Benfica Lissabon
Im Prinzip existiert keine wirkliche Regelung, wann eine amtierende „Mannschaft der Stunde“ über ihren Zenit hinaus wächst und es an der Zeit ist, einen neuen Träger dieses ehrwürdigen Titels zu finden. Einzige Faustregel: Bevor der aktuelle Titelträger seine Serie von x Spielen in Folge ohne Niederlage nicht beendet hat, gibt es meinerseits keine Regung.
Deshalb spricht es erst Recht für den FC Barcelona, dass er seit dem 26. Oktober, seit genau 45 Tagen, einen Platz in der Sidebar innehatte. Auszeichnungsmotiv seinerzeit: Neun Pflichtspielsiege in Folge. Letztendlich wurden daraus 20 pleitenlose Partien – 17 Siege und 3 Remis. Trotz des 2:3 gestern Abend im abschließenden Vorrundenspiel der Königsklasse gegen Donezk ist Barca weiterhin das Maß aller Dinge in Europa. Irgendwie bezeichnend, dass Pep Guardiola gleich acht Stammspieler schonen musste, um der vermaledeiten Serie endlich ein Ende zu bereiten.
Eigentlich war der Thron für Celtic Glasgow bereits bereitet. Doch die Schotten hatten anscheinend keinen Bock, zum zweiten Mal in diesem Jahr die größte Auszeichnung einzuheimsen, die man als europäische Fußballmannschaft überhaupt erringen kann. Denn nach zwölf Ligasiegen in Folge verlor Celtic letzten Sonntag erstmals wieder bei Hibernian Edinburgh und beendete damit auch eine Serie von vierzehn Erfolgen auf nationaler Ebene hintereinander. (Übrigens ist Celtic gerade spontan gegen Villareal in Führung gegangen. Ich könnte jetzt androhen, meine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Mal sehen, was dann passiert.)
Und weil Celtic nicht will, darf sich Benfica Lissabon jetzt ins Fäustchen lachen und den größten internationalen Erfolg seit Eusebio bejubeln. Denn der Verein aus der portugiesischen Hauptstadt gehört neben Inter Baku (Azerbaijan), Tre Fiori Fiorentino (San Marino), dem FC Santa Coloma (Andorra) und dem Valletta FC (Malta) zu den einzigen Erstligamannschaften Europas, die in der aktuellen Spielzeit noch ungeschlagen sind. Warum die anderen vier dann nicht auch berücksichtigt werden? Die UEFA schreibt angeblich vor, dass ausschließlich Teams zur „Mannschaft der Stunde“ gekürt werden dürfen, mit denen Michel Platini auf der PlayStation spielen kann. Man muss sich ja nicht mit jedem Verband anlegen.
Mittwoch, 10. Dezember 2008
Mannschaft der Stunde (14)
Eingestellt von
Jannik
um
21:05
0
Kommentare
Labels: Mannschaft der Stunde
Dienstag, 9. Dezember 2008
Freuverbot – extended version
Was die Bayern in Europa tun, ist wohlgetan. Fragt sich nur, für wen eigentlich außer dem Rekordmeister selbst? Deshalb ist es an der Zeit, ein zweischneidiges Schwert der Abneigung ein für allemal in den Ruhestand zu schicken.
Es gibt Leute, die erlebten am 26. Mai 1999 ein wahres Spektakel der Schadenfreude. Andere dagegen bewegten sich exakt am Gegenpol der Gefühle und machten die bittersten zwei Minuten ihres Lebens durch, als Sheringham und Solksjaer dafür sorgten, dass „Barcelona“ künftig mit „Scheitern in letzter Sekunde“ gleichgesetzt werden sollte. Zwei Jahre später jedoch, genau gesagt am 23. Mai 2001, waren die Rollen vertauscht. Wer sich über Manchesters Last-Minute-Tore in Nou Camp ein Loch in den Bauch gefreut hatte, machte beim Sieg der Bayern über Valencia im Meazza die altbekannte Lineker-Erfahrung des Vereinsfußballs: Ein Spiel dauert 90 Minuten, manchmal auch 120 und von Zeit zu Zeit geht es ins Elfmeterschießen – am Ende gewinnen immer die Bayern. Trotz allem werden nicht wenige Anhänger des Rekordmeisters Oliver Kahns drei gehaltene Elfer auf die Plätze eins bis drei der berauschendsten Momente ihres Fandaseins wählen. So ist das nun einmal mit den Bayern: Sie polarisieren wie eine Blockbatterie.
Dass jene Verrückten, die 1999 mit dem Prädikat „traumatisch“ versehen und 2001 als absolut „gigantisch“ einstufen, von Freitag bis Sonntag nicht unbedingt zu den größten Bayern-Sympathisanten zählen, ist einem gewissen Phänomen geschuldet. Denn ein paar ganz Kühne sind zu dem Schluss gekommen: Was der FCB auf internationalem Parkett tut, ist wohlgetan. Gut fürs Prestige der Bundesliga, gut für die Fünfjahreswertung, gut fürs Allgemeinwohl des deutschen Fußballs. Ganz ehrlich: Ich hab' selbst lang genug dran geglaubt – und zwar bis letzten Freitag um 22:19 Uhr.
Als Luca Toni nach unfreiwilliger Vorarbeit von Ibertsberger zum 2:1 traf und die Liste unverdienter Bayern-Siege um ein weiteres Kapitel bereicherte, war es an der Zeit für eine Erkenntnis. Warum weiterhin einer Mannschaft gegen Bukarest, Bröndby und Barcelona die Daumen drücken, wenn mich jeder einzelne Treffer gegen Hoffenheim, Hamburg und Hannover schon zur Weißglut bringt und unter Umständen noch Stunden später seine Wirkung zeigt. Vor allen Dingen, wenn Bayerns ohrdrehender Italiener sein glückliches Last-Minute-Tor mit einer seltsam-arroganten Geste feiert, die irgendwie an jemanden erinnerte, der mit einem Kärcher-Hochdruckreiniger die heimische Veranda abspritzt.
Was habe ich davon, wenn man in Estland, Portugal und Mazedonien nur Gutes über die Bundesliga erzählt, einen Champions-League-Sieger preist, der zu allem Übel auch noch Bayern München heißt, und deutsche Trikots auf dem Schwarzmarkt an der deutsch-tschechischen Grenzen reißenden Absatz finden? Der UEFA-Koeffizient kann mir ebenso schnuppe sein, solange Gladbach am Tabellenende rumdümpelt und von einem Europacupplatz so weit weg ist wie Flensburg von Garmisch. Und meinetwegen dürfen die Bayern auf ihrem Weg zum Scheitern in Europa sogar das eine oder andere Tor erzielen – solange der Schütze Klose, Schweinsteiger oder Lahm heißt (ach ja, und Podolski natürlich). Toni, Ribéry, van Bommel und Co. bekommen alle eine Zwangsjacke für die Beine, zu deren Beschaffungskosten ich sogar etwas beisteuern würde.
Also gilt für morgen: Allez Lyon! Und für die Zukunft: Forza, let’s go und venga was da sonst noch kommen mag!
Eingestellt von
Jannik
um
22:45
0
Kommentare
Labels: Bundesliga, Einwurf, Europacup
Sonntag, 7. Dezember 2008
Mission 40/16: Mit Kulleraugen in den Abgrund
Gladbach unterliegt Leverkusen mit 1:3 und begeht den zweiten Advent mit der roten Laterne in der Hand. Wie Bayer mit Gohouri und Co. Mau-Mau spielte, Bradley und Friend nur knapp einem Ligaverweis entgingen und ein SMS-Wunsch nicht erfüllt wurde.
Wer innerhalb einer Woche zwei Heimspiele mit 1:3 verliert, muss sich zwangsläufig eine entscheidende Frage stellen: Münden stets dieselben Fehler im Misserfolg, oder sind meine Versäumnisse so vielfältig und gravierend, dass sie dennoch zum gleichen Resultat führen?
Als Colautti in der 63. Sekunde nach einem Marin-Freistoß den Außenpfosten trifft, habe wohl nicht nur ich ein trauriges Déjà-Vu-Erlebnis. Gegen Cottbus tauchte Bradley gleich zu Beginn mutterseelenallein vor Tremmel auf und köpfte dem Cottbusser Keeper in die Arme. Der Traum von der frühen Führung platzte schon nach drei Minuten und Bradleys Versagen vor des Gegners Tor blieb für lange Zeit das letzte Lebenszeichen einer apokalyptisch schlecht auftretenden Borussia.
Dass die Fohlen diesen erneuten Nackenschlag zu Beginn als aufmunternden Schulterklopfer interpretieren, gehört zu den deutlichsten Unterschieden zur Niederlage vor einer Woche. Gladbach kontrolliert die ersten 25 Minuten in der Manier eines UI-Cup-Anwärters, erarbeitet sich Chancen, steht hinten vergleichsweise sicher und scheitert erst an den eigenen Nerven, dann jedoch vermehrt an René Adler. Doch ein kleiner Aussetzer genügt bereits, um die gebeutelte Gladbacher Gefühlswelt in die Realität zurückzubefördern. Gohouri befördert einen Ball an der Mittellinie nicht ins Aus, sondern an Dordas Schienbein. Prompt ist Kießling auf und davon und netzt mit der Sicherheit eines amerikanischen Botschaftsgebäudes ein zum 0:1.
Roberto Colautti, zweite Spitze neben Rob Friend, hätte seine Mannschaft nach einer guten Minute nicht nur psychologisch auf die Sonnenseite zurückführen können. Denn bei all dem Moral- und Mentalitätsgeplänkel geht die eigentliche Bedeutung eines Führungstores geradezu unter: Wer das 1:0 erzielt, der liegt erst einmal vorn. Klingt verdammt nach Phrasenschwein, hat angesichts der prekären Gladbacher Lage jedoch unermesslichen Wert. Elfmal geriet die Borussia in dieser Saison bislang mit 0:1 in Rückstand, nur gegen die Bayern holte sie anschließend – sogar nach einem 0:2 – noch einen Punkt. Oder, um es andersherum auszudrücken: Gelang Gladbach unter Luhukay, Ziege und Meyer das erste Tor, gewann man das Spiel in drei von fünf Fällen und ging nur einmal als Verlierer vom Platz.
Doch nach 25 Minuten ist zumindest diese Hoffnung dahin. In der Folge zeigt sich die Elf vom Niederrhein konsterniert und kassiert dementsprechend in der 37. Minute das 0:2, anstatt sich schnell vom überraschenden Rückschlag zu erholen. Während ein Torerfolg bei der Borussia ungefähr so kompliziert anmutet wie ein Sieg gegen einen Schachcomputer, sieht es bei Bayer vielmehr nach der Leichtigkeit von Mau-Mau auf der Rückbank eines Mietwagens im Sommerurlaub aus. Einen großen Anteil daran dürfen Levels und Gohouri für sich beanspruchen. Eine einfache Karo Sieben genügt, um das Verteidiger-Duo den Kürzeren ziehen zu lassen. Kadlec lädt Levels spontan zu einem VHS-Kurs mit dem Titel „Außenverteidigung aus dem Lehrbuch“ ein. In der Mitte lässt Gohouri seinen Gegenspieler Kießling ziehen und beobachtet mit großen Augen dessen zweiten Treffer.
Angesichts der Leichtigkeit und des geringen Aufwandes, mit dem Bayer die Borussen-Abwehr knackt, wird den 44.000 im Borussia-Park schon vor der Pause angst und bange. Manch einer will bereits einen bedrohlichen Schatten auf der Anzeigetafel sehen – 2:8 steht dort, wenn man ganz genau hinsieht. Doch während die Abstiegsmannschaft von 1999 an jenem Freitagabend den kollektiven Niedergang praktizierte, liegen die Probleme des Aufsteigers diesmal eindeutig zwischen der eigenen Torlinie und dem Mittelkreis. Dass Steve Gohouri kurz vor der Pause einmal mehr Torjägerqualitäten unter Beweis stellt, verdeutlicht diese Diskrepanz zwischen „hinten“ und „vorne“ mehr als anschaulich. Den Kopfball des Ivorers kratzt Barnetta von (hinter?) der Linie. Selbst Satellitenaufnahmen bei Google Earth liefern letztendlich keine eindeutige Erkenntnis. Im FohlenEcho-Interview hatte Allrounder Gohouri verlauten lassen, notfalls auch im Sturm auflaufen zu können – in Anbetracht des Gefahrenpotenzials vor dem eigenen und des Gegners Tor eher ein Stellengesuch als eine saloppe Bemerkung.
Zur Halbzeit sieht es also zunächst noch schlechter aus als gegen Cottbus. Das Spiel ist so gut wie gelaufen. Schadensbegrenzung oder Debakel – allein darum scheint es im zweiten Durchgang zu gehen. Wenigstens bewegen sich diesmal die Temperaturen über dem Gefrierpunkt. Auf ein Trikot habe ich trotzdem seit Ewigkeiten zum ersten Mal verzichtet. In den letzten Wochen hatte ich noch beharrlich versucht, den Gegner mit exakt demselben Trikot aus der Reserve zu locken, das die Borussia beim letzten Heimerfolg gegen die jeweilige Mannschaft trug. Was gegen Bayern einigermaßen klappte und gegen Cottbus voll in die Hose ging, wurde gegen Leverkusen schier unmöglich. Denn wer sich im Februar 1989 beim bislang letzten Heimsieg gegen die Werkself noch von Mutterkuchen ernährte, muss zwangsläufig ohne Devotionalien in den Block.
Hans Meyer fühlt sich augenscheinlich ebenso angezogen von den etwas wohligeren Temperaturen und lässt sich bereits nach knapp zehn Minuten wieder draußen blicken. Alexander Baumjohann hört Meyers eindringlichem Vortrag geduldig zu und kämpft derweil noch mit seinem Trikot, das sich vehement gegen einen Einsatz wehrt und partout nicht über den Kopf will. Damit kapituliert der Trainer bereits nach 45 Minuten und versieht seine Anfangstaktik unmissverständlich mit der weißen Fahne. Alberman muss weichen und die Mittelfeldraute der Startaufstellung wird kurzerhand zum gleichschenkligen Trapez umgeformt – mit Marin und Baumjohann als Eckpunkten der Grundseite (hoffe doch schwer, dass sich meine ehemalige Mathelehrerin innerhalb der nächsten Tage bei mir melden wird).
Überhaupt hat Meyer seine Aufstellung einmal mehr fleißig dem Rotationsprinzip unterzogen. Heimeroth vertritt den verletzten Gospodarek, dessen altersgebeutelte Muskulatur bei jedem Abschlag laut aufschreit. Voigt verzieht sich von links hinten schnurstracks auf die Tribüne und soll nun einen eigenen Lift erhalten, der vom Spielfeld direkt ans Lachs-Buffet führt. Levels wählt den umgekehrten Weg und steht trotz nachgewiesener Bundesligauntauglichkeit wieder in der Startelf. Bradley musste Startelfdebütant Jantschke weichen. Zu guter Letzt soll Colautti dem einsamen Friend im Angriff etwas Gesellschaft leisten. Doch wie gesagt – bereits nach 45 Minuten ist Meyers Startelfroulette mit fünf Änderungen wieder Makulatur.
Wie gegen Cottbus – um die Suche nach Parallelen fortzusetzen – kommt die Borussia ganz ordentlich aus der Kabine, agiert jedoch bestenfalls mit der Durchschlagskraft eines Fisher-Price-Spielzeughammers. Dementsprechend behält Leverkusen nach 54 Minuten erneut die Oberhand in der Spielzeugkiste und spielt Mau-Mau mit Gladbachs desorientierter Abwehr. Zu guter Letzt beschließt Helmes das einseitige Kartenspiel mit einem Buben und tunnelt Heimeroth zum 0:3. Kießling hatte beim Doppelpass mit dem Torschützen im Abseits gestanden. Regel ist Regel, Fehlentscheidung ist Fehlscheidung. Wer jedoch mit ansieht, wie weit die Borussia trotz eines ordentlichen Auftritts vorne (und gerade wegen einer Offenbarung hinten) von einem Punktgewinn entfernt ist, der hat nicht einmal mehr die Kraft, sich über eine solche Ungerechtigkeit zu beschweren. Per SMS wünsche ich mir zum Nikolaus eine richtig herbe Klatsche – so voll habe ich die Schnauze. Zum Glück weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht, dass meine Mannschaft gerade mit 40:6 gewinnt (wir reden wohlgemerkt von Handball) und ich eine Pleite gegen Leverkusen gegen einen epischen Kantersieg eingetauscht habe.
Doch leider ist die Borussia nun einmal wie ein verzogenes, kleines Kind, dessen blaue Kulleraugen jede noch so große Unverschämtheit übertünchen. Nach gut einer Stunde schlägt der überragende Marin einen Freistoß aus dem Halbfeld in die Mitte. Jantschke macht den Uwe Seeler und setzt mit dem Hinterkopf seinen Debütantenball fort: Letzte Woche Bundesligadebüt, diesmal Startelfdebüt und Torpremiere. Wie schon gegen Cottbus gilt jedoch auch diesmal: Es gibt schönere und weitaus malerischere Momente für solche Etappenziele in der Karriere eines Fußballers. Wenigstens lässt die unaufgeregte und mehr als ordentliche Leistung des U19-Nationalspielers hoffen, dass ein Kopfball vor aufgewühlter und enttäuschter Kulisse nicht sein letzter großer Auftritt gewesen ist. Immerhin habe ich nun schon das zweite Heimtor in Folge im Sitzen „gefeiert“.
Doch tatsächlich hat Gladbach seine Kulleraugen auch diesmal geschickt eingesetzt. Die Weltuntergangsstimmung weicht vorsichtigen, dann jedoch immer entschlosseneren „VAU-EFF-ELL!“-Rufen. Nichts mehr zu hören, von den eindringlichen „Vorstand raus!“-Forderungen kurz nach dem 0:3. Als Friend dem Anschlusstreffer wenig später so nah ist wie Görlitz der polnischen Grenze, meldet sich für Bruchteile einer Sekunde ein unverwechselbares Hier-geht-noch-was-Gefühl zu Wort. Der Kanadier jedoch dreht jeglicher aufkeimender Hoffnung im Nu den Hals um und scheitert am titanischen René Adler.
Erneut nur wenig später führt der eingewechselte Bradley die Hätte-wenn-und-aber-Theorien gnadenlos fort. Unbestätigten Angaben zufolge erreichen den DFB innerhalb der nächsten zehn Minuten gleich mehrere Petitionen, nordamerikanische Fußballer vom Spielbetrieb auszuschließen. Friend und Bradley bleiben trotzdem, die Hoffnung auf eine Wiederholung der Bayern-Wende schwindet.
Zwei vergebene Großchancen à la Frank Mill drehen der Aufholjagd einen Strick. In der Folge ist das Feuer raus aus Gladbachs Angriffsbemühungen. Die sechste Heimpleite der Saison, die dritte 1:3-Niederlage in Folge nimmt ihren Lauf. Leverkusen ist leicht verunsichert und mit zwei Pleiten im Gepäck in den Borussia-Park gekommen. Die Rückreise an den Rhein können sie dagegen mit gestärktem Selbstvertrauen antreten. Der Sozialanstalt VfL Borussia Mönchengladbach 1900 e.V. sei Dank.
Die Befürchtung, dass Gladbach zum Karnevalswochenende immer noch mit der karnevalistischen Punktzahl 11 dastehen könnte, bleibt bestehen. Hans Meyer dagegen will zum ersten Mal in seiner siebenwöchigen Amtszeit einen Hoffnungsschimmer gesehen haben. Abstreiten lässt sich das mit Sicherheit nicht. Es kommt dennoch arg auf den Standpunkt des Betrachters an. Denn für eine 1:3-Niederlage mit circa 50 beherzten Spielminuten kann man sich nicht erst seit gestern weniger kaufen als für einen 1:0-Sieg dank eines geschenkten Elfmeters.
Auch wenn sich seine Bilanz von sieben Zählern aus acht Spielen nicht gerade sehen lassen kann, glaube ich ironischerweise gerade jetzt daran, dass ein erneuter Trainerwechsel in absehbarer Zeit rein gar nichts bewirken könnte. Dass es mit Meyer entweder in den Himmel oder die Hölle gehen muss. Hopp oder top. Die anhaltende Rotation sieht auf den ersten Blick aus wie ein selbstgedrehter Strick. Dabei erscheint die muntere Wechselei in einem anderen Licht als unter der Regie von Jos Luhukay. Sie ist keine Philosophie, sondern ein verzweifelter Hilfeschrei. Die Medien wollten dieses Wochenende aus Meyers ungewohnt ernstem und akribischem Auftreten der letzten zwei, drei Wochen erste Resignationsschlüsse ziehen. Jeder, der schon zu diesem Zeitpunkt an Meyers Stuhl wackeln wollte, bekam vom Gladbacher Coach einen kräftigen Rüffel. Nicht in gewohnt sarkastischer Meyer-Manier, sondern bestimmt und aufrichtig. Der 66-jährige will durchziehen, was er begonnen hat. Auch wenn er das Ausmaß der Gladbacher Probleme anfangs fatal unterschätzt hat.
In der zweiten Hälfte standen ein 85er, 86er, zwei 87er, ein 88er, ein 89er und ein 90er auf dem Platz. Der Altersdurchschnitt lag am Ende bei 23,1 Jahren. Meyer macht aus der Not eine Jugend – weil er an seine Youngster glaubt und ihre Leistungen zu schätzen weiß. Denn die Jungen gehörten beileibe nicht zu den Schlechtesten. Patrick Paauwe zum Beispiel – 32 Jahre alt und gestern mit der Binde am Arm – bestach gestern höchstens durch Überheblichkeit und mangelnden Einsatz. Der Niederländer lief über den Platz wie Michael Johnson zu besten Zeiten die Stadionrunde absolvierte – als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Eine größere Distanz dürfte er dabei kaum zurückgelegt haben und wurde folgerichtig nach einer Stunde ausgewechselt.
Im Winter sollen, werden und müssen zwei oder drei Neue kommen. 28 Spieler liefen bisher mit der Raute auf der Brust auf. Der Kicker kommt deshalb spätestens nach der Winterpause in arge Bedrängnis: Jeden Montag listet er auf einer Doppelseite die eingesetzten Spieler aller Bundesligamannschaften auf. Schon jetzt sprengt die Borussen-Riege fast den Rahmen. Das Lieblingsergebnis dieser Saison unterstreicht derweil die Problemzonen: Schon viermal gab es ein 1:3, zuletzt dreimal in Serie. Immerhin herrscht im Angriff nicht dieselbe Ladehemmung wie in der Abstiegssaison 06/07. Ein Treffer pro Spiel ist jedoch angesichts der vielen Torchancen zu wenig. Nun könnte man von Zeit zu Zeit auch 1:0 oder 1:1 spielen. Wer hinten aber so konsequent versagt (die Torwartdiskussion steht hier nur stellvertretend), der beraubt sich jeder Chance, minimalistisch Erfolg zu haben.
Elf Punkte, Platz 18 – die Borussia ist wieder dort angekommen, wo sie stand, als Hans Meyer seine Zusage zu einer verdammt schwierigen Mission gab. Vor zwei Jahren rangierte Gladbach mit zwei Punkten zum rettenden Ufer auf Rang 15. Dieses Mal könnten die Fohlen mit demselben Abstand, jedoch mit vier Punkten weniger und der roten Laterne unterm Weihnachtsbaum überwintern. Die Schwäche der Anderen ist derzeit Gladbachs größte Stärke. Und so besteht wenigstens die Hoffnung, dass ein erneuter Abstieg nicht so früh feststehen würde wie 1999 und 2007. Kein Quantum Trost.
Eingestellt von
Jannik
um
22:46
0
Kommentare
Labels: Bundesliga, Gladbach
Der Ball ist eiförmig rund
Über amerikanische Wortkonfusionen, gescheiterte Putschversuche und seltsame Orthopäden-Ideen.
Fuß-Ball. Sieben Buchstaben und zwei Nomen, die fürs Erste alles verraten, was man wissen muss. Man braucht einen Ball, der mit den Füßen gespielt wird. Ein Ball ist in der Regel kugelförmig, wobei sich die eiförmige Variante im anglophonen Raum teils größerer Beliebtheit erfreut. Dass die USA unter Football etwas grundlegend anderes verstehen als die Leute im Mutterland des Fußballs, erscheint also gleich doppelt paradox. Handball, Basketball, Volleyball, Faustball, Korbball, Wasserball, Beachvolleyball(-handball, - fußball) - allesamt Ballsportarten, die auf -ball enden und entweder das maßgeblich gebrauchte Körperteil, den Spieluntergrund, das Ziel des Balles oder gleich mehrere Dinge beinhalten.
Nur der American Football, dessen Vorname ausschließlich außerhalb der USA gehegt wird, tanzt landestypisch aus der Reihe. Gekickt wird das Ei im Laufe von vier Quarters unterm Strich wohl nicht häufiger, als ein Fußballtorwart den "echten" Ball in 90 Minuten mit der Hand ins Spiel bringt oder er von einem Feldspieler geköpft wird. Die Sportschau könnte also genauso gut sonntagmorgens um 11 laufen und würde deswegen keinesfalls "Doppelpass" heißen.
Und weil der Fuß gewohnt entschlossen den Putschversuchen anderer Körperteile trotzt (Revoluzzer I, Revoluzzer II, Revoluzzer III), ist es heutzutage die Regel, dass ein Arm- oder Nasenbeinbruch nicht automatisch zur Krankschreibung führen muss. Während man früher noch mit Wirbelbrüchen und klaffenden Platzwunden weiterspielte, folgte eine Zeit, als Verletzungen an aus fußballerischer Sicht marginalen Körperteilen geduldig auskuriert wurden. Brechen Elle, Speiche und Nasenbein im 21. Jahrhundert, schafft ein fixer Gang zum Orthopäden Abhilfe und sorgt für venezianische Verhältnisse mit einem Hauch Frankenstein(Modell I, Modell II, Modell III).
Dass diese Verkleidung aus jenem Land kommt, das den heimischen Football mit Händen spielt und den einzig wahren mit Füßen tritt, überrascht letzten Endes nicht wirklich.
Eingestellt von
Jannik
um
18:28
0
Kommentare
Freitag, 5. Dezember 2008
Wölfe im Schalkepelz
Was West und Ost am Mittwoch verbockt hatten, konnte der Norden gestern Abend ausbügeln: Nach Schalkes und Herthas Pleiten brachten der HSV und Wolfsburg den deutschen Fußball zurück in die Spur.
Bukarest, Heerenveen, Braga, Portsmouth - die Größen des europäischen Fußballs heißen mit Sicherheit anders. Dass der VfL Wolfsburg derart souverän die Gruppenphase des UEFA-Cups meistern würde, war dennoch so nicht zu erwarten. Wie die interne Fünfjahreswertung zeigt, haben nur die Bayern die Bundesliga international bislang besser vertreten als der VfL. Magaths Wölfe wecken damit durchaus berechtigte Hoffnungen, dass der Europacup im März oder April aus deutscher Sicht nicht zur rein bayerischen Angelegenheit verkommt.
Denn obwohl die Gegner noch keine richtigen Prüfsteine waren, hat Wolfsburg vor allen Dingen vor des Gegners Tor brilliert. Zwar hatte bei den Wölfen in der 1. Hauptrunde das Prinzip "mühsam ernöhrt sich das Eichhörnchen" Vorrang (ein 1:0 und ein 1:1 gegen Rapid Bukarest). Doch spätestens jetzt suchen die Niedersachsen ihr Heil in der Flucht nach vorne - mit Erfolg. Heerenveen wurde nach 0:1-Rückstand mit 5:1 abgefertigt. Gegen Braga stand trotz zweier Rückstande am Ende ein 3:2 zu Buche. Und auch gestern gegen Portsmouth lag der VfL zwischenzeitlich mit 1:2 zurück, gewann letztendlich erneut mit 3:2. Die interne Fünfjahreswertung auf Entscheidend is auf'm Platz quittiert diesen Zwischenspurt mit einem Sprung vom sechsten auf den zweiten Rang innerhalb von acht Tagen.
Und wo ich gerade schon dabei war, Wolfsburgs Gegner klein zu reden: Schalke verlor gestern bekanntlich in Enschede - genau wie Heerenveen ein holländischer Vertreter. Letzte Woche zogen die Königsblauen gegen Manchester City den Kürzeren - die Engländer sind trotz Millionenspritzen nur 15. in der Premier League. Portsmouth belegt dagegen, und das sagt eigentlich schon alles über die Lage der Nation auf Schalke, den achten Platz. Wenigstens ist S04 auf diese Art und Weise den leidigen zweiten Platz losgeworden.
Eingestellt von
Jannik
um
20:18
0
Kommentare
Labels: Europacup
Donnerstag, 4. Dezember 2008
Zum Wörterbuch hinzufügen
Weder Microsoft Word noch Franck Ribéry kennt Hoffenheim. Dem Schreibprogramm ist mit einem einzigen Klick auf die Sprünge geholfen. Die Bayern dagegen werden 90 Minuten für ihr „blaues Wunder“ benötigen. 
Somit werde ich morgen zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen offiziell für die TSG "1899" Hoffenheim halten. Dass Ibisevic-Trikots mittlerweile auf den Wunschzetteln von Kindern am Niederrhein auftauchen, (ver)stört mich dann aber doch. Unter Umständen stößt das Christkind hier jedoch an die Grenze des Machbaren, wie ein Blick in den üppig ausgestatteten Fanshop zeigt. Womit es am Ende dann wieder die gute, alte Carrera-Bahn sein wird, die unterm Weihnachstbaum landet.
Eingestellt von
Jannik
um
21:55
1 Kommentare
Labels: Bundesliga
Mittwoch, 3. Dezember 2008
Topteam ohne Gewähr
Die Bundesliga hat in dieser Saison schon einige Duos und Trios gesehen, die das Bild an der Spitze jeweils für ein paar Wochen geprägt haben. Aktuell ist ein weiteres Dreigestirn in aller Munde, das sich aus dem FC Bayern und zwei anderen Teams zusammensetzt, die mit Verlaub als die Überraschungsmannschaften der Hinrunde bezeichnet werden können.
Über Hoffenheim sind auf dieser Erdhalbkugel in den vergangenen Monaten genügend Worte verloren worden. Den Höhenflug der Hertha dagegen nimmt alle Welt mit einer ungläubig-gleichgültigen Sprachlosigkeit hin. Ungläubig, weil die Hauptstädter vor der Saison eigentlich als Geheimfavorit auf den Abstieg galten und ihr Punktekonto nicht gerade mit herzerfrischendem Fußball auf mittlerweile 30 Zähler geschraubt haben. Nicht jeder ließ im Vorhinein Äußerungen vom Stapel wie „die sind einfach mal reif“. Doch Seltenheitswert hatten diese Antipathiebekundungen beileibe auch nicht.
Warum der Erfolg dennoch mit einer gewissen Gleichgültigkeit wahrgenommen wird? Es ist vor allem die erwähnte Ungläubigkeit, die die mangelnde Aufmerksamkeit der Medien verursacht. Konstanz über 34 Spiele war in den letzten zehn Jahren nicht gerade eine typische Hertha-Tugend. Womit sich der Erfolg der Berliner relativ leicht einkreisen lässt. Erklärbarer wird er dadurch jedoch nicht.
Neun Siege hat der Hauptstadtklub in dieser Spielzeit bisher eingefahren. Davon gewann die Hertha gleich sieben Mal mit nur einem Tor Unterschied. Ein Indiz für Nervenstärke und Punktgenauigkeit? Oder doch eher für jede Menge Glück? Bei der Interpretation dieser Bilanz bewegt man sich augenscheinlich auf einem schmalen Grat. Berlin hat die drittbeste Defensive der Liga. Neun von neunzehn Gegentoren hat man in den Spielen gegen Bayern und Bremen gefangen. Vorne dagegen bedeuten 23 Tore nur Rang acht in der Liga. Die Tordifferenz ist ebenfalls die achtbeste der Liga. Unterm Strich steht jedoch der dritte Tabellenplatz zu Buche. Berechenbar ist in Berlin diese Saison rein gar nichts.
Vielleicht ist Marko Pantelic deshalb nicht ohne Grund der Hertha-Spieler, dem die größte Aufmerksamkeit auf und neben dem Platz zuteil wird. Einerseits polarisiert er mit seinem divenhaften Verhalten und seiner fragwürdigen Einstellung - wobei sich die Massen eher am Pol der Kritiker versammeln. Andererseits lässt er in regelmäßigen (aber dennoch zu großen) Abständen seine fußballerische Klasse aufblitzen. Sowohl gegen Lissabon als auch gegen Köln erzielte er wichtige Jokertore, nachdem ihn Trainer Favre zunächst auf der Bank hatte schmoren lassen. Ambivalenz ist Herthas zweiter Vorname.
Dabei dürfte Pantelic eigentlich sportlich am wenigsten im Mittelpunkt stehen. Denn die Hertha anno 2008 lebt gerade von anti-pantelic'esken Eigenschaften: von ihrer Homogenität gepaart mit fußballerischer Vielfalt, sonderbare Charaktere als Quelle des Zusammenhalts. Jaroslav Drobny zählt zu den besten Keepern der Liga. Dazu gesellt sich die starke Innenverteidigung mit Simunic und Friedrich, die wie gesagt erst 19 Gegentore zugelassen hat. Neuzugang Cicero überzeugt bislang vollends – obwohl er dem Kicker zufolge das ganze Kalenderjahr durchgespielt hat. Kacar dreht langsam aber sich auf, Maximilian Nicu hat sich als Neuzugang aus Wehen einen Stammplatz erkämpft. Dass die beiden Top-Torjäger, Cicero und Kacar, Mittelfeldspieler sind, spricht jedoch nicht unbedingt für die Offensivstärke der Berliner. Dabei verdient das Duo Pantelic-Voronin auf dem ominösen Papier zweifellos das Prädikat „internationale Klasse“. Doch noch werden Fußballspiele leider auf Rasen entschieden.
Ihre 30 Punkte kann der Hertha niemand mehr nehmen. Fraglich bleibt, wie viele die rätselhaften Himmelstürmer noch einheimsen werden. Denn einerseits ist der Überraschungseffekt ihr Geheimrezept. Andererseits könnte er dafür sorgen, dass die Herthaner selbst nicht mehr wissen werden, was sie so stark gemacht hat, falls demnächst wieder einmal tristere Wochen anbrechen sollten. Bis dahin bleiben sie ein Topteam ohne Gewähr.
Eingestellt von
Jannik
um
21:16
1 Kommentare
Labels: Bundesliga, Einwurf
Montag, 1. Dezember 2008
Rückblickend gesehen... (Nov. 2008)
Der November auf Entscheidend is auf'm Platz!
01.11.: Leverkusen 4-mal in Folge 2:0 - "One in a million?"
01.11.: Geschichte gone wrong - Fans "Im Sog der Masse"
03.11.: Der mit den Scheinen wedelt - Hopp im Sportstudio
03.11.: Gladbach ohne Esprit - "Eigentor stinkt"
04.11.: Willenlose Werderaner - Bremen vs. Athen im Ticker
06.11.: Heile Welt in Dortmund - "was'n das für'n Scheiß?"
07.11.: Europacup in Hand der Kicker-Leser
07.11.: Nüchtern trotz Schnapszahl - Musterprofi S. Rolfes
09.11.: Gladbach bekämpft in Bielefeld sein ewiges Trauma
11.11.: Schalke trägt Trauerflor - Charly Neumann ist tot
13.11.: Erfurt, Genf, Jena - "Sweet home Ausbildungsverein"
14.11.: Die größten Wandervögel - "Das Jubeln der Anderen"
15.11.: Wandervögel, die 2. - Anelka lernt das Toreschießen
15.11.: Eine Bank verspricht alles und muss nichts halten
16.11.: Ekstase hoch 137 - Gladbach schlägt Bayern mit 2:2
17.11.: Keine Macht der "Humba" - Ernst Neger freut sich
19.11.: Von Ägypten bis Italien - "Bilanz: Negativ"
20.11.: "Zurück in die Zukunft" gegen England
22.11.: Janko mit Manko - "Der rätselhafte Bomber"
23.11.: Gladbach ohne Eier - "Impotent auf Schalke"
26.11.: "Ascheplatz 2.0" - StudiVZ Bolzplatz-Edition
27.11.: Stuttgarts "Absturz mit Ansage" - für Statistikfreaks
28.11.: Wolfsburg nimmt Fahrt auf, Schalke sackt ab
29.11.: Bobi(Ibisevi)c - Vedads halbvolle (-leere?) Vitrine
30.11.: Eine Offenbarung in epischer Länge - 1:3 vs. Cottbus
Eingestellt von
Jannik
um
20:33
0
Kommentare




