Dienstag, 26. August 2008

Mission 40/2:
Vor die Hunde gegangen

Eine Serie reißt, eine andere hat Bestand. Auch der zweite Spieltag mit dem ersten Auftritt auf fremdem Platz sorgt für wenig Erheiterung. Letztes Jahr noch Leidgenossen im Unterhaus, drei Monate später spielt Hoffenheim scheinbar in einer anderen Liga.

Keine Abiturprüfung hatte das vollbracht, keine Sportstunde bis viertel nach fünf, kein 18. Geburtstag. Und jetzt, nach fast zwei Jahren und 65 Ligaspielen in Folge, sorgte ausgerechnet ein Haufen herumtobender Hunde dafür, dass ich ein Spiel der Borussia erstmals nicht über 90 Minuten verfolgen konnte. Gut, das waghalsig gesetzte Ziel, mit der Schreiberei oder dem Reden über Sport später Geld zu verdienen, sprich Sportjournalist zu werden, sollte man auch nicht außer Acht lassen. Die agilen Vierbeiner auf der Wiese vor der Grundschule im illustren Örtchen Oedt waren da eher Mittel zum Zweck. Aber ausgerechnet Hunde halten mich vom Fußballgucken ab. Ich kann’s noch immer nicht fassen. Wenn ich Hunde wenigstens gut leiden könnte. Doch nicht einmal das ist ja der Fall.

Wie auch immer, die Vierbeiner ließen mich in Ruhe meine „Arbeit“ verrichten. Nicht unklug von ihnen, schließlich ging es ja um ihre Sportart Agility, das Vielseitigkeitsreiten für Hunde – freilich ohne Reiter auf dem Rücken. Seit April bin ich öfter fürs Radio unterwegs, arbeite an einer Sendung mit, die im Bürgerfunk auf Welle Niederrhein läuft. „InForm“ heißt das Magazin der Sportjugend Viersen – erst ein Interview mit Ex-Eisschnellläufer und Olympiateilnehmer Christian Breuer, jetzt innige Gespräche mit und über Hunde, so läuft das Geschäft.

Als ich die nette Dame von der Hundeschule gerade über Kontaktzonenfelder, Spaß an der Freud‘ und Doping im Hundesport ausquetsche, vibriert auch schon das Handy in meiner Hosentasche. Ein paar Fragen und Antworten später bekomme ich dann endlich die Gelegenheit, die frohe oder unter Umständen weniger frohe Botschaft zu lesen: „1 0 Hoffenheim Ibisevic“ schreibt der notariell geprüfte Ergebnisdienst von der Wohnzimmercouch, der mich schon vor zwei Jahren in der Berliner U-Bahn auf dem Laufenden hielt und auch damals wenig Erfreuliches zu vermelden hatte (Gladbach verlor 2:4 in Aachen). Ernüchtert wende ich mich wieder den Hunden zu und nehme noch ein paar Bellgeräusche für die Hintergrundbeschallung des Beitrages auf. Irgendwann haben sich die Fellknäuel dann ausgebellt. Ich mache mich vom Acker, in der Hoffnung, das Grauen von Hoffenheim noch für ein paar Minuten miterleben zu dürfen.

Auf der Heimreise werde ich im Namen der Borussia einmal mehr "kriminell". Mit ein paar Stundenkilometern zu viel auf dem Tacho vorbei an Clörath und Vennheide, die Kühe sind brav und bleiben da, wo sie sind und hingehören. In der 67. Minute betrete ich das Wohnzimmer. Die Stimmung erinnert an Barcelona im Mai 1999, eine Minute nach Abpfiff - und das schon am zweiten Spieltag (zugegeben, der Gladbach-Bezug fehlt, aber warum einfach sagen, dass die Stimmung "gedrückt" ist?). Sheringham heißt Demba Ba, zum Glück stellt er sich vor dem Tor etwas ungeschickt an. Und während vorne trotz Ollis Rückkehr rein gar nichts zusammenläuft, erhält Keeper Heimeroth zahlreiche Gelegenheiten, sein scheinbar doch vorhandenes Können zu zeigen. So oft kann man sich nicht innerhalb weniger Minuten anschießen lassen, so viel Zufall kann und darf es nicht geben – der Mann hat sich seine 2 vom kicker redlich verdient. Der Rest der Truppe schlittert gerade so am Sitzenbleiben vorbei – oder eben auch mitten hinein. Zum Glück werden die Abschlusszeugnisse nicht gleich nach dem ersten Vokabeltest vergeben.

Hoffenheim müsste längst mit drei oder vier Toren führen. Um das sagen zu können, reichen Eindrücke aus 15 Minuten. Gladbach spielt bis zum Ende des Spiels einen einzigen vernünftigen Angriff. Ausgerechnet der feinfüßige Tobias Levels ist daran beteiligt – Ironie pur. Im Prinzip hätte es ausgereicht, nur die Nachspielzeit anzugucken. Sinnbildlicher können drei Minuten kaum sein. Hoffenheim führt jede Ecke kurz aus, die Borussen machen nicht einmal Anstalten, sich nur annähernd in die Klimazone des Balls zu bewegen und die Sekunden verrinnen. Irgendwann sieht Hoffenheim dann ein, dass das so auch keinen Spaß macht und bugsiert den Ball scheinbar unabsichtlich ins Toraus. Es hatte den Anschein, da wäre eine Portion Mitleid im Spiel gewesen. Im Anschluss bekommt Gladbach den Ball noch immer nicht aus der eigenen Hälfte, verliert ihn ein weiteres Mal. Erneut zeigt ein Hoffenheimer seine soziale Ader und läuft ins Abseits. Der fällige Freistoß landet im Seitenaus. Kurz danach ist Spiel aus. Zwischen Ring- und Mittelfinger sehe ich, wie der Schiedsrichter den Spielball einkassiert und fleißig Hände schüttelt. So ganz wollte ich mir die Augen dann doch nicht zuhalten.

Mittlerweile weht mir schon der Wind des Mitleids kräftig ins Gesicht. Wäre Gladbach ein chronisch verhasster Verein, würde die Fußball-Welt mich bereits mit Häme überschütten. Stattdessen heißt es von allen Seiten „40 Punkte braucht ja keiner mehr“ – alles schön und gut, aber bis zum Erreichen der 36 sind es auch noch stolze 36 Punkte. Für Schwarzmalerei ist es dennoch wohl etwas zu früh. Letztes Jahr standen wir nach drei Spieltagen und einem Debakel in Mainz mit einem Fuß in der Dritten Liga. Wir erinnern uns an das Ende. Im Abstiegsjahr war nach sieben Spieltagen und vier Heimsiegen der Europacup so gut wie unter Dach und Fach. Wir erinnern uns an das Ende.

Diese ersten beiden Spieltage sind also ein wahres Exerzierfeld für all die, die verbissen an Omen glauben, besonders an die gute Sorte. Da will ich mich nicht ausschließen. Und wo wir schon bei Omen sind: Gladbach hat im Borussia-Park noch nie gegen Bremen, den nächsten Gegner, verloren, zwei Siege und ein Remis auf dem Konto. Der erste Erfolg war gleichzeitig der erste im Borussia-Park überhaupt. Einer Jahr später dann drehten Broich und Baumann, mit einem Eigentor, eine Bremer Führung. Gladbach startete eine Serie und belegte aufgrund dieser angesammelten Platz zehn. Andernfalls wäre die Borussia wohl schon 2006 abgestiegen. Zu guter Letzt weckte ein 2:2 im März des Abstiegsjahres vage Hoffnungen auf den Klassenerhalt. Nando Rafael traf in der 94. Minute zum Ausgleich (ok, der Torschütze versaut selbst das beste aller Omen).

Doch kein Omen dieser Welt wird uns da unten herausholen. Nur ein schleunigstes Abstellen der haarsträubenden Fehler und vor allem Tore können Abhilfe schaffen. Die zwei Euro fürs Phrasenschwein werden nachgereicht. Derweil hat eine leidige Serie weiterhin Bestand. In Liga Eins ist Gladbach seit sieben Auswärtsspielen ohne Punkt und – noch gravierender – ohne Torerfolg. Eine neue Liga ist wie ein neues Leben? Oberhaus ist nicht mehr Unterhaus? So wird es sein, aber hoffentlich nicht bleiben.

Montag, 25. August 2008

Olympischer Vierkampf

Seit 1900 ist Fußball olympisch - an Weltmeisterschaften war damals noch gar nicht zu denken. Und dennoch gehört Fußball bei den Spielen zu den vergleichsweise wenig beachteten Entscheidungen. Gold in Peking ging übrigens an Argentinien - vielleicht hat's ja jemand mitbekommen. Aus Mitleid bekommt das olympische Fußballturnier hier einen eigenen Post, fünf Minuten Aufmersamkeit und dann geht's ab ins Körbchen für die nächsten vier Jahre.

1) Die erste Goldmedaille im Fußball ging einerseits an Großbritannien, andererseits aber auch an den Upton Park FC. Der Londoner Klub trat stellvertretend als britisches Team an, weil er zwei wichtige Voraussetzungen erfüllte: Erstens beheimatete er ausschließlich britische Spieler und zweitens hatte das Profitum beim UPFC noch nicht Einzug gehalten.
Upton Park trug seine Heimspiele übrigens im West Ham Park aus, während West Ham United bekanntlich im Upton Park spielt. Klingt komisch, is' aber so.

2) (West-)Deutschland und Brasilien konnten in 108 Jahren nie den Titel erringen - die beiden tragen zusammen immerhin acht Weltmeistersterne auf der Brust. Rekordolympiasieger ist analog dazu das chronisch erfolglose Ungarn, knapp vor den Briten.

3) Ottmar Hitzfelds Spielerkarriere ist irgendwie höchst merkwürdig verlaufen: Titel gewann er ausschließlich in der Schweiz, Tore in Deutschland erzielte er fast nur in Liga Zwei (33 von 38), davon gleich sechs in einem Spiel, was bis heute unerreicht ist. Ein A-Länderspiel kann Hitzfeld nicht aufweisen, dafür fünf Auftritte in der Olympiaauswahl bei den Heimspielen in München '72 - und ebenso viele Tore, in jedem Spiel exakt eins. Gold holte die DDR, Torschützenkönig wurde wie zwei Jahre danach bei der WM im eigenen Land ein Pole. Kazimierz Deyna heißt der Gute.

4) Anders als bei Weltmeisterschaften hat der schwarze Kontinent Afrika bei Olympia längst den vielmals prognostizierten Durchbruch gepackt - 1996 ging der Titel an Nigeria, vier Jahre später hieß der Sieger Kamerun. Ghana holte immerhin einmal Bronze.


PS: Der Post fällt passenderweise in die Kategorie "Sonstiges".

Nächster Halt: Cottbus

Der Weihnachtsmann ist taub, Analphabet oder sogar beides. Wenigstens herrscht jetzt Gewissheit.
Letzte Hoffnung: Christkind.


Freitag, 22. August 2008

Kehrtwende zur Romantik?

Kaum hat der Streit um die Abstellungen von Nationalspielern in Richtung Peking zumindest ein kleines Nickerchen eingelegt, schon meldet sich das Geltungsbedürfnis der FIFA wieder zu Wort. Die Herren können es einfach nicht lassen. Jetzt haben sie der Arithmetik den Kampf angesagt, stürzen sich auf die Unendlichkeit: Rückennummern jenseits der 20 gehören in internationalen Spielen vorerst der Vergangenheit an.
1 bis 18 – mehr geht nicht in Pflichtspielen.

Bezüglich der Spielernamen in Höhe des dritten Brustwirbels äußert die FIFA jedoch gar keine Einwände. Beim DFB laufen die Beflockungsmaschinen demnächst wohl dennoch auf Sparflamme. Für jedes der circa 12-15 Länderspiele einen Trikotsatz bedrucken, das ist dem Verband augenscheinlich zu viel. Wobei es ja keineswegs so ist, dass das Trikot von Marko Marin jedem beliebigen anderen Spieler passt. Und dass in gut zwei Wochen ein Trikot im Einsatz sein wird, das bereits Mittwoch gegen Belgien getragen wurde, das soll mir mal jemand erzählen.

Was die FIFA zu dieser Entscheidung getrieben hat, bleibt weiter offen. Falls der Weltverband nun tatsächlich einen Feldzug in Sachen Dekommerzialisierung starten sollte, frage ich mich jedoch, warum er ausgerechnet bei den Rückennummern ansetzt. Zu den Romantikern wird man in Zürich wohl kaum übergesiedelt sein.

Das Trikot der eigenen Nationalmannschaft samt Rückennummer zu besitzen, kann nicht gerade als Essenz des Fandaseins bezeichnet werden. Doch es gehört für viele einfach dazu wie Bratwurst und Bier. Warum sollte man sich mit der Nationalmannschaft nicht identifizieren dürfen, wie man es seit mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt mit seinem Verein des Vertrauens tut? Schließlich ist die DFB-Elf für viele das Nonplusultra in Sachen Fußball. Nicht jeder läuft samstags um halb vier Amok, weil "sein" Klub in der Bundesliga unterwegs ist.

So ein Trikot ist nicht billig. 85 Euro muss man für ein Exemplar samt Beflockung hinblättern – es gibt Kinder, die dafür einen erheblichen Teil ihres Taschen-, Geburtstags- oder Weihnachtsgeldes opfern. Das ist jetzt keineswegs ein Pochen auf den ominösen Kindereffekt, der ja angeblich das Herz eines jeden erweichen soll. Doch auch die Fankultur besitzt einen Nachwuchsbereich, ob wir wollen oder nicht – die gehören dazu wie Trainingskiebitze und wir selbst. Und die Kinder zu vergraulen, ist nicht unbedingt Priorität.

Möglicherweise wäre mir dieses Thema schnuppe, wenn ich jene Zeit annodazumal erlebt hätte, als Spielernamen auf Trikots so fremd waren wie Elche in der Sahara. Vielleicht würde ich sogar laut „Hurra!“ schreien. Und ich bin ja nicht gerade unromantisch in Sachen Fußball - was Sepp Blatters Hirnsynapsen da wieder angestellt haben, darauf kann ich mir trotzdem keinen Reim bilden. Seine kleinen Brüder vom DFB stellen sich auch keinen Deut besser an.

Donnerstag, 21. August 2008

LinienUNtreu

Beim DFB-Schiedsgericht wird bisweilen mit zweierlei Maß gemessen, das lässt sich nicht anders sagen. Notbremse, einmal den Ball mit der Grätsche verfehlen, nur das Bein des Gegners treffen – das wird mitunter auf eine Stufe gestellt mit Tätlichkeiten, die niemand sehen will und die dennoch im Landschaftsbild verankert sind.

Die Saison 95/96 war das Beste, was Gladbach in den letzten 20 Jahren gesehen hat. Platz vier bedeutete die Qualifikation für den UEFA-Cup. Im Europapokal der Pokalsieger kam erst im Viertelfinale gegen Feyernoord Rotterdam das Aus. Einer der Hauptakteure im Erfolgsensemble der Fohlen hieß Martin Dahlin, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Wobei er das tragischerweise erst kurze Zeit später einsehen musste.

Nach dem 28.Spieltag stand die Borussia auf Rang drei, der Konkurrenz weit enteilt und mit einem Spiel in der Hinterhand. Dahlin hatte in den ersten 20 Saisonspielen 14-mal getroffen. Dann fiel er vier Partien aus, blieb drei Spiele ohne Erfolgserlebnis. Es folgte das Nachholspiel gegen Kaiserslautern am heimischen Bökelberg. Der Schwede erzielte das 1:0. Es war sein Geburtstag und nach einer halben Stunde ein rundum gelungener Abend.

Doch dann gingen die Pferde mit ihm durch, brannten auf einmal die Sicherungen durch. Ein wuchtiger Ellbogencheck war zu viel für Axel Roos‘ Nasenbein. Dahlin flog folgerichtig vom Platz. Die Tätlichkeit war vorerst seine letzte Amtshandlung beim VfL. Der Stürmer wurde bis zum Saisonende gesperrt, musste sechs Spiele aussetzen und verließ Gladbach in Richtung Rom. Nach einer verkorksten Hinserie in Italien kehrte er zwar zurück an die alte Wirkungsstätte, war in der Rückrunde in der Bundesliga noch zehnmal erfolgreich. Doch seine Tage auf dem Fußballplatz waren bald gezählt. 1999 endete das Kapitel Profifußball für Dahlin, den schwedischen Helden der WM 94, der mit 31 den bitteren Weg in die Sportinvalidität antreten musste.

Warum ich die Geschichte ausgerechnet jetzt hervorkrame? Letzten Samstag sorgte Pierre Womé für Aufruhr in der jungen Saison, als er Ashkan Dejagah, selbst beileibe kein Kind von Traurigkeit, mit einem selten so gesehen, brutalen Ellbogencheck niederstreckte. Allein der Schaum vorm Mund fehlte, um das Bild des heran rauschenden Womés noch zu verstärken. Dejagah erlitt eine Schädelprellung, musste kurz zur Behandlung ins Krankenhaus – es gibt mit Sicherheit angenehmere Verletzungen. Womé spielte die Partie unbestraft zu Ende – Schiri Brych hatte nichts gesehen. Noch das kleinste Übel, im Gegensatz zur Entscheidung des DFB-Schiedsgerichts, den Ex-Bremer Womé für nur drei Spiele aus dem Verkehr zu ziehen.

Notbremser bekommen in der Regel ein oder zwei Spiele, wer – nicht einmal in böser Absicht – schlichtweg zu spät kommt, riskiert per „grobem Foulspiel“ ebenso eine Drei-Spiele-Sperre. An Tagen wie diesen denke ich unweigerlich an jenen Ellbogencheck im April ’96, der Gladbachs Höhenflug stoppte – die Borussia holte nur noch fünf Punkte aus den letzten sechs Spielen – und Martin Dahlins Karriere auf den Scheideweg brachte. Drei Spiele für Womé sind schlichtweg lächerlich. Und im Hinblick auf all die Jugend- und Amateurspieler, die sich irgendwo in Deutschland fast jedes Wochenende gegenseitig auf die Mappe hauen, zudem höchst fahrlässig.

Montag, 18. August 2008

Mission 40/1:
Lehrgeld in Millionenhöhe

Der Wiederaufstieg ging weitaus einfacher über die Bühne, als vorher angenommen. Jetzt hat sich die Borussia offiziell im Oberhaus zurückgemeldet - mit einem ernüchternden 1:3 gegen den VfB Stuttgart, der schlechtesten ersten Hälfte seit 10 Jahren, dennoch guten Ansätzen vorne und einer Großbaustelle hinten.

Der Borussia-Park und das Areal rundherum haben sich extra fein herausgeputzt für den Tag, an dem der fünfmalige Deutsche Meister offiziell wieder nach Hause zurückkehrt. Die Trampelpfade auf dem Weg zum Stadion schnell noch gepflastert, die Bushaltestelle mit neuen Wartegittern versehen, wie man sie eher aus den Freizeitparks dieser Welt kennt, als wolle man zeigen: Bundesliga ist nicht Zweite Liga – Bayern statt 1860. Alleine der Pinkelwald steht weiterhin in all seiner Pracht – gedüngt von hektoliterweise Urin aus den Blasen Tausender Borussen.

Unter der Nordkurve herrscht bereits reges Treiben. Gut 47.000 sind gekommen, davon so viele mit neuen Trikots, wie ich es noch nie gesehen habe zu Beginn einer Saison. Männer in ihren Vierzigern und Fünfzigern laufen mit der 11 auf dem Rücken durch die Gegend. Auf dem Platz gehört die zu Marko Marin. Er könnte ihr Sohn sein. Das Retrodesign hat diesmal selbst die großen Nostalgiker vom Trikotkauf überzeugt. 1973 wurde Gladbach in einem ähnlichem Dress Pokalsieger. Günter Netzer traf nach der vielzitierten Selbsteinwechslung in seinem letzten Spiel für die Borussia zum 2:1 gegen Köln. 35 Jahre später dürfen sich die erwähnten 40er und 50er fühlen wie ihre Idole von damals. Jaja, damals, was muss das schön gewesen sein.

Rob Friends Name prangt derweil unter anderem auf meinem Kreuz. Der 1,95 Meter große Kanadier hat in etwa meine Statur, braucht viel zu viele Chancen, wurstet aber immer wieder einen rein – der Mann könnte mein Bruder sein. Über meine Eleganz bei Fallrückziehern lässt sich streiten, aber ich sagte ja: Er könnte mein Bruder sein.

Neben der Vorfreude regiert vor allen Dingen die Aufregung im weiten Rund: Wippende Beine, nervöses Nägelkauen überall. Nach dreimonatigem Warten sind alle einfach nur heiß auf Bundesligafußball. Tatsächlich liegt an diesem Nachmittag eine gewisse Aura von Erstklassigkeit in der Luft. Jens Lehmann wird ausgepfiffen – keine Khamoutovskis, Thiers und Kruses mehr. Das Stadion ist nicht nur besser gefüllt, es fühlt sich nicht nur anders an, man sieht auch alte Bekannte aus Bundesligatagen wieder. Es sind nicht unbedingt jene untreuen Seelen, die sich Osnabrück, Aue und Offenbach gespart haben. An deren Gesichter kann man sich eh nicht erinnern. Vielmehr kehren all die zurück, für die Freitags- und Montagsspiele einfach mörderisch waren, die alle zwei Wochen aus Karlsruhe oder Berlin anreisen.

Zu meiner Linken ist vor Spielbeginn schon mächtig was los. Die Ultras, beziehungsweise das, was sich einst so nannte, haben sich den Mittelblock im Oberrang unter den Nagel gerissen – die Schnauze voll „vom zunehmenden Event- und Erfolgspublikum“, schreibt einer der Anhänger im Forum. „Block 1900“ heißt das Projekt zur Wiederbelebung der Stimmung in Anlehnung an das Gründungsdatum des Vereins. Es gehe „nicht darum, einen separaten Block zu schaffen, der durchweg sein eigenes Süppchen kocht, sondern viel mehr darum, den Motor der Kurve an die richtige Position zu setzen, um eine volle Kraftentfaltung möglich zu machen“, heißt es weiter in der Erklärung. Klingt nach Windkraftwerk, ist meines Erachtens aber kein schlechter Ansatz. Zumal Ober- und Unterrang unter Umständen wirklich zur Einheit verwachsen. Die einzige Gefahr besteht darin, dass der Unterrang nun endgültig einschläft, weil die verschworene Truppe darüber den „Motor“ nicht auf Touren bekommt.

Wie auch immer, ein paar Minuten vor Anpfiff ist es dann so weit: Das Vorspiel, ritualisiert von vorne bis hinten, nimmt seinen Lauf. „Seid ihr bereit?“, fragt unser Stadionsprecher, der sich in der Obi-Werbung neuerdings von Frauen mit russischem Einschlag durch die Blume zum Sex einladen lässt. Die Antwort fällt unmissverständlich aus – die auf die Frage nach der Bereitschaft natürlich. „Die Elf vom Niederrhein“ erklingt verdammt spät. Herbert Fandel, der kurz zuvor für ein lautes Raunen gesorgt hatte, führt die Mannschaften bereits aufs Feld, als 47.000 noch den „Samstachmiddach“ und „Netzers Zeiten“ preisen. Irgendwie läuft es schon nicht ganz so rund, bevor das Spiel überhaupt angefangen hat. Wobei das Spektakel an Lautstärke und Gänsehauterregung kaum zu überbieten ist.

Diese Zweischneidigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die erste Hälfte. Gladbach ist keineswegs chancenlos, womit wir schon beim ersten Vorwurf angelangt wären: Die Borussia versäumt es, einen Treffer zu erzielen. Nach 15 Minuten, Rösler wird gerade nach einem Ellbogencheck draußen behandelt und wird später endgültig passen müssen, trifft Hitzlsperger zum 1:0. Heimeroth sieht verdammt schlecht aus. Über dem Spielfeld weht ein einziger Satz: „Willkommen in Liga Eins!“

Die Borussia zeigt sich zunächst wenig geschockt vom derben Willkommensgruß. Matmour stolziert durch die gesamte VfB-Abwehr und scheitert erst am gut aufgelegten Jens Lehmann, der seinen Flachschuss klasse entschärft. Der 2-Millionen-Neuzugang der Borussia rechtfertigt seinen Preis in Hälfte eins durchaus eindrucksvoll – scharfe Flanken, beherzte Soli, so darf der Algerier weitermachen.

Wenige Minuten danach fügt sich einer der drei Neuzugänge auf dem Feld nicht ganz so gut ein. Jaurès lässt sich an der Eckfahne von Simak düpieren, gibt den Ball leichtfertig ab. Marica zieht nach dem Querpass des Tschechen ab, Heimeroth und Ndjeng behindern sich beinahe auf der Linie und schon hat sich die Ernüchterung verdoppelt – 2:0 für Stuttgart. Doch noch immer lassen die Borussen die Köpfe nicht hängen. Nach einem blitzschnellen Angriff und ansehnlichem Direktfußball taucht Friend frei vor Lehmann auf. Der Nationalkeeper a.D. ist erneut auf dem Posten, verhindert den Anschlusstreffer vor der Pause. Gleiches bleibt seinem Gegenüber Heimeroth versagt. Eine Minute vor der Pause entwischt Gomez seinen Bewachern zum ersten Mal richtig. Erbarmungslos netzt der 19-fache Torschütze der vergangenen Saison ein. Aus spitzem Winkel hat Heimeroth zum dritten Mal das Nachsehen.

Die erste Halbzeitpause nach der Bundesligarückkehr wird mit einem gellenden Pfeifkonzert eingeläutet. Mich interessiert brennend, wie viele Pfeifer zum ersten Mal seit langer Zeit im Stadion sind. Ein kleiner Junge schafft es derweil, die verfrühte Untergangsstimmung in der Halbzeit zu lindern. Vom Strafraumeck schießt er einen Ball in die Mitte des Mittelkreises, der zweite wird von einem Gegenspieler wie beim Curling rausgekickt. Die Nordkurve johlt und der kleine Junge hat einen Kasten Jever gewonnen, den er seinem Vater vermacht – nicht gerade die schlechteste Entscheidung des Abends.

In Hälfte zwei gießt Marko Marin erstmals Wasser auf die Mühlen derer, die fest daran glauben, dass der Junge sich seinen Weg auch eine Klasse höher konsequent bahnen wird (ich gehöre dazu). Erst trägt er den Ball über den halben Platz und hat dann noch die Kraft und das Auge für einen Querpass auf Friend. Doch der Kanadier scheitert auch im dritten Versuch an Jens Lehmann. Kurz danach ist der Bann gebrochen. Brouwers verlängert per Kopf auf Du-weißt-schon-wen. Diesmal zappelt der Ball im Netz – Friend erzielt endlich (die Formulierung ist nach 60 Minuten Bundesliga bereits mehr als gerechfertigt) sein erstes Bundesligator und schlägt denselben Weg ein wie einst Arie van Lent. Der hatte 2001 als bester Torschütze im Aufstiegsjahr den Siegtreffer zum Auftakt gegen die Bayern geschossen, das erste Tor nach dem Wiederaufstieg. Mit dem Unterschied, dass damals ein gewisser Jörg Stiel seinen Kasten sauber hielt – Gladbachs Probleme gegen den VfB liegen und lagen, trotz der miesen Chancenverwertung, nicht unbedingt im Angriff.

Die Borussia hat das Lehrgeld in der Pause allem Anschein nach schön brav säckeweise vor der Stuttgarter Kabine abgestellt. Die Nervosität macht sich allmählich aus dem Staub, die Jungs von Jos Luhukay stürmen auf die Nordkurve, die mittlerweile nicht mehr pfeift, sondern den Aufsteiger gnadenlos nach vorne peitscht. Für ein paar Minuten hat es den Anschein, Gladbach könne noch einmal zurückkommen. Marin verfehlt den Kasten nach einer erneut überragenden Einzelleistung nur knapp. Ob der 19-jährige den Sprung in die Bundesliga packen wird? Die Frage dürfte sich gestern bereits von selbst beantwortet haben. Der Junge ist ein Juwel – unbekümmert, technisch überragend, wieselflink, mit dem Auge für den Nebenmann, allein am Abschluss hapert es von Zeit zu Zeit noch.

Die Hoffnungen auf ein Comeback, wie es Kaiserslautern Freitag in Mainz gelungen war, verpuffen jedoch schneller als allen lieb ist. Stuttgart trifft zwar nicht mehr, aber nach wenigen Minuten hat der Sturmlauf ein Ende. Die Borussia scheint ihr Pulver verschossen zu haben, wird langsam müde. Luhukays Einwechslungen bleiben wirkungslos – Colautti bekommt kaum einen Ball, was Svärd bewirken sollte, ist sowieso fraglich. So sehr ich unserem Coach auch vertraue, nachdem er eine todgesagte Mannschaft runderneuert und zum Aufstieg geführt hat, an seinen Ein- und Auswechslungen darf er ruhig noch feilen.

Christofer Heimeroth verdient sich wenigstens eine positive Erwähnung: Das 4:1 durch Gomez verhindert er mit seinem Reflex hervorragend. Trotzdem hat Gladbach meines Erachtens ein Torwartproblem: Keine Ausstrahlung, kein Mitspielen, Mängel bei Weitschüssen und beim Festhalten von Bällen, eigentlich keine nennenswerten Vorzüge bis auf eine stoische Ruhe, die ihm dennoch eher nachteilig ausgelegt werden kann.

Die Borussia entscheidet wenigstens die zweite Hälfte für sich – nach dem Untergang im ersten Durchgang war dies das Mindestziel, genauso wie eine weiße Weste nach drei Gegentoren in 45 Minuten. Zum ersten Mal seit vier Jahren kassiert der VfL zuhause drei Gegentore in einer Hälfte – damals führte Dortmund im Premierenspiel des Borussia-Parks nach 45 Minuten mit 3:2. Einen Drei-Tore-Rückstand gab es seit fast zehn Jahren im eigenen Stadion nicht mehr. Im Oktober 1998 gewann Leverkusen mit 8:2 am Bökelberg. Zahlen wie diese untermauern eindrucksvoll, wie sehr die Borussia ihre erste Hälfte nach dem Wiederaufstieg verpennt hat. Die guten Ansätze, die nicht der Hand zu weisen sind, machen jedoch Mut auf baldige Besserung. So viele Tore zu erzielen, wie hinten fallen, wird kein Selbstläufer werden. Dass es zur Wiedergutmachung am Samstag ausgerechnet zum Spitzenreiter geht und der auch noch Hoffenheim heißt, ist eine andere Geschichte.

Sonntag, 17. August 2008

Alea iacta est

Heute noch ernüchternd, in neun Monaten pure Glückseligkeit: Der Blick auf die erste Tabelle der Saison.

Gladbach nimmt also Kurs auf Klassenerhalt. Abpfeifen, bitte!

PS: Stand ein Bundesliga-Neuling nach seinem Premierenspiel schon einmal auf Platz 1? Also dann doch nicht abpfeifen.

PPS: Schalke ist schon wieder Zweiter - und das nur, weil der Verein nicht unter Gelsenkirchen läuft (wir rufen uns das Alphabet in den Kopf).


Unter anderem Kevin Kuranyi führt die Torjägerliste an. So geht das alles nicht. Ich schlag' vor, wir spielen die Saison schön brav zu Ende.

Donnerstag, 14. August 2008

Stiftung Warentest (4)

Die Testspielergebnisse der 18 Bundesligisten auf den Punkt gebracht und in der Übersicht - wer schnitt am besten ab, wer hatte die schwersten Gegner, wer holte die meisten Punkte?

Werder Bremen hat dem ausgeklügelten Berechnungsverfahren zufolge also die stärkste Vorbereitung gespielt. Trotz meist gutklassiger Gegner stand am Ende der zweitbeste Punkteschnitt aller Bundesligisten. Den besten kann die Borussia aus Mönchengladbach vorweisen. Auch deshalb folgt der Aufsteiger gleich hinter den Bremern in der Vorbereitungstabelle.

Der VfL Bochum bewegt sich derweil an beiden Enden der Ranglisten, mit denen die Bewertung der Testspielphase ermittelt wurde. Einerseits trafen die Ruhrpötter auf die stärksten Gegner, holten gegen drei Vereine der Kategorie 1 und vier der zweiten andererseits aber auch nur drei Unentschieden. Aus diesem Grund der letzte Platz in der Vorbereitungstabelle.

Mit der TSG 1899 Hoffenheim und dem 1.FC Köln belegen die anderen beiden Neulinge ebenfalls einen einstelligen Tabellenplatz. Borussia Dortmund findet sich dank einer starken Gegnerschaft weit vorne wieder, obwohl nur die dürftige Ausbeute von 1,6 Punkten pro Spiel zu Buche steht. Arminia Bielefeld pickte sich die zweitschwächsten Gegner heraus, punktete dafür viel zu selten und steht auf einem Abstiegsplatz - genauso wie der KSC, der zwar 2,2 Zähler pro Partie aufweisen kann. Doch die Badener trafen im Schnitt nur auf Mannschaften mit dem Niveau deutscher Oberligisten.

Bemerkenswert ist die Vorbereitung des Rekordmeisters: Die Bayern tourten erst über Dörfer und Kleinstädte. Dann gab es gegen die Mit-Bundesligisten Köln und Dortmund nur einen Punkt. Nach dem Erfolg in Japan, folgte zum Schluss die zweite Vorbereitungspleite beim 0:1 gegen Inter Mailand. Macht unterm Strich nur Platz 14 für den FCB. Wenn das Uli Hoeneß hört...

Am häufigsten in den letzten Wochen testeten Felix Magaths Wolfsburger. Der ehemalige Bayern-Trainer wollte seine Mannen, darunter erneut etliche Neuzugänge wie die beiden Weltmeister aus Italien, Zaccardo und Barzagli, gleich 16-mal über 90 Minuten sehen. Nur Cottbus reicht mit 13 Tests annähernd an den VfL heran.

Dementsprechend ist die Wolfsburger Ausbeute von 65 Treffern auch Bestwert. Aufs einzelne Spiel gerechnet zeigte sich der KSC am treffsichersten - kein Wunder bei all den unterklassigen Gegnern. Am meisten hielt sich der BVB vor des Gegners Tor zurück - nur 12 Tore in 10 Spielen. Der KSC kassierte absolut und relativ die wenigsten Gegentore - kein Kommentar.

Doch alle diese Zahlen, man kann es ja ganz Trainer-like nicht oft genug wiederholen, sind ab morgen Abend nur noch Schall und Rauch. Dann geht es nicht mehr um virtuelle, sondern um waschechte Punkte. Und wo dieser Blog schonmal nach einer der meistzitiertesten Fußball-Floskeln überhaupt benannt ist, sei auch noch einmal daran erinnert: Entscheidend is ohnehin auf'm Platz.