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Dienstag, 6. Mai 2008

Fohlengeflüster (26):
Das letzte Abenteuer

Zwei Zahlen mit einem Doppelpunkt dazwischen sind eigentlich kaum der Rede Wert. Doch in diesem Fall stehen sie für ein Abenteuer, wie es in unserer Zeit nur noch der Fußball bereithält: 7:1 in Offenbach. Unfassbar, aber wahr.

Als ich am frühen Morgen um kurz nach halb fünf in den Spiegel blicke, will ich meine Augen am liebsten gleich wieder schließen und mich schnurstracks zurück ins Bett begeben. Die wenig schlafbringenden Nächte zuvor und besonders der vorhergegangene Abend stehen mir metertief ins Gesicht geschrieben. Am Samstag hatten wir mit unserer Handballmannschaft den Abstieg aus der Kreisliga C besiegelt und diesen gefeiert wie einen Aufstieg in die Regionalliga. Aber da es nicht irgendein Sonntagmorgen ist, ich nicht umsonst nur zwei Stunden gepennt habe, raffe ich mich auf in Dusche, die leider wenig zur Besserung des Zustandes meiner Kopfgegend beiträgt. Es ist ein besonderer Tag – denn kurz vor Toresschluss hat es doch noch geklappt mit dem ersten Auswärtsspiel in der Zweiten Liga.

Meine Freunde Christopher und Nils, zwei meiner sechs Reisekumpanen, räkeln sich noch auf Bett beziehungsweise Boden. Auch ihnen steht die Vorfreude auf eine abenteuerliche Fahrt nach Offenbach nicht gerade ins Gesicht geschrieben. In der Küche packen wir den Reiseproviant ein, den uns Nils’ Mutter fürsorglich bereitgestellt hat: Zwei Käsebrote, eins mit Salami, ein Snickers, ein Hanuta und ein Kaugummi um unsere Fahne wenigstens auf die Größe eines Fähnchens schrumpfen zu lassen.

Da Nils den Bierkonsum am Vorabend freiwillig vorzeitig eingestellt hatte, obliegt ihm bis zum Gladbacher Hauptbahnhof die Rolle des Fahrers. In Boisheim sammeln wir Monti alias Christoph Hubert auf. In Dülken steigt Sebastian zu, besser unter seinem Nachnamen Rötten bekannt. Wenigstens haben wir mittlerweile Mai und es ist um halb sechs bereits hell. Die ersten Sonnenstrahlen und die kühle Morgenluft lindern mein „Unwohlsein“ nur begrenzt, doch die Gedanken an das bevorstehende Spiel am Mittag treiben mich an. Am Hintereingang des Bahnhofs treffen wir auf den Rest unserer Auswärtsbaggage – Simon und Tobias, den ebenfalls jeder nur bei seinem Nachnamen Gotzen nennt.

Auf dem Gleis herrscht in Anbetracht der Uhrzeit bereits reges Treiben. Die Farbe grün dominiert, was vor allen Dingen daran liegt, dass die Bundespolizei ebenfalls einen Ausflug nach Hessen unternimmt und uns freundlicherweise begleitet (Christopher besteht auf die Bezeichnung „Bundespolizei“, ob SEK, GSG-9, Hundertschaft oder einfach schlicht „Polizei“ ist mir eigentlich relativ schnuppe). Das „freundlich“ ist hier übrigens keineswegs ironisch gemeint. Die winterlich eingepackten Damen und Herren in grün, gewappnet mit Schlagstock, Schildkrötenpanzern an den Schienbeinen und schweren Helmen in der Hand, zeigen sich von ihrer netten Seite und behandeln die über den Daumen gepeilten 300 Borussenfans wie normale Menschen, die gesittet ihren Spaß und drei Punkte haben wollen. Das soll von Zeit zu Zeit anders sein. Ich kann es nicht wirklich beurteilen, da die Fahrt nach Offenbach erst mein drittes Auswärtsspiel mit Bus und Bahn ist, also im Kreise der Gesetzeshüter. Bisher habe ich stets den Eindruck gewonnen, dass sie lieb zu dir sind, solange du dich benimmst, wie Mama es dir beigebracht hat.

Und so setzt sich der Tross um 6:10 Uhr in Bewegung. In Neuss ist der erste Umsteigepunkt. Monti, Christopher, Rötten, Gotzen und Simon „genießen“ bereits ihr erstes Bier. Nils will noch nicht und auch ich kann mich um diese Uhrzeit nicht mit einem Konterbier anfreunden. Zumal das spottbillige „Baron Pils“, pfandfrei aus Holland für 8,88 € die Palette, eher wie warmes Kühlwasser aus einem Atomreaktor schmeckt, verfeinert mit einer Prise Metallgeschmack. Wenn „Stiftung Warentest“ irgendwann einmal radioaktive Stoffe in einem Bier entdecken sollte, setze ich jetzt schon einen Zehner darauf, dass „Baron Pils“ der Übeltäter sein wird. Die Reisenden sind derweil bunt gemischt wie die Biersorten, die sie in Kisten und Paletten von Bahnhof zu Bahnhof schleppen – alteingesessene Siebzigerjahre-Fans mit Rauten-Tattoo auf dem Oberarm, Ultras, die nicht mehr so heißen aber trotzdem noch so aussehen, kleine Jungs um die fünfzehn Jahre, die gerne dazu gehören würden, Studenten mit Mischbier in der Hand, ein paar Familienväter mit ihren Söhnen an der Hand und eben wir sieben Abiturienten, auf die keine dieser Beschreibungen zutrifft.

Ein Polizist kommt auf uns zu und will wissen, ob wir – also die Borussia – heute schon aufsteigen können. Leider können wir nur mit „nein“ antworten und uns darüber wundern, dass der Mann in grün seine Hausaufgaben nicht wirklich gemacht hat. Schließlich könnten sich seine Aufgaben ruckartig anders gestalten, wenn auf einmal 5000 Fans den Aufstieg feiern – und nicht nur, wie wir hoffen, einen einfachen Auswärtssieg.

Die nächste Station auf der Zugodyssee gen Offenbach heißt ausgerechnet Köln. Zum Glück treiben sich dort um kurz vor halb sieben noch keine FC-Fans rum. Zeitgleich wird Köln am Nachmittag die TSG Hoffenheim empfangen. Auch von deren Anhängern werden wir wohl kaum einen zu Gesicht bekommen. Eher läuft uns ein Esel in Boca-Juniors-Trikot über den Weg. Simon verlangt vor der Ankunft in Köln nach zwei Tüten für seine Füße, damit er keinen unheiligen Boden betreten muss. Aber der Hüne mit dem leichten Gemüt übersteht den zehnminütigen Aufenthalt in der verbotenen Stadt trotzdem unbeschadet. Rheinaufwärts nähern wir uns Koblenz, der dritten Zweitligastadt an diesem Morgen. Auch die Anhänger der TuS schlummern zu diesem Zeitpunkt noch in ihren Betten. Die Uhr zeigt nicht einmal neun Uhr an, als unsere Bahn nach Mainz abfährt.

Die nächsten anderthalb Stunden machen wir es uns im menschenleeren Fahrradabteil gemütlich. Christopher ringt mit der Müdigkeit und verabschiedet sich kurz ins Land der Träume. Nils liebäugelt um halb zehn in Deutschland mit dem ersten Bier, während Sebastian sich dem halben Dutzend bereits unaufhaltsam nähert. Es ist ruhiger, als man in einem Fußball-Zug vermuten mag, was daran liegt, dass sich ein Großteil der Gefolgschaft in eine kleine Regionalbahn gezwängt hat, die über Limburg nach Frankfurt fährt.

Landschaftlich hat die Fahrt durch die Weinberge entlang des Rheins ebenfalls etwas zu bieten – Fachwerkhäuser, Burgen, grüne Wiesen am Fluss. Manche Bahnhöfe besitzen nicht einmal einen gepflasterten Bahnsteig. In einigen Dörfern sagen sich Fuchs und Hase allem Anschein nach sogar tagsüber „Gute Nacht“. Spay, Boppard-Bad Salzig, Trechtlingshausen, Budenheim – allesamt Orte, deren Boden wir nie in unserem Leben betreten werden, durch die wir aber nun wenigstens einmal mit dem Zug gefahren sind.

In Bingen steigt ein Radfahrer mit südländischen Wurzeln zu, der die mutige Frage stellt, wie hoch Gladbach denn heute verlieren werde. Der Mann hat Glück an die Richtigen geraten zu sein. Andere hätten ihn ohne mit der Wimper zu zucken im Rhein versenkt. Aber nicht nur der Scherzkeks, sondern auch wir selbst haben ja noch keinen blassen Schimmer, was uns heute in fußballerischer Hinsicht erwarten wird. So eine Zugfahrt bietet häufig genügend Gelegenheiten zu ausgiebigen Charakterstudien. Irgendwo hinter Gau-Algesheim steigt ein kurioses Pärchen zu. Er sieht aus wie Jesus in Joggingschuhen. Sie hat dennoch einen dichteren Oberlippenbart als ihr Freund, Lebensabschnittsgefährte, Ehemann, was weiß ich. Ihre Blicke lassen vermuten, dass sie uns für irgendetwas zwischen verrückt und faszinierend halten.

Mein erstes Pils kurz vor der Ankunft in Mainz schmeckt nicht wirklich, lindert jedoch wider Erwarten meine Beschwerden und spätestens jetzt zähle ich sehnsüchtig die Minuten bis zum Anpfiff auf dem Bieberer Berg. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt schließen wir eine Palette für die Rückfahrt im Schließfach ein. Auf einmal hängt uns aus unerklärlichen Gründen ein Gladbach-Fan mit pfälzischem Dialekt an, der ungefähr unser Alter haben muss. Er sucht verzweifelt die „Ultras“, die sich ja eigentlich vor ein paar Wochen aufgelöst haben. Was sich unser kleiner Tom Hanks auf der Suche nach dem Heiligen Gral von denen erhofft, bleibt im Raume stehen. Erst in Offenbach werden wir den Mitreisenden los, als er zumindest mir mittlerweile auf den Geist geht. Bevor das Ziel in Offenbach endgültig ins Visier genommen wird, gönnen wir uns bei McDonalds ein Frühstück – drei Cheeseburger, ein Wrap und weiter geht’s.

Im Anschluss habe ich ein großartiges Aha-Erlebnis, als ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Wehen-Fans erblicke und dies mit den Worten „Ich fass’ es nicht. Schaut mal her! Es gibt sie wirklich!“ kundtue. Die beiden Wehener scheinen Ähnliches nicht erst einmal gehört zu haben und lächeln aufrichtig. Sie sind auf dem Weg nach Koblenz und werden nach der 0:2-Niederlage gegen 16 Uhr nicht mehr so fröhlich dreinblicken. Überhaupt herrscht allerorten ein faszinierender Fan-Exodus: Hoffenheimer nach Köln, Wehener nach Koblenz, Augsburger nach Aachen, Gladbacher nach Offenbach und irgendwo dazwischen sogar ein paar verträumte Bayern-Fans, die sich auf die Reise nach Wolfsburg machen. Auswärtsfahrten sind eben ein kleines Abenteuer. Kleine Jungs spielen im Wald Indiana Jones, bauen Höhlen aus Laub – Männer und Frauen ab 14 aufwärts fahren nach Offenbach zum Fußball.

Aus der S-Bahn dürfen wir die Frankfurter Commerzbank-Arena bestaunen. Warum die früher „Waldstadion“ hieß wird selbst Sebastian klar, der stolz sein „achtes oder neuntes Bier“ verkündet. Köln, Koblenz, Mainz, Frankfurt, Offenbach – man kann auf Reisen zu Auswärtsspielen theoretisch jede Stadt dieses Landes bereisen ohne auch nur ein einziges Gebäude außerhalb des örtlichen Hauptbahnhofs genauer zur Kenntnis genommen zu haben. Ich war zuvor noch nie in Mainz, jetzt schon, doch irgendwie auch wieder nicht.´

Genauso wenig bekommt man aus nächster Nähe einen Anhänger der Heimmannschaft zu Gesicht. Vor einer Eckkneipe am Bahnhof Offenbach-Ost stimmt sich ein gutes Dutzend Kickers-Fans auf das Spiel ein, das in weniger als zwei Stunden angepfiffen wird. Doch die Peripherie der Jungs in rot-weiß wird von den Hütern der Ordnung in grün (und blau, wir sind schließlich längst in Hessen) undurchdringbar bewacht. Dabei will den Offenbachern niemand etwas Böses – drei Punkte reichen schon zur Besänftigung.

Es scheint, als habe sich einmal mehr der gesamte Niederrhein aufgemacht und sei mit Bus, Bahn und Auto in den Osten von Frankfurt gereist. Nachbarn aus Anrath und ehemalige Mitschüler säumen den Fußweg zum Stadion. Aus der wartenden Menge vor den Toren des Bieberer Berg winkt mir Luca, mein Sitznachbar aus dem Borussia-Park, von den Schultern seines Vaters zu, der seinen Arm wie ein Ertrinkender in die Höhe reckt, um ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Die Szenerie des traditionsreichen Offenbacher Stadions lädt Fußball-Romantiker derweil zum Schwelgen in alten Bökelberg-Zeiten ein. Das Umfeld, der Wald mit seinen Wiesen, auf denen Familien picknicken und bärtige Relikte aus der Hippiezeit ihr Bier trinken, erinnert an ein ritterliches Mittelalterfest. Keine Spur von mächtigen Parkplätzen, ausgeklügelten Anfahrtswegen und erdrückenden Videoleinwänden.

Vor dem Eingang zum Gästeblock stehen keine kostspieligen Ticketautomaten. Freiwillige in chicen neon-orangen Westen reißen Ticket für Ticket ab, während die Kontrollen sorgfältiger sind als sie bei Heimspielen jemals auch nur annähernd waren. An diesem Punkt teilen wir uns – Simon, Christopher und Gotzen haben nämlich Sitzplatzkarten. Wie durch ein Wunder war ich über die Mitgliedskarte meines Bruders und meine eigene zwei Minuten nach Verkaufsbeginn an vier Stehtickets gekommen. Drei Minuten später waren alle bereits vergriffen.

Zu viert erklimmen wir die Stahlrohrtribüne, die ich so nur vom heimischen Schützenfest kenne. Doch diesmal ist sie nicht für Schützenkönige mit Fasanen auf dem Kopf und korpulente Frauen in grellen Kleidern errichtet worden, sondern für weit gereiste Gästefans. Ein Ordner gewährt uns mit dem Hinweis auf die notdürftig vorhandenen Dixie-Klos Einlass und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber bitte nicht umkippen.“ Er meinte selbstverständlich die Toilettenhäuschen.

Die Gästetribüne ist eine halbe Stunde vor Spielbeginn relativ leer. Viele scheinen der warmen Mai-Sonne noch ein wenig entgehen zu wollen oder hängen wahrscheinlich im Strom vor den Toren fest, weshalb wir das kleine Fanvakuum nutzen und uns nicht in Block S1 niederlassen, sondern das Zentrum der Stimmungsverbreitung in W2 aufsuchen. Was wie Schiffe versenken klingt, soll sich später als gute Entscheidung erweisen. Gerade bei Auswärtsspielen ist die Stimmung ein noch größeres Phänomen als daheim, da der Funke innerhalb der Menge nicht allein durch ihre Masse ein Feuer entfachen kann. Es bedarf immer wieder kleinen Schüben, um letztendlich mehr als nur den härtesten Kreis zu animieren. Obwohl sie gar nicht mehr existieren, ergreifen vor allem jene, die sich einst „Ultras“ nannten, zunächst die Initiative. Wir vier stehen irgendwo ein paar Reihen dahinter. Das Spielfeld sehen wir größtenteils nur durch die Fangzäune, andererseits ist das Tor, auf das die Borussia in der zweiten Hälfte spielen wird, fast greifbar nah.

Der Stadionsprecher dudelt vor sich hin. Nicht einmal seine Stammzuhörer aus Offenbach scheint es sonderlich zu interessieren. Dennoch nimmt der Gästeblock seinen waghalsigen Tipp – ein sensationelles 1:0 für die Kickers – lachend zur Kenntnis. Als das Spiel endlich beginnt, sind wir seit fast zehn Stunden auf den Beinen, zehn Stunden, denen auf der Rückfahrt noch einmal sechs folgen werden. Das Spiel plätschert lange vor sich hin. Aus der Ferne sieht das, was die Borussia aufs Feld zaubert, nicht gerade erstligareif aus und die leise gehegten Zweifel der letzten Tage machen sich langsam wieder im Hinterkopf breit. Jeder weiß: Mindestens fünf Punkte und wir sind durch. Doch solange nichts in trockenen Tüchern ist, greift stets die Angst um sich, kurz vor dem Ende alles zu verspielen. Vor unserer Nase passiert jedoch ebenfalls nicht viel, aber immer noch ein Tick mehr als auf der Gegenseite. Zweimal ist Heimeroth gegen den gefährlichen Bancé glänzend auf dem Posten und verhindert das erste Tor, das wenn überhaupt in den ersten zwanzig Minuten der OFC verdient hätte.

Für haargenaue Spielanalysen und Beurteilungen von Schiedsrichterentscheidungen ist der Gästeblock nur begrenzt geeignet. Nach einer knappen halben Stunde rennt Hysky im Strafraum Friend um. Vorsichtshalber sende ich eine SMS nach Hause. Nach ein paar Minuten kommt die Bestätigung. „War das ein Elfer?“, hatte ich gefragt. „Ganz klar“, lautet die Antwort. In der Zwischenzeit hatte Neuville den Strafstoß versenkt. Sicherer als vor einer Woche gegen 1860 München, aber Offenbachs Thier (kein Rechtschreibfehler, der heißt wirklich so) hatte die Ecke immerhin geahnt. Spätestens jetzt herrscht Freudenstimmung im Block, die diese leise Ungewissheit verdrängt, ob die Leistung in den Minuten zuvor die Führung überhaupt rechtfertigt.

Jetzt könnte man denken, das Führungstor würde eine bisher relativ lahme Fohlenelf antreiben und inspirieren. Doch kurz nach Neuvilles vierzehntem Saisontor ist Offenbach dem Ausgleich so nah, dass die Fans in rot-weiß alle schon aufgesprungen sind. Sousas Freistoß streift hauchdünn am Pfosten vorbei und trifft Gott sei Dank die richtige Seite des Netzes. Kurz bevor es in die Pause geht, wirft sich der OFC selbst um Lichtjahre zurück. Neuville lässt Bancé stehen. Der Mann aus Burkina Faso setzt an der Außenlinie zur Sense an – mit Erfolg. Neuville wälzt sich verständlicherweise am Boden. „Dunkelgelb“, schießt es mir durch den Kopf. Schiri Sippel wählt den dunkelsten aller Gelbtöne und zeigt Bancé die rote Karte. „Vertretbar“, wie man immer so schön urteilt.

„Vertretbar“ wird wenige Augenblicke nach Wiederanpfiff zum Wort der Stunde mutieren. Zunächst mache ich mich jedoch auf die Suche nach etwas Ess- beziehungsweise Trinkbarem. Als Sippel fünfzehn Minuten später in seine Pfeife bläst, stehe ich noch immer in der Schlange, mittlerweile immerhin weit vorne. Doch der Durst ist mir ganz schnell egal. Ich geb’s auf und gehe zurück in den Block. Fußball-Romantik muss nicht immer schön sein. Mich juckt es nicht weiter. Doch die Kickers hätten die 2,80€ für meine Cola gut gebrauchen können – für eine neue Anzeigetafel zum Beispiel. Das alte Exemplar aus dem Bremer Weserstadion hat seinen Geist aufgegeben und heißt jetzt „Anzeigentafel“. Wenigstens Humor hat man in Offenbach.

Die Entscheidung für den Durst erweist sich in der 48. Minute als goldrichtig: Ein Offenbacher klärt auf der Linie, der Ball kommt zu Brouwers, der Niederländer muss ihn nur noch per Kopf über die Linie drücken, wird aber von Sichone unfair daran gehindert. Die Überraschung ist groß. Ich muss ehrlich sein: Zur genauen Schilderung der Situation bin ich erst in der Lage, seitdem ich zuhause die Zusammenfassung gesehen habe. Als Sippel erneut die rote Karte aus der Gesäßtasche kramt, ist die Verwirrung perfekt. Hand auf der Linie, Schiedsrichterbeleidigung – jeder will etwas anderes gesehen oder gehört haben. Richtig liegt niemand. Spätestens nachdem Neuville seinen zweiten Elfer sicher verwandelt hat, spielt diese Ungewissheit eine absolut nebensächliche Rolle. Zumal sich ja herausstellt, dass auch diese Entscheidung „vertretbar“ gewesen ist. Es wird ausgelassen gefeiert. Und dann ist er wieder da, der angesagteste Gesang dieser Wochen: „Nie mehr Zweite Liga, nie mehr, nie mehr.“ Goethe, Schiller oder Heine hätten es nicht schöner sagen können.

Kurz darauf erzielt die Borussia das dritte Tor. Brouwers ist nach dem unfair vereitelten Treffer beim Platzverweis für Sichone scheinbar so heiß auf ein Tor, dass er Heimeroth überköpft und ein sehenswertes Eigentor produziert. Wer sich in der wohligen Lage befindet, beim derzeitigen Stand nur noch einen Sieg zum Aufstieg zu benötigen und zudem auf eine doppelte Überzahl bauen kann, nimmt es mit Humor.

Innerhalb weniger Minuten treibt der designierte Aufsteiger aus Mönchengladbach die Gastgeber in den Galgenhumor und ins sportliche Delirium. Zuerst bugsiert Marin den Ball nach einem Abpraller mit viel Übersicht von der Strafraumgrenze ins Tor. Acht Minuten später kommt Touma zu seinem Premierentreffer für die Borussia. Erneut ist er der Nutznießer eines Abprallers, der zu ihm gelangt, nachdem der eingewechselte Colautti noch an Thier gescheitert war. 4:1 aus Sicht der Borussia hatte ich getippt. Nach einer guten Stunde ist Vision Wirklichkeit geworden. Irgendwie ahne ich bereits, dass dies viel zu früh geschieht, um am Ende als Tippkönig dazustehen. Mittlerweile hat sich ein Großteil des Gästeblocks bei den sommerlich anmutenden Temperaturen seiner Oberteile entledigt. Noch bestehe ich auf meine doppeltes Glückstrikot, will schließlich nicht Schuld auf mich nehmen, wenn am Ende ein 4:4 zu Buche steht.

Um die 70. Minute herum (auch das musste ich nachgucken, man verliert im Rausch des Kantersieges jegliches Zeitgefühl) verlässt Colautti den Platz. Luhukay hatte neben dem Israeli bereits Coulibaly und Ndjeng ins Spiel gebracht, weshalb die Borussia zu zehnt weiter spielen muss. Man könnte meinen, sie hätte Mitleid mit den neun vollkommen hilflosen und desorientierten Offenbachern.

Doch die verminderte Überzahl tut dem Rausch, in den sich Gladbach längst gespielt hat, keinen Abbruch. Ndjeng trifft als Joker zum 5:1. Neuville hatte ihn sensationell auf dem Boden liegend angespielt. Als Coulibaly vier Minuten danach mit dem Kopf (!) nach Flanke von Levels (!) das halbe Dutzend voll macht, erkenne ich dies als Zeichen für vollkommene Unbesiegbarkeit an und lege mir meine beiden Trikots samt Schal über die Schultern – sonnenbrandtechnisch ohnehin keine schlechte Maßnahme. Die Fans des OFC feiern sich derweil selbst, wir feiern unsere Mannschaft – neun Offenbacher auf dem Feld sind zehn Minuten vor Schluss also die einzigen, die bei 25 Grad keinen Spaß haben.

Ndjengs 7:1 wird mit einem Anflug von Erschöpfung wahrgenommen. Wie bei einem 23:18 beim Handball werden schnell die Hände in die Luft gereckt. Mehr ist nicht mehr drin – die Ungläubigkeit lähmt uns geradezu. Nach dem sechsten Tor hatte jemand „nur noch vier“ angestimmt. Es wird nichts mehr mit der Zweistelligkeit. Dennoch steht am Ende der höchste Auswärtssieg seit 21 Jahren zu Buche. Offenbach kassiert die höchste Heimpleite aller Zeiten und mehr als 5000 Borussenfans haben das geilste Auswärtsspiel ihres Lebens hinter sich. Ich bin eigentlich kein Fan des Wortes „geil“, aber ab einem gewissen Punkt wirken „schön“ und „toll“ einfach unglaubwürdig und tiefstaplerisch.

Kopfschütteln gehört nach dem Spiel neben lauten Jubelfeiern zur meistgesehen Tätigkeit. Niemand kann so richtig glauben, was er gesehen hat. Die Frage nach den Torschützen in richtiger Reihenfolge erweist sich als schwerste Prüfung des Tages. „Am Mittwoch steigen wir auf, olé, olé“ mutiert zum Gassenhauer des Abends. Mit erschreckender Leichtigkeit hat die Borussia den Gastgeber in der zweiten Hälfte aus dem Stadion geschossen. Die Noten, die der Kicker jeden Montag vergibt, unterstreichen eindrucksvoll die Kuriosität des Spiels. Sieben Tore, ein Eigentor und trotzdem kommen die dreizehn benoteten Borussen im Schnitt nur auf eine 2,7. Zum Vergleich: Als Bremen letztes Jahr in der Bundesliga Mainz mit 6:1 degradierte, regnete es im Schnitt glatt die Note „gut“ für die elf Akteure. Fünf verschiedene Torschützen, fünf verschiedene Vorlagengeber, drei Jokertore – vielleicht unterstreicht das Zustandekommen des Kantersieges einfach nur die Homogenität der Gladbacher Mannschaft.

Die Kopfschmerzen der Hinfahrt sind auf dem Rückweg vergessen. Die leisen Zweifel müssen sich der Vorfreude auf eine Aufstiegsfeier am Mittwoch gegen Wehen beugen. Sogar das „Baron Pils“ schmeckt jetzt wie edelster Champagner. In Mainz holen wir die letzte Palette aus dem Schließfach. Bei McDonalds gibt es Abendessen: Drei Cheeseburger und einen Wrap – die Kombination könnte zum Ritual werden. Meine Figur wird es mir irgendwann danken. Während wir auf dem Bahnsteig auf den Zug nach Koblenz warten, gratuliert uns ein Mainzer leise zum Sieg und eilt sofort weiter. Fast jeder, der die Frage „Und, wie habt ihr gespielt?“ stellt, erhält die standesgemäße Antwort und erklärt uns durch die Bank für verrückt. Entschuldigung, aber es ist die Wahrheit. Auch ein KSC-Fan aus Koblenz glaubt uns erst nicht so recht, redet uns dann aber auf badisch solange ein Kotelett an die Backen, bis wir schon den Grill rausholen wollen. Vor allen Dingen versteht ihn kein Mensch, aber ihm scheint das schnuppe zu sein. Der Rest des Waggons bekommt derweil die Seiten 12-16 aus dem Gesangsbuch zum Besten gegeben und ist eigentlich zu bemitleiden. Dabei strengen wir uns extra an. In Freudentaumel fällt das auch nicht allzu schwer, obwohl der lange Tag mittlerweile an allen nagt.

Nachdem wir mit den ersten Sonnenstrahlen aufgebrochen waren, ist es längst dunkel, als ich um halb elf alleine auf Gleis 3 am Mönchengladbacher Bahnhof sitze. Die anderen sind bereits auf dem Nachhauseweg, ich habe noch ein paar Minuten, um dieses Abenteuer Revue passieren zu lassen. Mehr als 16 Stunden bin ich auf den Beinen. Das Spiel macht nicht einmal ein Zehntel davon aus. Noch im letzten Jahr hätte ich wohl resigniert dort gesessen, nach einen 0:1 auf Schalke oder einem 0:2 in Bochum. Doch dieses Jahr ist alles anders: Wir sind die Nummer eins und die anderen freuen sich, gegen uns spielen zu dürfen. Noch drei Teams obliegt bis zum Saisonende die Ehre. Doch kein Borusse wird vorhaben, vor lauter Wehmut Abschiedsgeschenke zu machen. Noch drei Punkte, dann ist das Ende des Abenteuers Unterhaus besiegelt. Mit 86 Jahren werden wir im Altenheim sitzen und über alte Zeiten philosophieren. Egal, was in den 67 Jahren bis dahin noch passiert: Das 7:1 in Offenbach wird in unseren Erzählungen einen Ehrenplatz erhalten. Zum Schluss muss ich es noch einmal sagen, weil es so schön ist: 7:1! Ok, noch einmal, dann ist Schluss: 7:1!


Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 1)


Zusammenfassung bei Hattrick im DSF (Teil 2)

Freitag, 8. August 2008

Stiftung Warentest (2)

Wie gut war die "sagenhafte Vorbereitung" in Wirklichkeit? Wie schwer wiegt der "Sand im Getriebe" tatsächlich? Die Testspielergebnisse der Bundesligisten und ihre Aussagekraft.

Wie es funktioniert

Teil 2: Die Plätze 12-7 der vergangenen Saison


VfL Bochum

1:2 gegen Anorthosis Famagusta
2:3 gegen Besiktas Istanbul
1:3 gegen CFR 1907 Cluj
1:1 gegen FC Porto
0:0 gegen OFI Kreta
0:1 gegen FC Valencia
1:1 gegen Yokohama F. Marinos

7 Sp. - 0S 3U 4N - 46:11 Tore - 3 Pkt.
Koeffizient: 1,57 - 0,43 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 2,74


Karlsruher SC

4:0 gegen TuS Metzingen
13:0 gegen VfB Bühl
4:0 gegen Offenburger FV
10:0 gegen SV 1896 Schluchtern
14:0 gegen SV Büchenbronn
6:0 gegen SV 08 Küppenheim
1:0 gegen VfR Aalen
0:1 gegen Racing Strasbourg
0:2 gegen SC Freiburg
1:1 gegen FC Sochaux

10 Sp. – 7S 1U 2N – 53:4 Tore – 22 Pkt.
Koeffizient: 4,9 - 2,2 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 4,49


Hertha BSC

7:0 gegen SV Thal
0:0 gegen Hapoel Tel Aviv
0:0 gegen FC Kopenhagen
0:0 gegen FC Liverpool
4:2 gegen 1.FC Magdeburg
8:0 gegen Nistru Otaci
0:0 gegen Nistru Otaci
1:0 gegen Newcastle United
1:3 gegen Hannover 96


9 Sp. – 4S 4U 1N – 21:5 Tore – 16 Pkt.
Koeffizient: 2,44 - 1,78 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 7,30


Eintracht Frankfurt

11:0 gegen Hochtaunus-Auswahl
2:0 gegen WSG Wattens
1:1 gegen SV Seligenporten
4:0 gegen WAC/St. Andrä
2:0 gegen Wigan Athletic
1:1 gegen US Palermo
0:1 gegen FC Astoria Walldorf
19:1 gegen VFR 07 Limburg
x:x gegen Real Madrid

8 Sp. – 5S 2U 1N – 40:4 Tore – 17 Pkt.
Koeffizient: 4,63 - 2,13 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 4,60

Hannover 96

8:1 gegen Bad Pyrmont Regionalauswahl
23:0 gegen FC 08 Boffzen
0:0 gegen Rot-Weiß Erfurt
1:1 gegen FC Porto
2:2 gegen Wigan Athletic
2:4 gegen Real Mallorca
3:1 gegen Hertha BSC Berlin

7 Sp. – 3S 3U 1N – 39:9 Tore – 12 Pkt.
Koeffizient: 3,29 - 1,71 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 5,20


Bayer Leverkusen

8:2 gegen FC 08 Düren-Niederau
4:1 gegen SV Darmstadt 98
2:3 gegen FC St. Gallen
2:2 gegen Dynamo Minsk
0:1 gegen Alemannia Aachen
13:0 gegen Auswahl Groß-Gerau
2:0 gegen SC Freiburg
3:0 gegen Bahlinger SC


8 Sp. – 5S 1U 2N – 34:9 Tore – 16 Pkt.
Koeffizient: 3,75 - 2,00 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 5,33

Donnerstag, 14. August 2008

Stiftung Warentest (3)

Wie gut war die "sagenhafte Vorbereitung" in Wirklichkeit? Wie schwer wiegt der "Sand im Getriebe" tatsächlich? Die Testspielergebnisse der Bundesligisten und ihre Aussagekraft.

Wie es funktioniert

Teil 3: Die Plätze 6-1 der vergangenen Saison


VfB Stuttgart

14:0 gegen FC Löffingen
8:0 gegen FV 08 Rottweil
3:1 gegen SG Sonnenhof Großaspach
4:1 gegen FC Augsburg
0:1 gegen Saturn Ramenskoje
3:0 gegen Saturn Ramenskoje
1:3 gegen Arsenal London
5:2 gegen FC St. Pauli

8 Sp. – 6S 0U 2N – 38:8 Tore – 18 Pkt.
Koeffizient: 3,63 – 2,25 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 6,20


VfL Wolfsburg

5:2 gegen VfR Eintracht Nord
5:0 gegen SV Greif Torgelow
9:0 gegen VFC Anklam
3:0 gegen VfB Lübeck
11:0 gegen VfB Fallersleben
1:1 gegen FC Aarau
1:0 gegen Vitoria Guimaraes
2:3 gegen Young Boys Bern
2:1 gegen Viktoria Aschaffenburg
2:1 gegen Red Bull Salzburg Juniors
1:0 gegen Real Mallorca
14:0 gegen FC Schöningen
2:3 gegen FC Ingolstadt
4:1 gegen SV Wehen-Wiesbaden
3:2 gegen Trabzonspor
0:1 gegen FC Palermo

16 Sp. – 12S 1U 3N – 65:15 Tore – 37 Punkte
Koeffizient: 3,63 – 2,31 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 6,36


Hamburger SV

6:0 gegen Amateurauswahl Pinneberg
1:2 gegen Slovan Liberec
8:0 gegen SV Raika Längenfeld
4:0 gegen WSG Svarovski Wattens
5:0 gegen VfB Lübeck
1:0 gegen Manchester City
1:2 gegen Real Madrid
3:0 gegen Juventus Turin


8 Sp. – 6S 0U 2N – 29:4 Tore – 18 Pkt.
Koeffizient: 3,25 – 2,25 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 6,92


FC Schalke 04

6:0 gegen SpVgg Erkenschwick
1:0 gegen SG Wattenscheid 09
11:0 gegen Victoria-Nationalelf
0:3 gegen Wuppertaler SV
1:0 gegen Glasgow Rangers
4:1 gegen Bahrain
1:2 gegen Besiktas Istanbul
4:0 gegen Alemannia Aachen

8 Sp. – 6S 0U 2N – 28:6 Tore – 18 Pkt.
Koeffizient: 3,38 – 2,25 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 6,66


Werder Bremen

5:1 gegen TSV Ottersberg
5:0 gegen VfL Oldenburg
3:1 gegen SC Fortuna Köln
3:1 gegen Kickers Emden
4:3 gegen Aris Saloniki
3:0 gegen Maccabi Netanya
4:0 gegen FC St. Gallen
5:1 gegen Hansa Rostock
1:3 gegen Trabzonspor
0:0 gegen Levski Sofia
3:0 gegen Esbjerg fB

11 Sp. – 9S 1U 1N – 36:10 Tore – 28 Pkt.
Koeffizient: 2,55 – 2,55 pro Spiel
Bewertung der Spiele: 10,00


Bayern München

7:1 gegen SV Lippstadt 08
8:0 gegen TSV Nördlingen
11:1 gegen Fanklub Nabburg
1:2 gegen Borussia Dortmund
0:0 gegen 1.FC Köln
4:2 gegen Urawa Red Diamonds
0:1 gegen Inter Mailand

7 Sp. – 4S 1U 2N – 31:7 Tore – 13 Pkt.
Koeffizient: 3,86 – 1,86 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 4,82

Stiftung Warentest (4)

Die Testspielergebnisse der 18 Bundesligisten auf den Punkt gebracht und in der Übersicht - wer schnitt am besten ab, wer hatte die schwersten Gegner, wer holte die meisten Punkte?

Werder Bremen hat dem ausgeklügelten Berechnungsverfahren zufolge also die stärkste Vorbereitung gespielt. Trotz meist gutklassiger Gegner stand am Ende der zweitbeste Punkteschnitt aller Bundesligisten. Den besten kann die Borussia aus Mönchengladbach vorweisen. Auch deshalb folgt der Aufsteiger gleich hinter den Bremern in der Vorbereitungstabelle.

Der VfL Bochum bewegt sich derweil an beiden Enden der Ranglisten, mit denen die Bewertung der Testspielphase ermittelt wurde. Einerseits trafen die Ruhrpötter auf die stärksten Gegner, holten gegen drei Vereine der Kategorie 1 und vier der zweiten andererseits aber auch nur drei Unentschieden. Aus diesem Grund der letzte Platz in der Vorbereitungstabelle.

Mit der TSG 1899 Hoffenheim und dem 1.FC Köln belegen die anderen beiden Neulinge ebenfalls einen einstelligen Tabellenplatz. Borussia Dortmund findet sich dank einer starken Gegnerschaft weit vorne wieder, obwohl nur die dürftige Ausbeute von 1,6 Punkten pro Spiel zu Buche steht. Arminia Bielefeld pickte sich die zweitschwächsten Gegner heraus, punktete dafür viel zu selten und steht auf einem Abstiegsplatz - genauso wie der KSC, der zwar 2,2 Zähler pro Partie aufweisen kann. Doch die Badener trafen im Schnitt nur auf Mannschaften mit dem Niveau deutscher Oberligisten.

Bemerkenswert ist die Vorbereitung des Rekordmeisters: Die Bayern tourten erst über Dörfer und Kleinstädte. Dann gab es gegen die Mit-Bundesligisten Köln und Dortmund nur einen Punkt. Nach dem Erfolg in Japan, folgte zum Schluss die zweite Vorbereitungspleite beim 0:1 gegen Inter Mailand. Macht unterm Strich nur Platz 14 für den FCB. Wenn das Uli Hoeneß hört...

Am häufigsten in den letzten Wochen testeten Felix Magaths Wolfsburger. Der ehemalige Bayern-Trainer wollte seine Mannen, darunter erneut etliche Neuzugänge wie die beiden Weltmeister aus Italien, Zaccardo und Barzagli, gleich 16-mal über 90 Minuten sehen. Nur Cottbus reicht mit 13 Tests annähernd an den VfL heran.

Dementsprechend ist die Wolfsburger Ausbeute von 65 Treffern auch Bestwert. Aufs einzelne Spiel gerechnet zeigte sich der KSC am treffsichersten - kein Wunder bei all den unterklassigen Gegnern. Am meisten hielt sich der BVB vor des Gegners Tor zurück - nur 12 Tore in 10 Spielen. Der KSC kassierte absolut und relativ die wenigsten Gegentore - kein Kommentar.

Doch alle diese Zahlen, man kann es ja ganz Trainer-like nicht oft genug wiederholen, sind ab morgen Abend nur noch Schall und Rauch. Dann geht es nicht mehr um virtuelle, sondern um waschechte Punkte. Und wo dieser Blog schonmal nach einer der meistzitiertesten Fußball-Floskeln überhaupt benannt ist, sei auch noch einmal daran erinnert: Entscheidend is ohnehin auf'm Platz.

Sonntag, 28. Dezember 2008

2008x12 – August

Entscheidend is auf’m Platzhirsch des Monats:
Der Saisonstart


So ein Saisonstart hat ja schon etwas Gutes an sich: Er explodiert nicht von jetzt auf gleich wie eine Silvesterrakete im Wohnzimmer, sondern wirft seinen Schatten voraus wie ein Tiefdruckgebiet von den Azoren. Da die berüchtigte Testspielphase im Juli und in den ersten Augusttagen das einzige sportliche Lebenszeichen der Bundesligavereine darstellt, ist sie freilich nicht zu unterschätzen (Auftritte von Hertha in der UEFA-Cup-Quali jetzt einmal außen vor). Und weil Testspiele so eminent wichtig sind, gilt es um alles in der Welt, die Ergebnisse irgendwie in ein rechtes Licht zu rücken.

Anfang August mündete dieses Bestreben in der so genannten „Stiftung Warentest“, die das Abschneiden der Bundesligisten gegen den VfB Fallersleben, die WSG Svarovski Wattens oder eine Amateurauswahl von Pinneberg in vier Teilen unter die Lupe nahm. Die nobelpreisverdächtige Formel (Punkte pro Spiel / Koeffizient) * 10 lieferte letztendlich ein Bild, das in den Monaten darauf nur noch Seltenheitwert besaß: Bremen belegte Platz eins der Testspieltabelle, direkt dahinter rangierte eine gewisse Borussia aus Mönchengladbach. Zu meiner Verteidigung sei angefügt: Sieben der ersten neun Mannschaften in dieser Rangliste belegen auch heute – am 28. Dezember 2008 – einen einstelligen Tabellenplatz. Immerhin. Dass mir ausgerechnet bei Gladbach ein offensichtlicher Vorzeichenfehler unterlief, fällt wohl unter den Begriff "Schicksal".

Eine Borussia im Höhenflug sorgte auch in der ersten Runde des DFB-Pokals für Furore. Mit 8:1 wurde Bielefeld auf der heimischen „Alm“ abgefertigt. Zum vorletzten Mal in diesem Kalenderjahr bewies der Aufsteiger dabei echten Killerinstinkt – auch wenn es nicht die Arminia, sondern Landesligist VfB Fichte aus derselben Stadt war, der dran glauben musste. Das Los bescherte Gladbach für die zweite Runde eine Reise nach Cottbus, über deren Ausgang ich an dieser Stelle lieber (noch) nicht sprechen möchte. Erst einmal verursachte die Auslosung sowieso einen sommerlichen Clinch mit dem Weihnachtsmann: Das ersehnte Pokal-Heimspiel blieb der „Elf vom Niederrhein“ auch anno 2008 verwehrt (was natürlich genauso gut mit ihrer eigenen Schwäche zusammenhängt).

Wie gerade erwähnt, war der Kantersieg in Bielefeld Gladbachs vorletzte Sternstunde der Hinrunde. Ende August versetzte ein 3:2-Sieg gegen Werder Bremen den ausverkauften Borussia-Park bei brütender Hitze in pure Ekstase (dass in den schwarz-grünen Trikots des Gegners nicht das Bremen steckte, welches man ursprünglich erwartet hatte, kristallisierte sich ja erst etwas später heraus). Alexander Baumjohann erzielte mit einem Maradona-Gedächtnis-Solo das „Tor des Monats“ August. Neben einer kleinen Plakette für die Wohnzimmervitrine brachte ihm sein Meisterstück wohl auch einen Bankplatz beim FC Bayern München ab der kommenden Saison ein.

Der enttäuschende Bundesligaauftakt gegen Stuttgart (1:3) und Hoffenheim (0:1) sei fix unter den Teppich gekehrt. Schließlich sollte es bis Jahresende noch viel schlimmer kommen. Da kann man sich von derartigen Lappalien nicht aufhalten lassen.

Derweil ist das Sommerloch im Juli wohl nicht all seine genialen Einfälle losgeworden. Aus diesem Grund nämlich verursachte die Trikotnummer-Affäre an der Otto-Fleck-Schneise ein riesiges Post-sommerlöchriges Tohuwabohu. Der FIFA war eingefallen, dass alle Zahlen über 18 doch irgendwie doof sind. Also wurden die Rückennummern bei internationalen Pflichtspielen – auch Uneingeweihte ahnen, was kommen wird – auf eben jene Zahlen 1 bis 18 limitiert. An für sich kein Problem – PODOLSKI lässt sich bestimmt auch über eine 14, 15 oder 16 drucken. Doch spätestens als der DFB es für viel zu kompliziert befand, für jedes Länderspiel einen komplett (!) neuen Trikotsatz zu drucken, überholte dieses Brennpunkt-Thema den Südossetien-Konflikt in der Gunst deutscher Nachrichtenagenturen. Ein paar Wochen später knallten in Frankfurt dann jedoch die Sektkorken: Irgendeinem Blitzmerker war eingefallen, dass Jogi Löw selten ein- und denselben Kader für zwei aufeinander folgende Länderspieltermine nominiert. Als dann noch jemand einwarf, dass die Spieler ja sowieso für jedes Spiel druckfrische Trikots bekommen, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Heureka!

Auch in anderer Hinsicht blieb der DFB seiner Linie (un)treu: Pierre Womé zerlegte den Kiefer von Ashkan Dejagah beinahe in alle Einzelteile und wurde dafür (nachträglich wohlgemerkt) für nur drei Spiele auf die Tribüne verbannt. Kurz vor Hinrundenende übrigens brachte Hannovers Keeper Florian Fromlowitz den Wolfsburger Edi Dzeko per Notbremse im Strafraum zu Fall, wurde für dieses fragwürdige Foul vom Platz gestellt und für zwei Spiele gesperrt. Einen Tag zuvor hatten Claudio Pizarro und Diego der Karlsruher Mannschaft Backpfeifen und Würgegriffe am laufenden Band verpasst – und wurden für nur drei bzw. vier Partien aus dem Verkehr gezogen. Na, wenn das so ist.

Neben ein paar Flachwitzen und dem olympischen Fußballturnier stand vor allem Schalkes Aus in der Champions-League-Quali im Mittelpunkt. Die Königsblauen verbrannten in Madrid mit einer grottenschlechten Leistung so viel Geld – da können Hypo Real Estate, Lehman Brothers und Co. nur von träumen. Für S04 gab’s jedoch kein Rettungspaket, sondern den Trostpreis schlechthin: Die Teilnahme an UEFA-Cup. Schalke lehnte beleidigt ab und verabschiedete sich nach der Gruppenphase aus dem Wettbewerb.

Zu guter Letzt ein weiteres bestimmendes Thema des Monats: Muss ein Kicker-Redakteur wissen, wie Nikolce Noveski aussieht und dass seine Visage nicht zu einem gewissen Nikolce Novakovic gehört? Im Prinzip schon – schließlich soll die Bäckereifachverkäuferin morgen früh ja auch nicht das Röggelchen mit dem Vitalbrötchen verwechseln. Wobei die sich auch verdammt ähnlich sehen…

Donnerstag, 7. August 2008

Stiftung Warentest (1)

Jahr für Jahr predigen Trainer die Bedeutungslosigkeit von Testspielergebnissen. Immer wieder wird der Mannschaft trotz einer Pleite bescheinigt, sie befinde sich "auf dem richtigen Weg". Läuft es allzu rund, heißt es wiederum ganz schnell, dass die guten Resultate "noch gar nichts zu bedeuten haben". Doch wer kann nun wirklich auf eine gelungene Testspielphase zurückblicken? Wer hat sich am besten geschlagen gegen Allemannia Jessen, MSK Zilina oder Juventus Turin? Ein Versuch, Licht ins Dunkel der Zahlen zu bringen.


So funktioniert die Einordnung der Ergebnisse:

(Punkte pro Spiel / Koeffizient) * 10

Da die Vereine unterschiedlich oft getestet haben und die Gegner aus allerlei Ländern und Ligen kamen, kann natürlich nicht einfach ihre Punkteausbeute aus den Testspielen in die Bewertung einfließen. Um die Stärke der Gegner zu berücksichtigen, wurde die Durchschnittspunktzahl durch einen Koeffizienten geteilt und zur „Verschönerung“ der Zahlen mit 10 multipliziert.

Deutsche Vereine erhielten einen Punkt als Bundesligist, zwei als Zweitligist, drei als Drittligist usw. – bis hinunter in die Kreisligen. Ähnlich funktionierte es bei ausländischen Klubs. Wobei der MSK Zilina selbst als letztjähriger slowakischer Meister nicht als Erstligist durchgehen kann, weshalb er den Koeffizienten 2 erhält (ich weiß, beim kicker würde das alles sorgfältiger zugehen, Stichwort Fünfjahreswertung).

Hierbei kann zugegebenermaßen nicht nach 100%-ig objektivem Empfinden bewertet werden. Doch obwohl Arminia Bielefeld somit auf eine Stufe mit Juventus Turin rückt, bleibt dieses System unterm Strich immer noch objektiver als beispielsweise eine Skala von 0 bis 10, auf der die Vereine eingeordnet würden. Der Maximalwert von 30 könnte also erreicht werden, wenn jedes Spiel gewonnen wird und der Gegner stets einer der Kategorie 1 ist.


Teil 1: Die drei Aufsteiger und die Plätze 15-13 der letzten Saison

1. FC Köln

3:2 gegen Rapid Wien
2:2 gegen SK Austria Kärnten
1:2 gegen MSK Zilina
1:1 gegen Wuppertaler SV Borussia
0:0 gegen Fortuna Düsseldorf
4:1 gegen West Bromwich Albion
3:3 gegen Standard Lüttich
0:0 gegen Bayern München
6:0 gegen SV Siegburg 04
1:1 gegen MSV Duisburg
x:x gegen Klafeld-Geisweid

10 Sp. - 3S 6U 1N - 21:12 Tore - 15 Pkt.
Koeffizient: 2,3 - 1,5 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 6,52


1899 Hoffenheim

9:0 FV Union 08 Böckingen
0:0 SV Waldhof Mannheim
6:1 gegen VfL Kirchheim/Teck
3:1 gegen Blackburn Rovers
2:2 gegen Hansa Rostock
2:1 gegen Galatasaray Istanbul
3:0 gegen 1. FC Kaiserslautern

7 Sp. - 5S 2U 0N - 25:5 Tore - 17 Pkt.
Koeffizient: 3,29 - 2,43 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 7,38


Borussia Mönchengladbach

4:0 gegen FC Wegberg-Beeck
2:1 gegen Arminia Bielefeld
7:0 gegen BV Bad Lippspringe
2:1 gegen West Bromwich Albion
3:1 gegen SC Heerenveen
0:1 gegen TuS Koblenz
7:1 gegen 1. FC Kleve

4:2 gegen FC Valencia

8Sp. - 7S 0U 1N - 29:7 Tore - 21 Pkt.
Koeffizient: 3,00 - 2,63 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 8,77


Arminia Bielefeld

1:1 gegen Kickers Emden
10:0 gegen FC Kreuztal 08
5:0 gegen VfB Fichte Bielefeld
1:2 gegen Borussia Mönchengladbach

16:0 gegen Lipperlandauswahl
11:0 gegen SpVg Steinhagen
1:1 gegen AEK Athen
0:2 gegen Hansa Rostock
1:2 gegen RW Ahlen
0:0 gegen Twente Enschede
x:x gegen Trabzonspor

10 Sp. - 4S 3U 3N - 46:8 Tore - 15 Pkt.
Koeffizient: 4,3 - 1,5 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 3,49


Energie Cottbus

5:0 gegen Döbelner SC
11:0 gegen BSG Stahl Altenberg
0:1 gegen FC Midtjylland
0:2 gegen SC Paderborn
18:1 gegen SV Allemannia 08 Jessen
3:0 gegen FK Jablonec

0:0 gegen FC Erzgebirge Aue
2:0 gegen FC Petrolul Ploiesti

4:1 gegen MKE Ankaragücü
1:1 gegen AEK Athen
1:6 gegen FC Augsburg
2:1 gegen FC Ingolstadt
2:1 gegen Willem II Tilburg


13 Sp. - 8S 2U 3N - 49:14 Tore - 26 Pkt.
Koeffizient: 3,46 - 2,0 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 5,78


Borussia Dortmund

6:7 i.E. (0:0) gegen Rot-Weiss Essen
4:5 i.E. (0:0) gegen MSV Duisburg
2:2 gegen FC Luzern
2:2 gegen FC Basel
1:0 gegen Rot-Weiss Essen
2:1 gegen SC Paderborn
2:1 gegen Bayern München
1:3 gegen Juventus Turin
2:1 gegen Feyernoord Rotterdam
0:3 gegen Tottenham Hotspur


10 Sp. - 4S 4U 2N - 12:13 Tore - 16 Pkt.
Koeffzient: 2,00 - 1,6 Punkte pro Spiel
Bewertung der Spiele: 8,0


Teil 2: Die Plätze 12-7 der vergangenen Saison