steht derselbe Satz für eine emotionale Zieleinfahrt. Einmal mehr hat sich das Blatt im Fußball vollends gewendet. Einmal mehr ist Nord- zu Südpol, ist aus einem Tief ein Hoch geworden. Der Mythos kehrt zurück. Das ist ab jetzt freudige Gewissheit.
Wer mich um viertel vor vier, mehr als ein ganzes Fußballspiel vor dem Anpfiff, wie gewohnt meine Dauerkarte in den vierten Ticketautomaten von links stecken sieht, der könnte zu der Ansicht gelangen, dass ich gar nicht mehr weg will aus dieser Zweiten Liga. Doch der Grund für mein äußerst frühes Erscheinen vor der hoffentlich entscheidenden Partie gegen Wehen liegt in zwei anderen Dingen: Einerseits zieht es meine Mutter so früh ins so gut wie leere Stadion, weil die F-Jugend von Viktoria Anrath, dem Heimatverein von 60er-Jahre-Legende Albert Brülls, der seine Spiele einen halben Kilometer von unserem Haus entfernt austrägt, das Vorspiel gegen die kleinsten aller Borussen bestreitet. Andererseits will der inoffiziell letzte Tag im Unterhaus noch einmal voll und ganz ausgekostet werden. Schließlich ist eine baldige Rückkehr nicht vorgesehen.
Alles ist angerichtet, um den Wiederaufstieg gegen den Aufsteiger aus Wehen-Wiesbaden unter Dach und Fach zu bringen. Die Sonne scheint vom Himmel wie Anno 2006 beim Sommermärchen. Das Stadion wird zwar nicht voll sein, aber gut gefüllt – perfekt, um wie am letzten Abend eines erholsamen und ereignisreichen Urlaubes auf dem Hotelbalkon mit Blick aufs Meer das letzte Glas Wein zu genießen. Wahrhaftig passt der Urlaubsvergleich wie die Faust aufs Auge zu einem Jahr, das man anfangs irgendwie aufgezwungen bekam und für das man dennoch letztendlich sogar dankbar ist. Der Verein hat eine radikale Kur hinter sich. Die Unmutsträger der Abstiegssaison sind weg, spielen nun in Mexiko oder in der Türkei gegen den Abstieg, während neue Hoffnungs- und Leistungsträger die Fans in letzter Zeit vollends optimistisch stimmen: „Oh welch ein Glück für unsere Stadt! Wir haben wieder eine Mannschaft, die in die Bundesliga passt!“. Dieser Gesang hat sich in letzter Zeit zum Chartbreaker in der Nordkurve aufgeschwungen.
Die Borussia mag am frühen Mittwochabend um kurz vor halb sechs zwar in die Bundesliga passen. Doch ob sie das in der nächsten Spielzeit auch unter Beweis stellen darf, steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen. Die Zweifel halten sich nach dem Kantersieg vor drei Tagen in Offenbach bedeckter als zuvor. Dennoch fehlt eben noch dieser eine Dreier, weshalb sich eine gewisse Anspannung unter das große Maß an Vorfreude mischt. Eines steht vor dem Anpfiff auf jeden Fall fest: Die 41500 Zuschauer, unter denen nicht einmal einhundert Wehener weilen, sind brandheiß, wollen ihre Mannschaft zum fehlenden Sieg singen, schreien, klatschen und peitschen.
Bevor sich nicht der gesamte Borussia-Park von seinen Sitzen erhoben hat (zumindest die, die es nicht ohnehin bereits tun), gibt Stadionsprecher Knippertz die „Elf vom Niederrhein“ nicht frei. Sogar das Mikrofon von Premiere muss dran glauben und wird missbraucht, um das Feuer endgültig zu entfachen. Als das Stadion dann geschlossen steht, weht ein gesanglicher und klatschender Orkan durchs weite Rund, wie ich ihn in den vier Jahren nach Ende der Ära Bökelberg nicht erlebt habe. Jeder hängt sich rein, als wolle er seine Handflächen blutig klatschen. Bei den ersten versagt bereits jetzt die Stimme. Es ist wieder einmal an der Zeit, das Wort „geil“ in den Mund zu nehmen. Meine Arm- und Beinhaare stehen vor lauter Gänsehaut so weit ab, dass sie die Vorstufe von Haarausfall erreicht haben. In solchen Momenten fühlt es sich an, als habe es nie einen Abstieg, nie eine Sekunde Traurigkeit gegeben, als halte dieser Verein nichts anderes als Glücksgefühle für seine Anhänger bereit.
Dabei sah vor einem Jahr alles ganz anders aus. Aber wenn Offenbach nach einer Demontage wie dem 1:7 gegen die Borussia innerhalb von drei Tagen auferstehen kann und auf einmal Freiburg die erst zweite Heimpleite der Saison zufügt, dann erscheint es gar nicht mehr so unmöglich, einen Traditionsverein vom Abgrund in den Himmel zu heben und aus Chancen tötenden Auswärtsdeppen das in allen Belangen beste Team der zweiten Liga zu machen. Genau das spürt der Borusse, während er seine Mannschaft bei der Vereinshymne feiert, als gebe es einen Dezibelrekord zu knacken.
Während man als Fan mitunter den Tränen nahe am Boden liegt, gibt es ebenso Tage, an denen einen das Gefühl beschleicht, dass heute – komme, was wolle – nichts, aber auch gar nichts schief gehen kann. Oliver Neuville verliert zwar die Seitenwahl, Wehens Kapitän Schwarz ist jedoch so nett und lässt uns in Hälfte zwei auf die Nordkurve stürmen. Was in gewisser Weise essentiell für einen gelungenen Abend ist: Die Borussia hat 19 ihrer bis zu diesem Tag 26 Heimtore auf die Nordkurve erzielt und die einzige Heimniederlage einstecken müssen, als Mainz im Februar die Seiten tauschte. In Anbetracht der Größe des Gästeblocks mit seinen neunzig treuen Seelen darin, der heute vielmehr einem Blatt Papier als einem Block ähnelt, kann es dem Aufsteiger, gelinde gesagt, schnuppe sein, auf welcher Seite er nun seine Gegentore kassieren wird. Denn die sind ohnehin fest eingeplant. Überhaupt habe auch ich natürlich wieder nichts dem Zufall überlassen: Wie seit Monaten habe ich den Pizzawagen ignoriert (letztmals gab es bei der Pleite gegen Mainz eine Pizza); extra einen Umweg im Kauf genommen, um bloß den richtigen Treppenaufgang zu Block 17A zu nehmen; dem Schweiß aus Offenbach widerstanden und getreu dem Ritual zwei Trikots angezogen.
Jos Luhukay ist mit dem Auftritt seiner Mannschaft in Offenbach anscheinend zufrieden gewesen – alles andere wäre, ehrlich gesagt, auch vermessen und überheblich. Aus diesem Grund schickt er dieselbe Anfangself auf den Platz. Touma spielt erneut anstelle von Ndjeng, obwohl der einen Doppelpack zum 7:1 beigesteuert hatte. Die Qual der Wahl. An der Zusammensetzung des Sturmduos hatte es aufgrund der Verletzung von Colautti und trotz der anhaltenden Torflaute von Friend keinerlei Zweifel gegeben. Zumal letzterer sofort auf sich aufmerksam macht.
Innerhalb der ersten siebzig Sekunden gießt er jedoch gleich zweimal Wasser auf die Mühlen derer, die behaupten er spiele zu oft Foul und könne mit dem Ball nur etwas anfangen, wenn er ihn direkt ins Tor befördern darf. Erst sorgt er nach sieben Sekunden fürs erste Foul der Partie, dann kann er den Ball in arger Bedrängnis – weil er eben nicht der schnellste ist – nicht ins Tor befördern. Doch irgendwie kann ich mich mit dem Kanadier identifizieren, weil ihn seine Spielweise an meine eigene erinnert. Er ist langsam, kein Filigrantechniker, aber dennoch am Ball, wenn er da sein muss und ab und zu blitzt dann doch einmal ein Fünkchen Spielkultur auf. Wobei ich mir bei einem Fallrückzieher, wie er ihn gegen 1860 beinahe erfolgreich fabrizierte, mit Sicherheit den Rücken gebrochen hätte. Aber aus diesem Grund stehe ich ja auch nicht auf dem Platz, sondern auf der Tribüne.
Von der ersten Minute an ist Wehens Ehrfurcht offensichtlich. Auf der anderen Seite wirkt die Angst vor der Blamage wie ein schützender Motor. Um die zehnte Minute herum nähert sich die Borussia dem ersten Treffer langsam aber sicher an. Erst will es Rösler nach einer Neuville-Flanke zu genau machen und verfehlt die anvisierte lange Ecke. Dann tritt Marko Marin zum ersten Mal an, schießt dem Ex-Gladbacher Richter im Tor des SV Wehen jedoch genau in die Arme. Kurz darauf ist es so weit und die Fohlen ernten die Früchte einer guten Anfangsphase: Marin liegt in Nähe der Mittellinie fast auf dem Hosenboden, rappelt sich auf und zieht drei hilflosen Gegenspielern unaufhaltsam davon. Seinen herrlichen Pass verwertet Neuville vom linken Strafraumeck zur Flanke, die Friend erst verpasst, Touma jedoch unhaltbar in die Maschen drischt. Die Last fällt allen von den Schultern. Das frühe Tor trägt umgehend zur Besänftigung bei und schon nach elf Minuten glaubt kaum jemand daran, dass die Aufstiegsfeierlichkeiten bis zum Spiel gegen Freiburg warten werden müssen.
Bis zur Pause taucht der VfL nur noch zweimal gefährlich vor dem Kasten von Richter auf. Neuville verfehlt aus 23 Metern knapp das Tor. Friend nähert sich nach einer guten Hereingabe des wie immer quicklebendigen Marin weiter seinem sechzehnten Saisontor an - dem ersten seit dem Heimspiel gegen St. Pauli-, ist jedoch noch nicht am Ziel seiner Durststrecke angeklangt. Dazwischen sorgt die Borussia bezeichnenderweise nach einer Ecke von Nicu selbst für Gefahr vor dem eigenen Tor. Levels klärt einen Schuss von König eher unfreiwillig genau in die Arme von Heimeroth. Das Gefühl des unmöglichen Scheiterns drängt sich weiter in den Mittelpunkt.
Von sechs erwähnenswerten Chancen, die bis auf zwei nicht wirklich zwingend waren, hat die Borussia eine genutzt, hinten nur eine zugelassen, weshalb es zur Pause standesgemäß 1:0 steht. Auf den anderen Plätzen deutet derweil nichts darauf hin, dass auch ein Remis zum vorzeitigen Aufstieg reichen würde. Köln und Hoffenheim führen, Mainz und Freiburg gehen torlos in die Kabine. Der provisorisch angefertigte Zettel, auf dem alle möglichen Szenarien aufgelistet sind, die uns selbst bei einem eigenen Unentschieden zum Aufstieg führen, verschwindet deshalb zusammengeknüllt in meiner Hosentasche.
Nach dem Seitenwechsel präsentieren sich die wackeren Aufsteiger aus Wehen immer mehr als perfekter Partner für ein Aufstiegsspiel. Sachte, aber dennoch merklich ziehen sie das Tempo an, oder vielmehr kann bei ihrem Auftritt nun überhaupt erst von Tempo die Rede sein. Wenige Sekunden nach Wiederanpfiff forcieren sie erst einmal die Torbeschaffungsmaßnahmen für Rob Friend. Der Kanadier düpiert um ein Haar Keeper Richter mit einem schönen Heber aus zwanzig Metern – ein Indiz für Friends schlummernden Torriecher. Knapp fünf Minuten nach der Pause wird das gesteigerte Engagement des Neulings aus Hessen mit der besten Torchance belohnt. Nicu verfehlt mit einem Volleyschuss das Tor. Sein Kollege Simac zwingt Heimeroth im Anschluss mit einem abgefälschten Kopfball zur ersten Glanztat.
Und so gibt uns der Gegner zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier noch längst nichts in trockenen Tüchern ist und die spontane Feier mit einem einzigen Schuss platzen könnte. Doch gleichzeitig ruht im Hinterkopf, der in den letzten Wochen vor lauter leisen Zweifeln, dringendem Optimismus und mahnenden Fingern regelrecht überbeansprucht worden ist, die Gewissheit, dass in dieser Saison sechzehn von dreiundzwanzig Führungen über die Runden gebracht wurden, ohne zwischendurch auch nur kurzfristig den Ausgleich zu kassieren. Gänzlich schief ging es nach einem 1:0 ohnehin nur einmal – bei der bitteren Niederlage mit 2:4 in Hoffenheim.
In der Folge, nach der kleinen Drangphase der Gäste, setzt die Elf von Jos Luhukay voll und ganz auf das erlösende 2:0. Neuville tritt auf der rechten Seite an wie in besten Tagen. Hätte er den Ball zudem noch im Tor versenkt, wäre man unter den Augen von Bundestrainer Jogi Löw zu dem Fazit geneigt gewesen, der 35-jährige durchlebe seine besten Tage exakt in diesen Wochen. Inzwischen schäme ich mich dafür, vor ein paar Wochen Alterserscheinungen beim Gladbacher Publikumsliebling diagnostiziert zu haben.
Marin scheint sich derweil ebenso für die Europameisterschaft ins Gespräch bringen zu wollen. Einmal mehr lääst er zwei Wehener wie bestellt und nicht abgeholt stehen. Immerhin landen seine Schüsse nicht mehr ausschließlich butterweich in den Armen des Torwarts. Inzwischen ist er – wie in dieser Situation – auch zu gefährlichen Flachschüssen in der Lage, die das Tor nur knapp verfehlen. Nach einer guten Stunde scheint die Zeit für die Entscheidung gekommen. Doch Touma passt aus vollem Lauf quer, anstatt selbst den Abschluss zu suchen. Sein Pass landet ein wenig in Neuvilles Rücken, so dass sich genügend Gegner auf der Linie postiert haben, um den Schuss des Nationalspielers zu entschärfen.
Das Bild von der Rolle des SVW als perfekte Hebamme für die Geburt des Wiederaufstiegs erhärtet sich wenige Minuten darauf (das billige Wortspiel in Bezug auf „Wehen“ und eine Geburt verkneife ich mir an dieser Stelle). Nach nunmehr acht oder neun vergebenen Torchancen auf Borussenseite leistet sich Siegert an der linken Eckfahne ein dämliches Foul an Marin. Dessen Freistoß, der als leicht verkürzte Ecke in den Strafraum segelt, findet den Kopf von Rob Friend, der nach 724 torlosen Minuten endlich wieder einnetzt. Wie so oft im Fußball ist nach erreichten, häufig hohen und großzügig gesteckten Zielen, bei ihm der Wurm drin gewesen. Mannschaften, die überraschend frühzeitig vierzig Punkte einfahren, erfahren immer wieder aufs Neue ein Dilemma zum Saisonende. Genauso schien es sich lange mit Gladbachs bestem Torschützen zu verhalten, der nach seinem fünfzehnten Saisontreffer zwölf Stunden lang nicht ins Schwarze getroffen hatte.
„Nie mehr Zweite Liga!“ und „Oh, wie ist das schön!“ hallt es so entschlossen von den Rängen, als berge die komfortable Führung etwas Sensationelles. Ganz im Gegenteil, die Gesänge werden getragen von der Gewissheit, dass der VfL nun endgültig „wieder da“ ist – nicht vielleicht, nicht wahrscheinlich, sondern definitiv.
Knapp zehn Minuten vor dem Ende der Begegnung und der Zweitklassigkeit „schwappt La Ola durch das Rund“, wie es die „Elf vom Niederrhein“ Heimspiel für Heimspiel heraufbeschwört. Diesmal ist es feierliche Wirklichkeit. Selbst die zwei Reisebusladungen aus Wehen machen mit und erhalten dafür gebührenden Beifall. Spätestens jetzt verdient sich dieser Verein eine Auszeichnung als „freundlichster Gegner bei der Besiegelung eines Aufstieges“. Wer seine Rückkehr in die Bundesliga nicht geschenkt, aber eben auch nicht vorenthalten bekommen möchte, der sollte im vorletzten oder gegebenenfalls letzten Heimspiel den SV Wehen einladen – Prädikat „höchst empfehlenswert“.
Als sei der bevorstehende Aufstieg dafür verantwortlich, macht die Borussia bis zum Spielende einen Klassenunterschied deutlich. In weiß-schwarz spielt in den letzten zehn Minuten eine erstklassige Mannschaft, die gegen einen zweitklassigen Dorfverein immer noch nicht satt ist. Das 3:0 fällt erneut nach Einleitung von Marin. Seine Flanke klärt ein Gästeverteidiger genau vor die Füße des heranstürmenden Toumas, der den Ball erneut mit voller Wucht in die Maschen hämmert. Wenn die „Nie mehr Zweite Liga!“-Rufe zuvor laut waren, bedarf es nun einer Wortneuschöpfung. Jedenfalls ist die Stimmung sensationell, das Stadion steht und feiert seine Mannschaft in den verbleibenden Minuten ununterbrochen. Meine noch aus Offenbach gebeutelte Stimme geht langsam den Bach hinunter. Zum ersten Mal bei einem Heimspiel in dieser Spielzeit macht sich Heiserkeit breit.
Oliver Neuville wird mit stehenden Ovationen verabschiedet. „Olli für Deutschland!“, sendet der Borussia-Park seine Meinung an den hoffentlich aufmerksamen Bundestrainer. Auch Touma und Marin hatten den Platz zuvor mit viel Beifall verlassen. Christian Ziege, Jos Luhukay, Christofer Heimeroth – fast jeder erhält heute seine gesangliche Huldigung. Dabei bedarf es mitunter viel metrischer Veranlagung. Denn „Christian Ziege“ lässt sich anders singen als „Marko Marin“. Aber in Aufstiegswallung sitzt jeder einzelne Ton von ansonsten gesanglich eher unterbemittelten Fußballfans.
Bevor der unauffällige und meist souveräne Schiedsrichter Grudzinski die Party freigibt und das Spiel mit seinem Pfiff beendet, erfolgt aus den Lautsprechern die flehende Bitte, den Platz für heute bitte zu verschonen. Schließlich wartet in vier Tagen noch der SC Freiburg. Doch dann wird der Stadionsprecher das ausverkaufte Stadion wohl kaum mit einem Hinweis auf das ausstehende Grönemeyer-Konzert vertrösten können. Wofür braucht der auch Rasen?
Dann ist es vollbracht. Ein einziger Pfiff, der in mir die Last einer ganzen Saison löst, die von Spiel zu Spiel peu à peu ihren Aggregatzustand von „lästig“ bis hin zu „leidenschaftlich“ verändert hat. Nick Hornby heuchelt in seinem Buch „Fever Pitch“ schon Mitleid, wenn Arsenal einmal sechs Jahre in Folge keinen Titel einfährt. Dabei kann sich der englische Vorzeigefan wohl kaum vorstellen, wie es ist, wenn der dritte Aufstieg der Vereinsgeschichte mit dem zweitgrößten Erfolg des eigenen Fandaseins zusammenfällt.
Am Ende sind die Plänkeleien und Planungen des Aufstiegsdatums doch für alle zufrieden stellend ausgegangen: Am Ende noch ein wenig – wenn auch häufig selbst auferlegt – gezittert, einen historischen Auswärtserfolg in Offenbach gefeiert und das Ziel vor heimischer Kulisse gegen Wehen erreicht. Wer seit dem neunten Spieltag auf Platz eins weilt, der hat es sich redlich verdient, wählerisch zu sein.
Ich habe eigentlich seit Oktober unentwegt daran geglaubt, dass diese Saison letztendlich gut für uns ausgehen wird. Den Moment des Aufstiegs selbst habe ich mir dabei selten genau ausgemalt. Doch kein Traum hätte die Wirklichkeit schmackhaft genug machen können. Diese halbe Stunde nach Abpfiff entschädigt fast vollkommen für das Leid, die Schmach der Abstiegssaison mit nur 23 Toren und 26 Punkten. Daems und Levels rollen jubelnd über das Feld. Kühles Bier fließt gleichermaßen die Kehlen der Spieler wie die Nacken der Trainer hinunter. Die T-Shirts mit der Aufschrift „Wieder zuhause“ sind längst in Auftrag gegeben und kurz vor Spielende in dicken Kartons zur Auswechselbank gekarrt worden. Man hatte dran geglaubt, fest damit gerechnet, doch die Tatsache, dass auf dem Alten Markt noch keine Bierwagen aufgebaut wurden, verleiht diesem Moment dann doch noch etwas wohltuend Überraschendes. Mahnend hatte am Morgen die Geschichte von der geplatzten Lauterer Meisterschaftsfeier 1991 in der Zeitung gestanden, als sich eine ganze Stadt offiziell in Schale für große Feierlichkeiten geschmissen hatte und ausgerechnet die Borussia alles vermieste.
Als die Nordkurve ihren Trainer zur Humba bittet, lässt sich der sonst so ruhige Niederländer nicht zweimal bitten. Wenn auch mit leichten grammatikalischen Schwächen, die wohl auf das pochende Aufsteigerherz zurückzuführen sind, fordert er lauthals „gib’ mir die H … gib’ mir die U … gib’ mir die M“. Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet ein Karnevalslied aus der Hochburg Mainz allerorten für ritualisierte Feierlichkeiten vor der eigenen Kurve herhalten muss.
Sascha Rösler muss danach am Elfmeterpunkt seine blonde Haarpracht opfern. Ein Hattrick dürfte für den nunmehr glatzköpfigen Blondschopf im nächsten Spiel vorprogrammiert sein. Denn so erkennt ihn mit Sicherheit kein Gegenspieler. All das sind unvergessliche Szenen einer Aufstiegsfeier, die jeder im Stadion mit viel Erleichterung und Ausgelassenheit wahrnimmt. Gladbachs drei Schwarzafrikaner geben einen sowohl amüsanten als auch Furcht erregenden Aufstiegstanz zum besten, der an die „Haka“ erinnert, den traditionellen Tanz der Maori, mit dem die neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft seit jeher ihre Gegner vor dem Spiel in Angst und Schrecken versetzt.
Mit Angst und Schrecken wird Jos Luhukay den ausufernden Alkoholkonsum seiner Jungs zur Kenntnis nehmen. Aus „zwei, drei Bier“ scheinen dem Anfangspensum zufolge bis in die Morgenstunden „zwei, drei Fässer“ zu werden. Einer Mannschaft, die sich nach schwachem Saisonbeginn innerhalb weniger Wochen an die Tabellenspitze befördert und trotz krisenartiger Schwankungen nach der Winterpause weder Faden noch Kopf verliert, sollte man zutrauen, dass sie weiß, was sie tut. Alex Voigt hat die Aspirin schon auf dem Nachttisch platziert und sein ebenfalls aufstiegserfahrener Kollege Sascha Rösler ist ebenfalls nicht zu halten, verspricht dennoch, sich im letzten Spiel einmal mehr voll rein zu hängen.
Um die Eintausend Borussenfans lassen es sich nicht nehmen, den Alten Markt schon etwas früher als geplant in Besitz zu nehmen. Wo früher Netzer, Vogts und Heynckes die Meisterschale präsentierten, ist nach 20 Uhr einiges los. Aus den Kneipen ertönt von „You’ll never walk alone“ über „We are the Champions“ bis zur „Elf vom Niederrhein“ alles, was Fußballfans auch nur irgendwie in Wallung versetzt – wobei das zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr vonnöten ist. Gegen zehn Uhr trotten wir – meine Eltern, mein Bruder und ich – die verwaiste Hindenburgstraße hinunter. Man vergisst, dass es ein gewöhnlicher Mittwochabend ist, an dem alle Geschäfte geschlossen haben und selbst die Kneipen sich an relativ wenig Zulauf erfreuen.
Heute ist alles anders. Heute ist nicht irgendein Tag – es ist der Tag, an dem es vollbracht wurde: Der 7. Mai 2008. Ich kann mich nicht daran erinnern, an welchem Tag das Pokalfinale 1995 genau stattfand. Aber diesen Tag, den Tag, an dem die Heimkehr in die Bundesliga Wirklichkeit wurde, werde ich gebührend in Erinnerung behalten.
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Jannik
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Dienstag, 6. Mai 2008
Fohlengeflüster (26):
Das letzte Abenteuer
Zwei Zahlen mit einem Doppelpunkt dazwischen sind eigentlich kaum der Rede Wert. Doch in diesem Fall stehen sie für ein Abenteuer, wie es in unserer Zeit nur noch der Fußball bereithält: 7:1 in Offenbach. Unfassbar, aber wahr.
Als ich am frühen Morgen um kurz nach halb fünf in den Spiegel blicke, will ich meine Augen am liebsten gleich wieder schließen und mich schnurstracks zurück ins Bett begeben. Die wenig schlafbringenden Nächte zuvor und besonders der vorhergegangene Abend stehen mir metertief ins Gesicht geschrieben. Am Samstag hatten wir mit unserer Handballmannschaft den Abstieg aus der Kreisliga C besiegelt und diesen gefeiert wie einen Aufstieg in die Regionalliga. Aber da es nicht irgendein Sonntagmorgen ist, ich nicht umsonst nur zwei Stunden gepennt habe, raffe ich mich auf in Dusche, die leider wenig zur Besserung des Zustandes meiner Kopfgegend beiträgt. Es ist ein besonderer Tag – denn kurz vor Toresschluss hat es doch noch geklappt mit dem ersten Auswärtsspiel in der Zweiten Liga.
Meine Freunde Christopher und Nils, zwei meiner sechs Reisekumpanen, räkeln sich noch auf Bett beziehungsweise Boden. Auch ihnen steht die Vorfreude auf eine abenteuerliche Fahrt nach Offenbach nicht gerade ins Gesicht geschrieben. In der Küche packen wir den Reiseproviant ein, den uns Nils’ Mutter fürsorglich bereitgestellt hat: Zwei Käsebrote, eins mit Salami, ein Snickers, ein Hanuta und ein Kaugummi um unsere Fahne wenigstens auf die Größe eines Fähnchens schrumpfen zu lassen.
Da Nils den Bierkonsum am Vorabend freiwillig vorzeitig eingestellt hatte, obliegt ihm bis zum Gladbacher Hauptbahnhof die Rolle des Fahrers. In Boisheim sammeln wir Monti alias Christoph Hubert auf. In Dülken steigt Sebastian zu, besser unter seinem Nachnamen Rötten bekannt. Wenigstens haben wir mittlerweile Mai und es ist um halb sechs bereits hell. Die ersten Sonnenstrahlen und die kühle Morgenluft lindern mein „Unwohlsein“ nur begrenzt, doch die Gedanken an das bevorstehende Spiel am Mittag treiben mich an. Am Hintereingang des Bahnhofs treffen wir auf den Rest unserer Auswärtsbaggage – Simon und Tobias, den ebenfalls jeder nur bei seinem Nachnamen Gotzen nennt.
Auf dem Gleis herrscht in Anbetracht der Uhrzeit bereits reges Treiben. Die Farbe grün dominiert, was vor allen Dingen daran liegt, dass die Bundespolizei ebenfalls einen Ausflug nach Hessen unternimmt und uns freundlicherweise begleitet (Christopher besteht auf die Bezeichnung „Bundespolizei“, ob SEK, GSG-9, Hundertschaft oder einfach schlicht „Polizei“ ist mir eigentlich relativ schnuppe). Das „freundlich“ ist hier übrigens keineswegs ironisch gemeint. Die winterlich eingepackten Damen und Herren in grün, gewappnet mit Schlagstock, Schildkrötenpanzern an den Schienbeinen und schweren Helmen in der Hand, zeigen sich von ihrer netten Seite und behandeln die über den Daumen gepeilten 300 Borussenfans wie normale Menschen, die gesittet ihren Spaß und drei Punkte haben wollen. Das soll von Zeit zu Zeit anders sein. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, da die Fahrt nach Offenbach erst mein drittes Auswärtsspiel mit Bus und Bahn ist, also im Kreise der Gesetzeshüter. Bisher habe ich stets den Eindruck gewonnen, dass sie lieb zu dir sind, solange du dich benimmst, wie Mama es dir beigebracht hat.
Und so setzt sich der Tross um 6:10 Uhr in Bewegung. In Neuss ist der erste Umsteigepunkt. Monti, Christopher, Rötten, Gotzen und Simon „genießen“ bereits ihr erstes Bier. Nils will noch nicht und auch ich kann mich um diese Uhrzeit nicht mit einem Konterbier anfreunden. Zumal das spottbillige „Baron Pils“, pfandfrei aus Holland für 8,88 € die Palette, eher wie warmes Kühlwasser aus einem Atomreaktor schmeckt, verfeinert mit einer Prise Metallgeschmack. Wenn „Stiftung Warentest“ irgendwann einmal radioaktive Stoffe in einem Bier entdecken sollte, setze ich jetzt schon einen Zehner darauf, dass „Baron Pils“ der Übeltäter sein wird. Die Reisenden sind derweil bunt gemischt wie die Biersorten, die sie in Kisten und Paletten von Bahnhof zu Bahnhof schleppen – alteingesessene Siebzigerjahre-Fans mit Rauten-Tattoo auf dem Oberarm, Ultras, die nicht mehr so heißen aber trotzdem noch so aussehen, kleine Jungs um die fünfzehn Jahre, die gerne dazu gehören würden, Studenten mit Mischbier in der Hand, ein paar Familienväter mit ihren Söhnen an der Hand und eben wir sieben Abiturienten, auf die keine dieser Beschreibungen zutrifft.
Ein Polizist kommt auf uns zu und will wissen, ob wir – also die Borussia – heute schon aufsteigen können. Leider können wir nur mit „nein“ antworten und uns darüber wundern, dass der Mann in grün seine Hausaufgaben nicht wirklich gemacht hat. Schließlich könnten sich seine Aufgaben ruckartig anders gestalten, wenn auf einmal 5000 Fans den Aufstieg feiern – und nicht nur, wie wir hoffen, einen einfachen Auswärtssieg.
Die nächste Station auf der Zugodyssee gen Offenbach heißt ausgerechnet Köln. Zum Glück treiben sich dort um kurz vor halb sieben noch keine FC-Fans rum. Zeitgleich wird Köln am Nachmittag die TSG Hoffenheim empfangen. Auch von deren Anhängern werden wir wohl kaum einen zu Gesicht bekommen. Eher läuft uns ein Esel in Boca-Juniors-Trikot über den Weg. Simon verlangt vor der Ankunft in Köln nach zwei Tüten für seine Füße, damit er keinen unheiligen Boden betreten muss. Aber der Hüne mit dem leichten Gemüt übersteht den zehnminütigen Aufenthalt in der verbotenen Stadt trotzdem unbeschadet. Rheinaufwärts nähern wir uns Koblenz, der dritten Zweitligastadt an diesem Morgen. Auch die Anhänger der TuS schlummern zu diesem Zeitpunkt noch in ihren Betten. Die Uhr zeigt nicht einmal neun Uhr an, als unsere Bahn nach Mainz abfährt.
Die nächsten anderthalb Stunden machen wir es uns im menschenleeren Fahrradabteil gemütlich. Christopher ringt mit der Müdigkeit und verabschiedet sich kurz ins Land der Träume. Nils liebäugelt um halb zehn in Deutschland mit dem ersten Bier, während Sebastian sich dem halben Dutzend bereits unaufhaltsam nähert. Es ist ruhiger, als man in einem Fußball-Zug vermuten mag, was daran liegt, dass sich ein Großteil der Gefolgschaft in eine kleine Regionalbahn gezwängt hat, die über Limburg nach Frankfurt fährt.
Landschaftlich hat die Fahrt durch die Weinberge entlang des Rheins ebenfalls etwas zu bieten – Fachwerkhäuser, Burgen, grüne Wiesen am Fluss. Manche Bahnhöfe besitzen nicht einmal einen gepflasterten Bahnsteig. In einigen Dörfern sagen sich Fuchs und Hase allem Anschein nach sogar tagsüber „Gute Nacht“. Spay, Boppard-Bad Salzig, Trechtlingshausen, Budenheim – allesamt Orte, deren Boden wir nie in unserem Leben betreten werden, durch die wir aber nun wenigstens einmal mit dem Zug gefahren sind.
In Bingen steigt ein Radfahrer mit südländischen Wurzeln zu, der die mutige Frage stellt, wie hoch Gladbach denn heute verlieren werde. Der Mann hat Glück an die Richtigen geraten zu sein. Andere hätten ihn ohne mit der Wimper zu zucken im Rhein versenkt. Aber nicht nur der Scherzkeks, sondern auch wir selbst haben ja noch keinen blassen Schimmer, was uns heute in fußballerischer Hinsicht erwarten wird. So eine Zugfahrt bietet häufig genügend Gelegenheiten zu ausgiebigen Charakterstudien. Irgendwo hinter Gau-Algesheim steigt ein kurioses Pärchen zu. Er sieht aus wie Jesus in Joggingschuhen. Sie hat dennoch einen dichteren Oberlippenbart als ihr Freund, Lebensabschnittsgefährte, Ehemann, was weiß ich. Ihre Blicke lassen vermuten, dass sie uns für irgendetwas zwischen verrückt und faszinierend halten.
Mein erstes Pils kurz vor der Ankunft in Mainz schmeckt nicht wirklich, lindert jedoch wider Erwarten meine Beschwerden und spätestens jetzt zähle ich sehnsüchtig die Minuten bis zum Anpfiff auf dem Bieberer Berg. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt schließen wir eine Palette für die Rückfahrt im Schließfach ein. Auf einmal hängt uns aus unerklärlichen Gründen ein Gladbach-Fan mit pfälzischem Dialekt an, der ungefähr unser Alter haben muss. Er sucht verzweifelt die „Ultras“, die sich ja eigentlich vor ein paar Wochen aufgelöst haben. Was sich unser kleiner Tom Hanks auf der Suche nach dem Heiligen Gral von denen erhofft, bleibt im Raume stehen. Erst in Offenbach werden wir den Mitreisenden los, als er zumindest mir mittlerweile auf den Geist geht. Bevor das Ziel in Offenbach endgültig ins Visier genommen wird, gönnen wir uns bei McDonalds ein Frühstück – drei Cheeseburger, ein Wrap und weiter geht’s.
Im Anschluss habe ich ein großartiges Aha-Erlebnis, als ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Wehen-Fans erblicke und dies mit den Worten „Ich fass’ es nicht. Schaut mal her! Es gibt sie wirklich!“ kundtue. Die beiden Wehener scheinen Ähnliches nicht erst einmal gehört zu haben und lächeln aufrichtig. Sie sind auf dem Weg nach Koblenz und werden nach der 0:2-Niederlage gegen 16 Uhr nicht mehr so fröhlich dreinblicken. Überhaupt herrscht allerorten ein faszinierender Fan-Exodus: Hoffenheimer nach Köln, Wehener nach Koblenz, Augsburger nach Aachen, Gladbacher nach Offenbach und irgendwo dazwischen sogar ein paar verträumte Bayern-Fans, die sich auf die Reise nach Wolfsburg machen. Auswärtsfahrten sind eben ein kleines Abenteuer. Kleine Jungs spielen im Wald Indiana Jones, bauen Höhlen aus Laub – Männer und Frauen ab 14 aufwärts fahren nach Offenbach zum Fußball.
Aus der S-Bahn dürfen wir die Frankfurter Commerzbank-Arena bestaunen. Warum die früher „Waldstadion“ hieß wird selbst Sebastian klar, der stolz sein „achtes oder neuntes Bier“ verkündet. Köln, Koblenz, Mainz, Frankfurt, Offenbach – man kann auf Reisen zu Auswärtsspielen theoretisch jede Stadt dieses Landes bereisen ohne auch nur ein einziges Gebäude außerhalb des örtlichen Hauptbahnhofs genauer zur Kenntnis genommen zu haben. Ich war zuvor noch nie in Mainz, jetzt schon, doch irgendwie auch wieder nicht.´
Genauso wenig bekommt man aus nächster Nähe einen Anhänger der Heimmannschaft zu Gesicht. Vor einer Eckkneipe am Bahnhof Offenbach-Ost stimmt sich ein gutes Dutzend Kickers-Fans auf das Spiel ein, das in weniger als zwei Stunden angepfiffen wird. Doch die Peripherie der Jungs in rot-weiß wird von den Hütern der Ordnung in grün (und blau, wir sind schließlich längst in Hessen) undurchdringbar bewacht. Dabei will den Offenbachern niemand etwas Böses – drei Punkte reichen schon zur Besänftigung.
Es scheint, als habe sich einmal mehr der gesamte Niederrhein aufgemacht und sei mit Bus, Bahn und Auto in den Osten von Frankfurt gereist. Nachbarn aus Anrath und ehemalige Mitschüler säumen den Fußweg zum Stadion. Aus der wartenden Menge vor den Toren des Bieberer Berg winkt mir Luca, mein Sitznachbar aus dem Borussia-Park, von den Schultern seines Vaters zu, der seinen Arm wie ein Ertrinkender in die Höhe reckt, um ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Die Szenerie des traditionsreichen Offenbacher Stadions lädt Fußball-Romantiker derweil zum Schwelgen in alten Bökelberg-Zeiten ein. Das Umfeld, der Wald mit seinen Wiesen, auf denen Familien picknicken und bärtige Relikte aus der Hippiezeit ihr Bier trinken, erinnert an ein ritterliches Mittelalterfest. Keine Spur von mächtigen Parkplätzen, ausgeklügelten Anfahrtswegen und erdrückenden Videoleinwänden.
Vor dem Eingang zum Gästeblock stehen keine kostspieligen Ticketautomaten. Freiwillige in chicen neon-orangen Westen reißen Ticket für Ticket ab, während die Kontrollen sorgfältiger sind als sie bei Heimspielen jemals auch nur annähernd waren. An diesem Punkt teilen wir uns – Simon, Christopher und Gotzen haben nämlich Sitzplatzkarten. Wie durch ein Wunder war ich über die Mitgliedskarte meines Bruders und meine eigene zwei Minuten nach Verkaufsbeginn an vier Stehtickets gekommen. Drei Minuten später waren alle bereits vergriffen.
Zu viert erklimmen wir die Stahlrohrtribüne, die ich so nur vom heimischen Schützenfest kenne. Doch diesmal ist sie nicht für Schützenkönige mit Fasanen auf dem Kopf und korpulente Frauen in grellen Kleidern errichtet worden, sondern für weit gereiste Gästefans. Ein Ordner gewährt uns mit dem Hinweis auf die notdürftig vorhandenen Dixie-Klos Einlass und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber bitte nicht umkippen.“ Er meinte selbstverständlich die Toilettenhäuschen.
Die Gästetribüne ist eine halbe Stunde vor Spielbeginn relativ leer. Viele scheinen der warmen Mai-Sonne noch ein wenig entgehen zu wollen oder hängen wahrscheinlich im Strom vor den Toren fest, weshalb wir das kleine Fanvakuum nutzen und uns nicht in Block S1 niederlassen, sondern das Zentrum der Stimmungsverbreitung in W2 aufsuchen. Was wie Schiffe versenken klingt, soll sich später als gute Entscheidung erweisen. Gerade bei Auswärtsspielen ist die Stimmung ein noch größeres Phänomen als daheim, da der Funke innerhalb der Menge nicht allein durch ihre Masse ein Feuer entfachen kann. Es bedarf immer wieder kleinen Schüben, um letztendlich mehr als nur den härtesten Kreis zu animieren. Obwohl sie gar nicht mehr existieren, ergreifen vor allem jene, die sich einst „Ultras“ nannten, zunächst die Initiative. Wir vier stehen irgendwo ein paar Reihen dahinter. Das Spielfeld sehen wir größtenteils nur durch die Fangzäune, andererseits ist das Tor, auf das die Borussia in der zweiten Hälfte spielen wird, fast greifbar nah.
Der Stadionsprecher dudelt vor sich hin. Nicht einmal seine Stammzuhörer aus Offenbach scheint es sonderlich zu interessieren. Dennoch nimmt der Gästeblock seinen waghalsigen Tipp – ein sensationelles 1:0 für die Kickers – lachend zur Kenntnis. Als das Spiel endlich beginnt, sind wir seit fast zehn Stunden auf den Beinen, zehn Stunden, denen auf der Rückfahrt noch einmal sechs folgen werden. Das Spiel plätschert lange vor sich hin. Aus der Ferne sieht das, was die Borussia aufs Feld zaubert, nicht gerade erstligareif aus und die leise gehegten Zweifel der letzten Tage machen sich langsam wieder im Hinterkopf breit. Jeder weiß: Mindestens fünf Punkte und wir sind durch. Doch solange nichts in trockenen Tüchern ist, greift stets die Angst um sich, kurz vor dem Ende alles zu verspielen. Vor unserer Nase passiert jedoch ebenfalls nicht viel, aber immer noch ein Tick mehr als auf der Gegenseite. Zweimal ist Heimeroth gegen den gefährlichen Bancé glänzend auf dem Posten und verhindert das erste Tor, das wenn überhaupt in den ersten zwanzig Minuten der OFC verdient hätte.
Für haargenaue Spielanalysen und Beurteilungen von Schiedsrichterentscheidungen ist der Gästeblock nur begrenzt geeignet. Nach einer knappen halben Stunde rennt Hysky im Strafraum Friend um. Vorsichtshalber sende ich eine SMS nach Hause. Nach ein paar Minuten kommt die Bestätigung. „War das ein Elfer?“, hatte ich gefragt. „Ganz klar“, lautet die Antwort. In der Zwischenzeit hatte Neuville den Strafstoß versenkt. Sicherer als vor einer Woche gegen 1860 München, aber Offenbachs Thier (kein Rechtschreibfehler, der heißt wirklich so) hatte die Ecke immerhin geahnt. Spätestens jetzt herrscht Freudenstimmung im Block, die diese leise Ungewissheit verdrängt, ob die Leistung in den Minuten zuvor die Führung überhaupt rechtfertigt.
Jetzt könnte man denken, das Führungstor würde eine bisher relativ lahme Fohlenelf antreiben und inspirieren. Doch kurz nach Neuvilles vierzehntem Saisontor ist Offenbach dem Ausgleich so nah, dass die Fans in rot-weiß alle schon aufgesprungen sind. Sousas Freistoß streift hauchdünn am Pfosten vorbei und trifft Gott sei Dank die richtige Seite des Netzes. Kurz bevor es in die Pause geht, wirft sich der OFC selbst um Lichtjahre zurück. Neuville lässt Bancé stehen. Der Mann aus Burkina Faso setzt an der Außenlinie zur Sense an – mit Erfolg. Neuville wälzt sich verständlicherweise am Boden. „Dunkelgelb“, schießt es mir durch den Kopf. Schiri Sippel wählt den dunkelsten aller Gelbtöne und zeigt Bancé die rote Karte. „Vertretbar“, wie man immer so schön urteilt.
„Vertretbar“ wird wenige Augenblicke nach Wiederanpfiff zum Wort der Stunde mutieren. Zunächst mache ich mich jedoch auf die Suche nach etwas Ess- beziehungsweise Trinkbarem. Als Sippel fünfzehn Minuten später in seine Pfeife bläst, stehe ich noch immer in der Schlange, mittlerweile immerhin weit vorne. Doch der Durst ist mir ganz schnell egal. Ich geb’s auf und gehe zurück in den Block. Fußball-Romantik muss nicht immer schön sein. Mich juckt es nicht weiter. Doch die Kickers hätten die 2,80€ für meine Cola gut gebrauchen können – für eine neue Anzeigetafel zum Beispiel. Das alte Exemplar aus dem Bremer Weserstadion hat seinen Geist aufgegeben und heißt jetzt „Anzeigentafel“. Wenigstens Humor hat man in Offenbach.
Die Entscheidung für den Durst erweist sich in der 48. Minute als goldrichtig: Ein Offenbacher klärt auf der Linie, der Ball kommt zu Brouwers, der Niederländer muss ihn nur noch per Kopf über die Linie drücken, wird aber von Sichone unfair daran gehindert. Die Überraschung ist groß. Ich muss ehrlich sein: Zur genauen Schilderung der Situation bin ich erst in der Lage, seitdem ich zuhause die Zusammenfassung gesehen habe. Als Sippel erneut die rote Karte aus der Gesäßtasche kramt, ist die Verwirrung perfekt. Hand auf der Linie, Schiedsrichterbeleidigung – jeder will etwas anderes gesehen oder gehört haben. Richtig liegt niemand. Spätestens nachdem Neuville seinen zweiten Elfer sicher verwandelt hat, spielt diese Ungewissheit eine absolut nebensächliche Rolle. Zumal sich ja herausstellt, dass auch diese Entscheidung „vertretbar“ gewesen ist. Es wird ausgelassen gefeiert. Und dann ist er wieder da, der angesagteste Gesang dieser Wochen: „Nie mehr Zweite Liga, nie mehr, nie mehr.“ Goethe, Schiller oder Heine hätten es nicht schöner sagen können.
Kurz darauf erzielt die Borussia das dritte Tor. Brouwers ist nach dem unfair vereitelten Treffer beim Platzverweis für Sichone scheinbar so heiß auf ein Tor, dass er Heimeroth überköpft und ein sehenswertes Eigentor produziert. Wer sich in der wohligen Lage befindet, beim derzeitigen Stand nur noch einen Sieg zum Aufstieg zu benötigen und zudem auf eine doppelte Überzahl bauen kann, nimmt es mit Humor.
Innerhalb weniger Minuten treibt der designierte Aufsteiger aus Mönchengladbach die Gastgeber in den Galgenhumor und ins sportliche Delirium. Zuerst bugsiert Marin den Ball nach einem Abpraller mit viel Übersicht von der Strafraumgrenze ins Tor. Acht Minuten später kommt Touma zu seinem Premierentreffer für die Borussia. Erneut ist er der Nutznießer eines Abprallers, der zu ihm gelangt, nachdem der eingewechselte Colautti noch an Thier gescheitert war. 4:1 aus Sicht der Borussia hatte ich getippt. Nach einer guten Stunde ist Vision Wirklichkeit geworden. Irgendwie ahne ich bereits, dass dies viel zu früh geschieht, um am Ende als Tippkönig dazustehen. Mittlerweile hat sich ein Großteil des Gästeblocks bei den sommerlich anmutenden Temperaturen seiner Oberteile entledigt. Noch bestehe ich auf meine doppeltes Glückstrikot, will schließlich nicht Schuld auf mich nehmen, wenn am Ende ein 4:4 zu Buche steht.
Um die 70. Minute herum (auch das musste ich nachgucken, man verliert im Rausch des Kantersieges jegliches Zeitgefühl) verlässt Colautti den Platz. Luhukay hatte neben dem Israeli bereits Coulibaly und Ndjeng ins Spiel gebracht, weshalb die Borussia zu zehnt weiter spielen muss. Man könnte meinen, sie hätte Mitleid mit den neun vollkommen hilflosen und desorientierten Offenbachern.
Doch die verminderte Überzahl tut dem Rausch, in den sich Gladbach längst gespielt hat, keinen Abbruch. Ndjeng trifft als Joker zum 5:1. Neuville hatte ihn sensationell auf dem Boden liegend angespielt. Als Coulibaly vier Minuten danach mit dem Kopf (!) nach Flanke von Levels (!) das halbe Dutzend voll macht, erkenne ich dies als Zeichen für vollkommene Unbesiegbarkeit an und lege mir meine beiden Trikots samt Schal über die Schultern – sonnenbrandtechnisch ohnehin keine schlechte Maßnahme. Die Fans des OFC feiern sich derweil selbst, wir feiern unsere Mannschaft – neun Offenbacher auf dem Feld sind zehn Minuten vor Schluss also die einzigen, die bei 25 Grad keinen Spaß haben.
Ndjengs 7:1 wird mit einem Anflug von Erschöpfung wahrgenommen. Wie bei einem 23:18 beim Handball werden schnell die Hände in die Luft gereckt. Mehr ist nicht mehr drin – die Ungläubigkeit lähmt uns geradezu. Nach dem sechsten Tor hatte jemand „nur noch vier“ angestimmt. Es wird nichts mehr mit der Zweistelligkeit. Dennoch steht am Ende der höchste Auswärtssieg seit 21 Jahren zu Buche. Offenbach kassiert die höchste Heimpleite aller Zeiten und mehr als 5000 Borussenfans haben das geilste Auswärtsspiel ihres Lebens hinter sich. Ich bin eigentlich kein Fan des Wortes „geil“, aber ab einem gewissen Punkt wirken „schön“ und „toll“ einfach unglaubwürdig und tiefstaplerisch.
Kopfschütteln gehört nach dem Spiel neben lauten Jubelfeiern zur meistgesehen Tätigkeit. Niemand kann so richtig glauben, was er gesehen hat. Die Frage nach den Torschützen in richtiger Reihenfolge erweist sich als schwerste Prüfung des Tages. „Am Mittwoch steigen wir auf, olé, olé“ mutiert zum Gassenhauer des Abends. Mit erschreckender Leichtigkeit hat die Borussia den Gastgeber in der zweiten Hälfte aus dem Stadion geschossen. Die Noten, die der Kicker jeden Montag vergibt, unterstreichen eindrucksvoll die Kuriosität des Spiels. Sieben Tore, ein Eigentor und trotzdem kommen die dreizehn benoteten Borussen im Schnitt nur auf eine 2,7. Zum Vergleich: Als Bremen letztes Jahr in der Bundesliga Mainz mit 6:1 degradierte, regnete es im Schnitt glatt die Note „gut“ für die elf Akteure. Fünf verschiedene Torschützen, fünf verschiedene Vorlagengeber, drei Jokertore – vielleicht unterstreicht das Zustandekommen des Kantersieges einfach nur die Homogenität der Gladbacher Mannschaft.
Die Kopfschmerzen der Hinfahrt sind auf dem Rückweg vergessen. Die leisen Zweifel müssen sich der Vorfreude auf eine Aufstiegsfeier am Mittwoch gegen Wehen beugen. Sogar das „Baron Pils“ schmeckt jetzt wie edelster Champagner. In Mainz holen wir die letzte Palette aus dem Schließfach. Bei McDonalds gibt es Abendessen: Drei Cheeseburger und einen Wrap – die Kombination könnte zum Ritual werden. Meine Figur wird es mir irgendwann danken. Während wir auf dem Bahnsteig auf den Zug nach Koblenz warten, gratuliert uns ein Mainzer leise zum Sieg und eilt sofort weiter. Fast jeder, der die Frage „Und, wie habt ihr gespielt?“ stellt, erhält die standesgemäße Antwort und erklärt uns durch die Bank für verrückt. Entschuldigung, aber es ist die Wahrheit. Auch ein KSC-Fan aus Koblenz glaubt uns erst nicht so recht, redet uns dann aber auf badisch solange ein Kotelett an die Backen, bis wir schon den Grill rausholen wollen. Vor allen Dingen versteht ihn kein Mensch, aber ihm scheint das schnuppe zu sein. Der Rest des Waggons bekommt derweil die Seiten 12-16 aus dem Gesangsbuch zum Besten gegeben und ist eigentlich zu bemitleiden. Dabei strengen wir uns extra an. In Freudentaumel fällt das auch nicht allzu schwer, obwohl der lange Tag mittlerweile an allen nagt.
Nachdem wir mit den ersten Sonnenstrahlen aufgebrochen waren, ist es längst dunkel, als ich um halb elf alleine auf Gleis 3 am Mönchengladbacher Bahnhof sitze. Die anderen sind bereits auf dem Nachhauseweg, ich habe noch ein paar Minuten, um dieses Abenteuer Revue passieren zu lassen. Mehr als 16 Stunden bin ich auf den Beinen. Das Spiel macht nicht einmal ein Zehntel davon aus. Noch im letzten Jahr hätte ich wohl resigniert dort gesessen, nach einen 0:1 auf Schalke oder einem 0:2 in Bochum. Doch dieses Jahr ist alles anders: Wir sind die Nummer eins und die anderen freuen sich, gegen uns spielen zu dürfen. Noch drei Teams obliegt bis zum Saisonende die Ehre. Doch kein Borusse wird vorhaben, vor lauter Wehmut Abschiedsgeschenke zu machen. Noch drei Punkte, dann ist das Ende des Abenteuers Unterhaus besiegelt. Mit 86 Jahren werden wir im Altenheim sitzen und über alte Zeiten philosophieren. Egal, was in den 67 Jahren bis dahin noch passiert: Das 7:1 in Offenbach wird in unseren Erzählungen einen Ehrenplatz erhalten. Zum Schluss muss ich es noch einmal sagen, weil es so schön ist: 7:1! Ok, noch einmal, dann ist Schluss: 7:1!
Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 1)
Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 2)
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Jannik
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Samstag, 3. Mai 2008
Fohlengeflüster (25):
Ein Ziel im Blick, nichts anderes
Die Tatsache, dass sich die Krönung einer gelungenen Saison weiter hinzieht, lässt erste Zweifel im Unterbewusstsein nagen. Wenigstens trat Gladbach gegen 1860 weitgehend erstklassig auf. Doch ohne das Quäntchen Glück wird das Unternehmen Aufstieg ein härteres Stück Arbeit, als man derzeit denken mag.
Manchmal gibt es sie, diese Tage, an denen man extra spät aus dem Bett klettert, damit die Wartezeit bis zum Anpfiff möglichst kurz ist. Ohnehin ist die Anziehungskraft, mit der man gegen Ende einer Saison ins Stadion getrieben wird, um einiges größer als an grauen Novembertagen. Die Sonne scheint Ende April, der Aufstieg naht, wobei letzteres mittlerweile gleichermaßen Unbehagen wie Vorfreude hervorruft. Wie letztes Mal schon erwähnt, werden die alten Vergleiche von Apotheken und kotzenden Pferden aus den Tiefen der Sprichwortkiste herausgekramt. Es ist die Rede von Bärenfellen, die nicht verkauft werden sollten, bevor das Tier erlegt ist.
Wer seit nunmehr knapp sieben Monaten von der Spitze der Tabelle grüßt, wird immer wieder dazu verleitet, mit all seinen mathematischen Fähigkeiten das Ende des Wartens, das endgültige Aufstiegsdatum zu prophezeien. Dabei redet man, als existierten freie Wahlmöglichkeiten, als sei der Aufstieg ein Wunschkonzert und keinerlei Arbeit mehr. Gerade das letzte Spiel in Jena hat wieder eindringlich daran erinnert, dass man das Ticket für den Wiederaufstieg nicht geschenkt bekommt.
Doch an diesem Sonntag gegen 1860 München, der seinem Namen alle Ehre macht, lösen sich alle Ängste vorm apokalyptischen Scheitern auf der Zielgeraden innerhalb weniger Minuten auf. Es ist warm, auf meinen Schultern ruht – wie sollte es auch anders sein – das weiße Trikot, mit dem ich seit Anfang September jedes Mal ins Stadion gehe und vor dem Fernseher sitze. Darüber prangt das grüne Jersey, in dem die Borussia spielt, wenn der Gegner in der Fremde ebenfalls "grün" unter „Vereinsfarben“ in seiner Satzung verankert hat. Seit nunmehr neun Spielen ist diese Trikotkombination ungewaschen, weil Gladbach seit dem Heimspiel gegen Mainz nicht mehr als Verlierer vom Platz gegangen ist. Eine weitere Waschaktion ist nicht vorgesehen. Sie würde auch äußerst ungelegen kommen, denn die Borussia benötigt vor dem Spiel gegen 1860 noch mindestens sechs Punkte, um den Aufstieg unter Dach und Fach zu bringen.
Dass Manager Christian Ziege auch an diesem Tag wieder auf der Bank sitzt, scheint eigentlich nicht der Rede wert. Seine Anwesenheit war unter der Woche jedoch kurzzeitig sehr unwahrscheinlich, nachdem die Schlagzeile „Ziege erschossen“ in diversen Gazetten für Unruhe gesorgt hatte. Schon die Zusatzinformation, dass es sich dabei um eine „echte“, sprich tierische Ziege gehandelt hat, besänftige jedoch schnell alle Befürchtungen und die Sache konnte mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen werden. Zumal die Satiriker und Hobby-Biologen ohnehin von einem tierischen Irrtum ausgingen. Es habe sich bei der lebensmüde Ziege um den Kölner Geißbock gehalten, der sich bei Königswinter, das passenderweise nur eine halbe Autostunde von Köln entfernt liegt, unentwegt und unbezähmbar auf den Gleisen herumtrieb. Er wollte der Androhung der Gladbacher Anhänger, ihm eine Raute ins Hinterteil zu rasieren, allem Anschein nach durch Freitod entgehen. „Auf der Flucht erschossen“ nennt man das.
Anders als die arme Ziege zeigt sich die Borussia von der ersten Minute an aber äußerst lebhaft. Das Leder läuft durch die Reihen – „wie in besten Zeiten“ würde jemand behaupten, der diese Ära hautnah miterlebt hat. Ich sage das eher, weil ich mir „gute Zeiten“ ähnlich vorstelle wie Gladbachs Spiel in der Anfangsphase. Colautti, für den grippekranken Friend erstmals in der Startelf, kann einige gute Pässe in den freien Raum jedoch nicht nutzen, weil er im Abseits steht. Doch der Tabellenführer kommt ebenso zu konstruktiven Torchancen. Den Sechzigern sieht man derweil an, dass sie nicht darauf bedacht sind, es nicht einmal gewohnt sind, unentwegt hinten drin zu stehen. Genau diese Spielweise kommt der Borussia entgegen, so dass der erste Treffer nach einer Viertelstunde mehr als nur in der Luft liegt.
Röslers Schuss vom Elfmeterpunkt wird abgefälscht. Kurz darauf trifft Ndjeng aus kurzer Distanz nach einem Querpass die Latte. Wiederum Rösler setzt den Nachschuss fahrlässig in die Wolken. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nein, Gladbach gerät nicht in Rückstand, im Gegenteil. Doch das 1:0 kommt in Anbetracht der vorhergehenden Großchancen ziemlich glücklich zustande. Neuville zimmert einen Freistoß aus zentraler Distanz aufs Tor, ein Löwe fälscht ab und Tschauner ist im Kasten zwar überrascht, aber nicht chancenlos. Den 50000 im nahezu vollen Borussia-Park ist es Recht. Der bisher nahtlos an das Heimspiel gegen Fürth anknüpfende Auftritt scheint seine ersten Früchte zu tragen. In der Freude des Augenblicks wähnt man die drei Punkte voreilig in der Tasche, fragt sich, wann das 2:0 denn fallen mag und malt sich insgeheim die Aufstiegsfeier nach einem Sieg in Offenbach am nächsten Wochenende aus.
Die Strafe folgt auf dem Fuß, vielmehr mit dem Kopf. Nach einer Ecke hat Di Salvo am ersten Pfosten viel zu viel Platz und bugsiert den Ball unhaltbar für Heimeroth ins Tor. Der Schock ist da, aber nicht aus den Socken reißend. Schließlich hatte der bisherige Spielverlauf durchaus zu Optimismus angeregt und so hieß es einmal schütteln und in Kahn'scher Durchhaltemanier weitermachen. Da Gerechtigkeit im Fußball eher willkürlich und unvorhersehbar ihren großen Auftritt hat, nimmt die Borussia an diesem Tag leider die Rolle der Pechmarie ein. Gegen Fürth noch unbezwingbar und mit dem Papst in der Tasche, gegen Jena bezwingbar, jedoch erneut mit dem Pontifex in der Tasche, klebt ihr heute das Unglück am Fuß. Colautti und einmal mehr Rösler scheitern an Münchens Tschauner.
Normal müsste an dieser Stelle der Satz folgen: „1860 ist mit dem Unentschieden zur Pause gut bedient“. Doch wenn Regelmäßigkeiten hier einen Platz hätten, wäre das Spiel in Köln siegreich verlaufen, gegen Fürth hätten wir mindestens einen Treffer kassiert und in Jena womöglich bitterlich verloren. Unterm Strich kommt dasselbe raus, man weiß nur nicht wie. Jedenfalls wandert das Pech kurz vor der Pause vom Fuß in den Rücken von Filip Daems, der Göktans Schuss vom Kurzdiktat in der Grundschule zur Analyse hermetischer Gedichte werden lässt – sprich, verdammt undankbar und folgenschwer.
Im Pausentalk mit meiner Mutter bringe ich die vage Voraussage an, dass Gladbach – wie gegen Fürth – in der zweiten Hälfte noch doppelt treffen wird. Schließlich hatte der Auftritt in den ersten 45 Minuten – abgesehen von zwei unliebsamen Zwischenfällen – sehr an die Leistung vor 14 Tagen erinnert. Zudem erwecken Neuville und Rösler drei Minuten nach dem Seitenwechsel den Eindruck, mit dieser These auf der richtigen Seite zu sein. Nach einem klassischen Doppelpass samt elegantem Lupfer in den Sechzehner der Sechziger steht Rösler mutterseelenallein vor Tschauner. Der junge Löwenkeeper hört eigentlich nicht wie Hoffenheims Özcan auf den Spitznamen Rambo. Die Art und Weise, wie er Rösler zu Fall bringt, erinnert doch sehr an eine glaubwürdige Imitation von Sylvester Stallone in Hochform.
Der Pfiff ertönt unverzüglich. In dieser Hinsicht begeht Schiedsrichter Christ keinen Fehler, aber anstatt Tschauner vom Platz zu schicken, belässt es der junge Unparteiische bei einer gelben Karte. Ein Elfmeter vor der Nordkurve, ich muss sagen, das ist etwas ganz Neues in dreizehn Jahren Stadionkarriere für mich. Früher am Bökelberg sah man die Elfer von der Ostkurve meist seitlich oder von hinten. In vier Jahren Borussia-Park ist mir ausschließlich ein Elfer von Oliver Neuville gegen Cottbus auf die Südkurve in Erinnerung geblieben. Und so stehe ich um kurz nach drei, als alle Sonntagsmessen längst gelesen sind, mit gefalteten Händen vor dem Mund in der Nordkurve. Neuville läuft an und bevor ich sie zum Jubeln in die Luft recke, muss ich mit meinen Händen erst reflexartig eine Bewegung machen, als hätte ich sie mir gerade an einer Herdplatte verbrannt: Denn das war richtig knapp. Neuville visiert das linke untere Eck an, trifft Tschauners rechte Hand und allein deren merkwürdiger Haltung ist es zu verdanken, dass das Runde noch ins Eckige trifft.
Wenn man auf zwei Tore hoffend in einen zweiten Durchgang geht und die Hälfte der Mission bereits nach wenigen Minuten erfüllt ist, dann spricht im Prinzip nichts gegen eine baldige Abarbeitung des gesamten Wunschzettels. Vor allen Dingen der Gegner aus München mimt in der Folge das geizige Christkind und hindert das zwischenzeitige Gladbacher Spektakel aus der ersten Halbzeit zunehmend an seiner Entfaltung. Auf der Gegenseite wird Heimeroth ein paar Mal gefordert. Seine Tat gegen Johnson verdient sogar die Bezeichnung „Glanzparade“. Zur rechten Zeit weckt Gladbachs häufig gescholtener und selten gelobter Schlussmann konstant den Eindruck, dass man auch im nächsten Jahr auf ihn bauen kann und sollte.
Soumaila Coulibaly, mit nunmehr zwölf Einwechslungen, davon neun in Folge, Gladbachs Jokerkönig, und Rob Friend, dessen Kraft nach überstandener Krankheit für knapp zwanzig Minuten reicht, sollen in der Endphase noch den ersehnten Sieg in die Wege leiten. Vor allen Dingen letzterer fällt dabei positiv auf. Doch auch im sechsten Spiel in Folge bleibt der Kanadier torlos. Als das Remis schon besiegelt scheint, hat er das Tor des Monats per Fallrückzieher auf dem Fuß, aber Marins Flanke trifft wohl einzig und allein den falschen Zeh von Borussias bestem Torschützen. Der Ball streift denkbar knapp am Pfosten vorbei. Nicht ohne Grund findet Gladbachs Leistungsträger der letzten Spiele, der sonst so agile Marin, an dieser Stelle erstmals Erwähnung. Im bisherigen Verlauf hatte er mehr auf die Socken als auf die Reihe gekriegt.
Nach einem Schuss von Coulibaly wechselt das Glück weiterhin nicht die Fronten. Sein abgefälschter Versuch landet auf dem Tornetz. Erneut ist es womöglich der falsche Zeh eines Sechzigers, oder der vierte anstatt des dritten Lendenwirbels gewesen, der dem späten, aber verdienten Sieg der Borussia im Weg steht. Als das Spiel zu Ende ist, ertönt Beifall von den Rängen – zu Recht. Denn abgesehen von einer ungewohnten Abschlussschwäche beziehungsweise einem Gegentor zu viel hat sich die Borussia beinahe makellos verkauft.
„Wie gewonnen, so zerronnen“ hieß das nach dem Spiel gegen Köln. „Wie remis, so unentschieden“ trifft es die Sache nach der zwölften Punkteteilung der Saison diesmal etwas besser. Auch in dieser Hinsicht belegt Gladbach einen Spitzenplatz. Bei nur drei Niederlagen liegt in dieser immens hohen Anzahl an einfachen Punktgewinnen womöglich der Grund dafür, dass die Borussia erst 57 Punkte eingefahren hat und für das Unterfangen Wiederaufstieg auch am drittletzten Spieltag in Offenbach jede Menge Schützenhilfe benötigt.
Die Drei-Punkte-Regel bestraft Remiskönige auf dem Fuß. Dank ihr kann man eine Spielzeit ungeschlagen mit 34 Unentschieden bestreiten und am Ende absteigen. Wer 17 Spiele gewinnt, genauso viele verliert, spielt dagegen mitunter international. Dennoch ist der Schuldenberg der noch zu holenden Punkte auf fünf Zähler geschrumpft. Ist dieses Soll erfüllt, kann sich der Tabellenführer des Unterhaus eine zweitklassige Sintflut wünschen, es müsste ihn nicht mehr kümmern.
Je länger der Moment der Glückseligkeit auf sich warten lässt, desto mehr drängen sich leise, kaum hörbare Zweifel im Unterbewusstsein auf. Noch erscheinen mir keine kotzenden Pferde im Schlaf, aber die ersten Gedanken à la „was, wenn wir jetzt verlieren, wenn der Abstand urplötzlich auf drei, vier Zähler schmilzt“ machen sich ein wenig bemerkbar. Mit schlechtem Gewissen denke ich an die Willkür der letzten drei Wochen zurück, als ich mir ausgemalt habe, ich könne mir den Zeitpunkt des Aufstieg wie den Sitzplatz im Stadion aussuchen. Denkste.
Jetzt heißt es arbeiten, anfeuern, an sich glauben und die Früchte einer tollen Saison einzufahren. Der Zug mit dem Überraschungseffekt ist abgefahren, jetzt gilt es nur noch, das
zu vollbringen, wovon jeder in Deutschland inzwischen fest ausgeht – den Aufstieg. Nichts anderes.
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Jannik
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Labels: Gladbach, Zweite Bundesliga
Freitag, 2. Mai 2008
Manchester oder Moskau -
Hauptsache kurze Anreise!
Wie der Luftraum in den nächsten Wochen leerer bleiben und ManU ein Heimspiel auf fremdem Platz haben könnte.
Ich bin nun wirklich nicht vornehmlich grün, vielleicht hinter den Ohren, aber nicht was politische Sichtweisen angeht. Dennoch schlage ich vor, dass die UEFA die Austragungsorte der diesjährigen Endspiele in UEFA-Cup und Champions League aus klimaschutztechnischen Gründen einfach tauschen sollte.
Am 14.Mai spielen in Manchester (nicht in Old Trafford, sondern im für die Commonwealth Games 2002 errichteten City of Manchester Stadium) die Glasgow Rangers und Zenit St. Petersburg um den Titel im "Cup der Verlierer". Eine Woche später treffen Manchester United und der Chelsea London im Luschniki-Stadion zu Moskau aufeinander. Dann geht es neben der Wurst auch um die Champions-League-Trophäe.
Insgesamt - wie der Entfernungstabelle zu entnehmen ist - müssen die Anhänger der vier Teams (angenommen sie wohnen in oder in der Nähe der jeweiligen Stadt) insgesamt 7400 Kilometer Anreise zurücklegen. Tauschte man die Spielorte, würde sich die Zahl auf knapp die Hälfte (3420 Kilometer) reduzieren.
Die Fans aus Manchester müssten gar nicht fahren oder fliegen. Der Heimvorteil würde nur begrenzt seine Wirkung entfalten, da das Endspiel ja bekanntlich nicht in Old Trafford stattfindet. Für die Anhänger der Blues wäre die Anreise ebenfalls ein Katzensprung.
Genauso verhält es sich mit den St. Petersburgern. 600 Kilometer sind für russische Verhältnisse doch gar nichts. Allein die Rangers würden mit diesem Tausch ein schlechtes Geschäft machen. Ihre Reiseentfernung verneunfacht sich in diesem Fall. Vielleicht drückt jeder Fan der anderen drei Klubs dann einfach jeweils 10 Pfund ab und die Glasgower erhalten eine kleine Pendlerpauschale.
Wenn Sigmar Gabriel alleine im Flieger nach Schlag-mich-tot fliegt, geht ein Aufschrei durch die Nation. Wenn Zehntausende Fußballfans unnötig durch Europa gejagt werden, bleibt alles still. Es muss ja nicht einmal ums exzessive Fliegen gehen, man könnte auch einfach Rücksicht auf die Geldbeutel der chronischen Allesfahrer und der ohnehin weniger betuchten Schlachtenbummler nehmen.
Früher wurde der Austragungsort des DFB-Pokalfinales so ausgewählt, dass beide Teams möglichst gleich weit reisen mussten. Ich kann nicht genau sagen, ob es international ebenfalls mal eine ähnliche Regelung gegeben hat, aber sie würde auf jeden Fall Sinn machen. Heutzutage ist ein Europacup-Endspiel jedoch mit so intensiven Vorbereitungen aufgrund des Besucheransturms und der Sicherheitsvorkehrungen verbunden, dass es leider kaum möglich ist, circa drei Wochen vor dem Finale eine adäquate Stadt zu finden.
In Anbetracht der Tatsache, dass alle englischen Russlandreisenden nun doch innerhalb von weniger als drei Wochen ein Visum benötigen, stellt sich mir ohnehin die Frage, warum die UEFA Europacupfinals nach Russland vergibt. Bei meinem unwahrscheinlichen Tauschgeschäft bräuchte schon nur noch die Hälfte aller Anhänger ein Visum. Oder darf man etwa in ganz Russland seine Heimatstadt nicht ohne Visum verlassen?
By the way, hat nämlich nicht viel mit dem Thema dieses Posts zu tun: St. Petersburg hat auf dem Weg nach Manchester in der Gruppenphase gegen Nürnberg gespielt, später Leverkusen und die Bayern ausgeschaltet. Glasgow hat in der Vorrunde der Champions League dem VfB den garaus gemacht, danach Werder Bremen im Achtelfinale ausgeschaltet. Chelsea traf in der Vorrunde der Königsklasse auf Schalke. Besonders die Russen haben damit quasi die halbe Bundesliga aus dem Wettbewerb gekegelt, wobei sich der "Club" beim 2:2 in St. Petersburg unterm Strich noch am besten verkauft hat.
Ein deutscher Verein wird also auf jeden Fall sagen können, er sei gegen den späteren UEFA-Cup-Sieger ausgeschieden. Gewinnt Chelsea, trifft dies auch für die Champions League zu. In diesem Fall hätte Deutschland dann mit Michael Ballack seinen ersten Champions-League-Sieger seit 2005 - man staune, Didi Hamann war's. Vor zwei Jahren war Jens Lehmann der letzte Deutsche, der im Finale scheiterte. Den UEFA-Cup hat Andreas Hinkel als letzter in der Hand gehabt.
Eingestellt von
Jannik
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Labels: Europacup
Wie die Faust aufs Auge (8)
"Ich bin froh, wenn es vorbei ist." - Oliver Kahns unbestätigte Gedanken beim gestrigen 0:4 in St.Petersburg. Ursprünglich vor dem DFB-Pokalfinale aus seinem Mund gehört.
Einerseits passt Kahns Zitat wirklich "wie die Faust aufs Auge", andererseits wollte man ihm spätestens nach dem vierten Treffer zurufen: Nee, Olli, lass' weitermachen, vielleicht wird das halbe Dutzend ja noch voll!
Solange der FC Bayern sich auf deutscher Bühne blendend für die Bundesliga in Szene setzt, schlummert jegliche Bayern-Opposition unter der eigens für derartige Anlässe zugelegten Europacup-Haut. Doch sobald die Lichter aus sind, wittert der ansonten überzeugte Bayern-Gegner die Chance auf ein historisches Debakel und wechselt kurzerhand die Fronten. So kam es, dass ich gestern spätestens nach dem 0:4 die Namen Toni, Ribéry und Schweinsteiger in meinen inneren Anfeuerungrufen gegen Pogrebnyak, Denisov und Malafeev ausgetauscht habe.
Mich wundert es dennoch, welch milde Worte die BILD für den Niedergang des FC Bayern gefunden hat: Schande, Schmach, Blamage - ich hatte schon mit Vergleichen aus der Geschichte à la "Bayern erlebt sein sportliches Stalingrad im alten Leningrad". Aber solch tiefgründige historische Kenntnisse waren nun auch wirklich zu viel verlangt.
Eingestellt von
Jannik
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